Zu dem Song La mosca en tu pared der spanischen Band Vetusta Morla
In dem Song La mosca en tu pared der spanischen Band Vetusta Morla geht es um ein alptraumhaftes Insekt, das wie ein Menetekel an der Wand erscheint. Dies kann sowohl auf unbewältigte innere als auch auf ungelöste soziale Konflikte bezogen werden.
Die Fliege an deiner Wand
Was tätest du, wenn früh am Morgen ein Insekt
krabbeln würde über deine Wand?
Etwas Feingliedriges, Verwinkeltes,
das nichts erzählt und alles sieht,
das sich aus deinem Schlaf in deinen Alltag schleicht?
Was tätest du, wenn es nicht weichen würde,
nachdem dein Auge sich gelöst hat
aus der Welt der Träume?
Was tätest du, wenn du mit dem Skalpell
deines Geistes dies Mysterium sezieren könntest?
Wenn du die Irrgärten der Träume
mit wachem Blick durchstreifen könntest,
bevor das Tageslicht sie dir entzieht?
Wenn es nicht weichen würde
vor dem Schwert des Tages:
Würdest du dann nicht sehen wollen,
was ich sah?
Ich zählte bis drei, dann folgte ich
den verblichenen Spuren zu einem Altar.
Dort sah ich Yin und Yang im hitzigen Gespräch.
Am Ende haben sie sich hinterrücks erstochen.
Ein Wimmern und ein Weinen drang an mein Ohr
wie von Raubtieren, die niemand zähmt.
Mitten unter ihnen aber schliefest du
und flüstertest ganz leise in mein Ohr:
"Es war beim Aufwachen noch da,
es hat alles mitangehört!
Und niemals wird es dir verraten, wie es ist,
ein Zeuge des Fests deiner Träume zu sein."
Vetusta Morla: La mosca en tu pared Aus: La deriva (Die Drift; 2014)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 2017:
Ein Album über das Ab- und Auseinanderdriften
Der Song La mosca en tu pared findet sich auf dem 2014 erschienenen Album La deriva. Dieses ist vor dem Hintergrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise jener Jahre entstanden, die in Südeuropa auch soziale Krisen verschärft und zu politischen Verwerfungen geführt hatte. In Spanien war damals die Protestbewegung 15-M entstanden. Sie bezog sich auf den 15. Mai 2011, den Tag der von verschiedenen Gruppen initiierten Massendemonstrationen in mehreren spanischen Städten.
Bandmitglieder von Vetusta Morla haben mehrfach ihre Sympathien für die Proteste bekundet. So zeigte sich etwa Jorge González Giralda, der Keyboarder der Band, empört über das Ausmaß und die Selbstverständlichkeit, mit der „ökonomische (…) Interessen über die Notwendigkeiten des Zusammenlebens und die einzelnen Personen gestellt werden“. Anstatt dem Wohl der Gemeinschaft zu dienen, würden bestimmte Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Medien nur dafür genutzt, „persönliche Rendite zu erzielen“ [1].
Der Titel des Albums lässt sich vor diesem Hintergrund auf das Gefühl beziehen, einer Strömung ausgeliefert zu sein, die einen von dem bisher für selbstverständlich gehaltenen Pfad wegtreibt. Dies verursacht – wie Álvaro Benito Baglietto, der Bassist der Band, sinngemäß in demselben Interview ausführt – so lange Angst, wie man den eigenen Gang nicht dem neuen, veränderten Gang der Dinge anpasst und diesen zu beeinflussen versucht [2].
Eben hierin liegt jedoch, wie die Gruppe in einem anderen Interview ausführt, auch eine Chance, da man so neue, unerwartete Wege entdecken könne. In La deriva stellt sich die Band ganz bewusst dieser Situation: Alle Lieder des Albums erzählen laut Selbstauskunft der Musiker die Geschichte einer Drift, im Sinne eines Abdriftens vom einmal eingeschlagenen Weg, sei es in sozialer, politischer, persönlicher oder emotionaler Hinsicht [3].
Ein Insekt mit vielen Gesichtern
Diese Überlegungen spiegeln sich auch in dem Song La mosca en tu pared wider. So lässt sich das seltsame Insekt, das darin eines Morgens an der Wand zu sehen ist, zunächst allgemein als Bild für das Neue, Unverstandene deuten, das im eigenen Leben aufgetaucht ist.
Das Insekt erinnert dabei ein wenig an Franz Kafkas berühmte Erzählung Die Verwandlung, in welcher der Erzähler beim Erwachen feststellen muss, dass er zu einem Käfer mutiert ist. Dem darin zum Ausdruck kommenden Gefühl der Entfremdung von der eigenen Existenz entspricht in dem Song der ausdrückliche Verweis darauf, dass das Insekt auch nach dem Aufwachen an seinem Platz verharrt. Dadurch erhält es die Qualität eines wahr gewordenen Alptraums.
