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Musikalische Winterreise

Der Winter: Untergang oder Utopie?

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Der Winter, den wir heute in unseren Weihnachtsliedern als „winter wonderland“ verkitschen, war früher ein Synonym für Naturkatastrophen und Hungersnöte. Gleichzeitig war er aber schon immer – früher noch stärker als heute – eine Zeit der Besinnung und des Zu-sich-selbst-Kommens. Konnotativ bewegt er sich damit zwischen den Extrempolen von Existenzangst und innerer Ruhe, Vereinzelung und stärkerem Zusammenrücken, Resignation und Utopie. Dies spiegelt sich auch in der musikalischen Auseinandersetzung mit dem Winter wider. Dazu gibt es an dieser Stelle ab sofort eine vierteilige Wintermeditation mit Liedern aus Russland, Italien, Frankreich, Deutschland, Kalifornien, Schweden und Island. Heute Teil 1:

  1. Der Winter als existenzielle Bedrohung

Rein biologisch betrachtet, ist der Winter das Andere des Lebens. Er steht für eine Welt, in der selbst das Sterben vorbei ist. Nichts wächst, nichts verfällt, alles ist erstarrt. Dies findet seinen Niederschlag in Ausdrücken wie „Regionen des ewigen Eises“ oder, metaphorisch gesprochen, dem „ewigen Winter“, der sich über eine Seele gelegt hat.

Am naheliegendsten erscheint demnach eine Thematisierung des Winters, in der dieser mit einer lebensfeindlichen Umwelt assoziiert wird. Genau dies ist auch der Grundton in den meisten älteren Volksliedern, wie etwa in Ach, bittrer Winter oder Es ist ein Schnee gefallen. Dementsprechend wird in einem Wintergedicht Walthers von der Vogelweide (Diu werlt was gelf, rôt unde blâ), zu dem es eine schöne Vertonung der Gruppe Qntal (unter dem Titel Winter) gibt, der Schnee nur von den „Toren“ bestaunt, während die „arme[n] Leute“ auf den Einbruch des Winters mit Wehklagen reagieren.

Hierin spiegelt sich die Tatsache wider, dass der Winter für die Menschen früherer Jahrhunderte eine existenzielle Bedrohung darstellen konnte. Insbesondere auf dem Land, wo die Mehrzahl der Menschen lebte, wusste man nie, ob die Lebensmittelvorräte bis zum Frühling reichen und die ärmlichen Katen den Schneemassen standhalten würden. Die Verklärung der kalten Jahreszeit zu einem „winter wonderland“ ist eben nur jenen möglich, die es sich leisten können, sich vor der Tod bringenden Wirklichkeit des Winters zu schützen.

Eben dieser Aspekt des Winters – die Brutalität, mit der er die sozialen Unterschiede spürbar macht – wird in Björks Lied von der „Jólakötturinn“ thematisiert. Es handelt sich dabei um die Vertonung einer isländischen Sage, der zufolge in der Weihnachtszeit eine Raubkatze um die Häuser schleicht und jene Menschen – insbesondere Kinder – anfällt, die keine neuen Kleider bekommen haben. Deshalb bemühen sich die Frauen, jedem wenigstens eine neue Socke zu nähen.

Das Lied kann folglich zunächst allgemein auf die verzweifelte Lage bezogen werden, die sozialer Ausschluss gerade in der kalten Jahreszeit mit sich bringt. Insbesondere ist dabei wohl an die Situation von Obdachlosen zu denken. Angesichts der Tatsache, dass das Raubtier auch durch einen symbolischen Akt – das Geschenk eines einzelnen Strumpfes, der de facto gar keinen Schutz vor der Kälte bietet – in Schach gehalten werden kann, könnte man die „Unbehaustheit“ hier aber auch in einem existenziellen Sinn deuten. Sie ergäbe sich dann aus dem völligen Verlust sozialer Bindungen, aus dem Zerreißen des letzten dünnen Bandes, das einen noch mit der Gemeinschaft verknüpft. Das winterliche Raubtier wäre aus dieser Perspektive kein Bild für konkrete Kälte und materielle Not, sondern eine Metapher für einen Zustand totaler Isolation, die einen von innen heraus „auffrisst“.

