Schlagwort: Spanien

Das Recht des Stärkeren

Der Konflikt in Katalonien ist keine innerspanische Angelegenheit

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Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckt: die Unerbittlichkeit, mit der die spanische Zentralregierung jeden Gedanken an eine katalanische Eigenständigkeit zu ersticken versucht, oder die gleichgültige bis affirmative Haltung, mit der der bürgerliche Mainstream die Aktionen von spanischer Politik und Justiz begleitet.

Reicht es der spanischen Zentralgewalt denn nicht, die Katalanen durch die Aussetzung des Autonomiestatuts und die Unterstellung der katalanischen Behörden unter ihre Kontrolle zu demütigen? Muss sie auch noch die Protagonisten der Unabhängigkeitsbewegung vor Gericht stellen und ins Gefängnis bringen?

Plötzlich haben wir, mitten in der EU, in einem ihrer zentralen Staaten, politisch Verfolgte und politische Prozesse. Man würde einen Aufschrei erwarten, eine intensive Ursachenforschung, eine selbstkritische Infragestellung des demokratischen Selbstverständnisses der Mitgliedsstaaten. Stattdessen überwiegen: Zustimmung für die spanische Regierung, Häme über den Auftritt des katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont in Brüssel und Schuldzuweisungen an die Katalanen, die in die nationalistische Ecke gestellt werden. Sollen sie sich nur nicht beschweren, was müssen sie auch die Verfassung brechen? Im Übrigen: Was geht’s uns an, das Ganze ist doch eine innerspanische Angelegenheit.

Angesichts der vorherrschenden Argumentationsmuster erscheint es mir notwendig, zunächst einmal zwischen Nationalismus, Separatismus und Unabhängigkeitsbestrebungen zu differenzieren. Idealtypisch lassen sie sich folgendermaßen voneinander abgrenzen:

 

  1. Nationalismus ist eine Haltung, bei der die eigene Nation in quasi-religiöser Weise glorifiziert wird. Ein Nationalist hat eine ideale Vorstellung des eigenen Volkes, die er leidenschaftlich gegen jede „Verunreinigung“ durch fremde Elemente verteidigt. Nationalismus kann zwar auch bei Völkern ohne eigenes Staatsgebiet auftreten, ist jedoch häufiger bei staatengebundenen Völkern anzutreffen, die sich an der vermeintlichen Größe und Überlegenheit des eigenen Staates berauschen.
  2. Separatismus bezeichnet den Wunsch, einen Teil eines Staatsgebietes von diesem abzutrennen. Das Ziel ist entweder die Unabhängigkeit des Teilgebiets oder der Anschluss an ein anderes Staatengebilde. Separatismus kann, muss aber nicht mit Nationalismus einhergehen. So fußen die separatistischen Tendenzen in Norditalien auf rein monetären Erwägungen.
  3. Unabhängigkeitsbestrebungen beziehen sich auf die Bemühungen eines Volkes, sich aus dem von einem anderen Volk dominierten Staat zu lösen und selbst über die eigenen Geschicke zu bestimmen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Unabhängigkeitsbestrebungen von Völkern, deren Sprache und Kultur bereits in anderen Staaten prägend sind (wie den Kosovaren oder den Flamen), und Unabhängigkeitsbestrebungen von Völkern, die über keinerlei Eigenstaatlichkeit verfügen (wie den Kurden und den Katalanen – den Sonderfall des katalanisch geprägten Zwergstaats Andorra lasse ich dabei außer Acht, zumal die Staatsoberhäupter hier ein spanischer Bischof und der französische Staatspräsident sind).

Die Verfechter einer katalanischen Unabhängigkeit sind Separatisten – Nationalisten aber sind sie nicht. Ihr Wunsch, sich von Spanien zu lösen, beruht vielmehr gerade auf der Abneigung gegenüber dem spanischen Nationalismus, der es den Katalanen verwehrt, sich als eigene Nation zu bezeichnen. Er ist eine Reaktion auf jahrzehntelange Bevormundungen und Demütigungen durch die kastilische Hegemonialkultur, die unter Franco im Verbot der katalanischen Sprache und Kultur gipfelten und erst vor Kurzem – im höchstrichterlichen Zurechtstutzen des von katalanischer Bevölkerung und spanischem Parlament mit großer Mehrheit beschlossenen erweiterten Autonomiestatuts – wieder aufgelebt sind.

