Eine Hymne auf den Nonkonformismus

Zu Georges Brassens‘ Chanson La mauvaise herbe (Unkraut)

Das Chanson La mauvaise herbe (Unkraut) von Georges Brassens ist eine Hymne auf den Nonkonformismus. Es beruht auf Brassens‘ Einsicht in die Gefahren, die aus einer unreflektierten Befolgung vermeintlich unhinterfragbarer Normen resultieren können.

Unkraut

Am Tag des Ruhmes waren alle
auf dem Feld der Ehre krepiert.
Nur ich allein erlebte die Schande,
nicht zu den toten Helden zu zählen.

Ja, ihr braven Leute, ich bin Unkraut!
Ich bin nicht gemacht fürs Wiederkäuen,
ich füge mich in keinen Strauß
und eigne mich für keine Garbe.

Und deshalb mäht der Tod die andern nieder
und macht einen Bogen um mich.
Ja, der Tod kennt keine Moral,
so ist der Tod, so ist das Leben.

Was stört ihr euch an meinem bisschen Leben?
Was stört ihr euch an meinem bisschen Liebe?
Ist's, weil das Mädchen, das ihr kaufen müsst,
mir das Herz schenkt, das sie euch verschließt?

Ja, ihr braven Leute, ich bin Unkraut!
Ich bin nicht gemacht fürs Wiederkäuen,
ich füge mich in keinen Strauß
und eigne mich für keine Garbe.

Und deshalb müsst ihr ihren Körper kaufen,
mir aber schenkt sie ihre Liebe.
Ja, die Liebe kennt keine Moral,
so ist die Liebe, so ist das Leben.

Was stört ihr euch an meinem bisschen Leben?
Was stört ihr euch an meinem bisschen Liebe?
Ist's, weil ich nicht wie Schafe in der Herde lebe
und nicht den geraden Wegen folge?

Ja, ihr braven Leute, ich bin Unkraut!
Ich bin nicht gemacht fürs Wiederkäuen,
ich füge mich in keinen Strauß
und eigne mich für keine Garbe.

Und deshalb wachse ich allein
und frei in abgeleg'nen Gärten.
Ja, die Freiheit kennt keine Moral,
so ist die Freiheit, so ist das Leben.

Georges Brassens: La mauvaise herbe Aus: Le gorille (Der Gorilla; 1952)

Live-Aufnahme:

Albumfassung

Ein schüchterner Rebell

Der 1921 als Sohn eines französischen Vaters und einer aus Neapel stammenden Mutter in einer kleinen Gemeinde bei Montpellier geborene Georges Brassens wollte eigentlich Dichter werden. Selbst als er seine Gedichte vertonte, bot er die Lieder zunächst anderen an. Erst die Ermunterung durch die Sängerin und Schauspielerin Patachou, die am Pariser Montmartre mit ihrem Mann ein Cabaret betrieb, bewegte ihn dazu, seine Chansons selbst vorzutragen.

Allerdings hat sich Brassens auf der Bühne nie recht wohlgefühlt. Anfangs litt er an Lampenfieber, später behinderte ihn seine Nierenkrankheit, an der er 1981 kurz nach seinem 60. Geburtstag auch verstarb.

Der Künstler reagierte darauf mit einer stark zurückgenommenen Art des Gesangsvortrags. Dies wirkt zuweilen so, als würde der Sänger die Existenz des Publikums ausblenden und nur für sich selbst singen. Daneben stellt das nonchalante Understatement allerdings auch einen wirkungsvollen Kontrast zu der mitunter recht scharfen Gesellschaftskritik der Songs dar. Diese kommt so umso besser zur Geltung.

Zotige Revolten

Heute gehören die Chansons von Georges Brassens gewissermaßen zum kulturellen Erbe Frankreichs. Man kennt sie, trällert sie, covert sie. Zuweilen tauchen sie sogar im Schulunterricht auf – was wohl das beste Mittel ist, ihnen ihre rebellische Spitze zu nehmen.