Im übertragenen Sinn lässt sich die lebensfeindliche Welt des Winters auch auf die sozialen und ökologischen Zerstörungen beziehen, die der Mensch zu verantworten hat. Diesen Weg beschreitet die schwedische Singer-Songwriterin Jennie Abrahamson in ihrem Song Snowstorm. Das Lied verdeutlicht, wie die Entfremdung von der Natur (exemplifiziert u.a. in der Achtlosigkeit gegenüber Insekten und ihrer Bedeutung für den Kreislauf des Lebens) Umweltzerstörungen bewirkt, die ihrerseits wieder eine verstärkte Entfremdung von der Natur zur Folge haben und so einen Teufelskreis in Gang setzen, der ohne Innehalten in den Untergang der Zivilisation zu münden droht. Eben dieses Szenario evoziert der Song durch das Bild des Schneesturms, der die Welt der Menschen „hinwegfegt“ bzw. sie „auslöscht“, während sie vom Fenster aus tatenlos zusehen oder sich in ihren warmen Betten verkriechen.

Lieder mit Übersetzungen:

Qntal / Walther von der Vogelweide: Winter 

aus: Qntal V: Silver Swan (2006);
Lied umfasst die ersten drei Gedichtstrophen

Text (mittelhochdeutsches Original)

Übertragung ins Neuhochdeutsche*

Hell leuchtete die Welt, gelb, rot und blau,
der Wald trug ein grünes Kleid, wie vieles andere auch,
die kleinen Vögel sangen ihre Lieder.
Doch nun schreit nur die Nebelkrähe.
Hat nicht auch die Farbe sich verändert? Aber ja!
Die Welt ist bleich geworden, bleich und grau,
und malt uns Sorgenfalten auf die Stirn.

Ich saß auf einem grünen Hügel,
da sprossen Blumen und Klee
zwischen mir und einem See.
Das war so herrlich anzusehn.
Wo wir uns Blumenkränze gebunden haben,
da ist nun alles von Raureif und Schnee überzogen,
den kleinen Vögelchen zum Leid.

Die Toren rufen: „Lass es doch schneien!“
Arme Leute aber: „O weh! O weh!“
So drückt auch mich eine bleierne Schwermut nieder,
der Winterkummer lastet schwer auf mir.
Doch wie auch immer diese und andere Sorgen aussehen,
ich würde ihrer rasch ledig werden,
wenn es nur endlich wieder Sommer wär‘,

Um nicht länger so leben zu müssen,
wollt‘ ich schon rohe Krebse essen.
Sommer, mach uns wieder froh!
Du schmückst Wiese und Wald.
Dort spielt‘ ich mit den Blumen,
mein Herz schwebte hoch in der Sonne –
nun hat’s der Winter ins Stroh gejagt.

Vom vielen Liegen bin ich wund wie Esau**,
mein glattes Haar ist ganz struppig geworden.
Süßer Sommer, wo bist du nur hin?
Wie gerne säh‘ ich bei der Feldarbeit dir zu!
Wenn diese Schwermut mich noch lange
in ihren Fängen hält, möchte ich lieber
Mönch sein in Doberlug.***