Mit ihrer aggressiven, sich jedem Dialog und Kompromiss verweigernden Haltung nährt die spanische Zentralregierung die katalanischen Ängste und Vorbehalte und rührt an das Trauma der gewaltsamen Unterwerfung der Volksfront unter Franco. Diese hieß in Katalonien „Linksfront“ – und noch heute gehört die Linkspartei CUP (Candidatura d’Unitat Popular) zu den entschiedensten Befürwortern einer katalanischen Unabhängigkeit. Es geht hier also eher um Internationalismus als um Nationalismus, das Ziel ist eine weltoffene Republik statt einer noch immer vom franquistischen Erbe eingetrübten Monarchie.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht zielführend, auf den verfassungswidrigen Charakter des katalanischen Referendums hinzuweisen. Mit dieser legalistischen Argumentation hätte sich niemals in der Geschichte ein Volk aus einem Staat lösen können. Am Kern des Problems führt es auch vorbei, wenn man das Recht der Unabhängigkeitsbefürworter bestreitet, mit einer Mehrheit von knapp über 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Ziele umzusetzen. Nach der jahrhundertelangen Zurückdrängung des Katalanischen und der Ansiedlung von Nicht-Katalanen in der Region ist diese Zustimmungsrate in Wahrheit erstaunlich hoch.

Glaubt man etwa, die baltischen Staaten hätten 1990/1991 die Unabhängigkeit erlangt, wenn die Referenden mit der sowjetischen Zentralregierung abgestimmt und im gesamten Staatsgebiet der damaligen Sowjetunion abgehalten worden wären? Warum hat man seinerzeit die fraglos nicht verfassungskonformen Unabhängigkeitserklärungen dennoch akzeptiert? Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen?

Gut, die Zeitenwende im ehemaligen Ostblock war eine besondere Situation. Dennoch bleibt der Eindruck, dass einigen Völkern selbstverständlich zugestanden wird, was anderen mit ebenso großer Selbstverständlichkeit verwehrt wird. Ich frage mich, wie wir in Deutschland reagieren würden, wenn man unsere Kultur auf ein bisschen Brüder-Grimm-Romantik und Goethe-Selbstgefälligkeit reduzieren, ansonsten aber sogar die Pflege unserer Sprache unter den Vorbehalt stellen würde, dass wir die Hegemonie einer anderen Nation, als deren Teil wir uns zu verstehen hätten, vorbehaltlos anerkennen. Wenn man sich die deutsche Geschichte anschaut, ist kaum zu erwarten, dass wir entsprechende Machtdemonstrationen der Hegemonialkultur so friedfertig hinnehmen würden, wie das jetzt in Katalonien der Fall ist.

Der eingeforderte Respekt vor der verfassungsmäßigen Ordnung bedeutet demnach, dass an dem Status der Sieger im großen Hauen und Stechen der europäischen Geschichte nicht gerüttelt werden darf. Wer sich damals andere Völker unterworfen hat, soll diese Beute behalten dürfen. Wer dagegen die Anerkennung als Nation und die Verwirklichung der eigenen Identität in einem entsprechenden Staatswesen einfordert, wird als Ewiggestriger verspottet, der die Entwicklung hin zu transnationalen Strukturen verschlafen hat. Dabei folgt allerdings die Verteidigung der alten nationalstaatlichen Strukturen derselben nationalistischen Logik, die man den zwangsweise dem eigenen Nationalstaat einverleibten Völkern vorwirft.

Damit lässt sich aber auch nicht sagen, dass es sich bei dem Konflikt um Katalonien um eine rein innerspanische Angelegenheit handelt. Er wirft vielmehr auch ein recht düsteres Licht auf die Verfasstheit der Europäischen Union.

Immerhin soll die Europäische Union der Idee nach ja eine Weiterentwicklung der einstigen Europäischen Gemeinschaft sein. Eine Staatengemeinschaft aber folgt im Kern denselben Gesetzen wie eine Gemeinschaft einzelner Menschen. Echte Gemeinschaft entsteht nur dort, wo sie sich organisch aus dem Dialog und Austausch sich frei entfaltender Individuen entwickelt. Geht man den umgekehrten Weg und setzt eine abstrakte Norm, an die sich die Individuen anzupassen haben, so wird aus Gemeinschaft Totalitarismus.

