Martin Luther, ein deutscher Held (?)

Was feiern wir eigentlich im Lutherjahr

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„Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung (…).“ [1] Diese einst von Adolf Hitler geäußerte Ansicht scheint auch die evangelische Kirche zu teilen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie zur Feier des Reformators nicht nur ein Lutherjahr, sondern gleich eine ganze Lutherdekade ausgerufen hat?

Unabhängig davon, wie man zu Martin Luther steht, darf man bezweifeln, dass er selbst die Feierlichkeiten gutgeheißen hätte. Denn der Jubilar wird dabei ja nicht nur wie ein Heiliger, sondern fast schon wie ein Gott verehrt. Luther aber war ein scharfer Kritiker des Heiligenkults, in dem er eine Abkehr vom Wesen des christlichen Glaubens und ein Fortleben heidnischer Glaubenspraktiken erkannte. Was hätte er da wohl zu einer Feier gesagt, deren überbordendes Zeremoniell auf der Magie der doppelten Null (500 Jahre Lutherthesen!!!) beruht?

Es soll hier keineswegs bestritten werden, dass Martin Luther den Gläubigen in vielem wichtige geistige Anregungen gegeben, dass er mit seiner Kirchenkritik konkrete Missstände benannt und zu deren teilweiser Überwindung beigetragen hat. Dies gilt zunächst für seine eigene Zeit, in der er geholfen hat, den Ablasshandel einzudämmen sowie die Selbstherrlichkeit und Selbstbedienungsmentalität kirchlicher Würdenträger zurückzudrängen. Da es auch heute noch genügend Bischöfe gibt, die Wasser predigen und Wein trinken, ist diese Kritik nach wie vor aktuell. Dies gilt in gleichem Maße für seine Auseinandersetzung mit dem Zölibat, das Luther als Ausdruck der Doppelmoral einer Institution, die Lustknaben und heimliche Geliebte bei ihren Priestern duldet, ihnen jedoch den Bund der Ehe versagt, brandmarkte.

Bei alledem darf jedoch nicht vergessen werden, dass Luther eben kein neuer Jesus war, den Gott auf die Erde geschickt hat, um den Gläubigen den rechten Weg zu weisen. Seine Klerusschelte war vielmehr nur der Kulminationspunkt einer langen Reihe kritischer Auseinandersetzungen mit einer verweltlichten, in Dogmen erstarrten Kirche, die von der Gründung neuer Mönchsorden (speziell der Bettelorden) über die häretischen Bewegungen der Katharer oder auch der Hussiten bis zu den Humanisten des 15. Jahrhunderts das ganze Mittelalter hindurch virulent waren.

Dass Luther mit seiner Kritik den Anstoß für Reformen und eine Kirchenspaltung gab, während noch Johannes Hus ein Jahrhundert zuvor auf dem Konstanzer Konzil den Scheiterhaufen hatte besteigen müssen, hatte indessen auch machtpolitische Gründe. Die Diskussion um Luthers Aufruf zu einer Kirchenreform fiel in eine Zeit, in der Kaiser Karl V., dessen Imperium das Deutsche Reich, Spanien, die Niederlande und Teile des heutigen Italiens umfasste, das letzte Mal die Idee einer christlichen Universalherrschaft verkörperte. Um ein Gegengewicht zu diesem mächtigen Herrscher zu schaffen, unterstützten zahlreiche deutsche Territorialherren Luthers Reformationsbemühungen. Auch der französische König Franz I., damals in Europa der wichtigste Gegenspieler Karls V., ging aus diesem Grund zunächst nicht entschieden gegen die Reformation vor. Das Kalkül dahinter war, dass ein christlicher Herrscher notwendigerweise geschwächt werden müsste, wenn die Pfeiler des Glaubens, mit dem er seine Macht legitimierte, ins Wanken gerieten.