*    Die besondere Musikalität des Gedichts drückt sich u.a. darin aus, dass die Reime jeder Strophe im mittelhochdeutschen Original jeweils auf einen anderen Vokal enden. Eine analoge Übertragung ins Neuhochdeutsche droht allerdings die poetische Kraft des Textes zu schmälern. Ich habe mich hierbei daher stärker auf die semantische Ebene konzentriert.
**     Esau: Esau bedeutet wörtlich „der Behaarte, der Struppige“. Laut Altem Testament war sein ganzer Leib „rötlich“ und wie ein einziger „härener Mantel“ – was gut zu der von Walther beschriebenen winterlichen Verwahrlosung passt (vgl. bibelkommentare.de)
***   Doberlug: Gemeint ist das 1165 gegründete Zisterzienserkloster Dobraluh (Dobrilugk), heute Doberlug-Kirchhain (Brandenburg). Indem die Abgeschiedenheit der Klostermauern – das Gegenteil des idealen Lebens für einen lebensfrohen Minnesänger – hier als möglicher Zufluchtsort erscheint, wird die empfundene Trostlosigkeit zusätzlich betont.

Björk (Guðmundsdóttir): Jólakötturinn

Text: Jóhannes úr Kötlum; Musik: Ingibjörg Porbergs;
aus: Hvít Er Borg Og Bær (Sampler mit isländischen Weihnachtsliedern; 1987)

Liedtext und Song
Englische Fassung

Übersetzung aus dem Englischen:

Die Weihnachtskatze

Du kennst die Weihnachtskatze –
es ist eine sehr große Katze.
Wir wissen nicht, woher sie gekommen ist
und auch nicht, wohin sie gegangen ist.

Weit öffnete sie ihre Augen,
die beide glühten.
Es war keine Sache für Feiglinge,
sie anzusehen.

Ihr Fell war stachlig wie Nadeln,
ihr Rücken hoch und bucklig,
und die Krallen an ihren haarigen Pfoten
waren kein schöner Anblick.

Deshalb überboten sich die Frauen darin,
[den Flachs] zu schütteln und zu säen und zu spinnen
und strickten bunte Kleider
oder eine kleine Socke.

Damit die Katze nicht kommen
und die kleinen Kinder holen konnte,
mussten sie neue Kleider erhalten
von den Erwachsenen.

Wenn der Weihnachtsabend in hellem Licht erstrahlte
und die Katze zum Fenster hereinsah,
standen die Kinder aufrecht da mit roten Wangen
und ihren Geschenken.

Sie wedelte mit ihrem mächtigen Schwanz,
sie sprang, kratzte und schnaufte,
und das geschah entweder im Tal
oder draußen auf der Landzunge.

Sie lief herum, hungrig und heimtückisch,
im schmerzhaft kalten Weihnachtsschnee
und entfachte Angst in den Herzen
in jeder Stadt.

Wenn man draußen ein schwaches „Miau“ hörte,
wussten alle, dass ein Unglück geschehen würde.
Denn allen war klar, dass sie Menschen jagte
und keine Mäuse wollte.

Sie folgte den ärmeren Leuten,
die keine neuen Kleider bekamen
an Weihnachten – und sich durchschlugen
unter ärmlichsten Bedingungen.

Denen raubte sie nicht nur
ihr ganzes Weihnachtsessen,
sondern verschlang auch sie selbst,
wenn sie konnte.

Deshalb überboten sich die Frauen darin,
[den Flachs] zu schütteln und zu säen und zu spinnen
und strickten bunte Kleider
oder eine kleine Socke.

Manche bekamen eine Schürze,
andere einen neuen Schuh,
oder irgendetwas anderes, das sie brauchten,
aber das reichte aus.

Denn die Katze konnte niemanden fressen,
der ein neues Kleidungsstück bekommen hatte.
Dann fauchte sie mit ihrer hässlichen Stimme
und rannte weg.

Ob es sie noch gibt, weiß ich nicht,
aber ihr Raubzug wäre vergebens,
wenn jeder an Weihnachten
auch nur einen Fetzen neuer Kleidung bekäme.

Vielleicht denkst du daran,
zu helfen, wo es nötig ist.
Denn irgendwo könnte es Kinder geben,
die überhaupt nichts bekommen.