Eine solche abstrakte Norm aber ist der Nationalstaatsgedanke. Er ist nicht nur ein Konzept der Vergangenheit, sondern auch in sich unstimmig, da er auf dem Gedanken der Hegemonialkultur basiert, also in einem heterogenen Staatswesen jenen Völkern die nationale Führungsrolle zuschlägt, die sich andere Völker unterworfen haben.

Vor allem aber entspricht der Nationalstaatsgedanke nicht mehr der Vision eines modernen Europas. Dieses lässt sich nicht auf den Staatsformen von vorgestern aufbauen. Wenn irgendwann die Vision der Vereinigten Staaten von Europa Wirklichkeit werden soll, müssen aus den Nationalstaaten wieder Regionen werden, die sich frei miteinander assoziieren. Ein freies Europa verdient diesen Namen nur dann, wenn darin auch die Verlierer auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit – die Katalanen, die Basken, die Bretonen, die Schotten … – ihre Kultur frei ausleben und auf dieser Basis den Austausch mit anderen Völkern pflegen können. Ansonsten verteidigen wir schlicht und ergreifend das Recht des Stärkeren.

 

No pasarán!

Die Freiheit der Katalanen ist auch unsere Freiheit

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Als die Griechen sich in den 1820er Jahren gegen die osmanischen Herrscher erhoben, waren ihnen die Sympathien aller freiheitsliebenden Europäer gewiss. Dass der Unabhängigkeitskampf letztlich von Erfolg gekrönt war, hing zwar auch mit der Unterstützung anderer europäischer Großmächte zusammen, die sich von einer Schwächung des Osmanischen Reiches strategische Vorteile versprachen. Dennoch wirkte das glückliche Ende des Befreiungskampfes wie ein Fanal, das auch in anderen Ländern nationale Erhebungen befeuerte. Auch die Freiheitsbestrebungen des deutschen Vormärz waren hiervon beeinflusst. Mittelbar war der griechische Unabhängigkeitskampf damit auch ein Katalysator für das Frankfurter Paulskirchenparlament, die Wiege der deutschen Demokratie.

Individuelle Freiheitsrechte und das Recht auf nationale Selbstbestimmung – im 19. Jahrhundert waren sie untrennbar miteinander verbunden. Dies folgt auch einer inneren Logik. Denn was nützt einem die schönste Meinungsfreiheit, wenn man seine Meinung nicht in der eigenen Sprache äußern darf? Wozu dient das Recht auf Bildung, wenn die eigene Kultur und Geschichte davon ausgeschlossen sind? Was hat man von unternehmerischer Freiheit, wenn man damit einen Staat unterstützt, der das eigene Volk unterdrückt?

Vor diesem Hintergrund muss es nachdenklich stimmen, dass nationale Unabhängigkeitsbestrebungen schon seit geraumer Zeit weltweit verunglimpft und regelmäßig in die Nähe terroristischer Aktivitäten gerückt werden. Das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak? Gefährlich – die Kurden werden einstweilen noch als Kanonenfutter für den Krieg gegen den IS benötigt. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten? Egoistisch – die Briten haben schon genug Scherereien mit dem Brexit. Das Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen? Verfassungswidrig – die Katalanen sollen sich mit ihren Autonomierechten begnügen.

Wer so argumentiert, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit auf einer Linie liegt mit der Minderheitenpolitik der meisten großen Hegemonialmächte der Geschichte. Diese hatten und haben nicht nur ein ökonomisches Interesse an der Unterdrückung nationaler Minderheiten. Vielmehr haben sie auch stets ein Gespür für den Zusammenhang zwischen dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung und dem Ruf nach individuellen Freiheitsrechten – und halten die nationalen Minderheiten folglich auch aus Angst vor einer Ausbreitung des Freiheitsvirus klein.