Luthers Glaubenslehre kam den deutschen Fürsten allerdings nicht nur dadurch zugute, dass sie sich für eine Eindämmung der Zentralgewalt nutzen ließ. Vielmehr ließ sich aus ihr auch unmittelbar eine Legitimierung ihres absoluten Herrschaftsanspruchs ableiten. Denn zwar ist ein zentrales Element der lutherschen Lehre eine Stärkung der einzelnen Gläubigen, die dazu ermutigt werden sollen, selbst und ohne Vermittlung kirchlicher Würdenträger Zwiesprache mit ihrem Gott zu halten – eben zu diesem Zweck hat Luther ja auch die Bibel ins Deutsche übersetzt. Diese Schwächung der klerikalen Autoritäten verband Luther jedoch mit der expliziten Aufforderung zur Unterwerfung unter die weltlichen Autoritäten. Da er in deren Stärke die Garantie für die Freiheit des Glaubens sah, dekretierte er unmissverständlich, dass „jedermann (…) der Obrigkeit untertan“ zu sein habe. [2]

Diese Idee wurde spätestens durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 ad absurdum geführt. Denn die dabei festgeschriebene Maxime „cuius regio, eius religio“ – durch welche die Untertanen gezwungen wurden, den Glauben des jeweiligen Landesherrn anzunehmen – sprach der lutherschen Vorstellung eines individuellen Wegs zu Gott natürlich Hohn. Stattdessen erwuchs hieraus ein neues Bündnis zwischen Territorialstaaten und Kirche, und zwar unabhängig von der jeweiligen Konfession. Bis zu einem gewissen Grad wurde der Aufstieg der neuen Territorial- und späteren Nationalstaaten sogar durch dieses Bündnis erst ermöglicht, da die neuen Nationalkirchen dem Nationalgefühl erst den nötigen geistig-emotionalen Überbau verliehen.

Auch hier waren Luthers Gedanken nicht der Auslöser, sondern nur der Katalysator einer Entwicklung, die sich über Investiturstreit, Schisma und die Machtkämpfe zwischen Kaiser und Kurfürsten das ganze Mittelalter über hingezogen und das Ideal einer christlichen Universalkirche sukzessive geschwächt hatte. Und wenn auch der Gedanke einer Universalherrschaft unter christlichem Vorzeichen die Überfälle auf nicht-christliche Länder – wie in den Kreuzzügen – ideologisch legitimiert hat, so haben doch auch die neuen Nationalstaaten nicht zu einem friedlicheren Umgang der Völker miteinander beigetragen. Mit der Gründung des Völkerbunds und später der Vereinten Nationen ist daher im 20. Jahrhundert der Gedanke einer universellen Verständigung der Völker in säkularisierter Form wiederaufgegriffen worden.

In der Summe ist so das luthersche „sola fide“ am Ende teuer erkauft worden. Zwar führte die geringere Gewichtung kirchlicher Autoritäten bei der Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten zu einer geistigen Stärkung des Individuums und förderte so auch allgemein das selbständige Denken. Dieses konnte jedoch ebenso wenig für eine Kritik sozialer oder politischer Missstände genutzt werden wie dafür geeignete religiöse Texte, da Luther dem Primat des individuellen Glaubens eine unbedingte Unterordnung unter die Obrigkeit an die Seite stellte, die geistige Freiheit also nur im privaten Bereich zur Entfaltung kommen lassen wollte.

In der Folge ist es Katholiken vielfach leichter gefallen als Protestanten, sich gegen Unrechtsregime aufzulehnen. Denn während Luther die Unterwerfung unter die weltlichen Herrscher lehrte, gilt für Katholiken das Primat der außerweltlichen, göttlichen Herrschaft auch im innerweltlichen Bereich: Wo Letzterer in seiner Inhumanität der Friedensbotschaft des Neuen Testaments widerspricht, ist es die Pflicht eines gläubigen Christen, sich gegen das Unrecht aufzulehnen.