Und womöglich beschert dir die Sorge für die,
die nicht im Glanz der Lichter stehen,
eine glückliche Winterzeit
und ein frohes Fest.

Jennie Abrahamson: Snowstorm

aus: Gemini Gemini (2014)

Song und Liedtext, mit einführenden Worten der Sängerin

Übersetzung:

Schneesturm

Ein Schneesturm zieht herauf,
zieht herauf, um uns auszulöschen,
eine kalte, weiße Decke,
und alles wird ruhig sein.

Und wir sehen vom Fenster aus zu,
wir verkriechen uns in unseren Betten,
während der kalte Wind
über unseren Köpfen bläst.

Und wir kennen all die Gebete,
und wir kennen all die Verse,
aber wenn es jemals wieder Morgen wird,
haben wir sie drei Mal verleugnet.

Wir haben uns nie um das Wasser geschert.
Wir haben uns nie um die Bienen geschert.
Wir haben uns nie um die Hungernden geschert.
Wir haben uns nie um die Bäume geschert.

Bring es alles raus, bring es raus zum Feuer,
damit wir es warm haben, ehe wir alle hinweggerafft werden.
Ich weiß, mir bleibt nichts als ein stumpfer Pfeil.

So still, still, mein Schatz,
das Ende ist da,
keine Ammenmärchen mehr,
wir brauchen uns nichts mehr vorzumachen.

Denn wenn dieser Schneesturm heraufzieht,
heraufzieht, um uns auszulöschen,
wird niemand uns hören
und unsere stummen Schreie.

Wir haben uns nie um das Wasser geschert …

Bildnachweis: Ernst Adolph Meissner (1837-1902). Hirte rettet seine Herde vor dem Schneesturm. Privatbesitz

L’amour des femmes

Weibliche Widerständigkeit in neueren französischen Liebeslie­dern

Heinrich_Vogeler_Sehnsucht_(Träumerei)_c1900Hier der angekündigte erste Teil meiner Reise zu den französischen Chansonsängerinnen. Der zweite Teil folgt in einer Woche und wird sich schwerpunktmäßig mit neueren Entwicklungen in der Welt des französischen Chansons beschäftigen (aus weiblicher Perspektive).

Text als pdf: L’amour des femmes

 

 

 

Bildnachweis: Heinrich Vogler: Sehnsucht. Um 1900 © Künstlerkolonie Worpswede

 

 

Musikalische Sommerreise 2017

Vollständige Fassung als pdf-Dokument

Hier noch mal die gesamte musikalische Sommerreise 2017 zum Nachhören und Nachlesen. Am kommenden Sonntag folgt dann Teil I meiner Reise zu den französischen Chansonsängerinnen (Thema: L’amour des femmes‘).

PDF: Musikalische Sommerreise 2017

 

Bilder: 1. Pietro Dàmbrosio: Castellanata (Apulien) über der Gravina Grande (‚großen Schlucht‘).  2. Snapshot aus dem Video Černej pasažér 3. Dersim. Foto einer Exkursion der San Francisco State University. 4. Novi Sad bei Regen.Quelle: http://sickstyle.tumblr.com/post/27278972787 5. Bank am Strand. Fotolia. 6. Pjotr Nalitch und Band

 

Musikalische Sommerreise 2017: Teil 3

Vierte und fünfte Etappe: Kurdistan und Frankreich

Dersim

„Kurdistan“ … Wer das Wort hört, denkt wohl unwillkürlich an die PKK, den Terror, die Peschmerga, den Kampf gegen den IS – und neuerdings auch wieder verstärkt an überfüllte Zellen in türkischen Gefängnissen. Bei den Älteren unter uns werden sich darüber hinaus vielleicht noch Assoziationen zu Karl Mays „wildem Kurdistan“ einstellen.