In den 1950er Jahren, als die ersten Chansons von Brassens in der Öffentlichkeit auftauchten, war die Situation jedoch eine andere. Viele seiner Lieder durften damals nicht im Radio gespielt werden, der Sänger selbst stand mit seiner ostentativen Distanz zum Staat unter besonderer Beobachtung der Behörden.

In der Tat gibt es einige Chansons von Brassens, die als Ausdruck der für ihn typischen zotigen Revolte auch heute noch provokant wirken. In besonderem Maße gilt das für eines seiner berühmtesten Lieder, Le gorille [1]. Darin vergewaltigt ein entlaufener Gorilla einen Staatsanwalt – und lässt ihn so die Todesstrafe nachempfinden, die er zuvor gegen einen Angeklagten verhängt hat.

Wie der als gnadenlos empfundenen Justiz begegnet Brassens auch der Polizei in seinen Liedern mit – gelinde gesagt – heftigem Widerwillen. Ein Beispiel dafür ist sein Chanson Hécatombe (Massaker), in dem aufgebrachte Markthändlerinnen über Gendarmen herfallen, die einen Streit schlichten wollen. Als Krönung einer ausgiebigen Prügelorgie hätten sie, so der lapidar vorgetragene Schluss des Liedes, den  Ordnungshütern „sogar noch ihre edlen Teile abgeschnitten – aber zum Glück hatten sie keine“ [2].

Ein Spiegel für die französische Nachkriegsgesellschaft

Nun stellen solche Chansons zwar für die bestehende Ordnung eine Herausforderung dar. Allerdings wird die Provokation darin so bewusst übertrieben, dass sie sich in gewisser Weise selbst aufhebt. So hat die karikatureske Darstellung der Gendarmen in Hécatombe nichts mit der Realität zu tun und könnte daher auch schlicht als derber Scherz abgetan werden.

Der Grund für die heftige Ablehnung, auf die Brassens mit seinen Chansons seinerzeit in bürgerlichen Kreisen stieß, scheint daher woanders zu liegen. Offenbar hielt er der französischen Nachkriegsgesellschaft damit einen Spiegel vor – und das Bild, das diese darin sah, entsprach ganz und gar nicht der damaligen Selbstwahrnehmung.

Um das zu verstehen, muss man sich kurz in die Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückversetzen. Frankreich zählte zwar zu den Siegermächten, doch hatte keineswegs das ganze Land an der Seite der Résistance gestanden. Stattdessen hatten sowohl in den vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Teilen des Landes als auch unter dem im übrigen Teil des Landes herrschenden Vichy-Regime viele mit den Besatzern kooperiert.  

Nach Kriegsende wurden diese Verstrickungen zunächst verdrängt. Um sie zu überdecken, entwickelte sich ein kompensatorischer Patriotismus, der als einendes Band zwischen Résistance, Nazi-Kollaborateuren und der schweigenden Mehrheit im Land fungierte. Leidtragende dieses Patriotismus waren vor allem die Kolonien, wo – zuerst im Indochinakrieg (1946 – 1954) und dann im Algerienkrieg (1954 – 1962) – die Freiheitsbewegungen mit teils brutaler Härte bekämpft wurden.

Ein überzeugter Antimilitarist

Diese implizite Gleichsetzung von Vaterlandsliebe und Gewalt gegen andere Völker ist es, gegen die sich Brassens in den Anfangsversen von La mauvaise herbe wendet. Auf dem „Feld der Ehre“ zu sterben, war zur Entstehungszeit des Chansons eben alles andere als ein Ruhmesblatt.

Die Schlachtfelder, auf denen die damalige französische Armee kämpfte, waren weniger „Felder der Ehre“ als „Felder der Unehre“, auf denen Menschen- und Freiheitsrechte mit Füßen getreten wurden. Vor diesem Hintergrund hat Brassens auch den „fragwürdigen“ – weil: gewaltverherrlichenden – Text der Marseillaise kritisiert [3].

