Fußball und Zuckerwatte

Oder: Lieber eine launische Tante als einen pedantischen Onkel

soccer-2436345_1920 Josh Dick

Was haben Fußball und Zuckerwatte gemeinsam? Beides gefällt einem besser, wenn man nicht weiß, was dahintersteckt.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, mit welchem Appetit ich früher auf dem Rummelplatz meinen Mund in den Zuckerwattebäuschen vergraben habe. Dieses erleichterte Lustgefühl, wenn sich die zähen Fäden allmählich aufgelöst haben und nur eine Süße zurückgeblieben ist, die dann den ganzen Körper geflutet hat …
Fast noch schöner als die Zuckerwatte selbst war die Vorfreude darauf, sie in den Händen halten zu dürfen, der Weg zum Rummelplatz, der in der Stadt stets mit längeren Bus- und U-Bahn-Fahrten verbunden war. Dieser Gedanke an den großen Zuckerwattewirbel, aus dem der Zuckerwattezauberer mir kunstvoll den nur für mich bestimmten Zuckerwattetraum flechten würde …
Beim Fußball war es lange ähnlich. Vor großen Spielen war ich oft den ganzen Tag lang aufgeregt. Am Abend vorher konnte ich, die möglichen Spielentwicklungen und Konstellationen, die sich im Vergleich zu den anderen Spielpaarungen ergaben, durchspielend, kaum einschlafen. Leider waren die Fußballträume schon damals nicht so berechenbar wie die Zuckerwatteträume. Wie viele Träume sind zerplatzt, nur weil der Ball auf der einen Seite vom Innenpfosten wieder ins Feld gesprungen ist und dann auf der Gegenseite im Netz gezappelt hat! Andererseits war das natürlich auch der besondere Reiz des Fußballs. Er war stets ein bisschen wie eine launische Tante, bei der man nicht wissen konnte, ob sie einen mit einem Stück Kuchen oder mit einem Tadel für das dreckige T-Shirt begrüßen würde.
In dieser Hinsicht ist die Zuckerwatte dem Fußball bis heute überlegen. Sie erfüllt stets die Erwartungen, sie ist, was sie ist. Das Problem ist nur, dass man heute eben auch weiß, was man isst, weil sie ist, was sie ist. Natürlich hat sich seit den Kindertagen auch der Geschmack verändert. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, würden die strengen Mahnungen der Gesundheitswächter und das Wissen um die ausbeuterischen Machenschaften der Zuckerbarone die Zuckerwattenträume wohl zerplatzen lassen, bevor ich auch nur daran denken könnte, in einen hineinzubeißen.
Dies ist beim Fußball nicht anders. Je mehr ich hinter die Fassade des unschuldig wirkenden Geckickes blicke, desto weniger gelingt es mir, mich in meinen Fußballträumen zu verlieren. Manchmal versuche ich deshalb schon, wegzuhören, wenn das nächste gigantomanische Gaga-Projekt von Gianni Infantino durch die Gazetten geistert. All die neuen Wettbewerbsformate, die er sich mit seiner dividendensüchtigen Kamarilla ausdenkt, kann doch sowieso kein Mensch mehr ernst nehmen. Leider ist das aber nun einmal das Gesicht des modernen Fußballs, ob es nun Infantino heißt oder Grindel oder Mateschitz oder Hopp …
Das Problem ist, dass der Fußball, angenagt von den Finanzheuschrecken, eben auch nicht mehr die Süßigkeit der Rummelplatzzuckerwatte verströmt. Vieles an ihm ist schal geworden. Dies liegt auch daran, dass er heute kaum noch der oben erwähnten launischen Tante gleicht, sondern eher dem buchhalterischen Onkel, der einem das Taschengeld auf den Pfennig, sorry: Cent genau abzählt. Du brauchst ihn deshalb im Grunde gar nicht mehr zu besuchen – denn es ist ja schon vorher klar, was du von ihm zu erwarten hast. Letztlich könnte er dir das Geld auch einfach überweisen.