Das alles ist natürlich nicht falsch, es ist ein Teil der Realität. Betrachtet man „Kurdistan“ aber allein durch die Brille von Terror, Gewalt und „wilden Kriegern“, so ergibt sich doch ein schiefes Bild.

Unvollständig ist dieses Bild zunächst deshalb, weil bei der Einstufung der PKK als „Terrororganisation“ die Sichtweise der türkischen Regierung unhinterfragt übernommen wird. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die von der PKK verübten Gewalttaten nicht im luftleeren Raum entstanden sind. Es war vielmehr die türkische Armee unter Mustafa Kemal „Atatürk“, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres gebrochen hat. Wenn sich diese nationale Erhebung auch vor allem gegen Griechenland und die griechische Minderheit im eigenen Land gerichtet hat, so wurden damit doch auch die Selbstbestimmungsrechte hinfällig, die den Kurden in diesem Vertrag zugesichert worden waren. Die Türkei ist dafür von der internationalen Gemeinschaft 1923 im Vertrag von Lausanne mit der Anerkennung als Nationalstaat belohnt worden. In diesem sind die kurdische Sprache und Kultur lange Zeit systematisch unterdrückt worden, und die Kurden selbst durften nur als „Bergtürken“ tituliert werden – so dass de facto die Existenz als Kurde unter Strafe gestellt war. Der Terror der PKK ist eine Reaktion auf diese Form von Staatsterror, dem die Kurden in der Türkei jahrzehntelang ausgesetzt waren und heute wieder ausgesetzt sind.

Hinzu kommt, dass der Begriff „Kurdistan“ eine Einheitlichkeit suggeriert, die der Realität des Kurdischen in keiner Weise gerecht wird. Dies bezieht sich zum einen darauf, dass die Aufteilung der kurdischen Siedlungsgebiete auf vier Länder (Türkei, Iran, Irak und Syrien) zu kulturell und politisch divergierenden Entwicklungen geführt hat. Zum anderen ist aber die kurdische Kultur auch in sich selbst von großer Komplexität.

Besonders deutlich wird dies auf dem Gebiet der Sprache. So unterteilt sich zunächst das Kurdische selbst in drei teilweise stark voneinander abweichende Sprachgruppen: das Nordkurdische (Kurmandschi), das Zentralkurdische (Sorani) und das Südkurdische, die alle wiederum eigene Dialekte aufweisen. Daneben wird im kurdischen Siedlungsgebiet aber auch noch Zazaisch gesprochen, eine Sprache, die linguistisch als eigenständig gilt (allerdings wie das Kurdische zu den nordwestiranischen Sprachen zählt). Die Mehrzahl derer, die diese Sprache sprechen, definiert sich jedoch nichtsdestotrotz als „kurdisch“. Dahinter steht die Befürchtung, die sprachwissenschaftlichen Forschungen könnten – so wichtig sie auch für das Verständnis des Zazaischen sein mögen – einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben.

Dadurch, dass alles Kurdische ständig mit „Terror“ und „Gewalt“ assoziiert wird, gerät schließlich auch die vielfältige, weit zurückreichende Tradition aus dem Blick, aus der die kurdische Kultur schöpfen kann. Damit aber bleibt auch unverstanden, worum es bei den kurdischen Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen im Kern geht. Deren Ziel ist eben nicht primär ein gegen andere Völker gerichteter Nationalstaat, der jede Form ethnischer Vielfalt beseitigen möchte. Das Hauptanliegen eines Volkes, dem die Selbstbestimmung über sein Schicksal verweigert wird, ist vielmehr stets, aus der Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart die eigene Identität zu gewinnen, eins mit sich selbst zu werden und sich so, wie es Johann Gottfried Herder ausgedrückt hätte, als „geistige Idee“ entfalten zu können.

