Zu dem Song Flickan och kråkan (Das Mädchen und die Krähe) des schwedischen Singer-Songwriters Mikael Wiehe
Mikael Wiehes Lied über ein Mädchen, das eine verletzte Krähe zu retten versucht, ist ein Beispiel für die wechselseitige Beeinflussung der Künste. Selbst durch eine Zeichnung angeregt, hat es als Impulsgeber für etliche weitere Bilder fungiert.
Das Mädchen und die Krähe
An einem Tag wie so vielen anderen zuvor
saß ich da und las in der Zeitung.
Und ich träumte von all den vergangenen Träumen,
die einer nach dem anderen zerplatzt waren.
Da fiel mein Blick auf das Foto eines Mädchens,
eines Mädchens mit einer verwundeten Krähe im Arm.
Sie lief, so schnell sie konnte,
mitten durch das Dickicht eines Waldes.
Sie läuft mit ihren flatternden Locken,
sie läuft auf ihren dürren Beinchen.
Und sie fleht und sie bittet, sie hofft und sie glaubt,
dass es nicht schon zu spät ist für alles.
So klein ist das Mädchen, so blond ist sein Haar,
und eine flackernde Glut überzieht seine Wangen.
Schwer ist die Krähe und schwarz wie ein versteinertes Skelett.
Gleich wird der Tod seinen Mantel über sie breiten.
Das Mädchen aber rennt um sein Leben,
rennt für das Leben des sterbenden Vogels,
dorthin, wo es Schutz gibt und Wärme,
Gerechtigkeit und Wahrheit.
Und sie läuft, ein Funkeln in den Augen,
sie läuft auf ihren dürren Beinchen.
Denn sie weiß: Es ist wahr, was ihr Vater gesagt hat:
Solange es Leben gibt, ist es nicht zu spät.
Ein jäher Schreck durchzuckte meine Adern,
ich zitterte vor Angst und Schmerz.
Klar und deutlich stand es mir vor Augen:
Ich war's, der auf dem Bild zu sehen war.
Meine Hoffnung ist eine verletzte Krähe,
und ich selbst bin ein rennendes Kind.
Ein Kind, das glaubt, dass jemand existiert,
der Hilfe bringt und Antwort weiß.
Und ich laufe mit pochendem Herzen,
ich laufe auf meinen dürren Beinchen.
Und ich bitte und ich flehe, auch wenn ich weiß,
im tiefsten Inneren weiß: Es ist schon längst zu spät.
Mikael Wiehe: Flickan och kråkan aus: Kråksånger (1981)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1981:
Ein Bild mit hoher Inspirationskraft
Unter den Werken des schwedischen Künstlers Oscar Cleve (1906 – 1991) findet sich auch eine Zeichnung mit dem Titel „Kleines Mädchen eilt mit verletzter Krähe zum Tierarzt„. Dieses Bild hat den Singer-Songwriter Mikael Wiehe zu dem Lied Flickan och kråkan (Das Mädchen und die Krähe) inspiriert.
Wiehes Song war wiederum Inspirationsquelle für eine Reihe weiterer künstlerischer Auseinandersetzungen mit dem Sujet. Die einzelnen Bilder unterscheiden sich dabei durch charakteristische Akzentsetzungen:
- Manche Arbeiten orientieren sich eng am Original und stellen die Eile des Mädchens in den Vordergrund, sein verzweifeltes Bemühen, schneller zu sein als der Tod.
- Andere Bilder konzentrieren sich auf den Schmerz und die Angst des Mädchens. Das Ergebnis sind oft Porträtbilder, die teilweise auch schon die Trauer über den nicht mehr zu rettenden Vogel vorwegnehmen.
- Einige Werke stellen den Gegensatz zwischen dem Mädchen, das sich in der Blüte seiner Jahre befindet, und der toten oder sterbenden Krähe in den Mittelpunkt. Dies kann dadurch geschehen, dass die Lebendigkeit des Mädchens durch passende Attribute (rote, flackernde Haare, Mini-Kleid, Barfüßigkeit …) hervorgehoben wird oder die Krähe als übergroßer Vogel zu einer Allegorie des Todes stilisiert wird. Es gibt aber auch Werke, die das Sujet auf eine eher abstrakte Ebene heben und Leben und Tod durch charakteristische Farbunterschiede (rotes Mädchen vs. schwarze Krähe) voneinander absetzen.