Die Art und Weise des Umgangs mit den Minderheiten folgt dabei wiederkehrenden Mustern. So wird die Verweigerung kultureller Autonomie oft von der schlichten Leugnung der Existenz der nationalen Minderheit begleitet. Wie etwa die von Russland und Preußen im Zuge der polnischen Teilungen besetzten Gebiete als „Weichselland“ bzw. „Pommerellen“ fungierten und so der Gedanke an die dort lebenden Polen unterdrückt werden sollte, bezeichnete man in der Türkei die Kurden lange Zeit als „Bergtürken“. Und in Spanien gilt „Katalanisch“ zwar als „Nationalität“ – als eigenständige „Nation“ dürfen sich die Katalanen gemäß der spanischen Verfassung aber ausdrücklich nicht bezeichnen.

Flankiert wird diese Leugnung des Andersartigen in der Regel von gezielten Ansiedlungsprogrammen, durch die Angehörige des staatstragenden Volkes in den entsprechenden Gebieten die Oberhand gewinnen sollen. Dies war im Falle der Germanisierungs- bzw. Russifizierungspolitik im geteilten Polen nicht anders als heute in Tibet, wo die Zuwanderung von Han-Chinesen massiv gefördert wird.

Oft ist zu hören, dass in einer global und kontinental immer stärker zusammenwachsenden Welt Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Volksgruppen einen Anachronismus darstellen. Dabei ist das eine vielleicht gerade eine Folge des anderen. Je größer die transnationalen Verbünde sind, desto mehr wächst gerade bei kleineren Nationen und entlegenen Regionen die Sorge, dass ihre Interessen und kulturellen Besonderheiten darin nicht angemessen zur Geltung gebracht werden können. Dies gilt gerade dann, wenn es sich um Nationen handelt, die Teil eines anderen Staates sind und bei der Vertretung ihrer Interessen auf dessen Vermittlung angewiesen sind.

Im Falle Kataloniens gibt es seit dem Ende der Franco-Diktatur zwar ein Autonomiestatut, das den Katalanen weitreichende Selbstbestimmungsrechte einräumt. Man kann daher gewiss nicht sagen, dass die katalanische Sprache und Kultur unterdrückt sind. Ob man der Meinung ist, dass das eigene Volk sich als Teil eines Staates, der von einer anderen Nation dominiert wird, hinreichend entfalten kann, hängt jedoch noch von anderen Faktoren ab. So fühlen sich die Katalanen als Nettozahler durch ein Finanzsystem belastet, in dem sie das Zehnfache dessen an den Zentralstaat abzuführen haben, was ein vergleichbares deutsches Bundesland an den Bund überweisen muss.

Vor allem aber hat ein Großteil der Katalanen durch die Art und Weise, wie 2010 das erweiterte Autonomiestatut vom spanischen Verfassungsgericht zusammengestrichen worden ist, das Vertrauen in den spanischen Staat verloren – denn das Autonomiestatut war vier Jahre zuvor bereits vom spanischen Parlament ratifiziert, vom König unterzeichnet und von den Katalanen in einem Referendum mit großer Mehrheit angenommen worden. Erst der Einspruch der Volkspartei, des Partido Popular, vor dem Verfassungsgericht hat diesen historischen Kompromiss zwischen Zentralstaat und katalanischer Autonomiebewegung zu Fall gebracht.

Eben diese Volkspartei ist nun als Regierungspartei auch für das aggressive Vorgehen gegen das katalanische Unabhängigkeitsreferendum verantwortlich. Sie weckt damit in der katalanischen Bevölkerung Erinnerungen an die Zeit der Franco-Diktatur, die sich in Katalonien erst nach blutigen Kämpfen gegen die Volksfront sowie ihren anarchistischen Zweig in Barcelona durchgesetzt hat. Zwar war das 1932 beschlossene Autonomiestatut bereits 1934 – schon damals infolge katalanischer Unabhängigkeitsbestrebungen – außer Kraft gesetzt worden. Aber erst unter Franco kam es zu einer systematischen Unterdrückung der katalanischen Sprache und Kultur. Auch dies erklärt die rasche Eskalation der Auseinandersetzung: Sie hat Wunden aufgerissen, die aufgrund der zögerlichen Aufarbeitung der Franco Diktatur noch kaum verheilen konnten.