Eine Ahnung davon, wie diese Idee klingt, vermittelt Erdoğan Emir mit dem – auf Zazaisch gesungenen – Lied To şiya (‚Du bist fortgegangen‘). In Verbindung mit einem anrührenden Videoclip wird hier eine Liebe in der Sommerfrische einer atemberaubend schönen Bergwelt besungen – ein Alltag, der für viele Menschen normal ist, in Kurdistan aber allzu oft von der Fratze des Krieges überlagert wird. Hinzu kommt, dass die schöne Bergwelt mit ihren wild wachsenden Tulpen – obwohl eigentlich durch ihren Nationalparkstatus geschützt – durch gigantische Staudammprojekte bedroht ist, die nicht nur die Natur, sondern auch zahlreiche historische Stätten nachhaltig zu schädigen bzw. zu zerstören drohen (vgl. Ayboğa 2010). Bezeichnend hierfür ist der Namensstreit um die Provinz Dersim (kurdisch ’silbernes Tor‘), die im Türkischen Tunceli (‚eiserne Hand‘) heißt – abgeleitet von dem mit zehntausenden Toten verbundenen Feldzug, den die türkische Armee 1937/38 gegen die einheimische Bevölkerung geführt hat.

Dass Erdoğan Emir das Album, auf dem sich auch der hier vorgestellte Song findet, schlicht Tanık (‚Traurig‘) genannt hat, ist wohl auch auf diese niederdrückenden Alltagserfahrungen zurückzuführen.

Bleibt die Frage, was Charles Aznavour mit dem Ganzen zu tun hat. – Richtig: Charles Aznavour heißt eigentlich Schahnur Waghinak Asnawurjan und ist Sohn armenischer Eltern – und die Armenier haben unter dem türkischen Nationalismus mindestens genauso gelitten wie die Kurden. Dabei ist nicht nur an den Völkermord der Jahre 1915 bis 1917 zu denken, sondern auch an die Unterdrückung, der die in der Türkei verbliebene armenische Minderheit später ebenso ausgesetzt war wie die Kurden.

Aznavour ist zwar in und mit der französischen Sprache und Kultur zum Weltstar aufgestiegen. Seine armenischen Wurzeln hat er jedoch nie verleugnet. Stets hat er sich für die Sache der Armenier eingesetzt. 2009 ist er sogar zum Botschafter Armeniens in der Schweiz ernannt worden und wurde zudem Vertreter des Landes, dessen Staatsbürgerschaft ihm 2008 verliehen wurde, bei der UNICEF sowie bei der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen. Dabei ist es ihm gelungen, die einseitige Identifizierung der Armenier mit der Opferrolle zugunsten einer komplexeren Wahrnehmung der armenischen Kultur und Geschichte aufzubrechen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Witz, mit dem er, auf sein hohes Alter angesprochen, 2014 in einem Interview aus Anlass seines 90. Geburtstags die allgemein hohe Lebenserwartung in Armenien veranschaulicht hat:

Eine Frau sieht in einem armenischen Dorf einen weinenden Greis vor seinem Haus sitzen. Er schluchzt: „Mein Vater hat mich geschlagen!“
Staunend betritt die Frau das Haus und trifft dort einen noch älteren Greis. „Wieso schlägst du deinen Sohn?“ fragt sie. „Der ist doch ein alter Mann!“
Darauf der zweite Greis: „Was soll ich tun – er hat meinen Vater beleidigt.“
Tatsächlich sitzt auf der Ofenbank ein noch älterer Mann, mindestens 130 Jahre alt.
Die Frau läuft völlig baff aus dem Haus und trifft vor der Tür einen alten Priester, dem sie die Geschichte staunend erzählt. „Ach“, sagt der Priester, „die drei kenne ich gut – die habe ich alle getauft.“

(aus: Jens Mühling: [Interview mit] Charles Aznavour zum 90. Geburtstag: „Ich rede hier von Liebe, von tiefer Liebe“. In: Der Tagesspiegel, 22. Mai 2014.)

