Satire vs. Polemik

Zwei Arten von Lachen

lachende Eule (2)

Seit Jan Böhmermanns Erdoğan-Sketch tobt in Deutschland ein Kulturkampf um die Satire. Dabei werden allerdings auch Darbietungen mit diesem Etikett versehen, die in Wahrheit alles andere als satirisch sind.

Zwei Positionen zur Satire

Seit Jan Böhmermanns Erdoğan-Sketch wird in Deutschland über die Satire diskutiert. Die Debatte bewegt sich zwischen zwei Polen.
Position 1 besagt: Satire muss immer erlaubt sein. Wer sie beschneidet, schränkt damit zugleich die Meinungsfreiheit ein und gefährdet folglich die Demokratie.
Position 2 besagt: Auch für die Satire gibt es Grenzen. Diese sind dort zu ziehen, wo die Satire die Persönlichkeitsrechte anderer verletzt.
Das Problem bei der Debatte ist, dass häufig auch Dinge als „Satire“ bezeichnet werden, deren satirischer Charakter zweifelhaft ist. Deshalb hier ein paar Unterscheidungsmerkmale von Satiren, die vielleicht zur Klärung der Sachlage beitragen können.

Gesellschaftskritischer Charakter der Satire

Ein wesentliches Kennzeichen der Satire ist, dass sie auf humorvolle Weise soziale Missstände kritisiert. Durch eine karikatureske Überzeichnung unterdrückerischer Praktiken oder sozialer Ungerechtigkeit sollen die Strukturen freigelegt werden, die im gesellschaftlichen Alltag durch Verhaltensroutinen oder eine propagandistische Formelsprache der Herrschenden überdeckt werden.
Beispiel: In letzter Zeit ist es üblich geworden, durch ein bestimmtes Framing, also eine tendenziöse Wortwahl, eine positive Deutung neuer Gesetze anzubahnen. In Deutschland grenzt diese Praxis an Realsatire. Sie ist so offensichtlich, dass die Regierung ihre propagandistische Absicht durch ihre Handlungsweise im Grunde schon selbst verrät.
Es ist deshalb naheliegend, hier ein klein bisschen nachzuhelfen und die Versuche, kritische Nachfragen durch positiv klingende Gesetzestexte auszuschalten, bloßzustellen. Ein Beispiel für eine solche Satire wäre etwa: „Regierung verabschiedet Rüstige-Rentner-Gesetz: Statt Rentenerhöhung künftig Ausgabe von Zitronen zur Gesundheitsvorsorge geplant!“
Um deutlich zu machen, was Satire nicht ist, sollten wir uns kurz den umgekehrten Fall vor Augen halten. Nehmen wir also an, die Regierung würde ein Video verbreiten, das alte Menschen Chips fressend vor der Glotze zeigt, um ihre angeblich ungesunde Lebensweise zu entlarven.
Wenn man entsprechende PR-Profis mit dem Vorhaben betraut, ist es durchaus vorstellbar, dass die Regierung damit die Lacher auf ihrer Seite hätte. Der Film würde dabei jedoch keine real vorhandenen Missstände vor Augen führen, sondern unbewiesene Behauptungen verbreiten. Den Attackierten würde selbst die Schuld an ihren Gesundheitsproblemen gegeben, um von Verfehlungen in der Gesundheitspolitik abzulenken. Das Ergebnis wäre folglich keine Satire, sondern reine Polemik.

Keine gruppenspezifische Diffamierung

Die Satire kritisiert immer bestimmte Herrschaftspraktiken. Diese können sich auf konkretes Regierungshandeln, aber auch auf die Strukturen beziehen, die diese Herrschaftspraktiken ermöglichen. In letzterem Fall kann es etwa um die typischen Vitamin-B-Kungeleien, Vetternwirtschaft, Lobbyismus oder Korruption gehen.
Wo die Satire sich auf konkrete Personen bezieht, werden diese nur in verdeckter Form benannt. Denn die Satire ist ja oftmals gerade ein Beleg dafür, dass die direkte Kritik unterbunden wird. So können etwa die jeweiligen Herrscher in Tiergestalt oder im Gewand fiktiver Tyrannen auftreten.
Selbst wo die Satire einzelne Personen benennt, geschieht dies stets so, dass die Person als Symbol für das von ihr mitzuverantwortende System steht. Lächerlich gemacht werden durch die Satire demzufolge die Arroganz der Herrschenden oder das Schulterzucken, mit dem sie soziale Ungerechtigkeit verursachen oder hinnehmen. Unberührt bleiben davon jedoch Eigenschaften der Person, die nichts mit der unterdrückerischen Praxis zu tun haben: ihre religiöse Einstellung etwa oder ihre Hautfarbe.
Wo die Satire sich rassistisch einfärbt oder sich in den Gestus kultureller Überheblichkeit kleidet, verliert sie ihren Stachel. Mit der pauschalen Verunglimpfung anderer Gruppen von Menschen bedient sie sich selbst einer inhumanen Herrschaftspraxis. Sie führt sich damit selbst ad absurdum und macht sich auch für die, gegen die sie sich richtet, leichter angreifbar.