- In anderen Fällen färbt die Trauer über die sterbende Krähe auch auf das Mädchen ab. Dann erscheint dieses selbst als vom Tod gezeichnet oder wird mit einem schwarzen Rock gezeigt, der an das Federkleid der Krähe erinnert.
- Schließlich gibt es auch den umgekehrten Fall, in dem eine übergroße Krähe als Trostspender erscheint. Die Hinwendung des Mädchens zu dem verletzten Vogel färbt dabei auf dessen Darstellung ab, so dass das Mitgefühl mit der leidenden Kreatur hier eine Art geistige Überwindung des Todes zu ermöglichen scheint.
Archetypische Metaphorik
Die große künstlerische Resonanz von Wiehes Lied mag auch damit zusammenhängen, dass dessen Metaphorik an archetypische Bilder rührt. So werden Rabenvögel in der Mythologie seit jeher mit dem Tod assoziiert, während Mädchen und junge Frauen als Symbole des aufblühenden Lebens erscheinen.
Das Sujet ist demzufolge auch schon früher in der Kunst aufgegriffen worden. Berühmt ist etwa Pablo Picassos Gemälde „Frau mit Krähe“ aus dem Jahr 1904. Indem die Frau den Rabenvogel hier zärtlich auf den Kopf küsst, wird die innige Verbindung von Tod und Leben anschaulich vor Augen geführt.
Die Besonderheit von Wiehes Herangehensweise an das Sujet liegt darin, dass der Sänger sich ausdrücklich mit dem verzweifelt um das Leben der Krähe rennenden Mädchen identifiziert: „Ich war’s, der auf dem Bild zu sehen war.“
Der Kinderglaube, „dass jemand existiert, der Hilfe bringt und Antwort weiß“, ist dabei einerseits Antrieb, immerfort „dorthin zu laufen, wo es Schutz gibt und Wärme, / Gerechtigkeit und Wahrheit“. Andererseits steht dem das Wissen um die grundsätzliche Vergeblichkeit aller Bemühungen gegenüber, das Wissen darum, dass es für einen endgültigen Sieg über den Tod immer „zu spät“ ist.
Ein Gleichnis für die Sisyphos-Natur des menschlichen Strebens
Im Kern beschreibt Wiehe damit die Sisyphos-Natur des menschlichen Strebens: den absurden Versuch, Schutz zu finden für ein Leben, für das es keinen absoluten Schutz geben kann; ein Zuhause zu finden für ein unbehaustes Leben; vor etwas davonzurennen, das man wie eine dunkle Frucht im Leibe trägt.
Auch „Gerechtigkeit und Wahrheit“ sind vor diesem Hintergrund immer nur relativer Natur. Absolute Gerechtigkeit kann es nicht geben, solange der Tod jederzeit den Lebensfaden durchtrennen kann. Es gehört aber zum Mensch-Sein dazu, dieser Tatsache zu trotzen und dennoch unverdrossen den Idealen von menschlicher Wärme, Gerechtigkeit und Wahrheit hinterherzurennen.
Über Mikael Wiehe

Der 1946 geborene Musiker hat sich mit seinen Songs auch immer wieder politisch engagiert. So hat er sich etwa 1985 mit dem Lied Soweto an dem Protest schwedischer Künstler gegen das südafrikanische Apartheid-Regime (Svensk Rock mot Apartheid) beteiligt.
Wiehe ist außerdem öffentlich gegen das amerikanische Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba aufgetreten und hat sich in der Stiftung Artister mot nazister (Künstler gegen Nazis) engagiert. Daneben hat er jedoch auch einige eher philosophische Lieder geschrieben, die allgemein um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz kreisen.
Die erwähnten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Thematik sind nicht gemeinfrei und können deshalb hier nicht abgebildet werden. Über die Eingabe des entsprechenden Stichworts (Flickan och kråkan / Bilder) in die Maske einer Suchmaschine sind sie jedoch leicht zu finden.
Mehr Musik aus Schweden: Musik im Schatten des Pop-Exports. In: Nordische Musikkulturen (PDF), S. 12 – 28.
Bild: Willgard Krause: Mädchen mit Rabenvogel / Girl with Crow (Pixabay); Bengt Nyman: Mikael Wiehe, Juli 2014 (Wikimedia commons)