4. Etappe: Kurdistan

Erdoğan Emir: To Şiya aus: Tanık (‚Traurig‘); 2010

Text mit englischer Übertragung

Freie Übertragung aus dem Englischen:

Du bist fortgegangen

/ Es war Sommer, als du fortgegangen bist
und ich blutige Tränen geweint habe. /

/ Ich rufe nach dir wie ein Kuckuck,
nur die Sterne erhören meine Wünsche
und erzählen mir von dir. /

/ Wer, wenn nicht du, kann meine Seele verstehen?
Du bist die Lösung all meiner Probleme. /

In der Dämmerung scheint die Sonne hinter den Bergen.
Ich erinnere mich an dein Gesicht,
die Welt verdunkelt sich für mich.
Ich steige durch die Berge, ich steige auf in den Wind
und bitte die Vögel, meine Seele zu dir zu tragen.

/ Wer, wenn nicht du … /

Link zu Umweltzerstörungen in Dersim : Ayboğa, Ercan: Dersim – Wenn eine ganze Provinz überflutet wird. In: Nadir.org, 2010

5. Etappe: Frankreich

Charles Aznavour: Emmenez-moi* aus: Entre deux rêves (‚Zwischen zwei Träumen‘); 1967

Live 1968:

weiteres Video:

Liedtext

Übersetzung:

Nehmt mich mit

An den Docks, wo die Last und die Langeweile
meinen Rücken beugen,
kommen sie an, die Schiffe
die Bäuche voll mit reifen Früchten.

Sie kommen vom anderen Ende der Welt
und bringen ihre Vagabundenträume mit,
aus Himmeln,
die im blauen Glanz der Wunder schimmern.

Es umweht sie ein würziger Duft
aus unbekannten Ländern
und ewigen Sommern,
wo man fast ohne Kleider lebt
an den Stränden.

Ich, der ich mein ganzes Leben lang
nur den Himmel des Nordens gesehen habe –
wie gerne würde ich das Grau aus ihm herauswaschen
und zu neuen Ufern aufbrechen!

Nehmt mich mit ans Ende der Welt,
nehmt mich mit in das Land der Wunder!
Mir scheint, dass das Elend
weniger schmerzt, wenn die Sonne mich anlacht.

Bei Einbruch der Nacht, in den Kneipen,
wenn man, ein Glas in der Hand,
mit den Seeleuten
über die Mädchen und die Liebe plaudert,

verschwimmen die Dinge vor meinen Augen,
und plötzlich
entführen mich meine Gedanken
in einen wunderbaren Sommer
am Strand,

wo ich mit ausgestreckten Armen
der Liebe nachschaue, die wie von Sinnen
vor mir her läuft.
Und ich hänge mich meinem Traum
an den Hals.

Wenn die Kneipen schließen und die Seeleute
wieder an Bord gehen,
träume ich, am Hafen stehend,
noch bis zum Morgen weiter.

Nehmt mich mit …

Um fortzukommen, werde ich eines schönen Tages
auf einem klapprigen Kahn,
auf dem jede Planke ächzt,
als Heizer anheuern

und den Weg einschlagen,
der mich zu meinen Kindheitsträumen führt,
zu den fernen Inseln,
wo nichts wichtig ist
außer dem Leben;

wo schmachtende Mädchen
einem das Herz bezirzen
und dabei, wie ich gehört habe,
berauschende Blumenkränze flechten.

Ich werde fliehen und meine Vergangenheit hinter mir lassen
ohne eine Spur von Gewissensbissen,
ohne Gepäck und mit befreitem Herzen,
aus dem ich singen werde mit ganzer Kraft.

Nehmt mich mit …

*   Da es zu dem Text schon einige Übersetzungen gibt, habe ich mir bei der Übertragung ins Deutsche etwas mehr Freiheit gegönnt, um der poetischen Qualität des Originals näher zu kommen.

Bild: Dersim. Quelle: Fotos San Francisco State University