In einer derart verfahrenen Situation könnte die Europäische Union endlich einmal die Vorschusslorbeeren, die ihr durch die Verleihung des Friedensnobelpreises eingeräumt worden sind, rechtfertigen. Es könnte so einfach sein: Katalonien wird unabhängig, bleibt aber als Teil der EU unverändert in den europäischen Wirtschafts- und Kulturraum eingebunden und verliert dadurch auch nicht die Anbindung an den spanischen Staat, mit dem es personell, ökonomisch und kulturell eng verflochten ist. Spanien wird für den Verlust der Transferzahlungen aus Katalonien durch zusätzliche Mittel aus Brüssel entschädigt.

Aber was tut die Europäische Kommission? Sie schweigt! Allenfalls lässt sie durchblicken, dass Katalonien sich im Falle einer Unabhängigkeit erst erneut um eine Mitgliedschaft in der EU bewerben müsste – die dann, angesichts des Einstimmigkeitsprinzips und der zu erwartenden spanischen Blockadehaltung, wohl eine rein theoretische Option wäre. De facto unterstützt die EU damit den Status quo. Da nun aber das nationale Selbstbestimmungsrecht und individuelle Freiheitsrechte eng miteinander verbunden sind, büßt sie auf diese Weise allgemein ihre Glaubwürdigkeit ein, die auf ihrem Selbstverständnis als menschenrechtsbasierter Wertegemeinschaft beruht.

Von ihren Strukturen her böte die EU sehr wohl die Voraussetzungen für ein Europa der Regionen, in dem kulturelle Vielfalt und politischer Zusammenschluss in einem wegweisenden Friedensprojekt zusammenfinden. Sie könnte ein Vorbild für die Verständigung zwischen den Völkern sein, indem sie durch einen Abbau bürokratischer und ökonomischer Hürden die nötigen Freiräume für die Entfaltung kultureller Autonomie in den Regionen schaffen würde. Stattdessen unterstützt sie aber sowohl direkt – durch die Regulierungswut der Europäischen Kommission – als auch indirekt – durch die Subventionierung von Ländern wie Polen und Ungarn, die gerade in autoritäre Regime transformiert werden – Fremdbestimmung und hierarchische, unterdrückerische Strukturen.

Wo die Europäische Union dem Abbau von Konflikten dienen könnte, heizt sie diese demnach noch zusätzlich an. Die Erneuerung der EU, von der derzeit so viel die Rede ist, dürfte daher nicht in erster Linie auf einer Stärkung transnationaler Strukturen beruhen. Vielmehr müsste der Akzent zunächst auf dem Aufbau von Vermittlungsinstanzen liegen, durch welche die europäischen Regionen direkter an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt werden könnten. Ein Konflikt wie der um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum könnte dann bereits im Vorfeld entschärft werden.

Bild: General Franco bei der Siegesparade nach der Einnahme Barcelonas am 26. Januar 1939

 

Musikalische Sommerreise 2017

Vollständige Fassung als pdf-Dokument

Hier noch mal die gesamte musikalische Sommerreise 2017 zum Nachhören und Nachlesen. Am kommenden Sonntag folgt dann Teil I meiner Reise zu den französischen Chansonsängerinnen (Thema: L’amour des femmes‘).

PDF: Musikalische Sommerreise 2017

 

Bilder: 1. Pietro Dàmbrosio: Castellanata (Apulien) über der Gravina Grande (‚großen Schlucht‘).  2. Snapshot aus dem Video Černej pasažér 3. Dersim. Foto einer Exkursion der San Francisco State University. 4. Novi Sad bei Regen.Quelle: http://sickstyle.tumblr.com/post/27278972787 5. Bank am Strand. Fotolia. 6. Pjotr Nalitch und Band

 

Musikalische Sommerreise 2017: Teil 5

Achte bis zehnte Etappe: Spanien Italien und Griechenland

Sunset beach and bench

Eine musikalische Sommerreise, noch dazu im Sommer, ohne einen Abstecher ans Mittelmeer? – Unvorstellbar! Also habe ich mich als blinder Passagier in ein Road Movie der 1997 gegründeten katalanischen Band Sidonie eingeschmuggelt und mich so an jene „azurblaue Küste“ fahren lassen, die man im Spanischen „Costa Azul“ und im Französischen „Côte d’Azur“ nennt.

