Eine Katastrophe mit Ansage

Tod eines Zugbegleiters – die Folge einer fehlgeleiteten Bahnpolitik

Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter in einem Regionalzug ist eine schreckliche Tragödie. Sollen ähnliche Vorfälle in Zukunft verhindert werden, müssen jedoch auch die tieferen Ursachen des Unglücks zur Sprache kommen.

Im eisigen Nirgendwo des Bahndschungels

Vor einiger Zeit wollte ich einmal mit einem Zug zu einem dringenden Termin reisen. Der Fahrkartenautomat war defekt, einen Ticketschalter gab es nicht, also bin ich eingestiegen und wollte im Zug nachlösen.

Dabei hatte ich allerdings die Rechnung ohne die Zugbegleiterin gemacht. Die zweifelte eher an meiner Automatenbedienungskompetenz als an der Funktionstüchtigkeit des Automaten und forderte mich auf, den Zug bei der nächsten Station zu verlassen. Die Alternative: Polizei, Anzeige, Haft, Erschießungskommando …

Also habe ich getan, was die toughe Dame von mir verlangt hat. Die Folge: ein einstündiger Aufenthalt mitten im Nirgendwo, auf einem eiskalten, zugigen Bahnsteig. Der nächste Zug kam erst in einer Stunde, und er hatte natürlich Verspätung, so dass ich meinen Anschlusszug verpasst habe und zwei Stunden später, mitten in der Nacht, an meinem Zielort angelangt bin.

Spezielle Willkommenskultur der Bahn

Ja, ich hätte die Fahrkarte vorher online lösen können. Im Zug aber wäre das nicht mehr möglich gewesen, da es sich um einen Nahverkehrszug handelte – wo die Zehnminutenfrist zum Onlinekauf nach Fahrtantritt nicht gilt.

Abgesehen davon muss man dieses ganze labyrinthische Regelwert, das sich ja zudem ständig ändert, erst einmal studiert haben, um sich darin zurechtzufinden. Wer einfach mal so in einen Zug steigen und von A nach B reisen möchte, tappt damit direkt in die Falle der Bahnbürokratie.

Gerade für ausländische Reisende ist dies eine schwere Hürde. In Frankfurt habe ich einmal erlebt, wie ein chinesisches Paar aus dem Zug geworfen werden sollte, weil es die Fahrkarte nicht ordnungsgemäß gelöst oder entwertet hatte. Nur die gesammelte Zivilcourage der anderen Fahrgäste hat damals verhindert, dass das Paar diese spezielle Form von deutscher Willkommenskultur kennenlernen musste.

Frustförderndes Missmanagement

Natürlich ist das alles kein Grund, das Zugpersonal tätlich anzugreifen oder gar – wie es jetzt in einem Regionalzug in Rheinland-Pfalz geschehen ist – tödlich zu verletzen. Eben um solchen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen, ist es jedoch unerlässlich, nach den Gründen für ein solches Verhalten zu fragen.

Wenig hilfreich ist es, wenn – wie im aktuellen Fall – auf die ausländische Herkunft des Täters hingewiesen wird. Das klingt dann so, als wären Nicht-Deutsche schlicht nicht diszipliniert genug, um sich dem kasernenhofähnlichen Kundenmanagement der Bahn zu unterwerfen. Auf diese Weise folgt man denselben fremdenfeindlichen Denk- und Verhaltensmustern, zu denen – siehe oben – dieses Kundenmanagement einlädt.

Dabei sind es genau diese Umgangsformen, die den Boden für gewalttätige Übergriffe bereiten. Rausschmiss als Strafe für Fehlverhalten – das droht ja keineswegs nur bei ausgebliebenem oder unsachgemäßem Fahrkartenkauf. In der Coronazeit sind trotz medizinischer Indikation auch Fahrgäste ohne Maske aus dem Zug geworfen worden. Immer wieder haben auch Menschen mit Rollstühlen oder anderen Bewegungshilfen Probleme bei der Mitnahme im Zug.