Problematisch waren die Auswirkungen des „sola fide“ allerdings auch noch in anderer Hinsicht. Um dem Ablasshandel den Boden zu entziehen, lehrte Luther, dass Vergebung nur dadurch zu erlangen sei, dass der Einzelne sich im Glauben seinem Gott anvertraue und auf dessen Gnade hoffe. Nur aus dieser heraus sei dann auch tätige Reue denkbar. Dadurch wurde die Ablasslogik gewissermaßen auf den Kopf gestellt: Während dieser zufolge die gute Tat – verstanden im Sinne einer Spende an die Heilige Mutter Kirche – die Voraussetzung für die Erlangung des Seelenheils war, war nach Luther die gute Tat nur ein mögliches Resultat der göttlichen Vergebung.

Damit aber entfiel für die Gläubigen auch der entscheidende Beweggrund für die gute Tat. Wenn sie nach inniger Versenkung in ihren Gott kein Bedürfnis nach Wohltätigkeit verspürten, konnte eben dies als Gottes Wille gedeutet werden. Von da aus ist der Weg zur calvinschen Prädestinationslehre, der zufolge materieller Wohlstand ein Zeichen der Auserwähltheit durch Gott ist, gar nicht so weit, wie es die Anhänger Luthers glauben machen wollen.

Luther selbst hat seine Vorstellung von geistiger Freiheit im Glauben bei gleichzeitiger Einwilligung in soziale Unfreiheit vor allem im Rahmen der Bauernkriege vor Augen geführt. Als die Bauern, angeführt von dem Prediger Thomas Müntzer, die reformatorische Kritik an Autoritäten auch sozial deuteten und eine Reduzierung von Abgabenlast und Frondiensten, ferner ein Ende der Leibeigenschaft und nicht zuletzt auch die freie Wahl der Gemeindepfarrer forderten, bezog Luther klar Position gegen die Aufständischen.

Dies wird von protestantischer Seite zuweilen als Versuch zur Deeskalation gedeutet, als Appell, den Konflikt auf friedliche Weise zu lösen. Dafür hätte Luther sich jedoch selbst einer diplomatischeren Ausdrucksweise bedienen müssen. Stattdessen hat er unverblümt zur Gewalt gegen die Bauern aufgerufen, indem er forderte, man solle „die mörderischen und räuberischen Rotten (…) zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich.“ Es gebe nichts „Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres“ als „einen aufrührerischen Menschen.“ Diesen müsse man deshalb „wie einen tollen Hund totschlagen.“ [3]

In ähnlicher Weise hat Luther auch – man kann es kaum anders ausdrücken – gegen Menschen jüdischen Glaubens gehetzt. Bestand der Verdacht, dass diese sich taufen ließen, innerlich aber ihrem Glauben treu blieben, wollte er den Betreffenden „an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams.“ [4] In seiner 1543 erschienenen Schrift Von den Juden und ihren Lügen diffamiert er seine jüdischen Mitbürger pauschal als Faulenzer, die andere für sich arbeiten lassen und so „Geld und Gut gewinnen. Dieweil sitzen sie hinter dem Ofen, faulenzen (…) und braten Birnen, fressen, saufen, leben sanft und wohl von unserem erarbeiteten Gut, spotten dazu und speien uns an, dass wir arbeiten.“ [5] Wenn man einen Juden sehe, so heißt es in derselben Schrift, müsse man sich stets vergegenwärtigen, dass dessen „Maul (…) dieses Tages vielmal auf die Erde gespeit“ habe „über dem Namen Jesu (wie sie pflegen), dass ihm der Speichel noch in Maul und Bart hängt (…).“ [6]

Damit „wir alle der unleidlichen, teuflischen Last der Juden entladen werden“, formuliert Luther am Ende seiner Schrift in sieben Punkten eine Art Sofortprogramm. Darin wird u.a. gefordert, „dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehe ewiglich“. Außerdem solle man ihnen „alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold“ nehmen; denn „alles was sie haben (…), haben sie uns gestohlen durch ihren Wucher.“ [7]

Dass Adolf Hitler in Luther eben deshalb „das größte deutsche Genie“ [8] sah, weil dieser „den Juden“ so gesehen habe, „wie wir ihn heute erst zu sehen beginnen“ [9], ist vor diesem Hintergrund kaum verwunderlich.