Während einer Pannenpause haben die Bandmitglieder (Marc Ros, Jesús Senra und Axel Pi) mir ihr Lied über die Costa Azul vorgesungen – und ich muss schon sagen: Dafür, wie cool die Jungs sich geben, war der Text ganz schön poetisch! Aber gut, man kennt das ja: harte Schale, weicher Kern …

Von Spanien aus bin ich dann weitergereist nach „Bella Napoli“, wo ich den 1955 geborenen Saxofonisten und „Cantautore“ Enzo Avitabile getroffen habe. Mit seinen zerzausten Haaren, seiner kuttenartigen Kleidung und dem Kreuz, das er als Ohrring trägt, hat er auf mich wie eine Mischung aus Mönch und Hippie gewirkt. Und ein bisschen ist er das wohl auch – jedenfalls, wenn man von der Botschaft, die von seiner Musik ausgeht, auf seinen Charakter schließen darf. „Love and peace“, das ist ganz klar die zentrale Message.

Das Entscheidende bei Enzo Avitabile, der als Jazz- und Soul-Musiker mit bedeutenden Black-Music-Vertretern wie James Brown und Richie Havens zusammengearbeitet hat, aber auch immer wieder folkloristische Elemente seiner neapolitanischen Heimat aufgreift, sind allerdings nicht die Texte. Im Vordergrund steht vielmehr die Musik selbst. Ich denke dabei vor allem an das Projekt, bei dem er Musiker aus verschiedenen Teilen der Welt in eine neapolitanische Barockkirche eingeladen hat, um dort mit ihnen in einer Art Jam Session zusammenzuwirken. Das von Jonathan Demme in dem Film Music Life (2012) dokumentierte Projekt ist in Teilen im Internet abrufbar.

Was mich an den einzelnen Darbietungen am meisten beeindruckt hat, ist die unmittelbare Erfahrung der völkerverbindenden Kraft der Musik, die sie ermöglichen. Die internationale Sprache der Musik bringt, so scheint mir, ein wenig von der Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit zurück, mit denen Kinder aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander zugehen und sich spielerisch miteinander verständigen. So fällt es zunächst auch gar nicht auf, dass Enzo Avitabile durchgehend in seinem neapolitanischen Dialekt singt, der wohl auch in Italien für Nicht-Neapolitaner nicht ohne weiteres verständlich ist.

Vielleicht, so habe ich mir beim Betrachten und Anhören der einzelnen Sessions gedacht, sollten Lothar de Maizière und die anderen deutschen Gefährder auch erst einmal mit den Flüchtlingen singen, die bei uns Hilfe suchen, anstatt sie immer gleich wegzusperren. Ich habe nämlich den Eindruck, dass man Menschen aus anderen Kulturen ganz anders wahrnimmt, wenn man sie über ihren Gesang kennenlernt. Anstatt sie als lästige Bettler zu sehen, die von den für sie verbotenen Früchten des Wohlstands naschen wollen, treten sie einem dann in der Würde ihrer je eigenen Kultur gegenüber, die sich in der Musik unmittelbar ausspricht.

Zum Abschluss meiner diesjährigen musikalischen Sommerreise habe ich mich nach Griechenland übersetzen lassen. Das Lied Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (‚Ich bin kein Dichter‘) des 1948 in Thessaloniki geborenen und leider schon 2011 verstorbenen Nikos Papazoglou, das ich dort entdeckt habe, ist musikalisch so ziemlich das Gegenteil der interkulturellen Songs von Enzo Avitabile. An die Stelle des die ganze Welt umarmenden World-Music-Enthusiasmus tritt hier eine resignative Melancholie. Ich denke allerdings, dass das ganz gut zum Ende einer Reise passt, zu der leichten Traurigkeit, die einen befällt, wenn all die schönen Abenteuer und Utopien eines anderen Lebens wieder im grauen Einerlei des Alltags versinken.

Hinzu kommt, dass ich eine Reise ans Mittelmeer für verlogen, ja fast schon für obszön halten würde, wenn es dabei nur ums Partymachen ginge. Mittelmeer und Adria stehen eben nicht nur für sorglosen Strandurlaub, azurblauen Himmel, ebenso schmackhafte wie bekömmliche Gerichte und Menschen, die nicht mit einem sprechen, als hätten sie einen ganzen Paragraphenwald verschluckt. Heute assoziiert man sie vielmehr auch mit dem Ertrinken tausender Menschen, die in Europa Schutz suchen, mit den Kriegen in den nordafrikanischen Anrainerstaaten sowie mit der ökonomischen Krise und der Perspektivlosigkeit unzähliger junger Menschen in den Ländern Südeuropas.