Hinzu kommen all die anderen Maßnahmen der Bahn, die Zugreisen zu einer Übung in gelebtem Masochismus machen: die Einsparungen beim Zugpersonal, die bei hohen Krankheitsständen immer wieder Zugausfälle zur Folge haben, die unzureichend gewarteten Züge, die zu Verspätungen und im Nirgendwo strandenden Zügen führen, die auf Kante genähte Wagenführung, alles mit der Folge überfüllter Züge, was in Kombination mit überforderten Klimaanlagen zu Atemnot führt …

Das Zugpersonal als Prellbock einer verfehlten Bahnpolitik

Für all das muss das Zugpersonal den Kopf hinhalten. Mit anderen Worten: Die Bahn verlangt von ihren Leuten, sich zum Prellbock für ihr misslungenes Management zu machen. Die tiefere Ursache für Letzteres ist wiederum eine Politik, die zwar gerne von der klimafreundlichen Bahn redet, diese aber so schlecht mit Finanzmitteln ausstattet, dass Bahnfahren in Deutschland alles andere als eine echte Alternative zum Individualverkehr ist.

In überfüllten Zügen ist das Zugpersonal schlicht auf verlorenem Posten. Gegen den Frust der Fahrgäste hilft nur noch der Rückzug ins eigene Abteil – soweit vorhanden – oder die Vortäuschung eben jenes Kotaus, zu dem das Management nicht bereit oder fähig ist.

Bei der Durchsetzung der karzeranalogen Strafen – eine Stunde Strammstehen auf zugigem Bahnhof im Nirgendwo – hat das Personal allerdings einen gewissen Spielraum. Manche finden vielleicht eine gewisse Lust daran, Otto Waalkes‘ Kontrollator-Sketch in die Realität eines Obersturmbannführers des Nahverkehrs zu übertragen. Andere lassen dagegen Gnade vor Recht ergehen, lassen es bei einer Ermahnung bewenden – und leisten so auf ihre Weise zivilen Ungehorsam gegenüber den ihnen wie den Fahrgästen gegenüber inhumanen Vorgaben des Bahnmanagements.

Entscheidend ist aber: Eine Katastrophe, wie sie jetzt eingetreten ist, hätte sich nicht ereignet, wenn Verkehrspolitik und Bahnmanagement ein kundenfreundlicheres Gesicht hätten. Weder das Zugpersonal noch die Fahrgäste tragen Schuld an den immer häufiger eskalierenden Konflikten. Es ist der von oben verordnete Mister-Gnadenlos-Geist im Umgang mit den Fahrgästen, der sie heraufbeschwört.

Ein Kommentar

  1. Das sind Aspekte, die in der Berichterstattung zum Fall keine Rolle gespielt haben: Dichtestress befördert Aggressionen, Kontrollverlust und Unsicherheit auch. Wenn man hinzu nimmt, dass psychosoziale Belastungen und auch psychische Erkrankungen zunehmen, dann kann man tatsächlich sagen, dass die Bahn durch Ihr Missmanagement die Gesundheit und das Leben ihrer Mitarbeiter gefährdet. Ein Ausweg wäre ja im Fall fehlender Fahrkarten ganz einfach: Wer sich direkt beim Zugbegleiter meldet, kann ein Ticket bei ihm nachkaufen oder man kann den Bahnsteig nur mit Ticket betreten. Dichtestress: Wenn Strecken zu bestimmten Zeiten stark frequentiert sind, fährt ein längerer Zug. Von der Betroffenheit der Bahnspitze haben die Mitarbeiter rein gar nichts. das ist sogar verlogen, da die Missstände bekannt sind. Gibt es überhaupt ein Sicherheitskonzept für die Mitarbeiter????- Aber dem Management sind die Fahrgäste offensichtlich genauso gleichgültig wie ihre Mitarbeiter. Hauptsache, die Boni stimmen!

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