Weil die schon damals anachronistischen Kämpfe für den Erhalt der globalen Bedeutung der „grande nation“ als identitätsstiftend angesehen wurden, galt Brassens mit seiner antimilitaristischen Haltung als Nestbeschmutzer. Er selbst sah dagegen gerade in dieser Haltung die Gewähr für einen konsequenten Humanismus.

In einem Gespräch aus dem Jahr 1975 leitet er seinen Antimilitarismus aus seiner Abneigung ab, „mich unterzuordnen, Befehle entgegenzunehmen oder zu geben“ [4]. Darin hallt noch die Erfahrung des Nationalsozialismus nach, den Brassens als Zwangsarbeiter in Deutschland hautnah miterlebt hatte. Die Lehre, die er daraus gezogen hat, war die Skepsis gegenüber jeder Form von bedingungsloser Unterordnung. Der Keim des Widerstands gegen Inhumanität und Autoritarismus lag für ihn in der konsequenten Hinterfragung von Autorität und scheinbar sakrosankten Regelwerken.

Undogmatischer Anarchismus

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Brassens seine geistige Heimat im Anarchismus fand. Diesen definierte er allerdings in dezidiert undogmatischer Weise – wobei er eben hierin das Wesen des Anarchismus sah:

„Genau das ist das Faszinierende daran: Es gibt kein echtes Dogma. Es handelt sich eher um eine Moral, eine Kunst, das Leben zu verstehen, glaube ich. Das Individuum steht im Vordergrund.“ [5]

In Beiträgen, die Brassens unmittelbar nach dem Krieg für die anarchistische Zeitschrift Le Libertaire schrieb, spiegeln sich zum einen Themen wider, die er auch in seinen Chansons aufgegriffen hat – etwa seine Kritik an willkürlicher Polizeigewalt oder klerikaler Heuchelei. Zum anderen ist darin jedoch auch seine grundsätzliche Überzeugung dokumentiert, dass ein humaner Anarchismus nur dann möglich ist, wenn er konsequent jede dogmatische Festlegung vermeidet.

Mit dieser Haltung machte Brassens sich auch im linken Lager nicht nur Freunde. So kritisierte er etwa die kommunistische Bewegung für ihre blinde Gefolgschaft gegenüber dem „lieben Papa Stalin“ [6]. Ein menschenfreundlicher Kommunismus war für ihn undenkbar bei einer Festlegung auf das starre Korsett der marxistisch-leninistischen Dogmen – wofür deren gewalttätige Auslegung durch Stalin der beste Beweis war.

In Mourir pour des idées (Für Ideen sterben) hat Brassens seine Überzeugungen auch in Liedform zum Ausdruck gebracht. Darin plädiert er in ironischer Weise dafür, den Märtyrertod für bestimmte Ideen wenigstens „langsam“ zu sterben – denn schon am nächsten Tag könnten die alten durch neue Ideen ersetzt werden. Außerdem lohne es sich nicht, für Ideen zu sterben, da jede absolut gesetzte Idee – eben durch ihren apodiktischen Absolutheitsanspruch – der anderen ähnlich sehe.

In dem Chanson wirft er jenen, die „das Martyrium predigen“, zudem Heuchelei vor. Während sie mit ihren „goldenen  Mündern“ Anhänger und Gegner ihrer Ideen in den Tod trieben, würden sie selbst oft sogar „Methusalem an Langlebigkeit übertreffen“. In Zukunft solle man ihnen daher beim Ritt in den Tod den Vortritt lassen und den anderen den einzigen Luxus lassen, den sie auf Erden haben: das Leben [7].

Freie Liebe als Liebe zur Freiheit des anderen

Gemäß seiner Überzeugung, dass Ideen nicht auf Banner gehören, sondern gelebt werden müssen, wenn sie glaubwürdig sein sollen, hat Brassens auch seinen Alltag nach seinen Idealen ausgerichtet. Ein Beispiel dafür ist seine Einstellung zur Liebe, die auch in La mauvaise herbe anklingt.