Gerade in Griechenland, dessen Bevölkerung nun schon seit Jahren für das Versagen einer korrupten Elite abgestraft wird, steht das sorglose Urlaubsglück der Touristen in krassem Gegensatz zu dem Kahlschlag im Sozialbereich und den immer neuen Gehalts- und Rentenkürzungen, unter denen weite Teile der Bevölkerung leiden. Dabei scheint die nicht nur sinnlose, sondern für eine Erholung der griechischen Wirtschaft sogar kontraproduktive Politik der Austeritätsdschihadisten um Wolfgang Schäuble längst zum Selbstzweck geworden zu sein.

Erklären lässt sich das wohl nur noch unter Zuhilfenahme tiefenpsychologischer Theorien. Wäre ich Sigmund Freud, würde ich sagen: Die fanatische Sparpolitik ist das Spiegelbild einer Charakterstruktur, bei der die Betreffenden auf der Stufe der analen Befriedigung stehen geblieben sind und Lust aus dem zwanghaften Zurückhalten bzw. Sich-Versagen jeder Form von spontaner Lebensfreude ziehen. Folglich richtet sich ihr Hass auf all jene, die ein unkomplizierteres Verhältnis zum „verschwenderischen“ Genießen des Lebens haben. Und tatsächlich haben die Ritter der Schwarzen Null in diesem Sinne ja auch ganze Arbeit geleistet, indem sie aus den lebensfrohen Griechen ein Volk von Selbstmordkandidaten gemacht haben.

Der Song von Nikos Papazoglou scheint mir hierzu nicht nur durch seine melancholische Grundstimmung zu passen. Auch das Gedicht von Lazaros Andreou, dessen Vertonung das Lied darstellt, lässt sich mit dem traurigen Alltag, den viele Menschen in Griechenland derzeit durchleben müssen, in Verbindung bringen. Schließlich beschwören die Verse die Situation eines Menschen, der sich überall ausgestoßen fühlt, der obdach- bzw. heimatlos ist, überall gegen Mauern rennt und sich wie Judas als Verfemter fühlt, als Paria, für den es nirgends auf der Welt einen Platz gibt.

Auf einer allgemeineren Ebene lässt sich das Gedicht sicher auch als Beschreibung der conditio humana deuten, als Bild für den aus dem Paradies vertriebenen Menschen, der sein „unbehaustes“ Dasein als Strafe erlebt. In Griechenland werden die Verse darüber hinaus vielleicht Assoziationen an die Zeit der Militärdiktatur wecken und an das „Verfemtsein“ der Opposition in jenen Jahren denken lassen. Aus heutiger Perspektive erinnert das Gedicht aber eben auch an den Paria-Status, der Griechenland von der EU, den großen Ratingagenturen und den internationalen Geldgeber-Institutionen zugewiesen worden ist. Und natürlich könnte man es auch auf die Situation der Flüchtlinge beziehen, für die das Leben ein einziges Gefängnis ist, die als Vertriebene, Ausgestoßene, Ausgegrenzte durch die Welt irren müssen und nirgends ein Zuhause finden.

8.Etappe: Spanien

Sidonie: Costa Azul aus: Costa Azul (2007)

Liedtext

Übersetzung:

Costa Azul (Côte d’Azur)

Deine Knochen sind
ein Felsen aus Kristall
in einem Meer
aus vollkommenem Fleisch.
Meine Augen schütten
flüssiges Gold in das Meer
und umkränzen dein Haupt
mit einer Krone aus Korallen.

Als der Wind umgeschlagen ist,
haben die Gezeiten mich mit sich fortgetragen,
und ich trieb dahin
in der blauen Umarmung des Meeres.
Ich dachte, dass deine [seine] Arme
[nur] das Salz meiner Nation wären.
[Sie trugen mich aber weiter bis in] das schöne Amerika
und nach Japan, wo ich kenterte.

An der Costa Azul –
ein Foto von uns im Gegenlicht,
ein Kuss für die Ewigkeit,
unsere Körper, die zu siamesischen Zwillingen verschmolzen sind.