Ja, der Fußball ist berechenbar geworden. Er funktioniert heute im Wesentlichen nach dem Muster: Zeig mir dein Konto, und ich sage dir, wo du landen wirst. Klar, es gehört auch jemand dazu, der weiß, wofür man das Geld ausgeben muss, ohne Sachverstand geht es nicht. Aber auch dieser Jemand lässt sich bekanntlich für Geld kaufen – der Kreis schließt sich, die Top-Klubs bleiben unter sich. Aufgefrischt wird ihre Inzucht allenfalls durch ein paar Milliardäre aus Tausendundeiner Nacht oder Tausendundeinem Aktienportfolio, die sich einen Top-Klub als Spielzeug und Renditeobjekt halten. Relative Ausnahmen – wie zuletzt Leicester City oder auch Eintracht Frankfurt (bei denen es sich allerdings auch nicht gerade um arme Kirchenmäuse) handelt – werden mit fast schon religiöser Erlösungssehnsucht gefeiert.
Leider bleibt diese Vermischung von Fußball und Finanzwelt nicht ohne Auswirkungen auf das Spiel. Erst neulich habe ich wieder einen Fernsehkommentator anerkennend sagen hören, dass die eine Mannschaft das Spiel der anderen wirkungsvoll „zerstört“ habe. Immer wieder sprechen Spieler und Trainer auch von dem „dreckigen Sieg“, der auch einmal nötig sei, oder davon, dass man auch mal „auf Ergebnis“ spielen müsse, statt immer nur Pirouettenfußball zu präsentieren.
Angesichts der Millionen oder eher Milliarden, die mittlerweile im Fußballgeschäft umgesetzt werden, tritt der spielerische Charakter eben immer mehr in den Hintergrund. Wo mit einem einzigen Tor Millionen gewonnen oder verloren werden können, geht die Unbefangenheit zwangsläufig verloren. An die Stelle des Nervenkitzels des Fans, der seine Mannschaft gewinnen sehen möchte, tritt der Nervenkitzel des Spekulanten, der um seine Rendite bangt. Fußball wird nicht mehr zelebriert, sondern wie ein Aktienportfolio „gemanagt“.
Das Problem ist nur, dass diesen Verwaltungsfußball niemand sehen möchte. Das Spiel lebt von den unerwarteten Wendungen, vom gezeitenhaften Hin und Her der Angriffsreihen, von den Kunstschüssen der Ausnahmekönner. Wenn stattdessen die Siege abgearbeitet werden wie Aktenberge in einem Büro, fühlt sich der geneigte Fan irgendwann wie bei „Verstehen Sie Spaß?“: Soll er wirklich den Bürohengst beim Erklimmen der Aktenberge anfeuern?
Als echter Fan würde man sich solche Fragen vielleicht gar nicht stellen. Das Fan-Sein ist etwas Irrationales, „Liebe kennt keine Liga“, Liebe verzeiht alles, auch die Geldsucht der spielenden Spekulanten, auch die Vortäuschung der Leidenschaft, wenn nur die Liebe irgendwann in Form von Siegen erwidert wird.
Die Entfremdung zwischen Fans und Fußball beruht denn auch weniger auf der emotionalen Grausamkeit der Fußballgötter, die die Liebe der Fans ausnutzen wie eine schöne Frau, die die Männer nach Belieben um den Finger wickeln kann. Der Grund dafür, dass in letzter Zeit immer mehr Fußballverrückte auf Distanz zur Fußballgöttin gehen, ist eher, dass der Fußball sich immer stärker aus dem Alltag zurückzieht. Champions League, Relegationsspiele, Top-Spiele der Bundesliga – alles nur noch im Pay-TV zu sehen. Selbst wenn der Fan noch süchtig genug ist, sich ein teures Abo vom Munde abzusparen, kann er damit nicht alle Spiele sehen, weil die Spiele nach einer kaum nachvollziehbaren Logik auf verschiedene Sender verteilt sind.
Die Folge: Anfangs ärgert man sich, dass man die Spiele nicht sehen kann. Dann aber, nachdem auch das zehnte Spiel in Folge wie erwartet ausgegangen ist und/oder sich als öder Verwaltungsfußball präsentiert hat, stellt sich eher das Gefühl ein, einen Abend gewonnen zu haben, den man ansonsten gelangweilt vor der Glotze vertrödelt hätte. So erwacht man allmählich aus seinem Zuckerwattetraum vom Fußball. Wie eine Frau, die jahrelang einen aufgeblasenen Gockel verehrt hat, schämt man sich ein bisschen und wendet sich dann anderen Liebschaften zu. So schaffen die immer neuen Kapriolen der Fußballspekulanten am Ende selbst die Bedingungen, unter denen die Fußballabhängigen von ihrer Sucht geheilt werden können – wodurch gleichzeitig das Spekulationsobjekt selbst langfristig auch für die Spekulanten seinen Reiz verlieren wird.

 

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