So hat Brassens mit seiner aus Estland stammenden Lebenspartnerin Joha Heiman weder zusammengelebt, noch hat er sie geheiratet. Die Liebe zu ihr hat er denn auch in einem Chanson mit dem paradoxen Titel La non-demande en mariage (Der Nicht-Heiratsantrag) verewigt [8].

Demnach lässt sich zwar sagen, dass Brassens – entsprechend seinen anarchistischen Überzeugungen – für „freie Liebe“ war. Dabei muss man sich aber vor Augen halten, dass es sich dabei um eine gänzlich andere Form von „freier Liebe“ handelt als zur Zeit der 68er-Revolte.

In letzterem Fall bezog sich das Ideal der „freien Liebe“ in erster Linie auf das freie Ausleben der Sexualität. Dies wurde vor allem von Männern nicht selten als Einladung zur Verantwortungslosigkeit interpretiert – in dem Sinne, dass man sich weder für die Seele noch für den Körper der Sexualpartnerin verantwortlich zu fühlen hätte.

Bei Brassens steht dagegen der Gedanke der Freiheit der Liebenden im Vordergrund. Anstatt dem geliebten Menschen in einer Ehe Fesseln anzulegen und Besitzansprüche auf ihn zu erheben, ist die Liebe hier gerade ein zusätzlicher Antrieb, dem anderen die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zu ermöglichen. Daraus ergibt sich eine besondere Mitverantwortung für dessen Lebensweg – die eben die Bereitschaft miteinschließt, ihn überall dort, wo es seiner Entfaltung dienlich ist, seiner eigenen Wege gehen zu lassen.

Nachweise

[1]    Georges Brassens: Le gorille (Der Gorilla); aus: La mauvaise réputation (Die schlechte Reputation; 1952); Live-Aufnahme/Liedtext.

[2]    Georges Brassens: Hécatombe (Massaker/Gemetzel); 1952 als Single veröffentlicht; Live-Aufnahme/Liedtext.

[3]    Georges Brassens im Gespräch mit Bernard Pivot in der Talkshow Apostrophes, 14. März 1975.

[4]    Ebd.

[5]    Brassens, zit. nach Calvet, Louis-Jean: Georges Brassens (zuerst 1963), S. 93. Paris, 1993: Payot.

[6]    Zit. nach ebd., S. 90.

[7]    Georges Brassens: Mourir pour des idées (Für Ideen sterben); aus:Fernande (1972); Live-Aufnahme/Liedtext.

[8]    Georges Brassens: La non-demande en mariage (Der Nicht-Heiratsantrag); aus: Supplique pour être enterré à la plage de Sète (Bitte, am Strand von Sète begraben zu werden; 1966); Live-Aufnahme/Liedtext.

Ein Kommentar

  1. Sehr informativ und gern gelesen, doch würde ich manche deiner Einordnungen ein wenig anders setzen, insbesondere „Auf dem “Feld der Ehre” zu sterben, war ZUR ENTSTEHUNGSZEIT des Chansons eben alles andere als ein Ruhmesblatt.“ Dazu meine und vermutlich auch Brassens Einstellung: Auf dem Feld der Ehre zu sterben (dh in einem Krieg, in dem Menschen Menschen töten im Auftrag von Dritten) ist NIEMALS ein Ruhmesblatt.
    Ebenfalls: „Mit dieser Haltung machte Brassens sich auch im linken Lager nicht nur Freunde.“ Ja, selbstverständlich, denn „das linke Lager“ hat der Freiheit noch nie eine Gasse gebahnt. Anarchismus ist nicht links, sondern steht außerhalb der politischen „Lager“. Es ist eine Lebenshaltung des freien Individuums: keine Gewalt ausüben, keine Gewalt hinnehmen.

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