Zur Hysterie nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft
Das WM-Aus gegen Paraguay wird in der deutschen Fußball-Welt fast schon zu einer nationalen Demütigung stilisiert. Dabei hätte es nur weniger Nuancen bedurft, um aus dem „blamablen Scheitern“ eine grandiose Wiederauferstehung werden zu lassen.
Herbeigeredetes Scheitern gegen Paraguay
Julian Nagelsmann hat Recht: Wenn du gewinnst, ist alles „perfect“ – und wenn du verlierst, ist alles „Shit“. So hat er sich vor dem Spiel gegen Paraguay auf einer Pressekonferenz geäußert, und so ist es jetzt auch gekommen.
Nach dem schmeichelhaften Sieg gegen die Elfenbeinküste war noch alles „perfect“. Anstatt die unübersehbaren Schwächen des Teams zu diskutieren, wurde vom „Polen-Moment“ gefachsimpelt, also dem späten Sieg gegen das polnische Team bei der „Sommermärchen-WM“ des Jahres 2006, der das Team bis ins Halbfinale getragen hatte.
Nach der Niederlage gegen Ecuador war dann plötzlich alles „shit“. Wo gegen die Elfenbeinküste die Schwächen übersehen worden waren, wurden nun die Stärken des Teams heruntergeredet. So wurde eine negative Erwartungshaltung aufgebaut, die der Mannschaft eine positive Grundeinstellung für das Spiel gegen Paraguay erschwert hat.
Der Fluch des aberkannten Sieges
Gegen Paraguay hat das Team dann zwar nicht überzeugt – hat das Spiel aber dennoch faktisch gewonnen. Nur ein zweifelhafter VAR-Eingriff mit folgendem aberkannten Tor hat die Mannschaft den Sieg gekostet. Ohne diesen unberechtigten Eingriff – eine „grobe Fehlentscheidung“ lag ja, unabhängig von der Bewertung des angeblichen Foulspiels, auf keinen Fall vor – hätte man wohl von einem „Arbeitssieg“ gesprochen.
Im Achtelfinale hätte die Mannschaft dann gegen Frankreich womöglich viel besser ausgesehen. Denn das französische Team hätte sich, anders als Paraguay, nicht aufs Verteidigen beschränkt, sondern hätte selbst den Anspruch gehabt, das Spiel zu machen. So hätte sich wohl ein offener Schlagabtausch entwickelt, der dem deutschen Team viel besser gelegen hätte.
Selbst bei einer Niederlage hätte es dann wohl geheißen: Raus mit Applaus. Das Ausscheiden wäre natürlich auch bedauert worden, aber man hätte deswegen nicht gleich alles in Frage gestellt. Der Tenor wäre eher gewesen: „Dieses Mal hat uns eben das Losglück verlassen. Frankreich im Achtelfinale – das musste ja schiefgehen!“
Anachronistische Wahrnehmung der Fußballwelt
Dies zeigt auch, dass ein Großteil der jetzt vorherrschenden Enttäuschung auf einer anachronistischen Wahrnehmung der Fußballwelt beruht. Es gibt heute eben nicht mehr ein paar wenige „große“ Fußballnationen, denen lauter Fußballzwerge gegenüberstehen.
Das Leistungsgefälle ist viel flacher geworden. Selbst bei vermeintlich „kleineren“ Nationen stehen die im Nationalteam aktiven Spieler größtenteils in Top-Ligen unter Vertrag.
Dementsprechend ist auch ihre fußballerische Ausbildung und ihr taktisches Spielverständnis auf ähnlich hohem Niveau wie bei den früheren Alleinherrschern des Weltfußballs. „Wilden“ afrikanischen Fußball zu erwarten – wie Bastian Schweinsteiger vor dem Spiel gegen den deutschen WM-Gegner Elfenbeinküste – ist genau die Erwartungsfalle, die zum bekannten „Fall“ nach zu viel „Hochmut“ führt.
Stolpersiege vor den WM-Titeln 1990 und 2014
Nicht vergessen werden sollte zudem, dass auch die Weltmeistertitel der Jahre 1990 und 2014 keineswegs nur mit Glanz und Gloria errungen worden sind. Dem WM-Sieg von 1990 waren in der Vorrunde ein enttäuschendes 1:1 gegen Kolumbien, ein nur per Elfmetertor erstolperter 1:0-Sieg gegen die Tschechoslowakei und ein Sieg im Elfmeterschießen gegen England vorausgegangen.
Bei der WM 2014 gab es in der Vorrunde beim 2:2 gegen Ghana und dem knappen 1:0 gegen die USA ebenfalls nicht gerade Gala-Vorstellungen. Im Achtelfinale hätte beim 2:1 nach Verlängerung gegen Algerien auch schon Endstation sein können.
Fußball ist eben immer auch ein Glücksspiel. Ob der Ball Zentimeter neben das Tor geht oder exakt in den Winkel passt, lässt sich nicht genau planen. Gleiches gilt für die Sicht der Schiedsrichter auf ein bestimmtes Geschehen oder das Nervenflattern beim Elfmeterschießen.
Glück und Pech als Kriterien für Leistungsbewertungen
Dies bedeutet dann aber auch, dass wir uns bei Beurteilungen von Turnierleistungen weder von einzelnen Glücksmomenten blenden lassen noch eine Verkettung unglücklicher Umstände als allgemeines Versagen interpretieren dürfen.
Wie hätten wir wohl die WM 2014 beurteilt, wenn Deutschland nicht knapp gegen Algerien weitergekommen, sondern ausgeschieden wäre? Und wie würden wir jetzt auf die WM blicken, wenn Deutschland gegen Paraguay das verdiente 2:1 eingefahren und am Ende sogar noch gegen Frankreich im Elfmeterschießen gewonnen hätte?
Dass das nicht so gekommen ist, liegt keineswegs an Julian Nagelsmann. Er mag – wie jeder Mensch auf diesem Planeten – auch Fehler gemacht haben, doch hat er insgesamt sicher keine schlechte Arbeit abgeliefert. Er hat das Team nach holprigem Start souverän durch die WM-Qualifikation geführt und hätte mit Sicherheit auch das Potenzial, das Team erfolgreich in Richtung EM 2028 zu steuern.
King Klopp als Heilsbringer?
Nagelsmann jetzt durch Jürgen Klopp zu ersetzen, wäre zudem auch in Bezug auf Fairplay das völlig falsche Signal. Klopp mag einst der coole Sonnyboy des deutschen Fußballs gewesen sein. Spätestens seit seinem Einstieg bei Red Bull ist er jedoch zum Finsterling mutiert, der selbst erfolgreiche Trainer aus dem Hinterhalt abschießt, wenn sie seine taktischen Vorgaben nicht punktgenau umsetzen.
Die schlechte Stimmung im deutschen WM-Quartier, von der jetzt gemunkelt wird, wäre mit King Klopp somit gewiss nicht besser gewesen. Der Ruf nach ihm reiht sich wohl eher in die wieder einmal erwachte Sehnsucht nach der „starken Hand“ in deutschen Landen ein.
Bild: IH. Fußballmärchen (KI unterstützt)