Auch wenn mein Mund
aus einem zerbrochenen Glas
den Schatten des Herbstes getrunken hat
und den endgültigen Abschied,
werde ich doch alle Meere
in einen Krug schütten
und unseren Sommer
in meinem Wohnzimmer aufbewahren.

An der Costa Azul …

9. Etappe: Italien

Enzo Avitabile mit der Band I Bottari und dem mauretanischen Sänger Daby Touré: Mane e mane aus: Black Tarantella (2012); Ursprungsfassung von Enzo Avitabile und Mory Kanté (aus: O-Issa, 1999)

Live-Aufnahme aus dem Film Music Life (2012) von Jonathan Demme (mit eingeblendetem italienischen Text):

Liedtext

Freie Übertragung*:

Hand in Hand

Ein Stern wacht über die Welt.
Fallend verliert er sich darin,
und das Meer erhebt sich
als Sturm in der Nacht.
Das Wasser durchnässt die Kleider
und lässt die Kanonen rosten.
Schnee fällt in der Wüste,
Sand aus dem Vesuv.

Hand in Hand
schreiten wir durch die kalte Welt.
Der Wind kommt,
der Wind geht.
Hand in Hand
schreiten wir unter einem Zulu-Himmel.**
Der Wind weht für immer
oder niemals mehr.

Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen sich die Hand reichen,
um sich zu versöhnen.
Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen fähig sind,
sich zu versöhnen,
um gemeinsam auf der Straße des Friedens zu gehen.

Wer das Dunkel nicht kennt,
kann das Licht nicht verstehen.
Kein Mensch kennt den anderen,
jeder ist allein.

Ein Stern wacht über die Erde
und wandelt durch die Welt.
Silberblättrige Münzen***
verfangen sich in seinem Netz.
Das Wasser umspült die Schiffe,
es lässt die Ketten rosten
und die zugebundenen Koffer,****
die noch nach den Ängsten der Vergangenheit riechen.

Männer und Frauen, alle haben Hunger.
Der Krieg ist schuld,
er hat sie in die Armut getrieben.
Mein Volk ist krank und leidet,
weil es vertrieben worden ist.
Lasst uns innehalten und ihn beenden,
diesen zerstörerischen Krieg.

Hand in Hand …

Die Menschen wissen,
dass sie zusammenleben können,
Hand in Hand.

*   Kursiv gedruckte Passagen von Daby Touré gesungen.

**  Der Name des in Südafrika lebenden Bantu-Volks der Zulu leitet sich von „izulu“ (Himmel) ab. „Zulu-Himmel“ ist demnach eine Tautologie, die betont, dass alle Menschen unter dem gleichen Himmel leben und ihn nur jeweils anders bezeichnen.

***Das Silberblatt (ital. „erba d’argento“) gehört zu den Kreuzblütengewächsen. Wegen der durchsichtigen, runden Kapseln, in denen sich die Samen befinden, werden die Pflanzen in Italien auch als „Medaglioni del Papa“ (Papstmedaillons), „Moneta del Papa“ bzw. „Moneta Pontificia“ (Papstgeld/-münzen) bezeichnet. Aus dem gleichen Grund assoziiert man sie in Deutschland mit dem „Judaspfennig“ bzw. „-silberling“.

**** Das Original („le valige con lo spago“) ist hier doppeldeutig, da „spago“ sowohl „Bindfaden“ bedeuten kann als auch eine scherzhafte Bezeichnung für „Angst“ ist.

 

 10. Etappe Griechenland

Nikos Papazoglou: Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (Text: Lazaros Andreou) aus: Otan kidinevis paíkse tin puruda (1995)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung:

Ich bin kein Dichter

Ich bin kein Dichter, ich bin ein Vers,
ein Vers im Vorübergehen,
auf eine Gefängnismauer geschrieben,
in eine Parkbank geritzt.

Die Verrückten singen mich und die Heimatlosen.
Ich bin der Vers der Verfluchten,
deren Seelen auf ferne Planeten verbannt worden sind.

Ich bin kein Dichter,
ich bin seine Klage.
Ich bin das letzte Abendmahl.
Judas, mein Bruder,
beugt sich weinend über mich.

 

Bild: Sonnenuntergang am Meer mit Bank. Quelle Fotolia