Schaut man sich das Insekt näher an, so sticht zunächst dessen Eigenschaft ins Auge, alles „mitanzuhören“ und alles zu „sehen“, ohne selbst etwas zu „erzählen“. Damit verweist es auf den Überwachungsstaat bzw. auf die eigentümliche Verzerrung einer Demokratie, in der die Kontrolle der Menschen die Oberhand über deren Selbstbestimmungsrecht und Entscheidungsmacht gewinnt.
Daneben könnte man das Insekt jedoch auch als Spiegel von Aspekten des eigenen Inneren deuten. Dabei erscheint es gleichzeitig als fremd und als allwissend: als fremd, weil es noch nicht bewusst erfasst worden ist, und als allwissend, weil in ihm die potenzielle Antwort auf die Fragen liegt, die einen im Alltag umtreiben.
Ein Songtext in der Sprache der Träume
Wie das eigentümliche Insekt folgen auch die übrigen Bilder in dem Song der Logik des Traums. Sie erscheinen damit zunächst rätselhaft, ergeben aber durchaus einen Sinn, wenn man sich auf diese Logik einlässt.
Dass Yin und Yang sich vor einem Altar nicht nur streiten, sondern sich sogar gegenseitig erstechen, ist etwa ein sehr starkes Bild für unversöhnliche Gegensätze. Dies lässt sich sowohl auf soziale Desintegrationsprozesse als auch auf einen inneren Zwiespalt – also gewissermaßen eine Uneinigkeit des Ichs mit sich selbst – beziehen.
Auch die ungezähmten Raubtiere können ebenso mit äußeren, gesellschaftlichen wie mit inneren Konflikten assoziiert werden. Die „Zähmung“ der Bestien würde dabei im einen Fall die Befriedung sozialer Konflikte und im anderen Fall die erfolgreiche Auseinandersetzung mit psychischen Problemen bedeuten.
Beides kann allerdings auch unmittelbar miteinander zusammenhängen. So kann gesellschaftliche Marginalisierung traumatisierend wirken, wie umgekehrt erlittene Traumata auch zu sozialer Isolierung führen können.
Der Altar innerer und äußerer Harmonie
Die Person, der das Ich am Ende begegnet, ließe sich vor diesem Hintergrund als sein „Alter Ego“ verstehen – im wörtlichen Sinn des anderen Ichs, das die Rätselsprache seines Inneren zu deuten versteht und so die Gegensätze in sich zu versöhnen vermag. Dies kann dann auch eine Voraussetzung für die Bemühung um eine Überwindung der äußeren, sozialen Antagonismen sein.
Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die in dem Song in personifizierter Form auftretenden Yin und Yang für die grundsätzliche Polarität des Seins stehen, aus der das Leben seine Dynamik schöpft. Eine fortgesetzte Entzweiung der beiden Pole hat damit auf der sozialen Ebene gesellschaftlichen Stillstand zur Folge.
Das Gegenteil wäre ein lebendiger Austausch zwischen den einzelnen Kulturen, Subkulturen, sozialen Schichten, Generationen, kurz: zwischen allen Gruppen, die in einer Gesellschaft leben. Nur auf diese Weise kann der „Altar“ der Harmonie erreicht werden, nach dem das Ich in dem Song sucht.
Über Vetusta Morla
Die Band wurde 1998 zunächst als reines Freizeitprojekt von ein paar Studierenden gegründet, die in einem Madrider Kulturzentrum zusammen Musik machen wollten. Ihr Projekt benannten sie nach der Figur der uralten („vetusta“) Schildkröte in Michael Endes Unendlicher Geschichte.
Lange Zeit blieb die Musik für die Bandmitglieder mehr oder weniger ein Hobby. Zwar feierte die Band auf lokalen Festivals durchaus Erfolge, doch fand sie kein Label für die Veröffentlichung ihrer Songs.
2006 gründeten die Bandmitglieder daraufhin ihr eigenes Label, gaben ihre Brotberufe auf und konzentrierten sich ganz auf die Musik. Gleich das erste, 2008 veröffentlichte Album brachte ihnen landesweite Anerkennung ein. Die Band ging nun auch auf größere Tourneen, die sie auch ins Ausland führten. Bis 2024 sind insgesamt sechs Studioalben erschienen.
Das in vielen Songtexten der Band zum Ausdruck kommende gesellschaftskritische Engagement schlägt sich auch immer wieder in einem Engagement für soziale Projekte nieder. So hat sie etwa den Antikriegssong ¡Alto! 2017 im Rahmen einer Veranstaltung zum 80-jährigen Jubiläum der Entstehung von Pablo Picassos berühmtem Gemälde über die Bombardierung Guernicas im Spanischen Bürgerkrieg vorgetragen.
Nachweise
[1] Jorge González Giralda in einem Interview mit Vetusta Morla: „La Deriva abre una linea más potente y directa.“ Interview von Javier Decimavilla mit Vetusta Morla. In: B-Side Magazine vom 16. April 2014.
[2] Interview von Elsie Ward mit Vetusta Morla. Edinburgh and International Festival Special Edition, 15. Oktober 2014.
[3] Álvaro Benito Bagliettoin einem Interview mit der Band (s. Anm. 1).
Bild: Christian Crowd: Nahaufnahme einer Fliege (Pixabay)