Luthers antisemitische Hetztiraden werden von protestantischer Seite keineswegs geleugnet – dafür sind sie mittlerweile auch viel zu präsent in der Öffentlichkeit. Behauptet wird jedoch, dass das insgesamt segensreiche Wirken des Reformators die ‚dunklen‘ Aspekte seines Wesens überstrahle. Dies ist indessen gerade in Deutschland eine recht merkwürdige – um nicht zu sagen: anstößige – Argumentationsweise. Sie folgt dem Muster einer anderen, nach dem Zweiten Weltkrieg lange sehr beliebten rhetorischen Verteidigungslinie: Ja, Hitler hatte seine Fehler – aber immerhin hat er den Deutschen die Autobahnen geschenkt.

Hinzu kommt, dass Martin Luther seine Mitmenschen auch ansonsten nicht gerade mit Nächstenliebe überschüttet hat. So sah er etwa Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen schlicht als „massa carnis sine anima“ an, als seelenloses Stück Fleisch, das vernichtet werden sollte. [10]

Zu Luthers Verteidigung wird in solchen Fällen oft angeführt, dass man ihn nicht nach unseren heutigen Maßstäben beurteilen dürfe. Schließlich seien schon bei den Pestkatastrophen im Mittelalter die Juden als Brunnenvergifter verfolgt worden. Und Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen als „Wechselbälger“ zu betrachten, die der Teufel den Müttern in die Wiege gelegt habe, sei damals allgemein üblich gewesen.

Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass derartige Denkmuster schon damals von humanistischen Denkern hinterfragt worden sind. Außerdem beruht die Lutherverehrung doch wohl nicht darauf, dass er in allem ein Kind des Mittelalters war, sondern gerade auf der angeblich über dieses hinausweisenden Kraft seines Denkens.

Man kann kaum leugnen, dass die Gedanken Martin Luthers ihre Spuren in der deutschen Kultur und Geschichte hinterlassen haben. Luther hat uns unsere Untertanenmentalität eingebläut, er hat uns gelehrt, der Obrigkeit hörig zu sein und uns in die Innerlichkeit zurückzuziehen, ins Private zu emigrieren, während draußen die Mordbrenner ihre Kriegsbeile schwingen. Er hat uns in unserem Antisemitismus bestärkt und uns in unserer Verachtung gegenüber sozial Unterprivilegierten und Ausgegrenzten ermutigt, ebenso wie im selbstgefälligen Abbügeln Andersdenkender.

Insofern ist Luther wohl in der Tat ein bedeutender Vertreter seines Volkes, ein Spiegel, in dem dieses sich wiedererkennen kann. Die Frage ist nur, ob man diese Art von Deutschtum unbedingt eine ganze Dekade lang feiern muss.

Nachweise:

[1]  Eckart, Dietrich: Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, S. 35. München 1924.

[2]  Luther, Martin: Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren (1525); zit. nach der digitalisierten Fassung in der Bayerischen Staatsbibliothek, S. 6.

[3]  Ebd., S. 7.

[4]  Luther, Tischreden, Nr. 1795.

[5]  Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen (1543), hg. von Hans Ludolf Parisius, S. 30 f. München o. J. (um 1931).

[6]  Luther, Von den Juden und ihren Lügen. In: Böhm, Hans-Jürgen (Hg.): Die Lehre Martin Luthers – ein Mythos zerbricht, S. 95. Plech 1994. [Quellensammlung, die auch weitere Dokumente zum Umgang Luthers mit Minderheiten enthält]

[7]  ,Ebd., S. 93 – 95.

[8]  Zit. nach Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators (1996), S. 358. München 1998.

[9]  Eckart, Dietrich, S. 35 (s. Anm. 1).

[10] Luther, Tischreden, Nr. 5207.

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