Aufdeckender Charakter der Satire

Ziel der Satire ist es, Missstände, die im politischen Alltag nicht oder nicht hinreichend beachtet werden, durch eine entsprechend übersteigerte Darstellung sichtbar zu machen.
Beispiel: „Forscher enthüllen: Asthma zügelt den Appetit – Feinstaub ein wirksames Mittel gegen Übergewicht!“
Mit einer solchen Pseudo-Nachricht wird gleichermaßen auf die realen gesundheitlichen Gefährdungen durch Feinstaub wie auf deren Verharmlosung hingewiesen. Das Gegenbeispiel wäre etwa ein Film, in dem die Hysterie von Menschen, die sich vor dem angeblich harmlosen Feinstaub fürchten, auf die Schippe genommen wird. Im einen Fall wird eine real vorhandene Bedrohung vor Augen geführt, in letzterem Fall geleugnet. Auch hier steht der Satire wieder die Polemik gegenüber.
Derartige polemische Formen der Leugnung von Problemen nehmen in letzter Zeit immer weiter zu. Nicht nur Trump macht seine Gegner lächerlich, anstatt sich mit ihrer Kritik an seiner Politik auseinanderzusetzen. Auch hierzulande geschieht es immer häufiger, dass unbequeme Forschungsergebnisse ins Lächerliche gezogen werden, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Dies dient jedoch gerade nicht der Demokratie, sondern gefährdet sie in ihrem Kern, indem so die Mündigkeit der Bürger und damit deren Fähigkeit zur Beteiligung am demokratischen Mitbestimmungsprozessen untergraben wird.

Humaner Charakter der Satire

Mit ihrer sozialkritischen Stoßrichtung zielt die Satire auf eine humanere Gesellschaft ab. Ihre Zielvorstellung ist immer eine bessere Welt. Dies schließt persönliche Beleidigungen und gruppenspezifische Diffamierungen aus. Auch Faktenverdrehung und Satire sind ein Widerspruch in sich. Denn der Satire geht es ja gerade um eine Förderung des kritischen Denkens. Dieses wird jedoch durch eine Verschleierung oder Verfälschung von Tatsachen erschwert.

So bleibt festzuhalten: Nicht jede überzeichnende Darstellung der Wirklichkeit ist eine Satire – unabhängig davon, wie komisch sie auf Einzelne wirken mag. Ansonsten wären auch Judenwitze und Schulhof-Mobbing satirisch.
Gerade dann, wenn etwas uns spontan zum Lachen anregt, sollten wir noch einmal innehalten und uns fragen, was an der Darbietung so mitreißend war. Denn das Lachen ist eine positive Emotion. Es kann sehr gut als trojanisches Pferd genutzt werden, durch das vergiftete Botschaften in unser Gehirn eingeschleust werden.

 

Bild: Unisono 81: Lachende Eule

4 Kommentare

  1. Danke für diese Klarstellung. Wir haben es mit einer völlig verdrehten Debatte zu tun. Wenn rechte Gruppen Bashing betreiben oder einen diskriminierenden Humor an den Tag legen, wird es als das benannt, was es ist: Ausgrenzung, Rassismus. Wenn vermeintlich linke Menschen rassistische Klischees einsetzen (Böhmermann) oder eine Gruppe bashen (Oma-Chor), dann wird das zur Satire erklärt und sogar bei Kritik so hehre Begriffe wie die „Kunstfreiheit“ bemüht. Humanität ist aber unteilbar und Satire hat die Herrschaftsnormen anzugreifen. Was lernen wir daraus: Auch „Linke“ können Rassisten sein, Vorurteile kultivieren und eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer) an den Tag legen. Sie beherrschen nur die hohe Kunst des Framings und der Verschleierung ihrer Ausgrenzungslust wesentlich besser.

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  2. Ich bin mit der theoretischen Bestimmung der Satire nicht einverstanden. Satire ist Verspottung mit den Mitteln der Überhöhung. Daher hat die Satire immer schon des Lachen der Spötter und immer schon das Missfallen der Verspotteten erregt. Das Machwerk, das obigen Beitrag ausgelöst hat, ist durchaus eine Satire, auch wenn es ein mieses Machwerk ist und eine Satire der Herrschenden gegen die Unterdrückten, die solche Machwerke auch noch zu finanzieren gezwungen sind. Die Satire gegen die Alten gibt es schon seit Jahrhunderten. Die Satire gegen die Frauen gibt es seit Jahrtausenden. Da die Satire gegen Menschen, die Fleisch essen und Auto fahren, neu ist und die Leute erst lernen müssen, dass sie darüber lachen sollen, wurden die Satire gegen die Alten und die Satire gegen die Frauen reaktiviert, damit sie der grünen Satire, die noch ein zartes Pflänzlein ist, als Vehikel dienen.
    Die Bezeichnung „Satire“ ist kein Qualitätsiegel. Die Schriftstellerin Angelika Janz hat für meinen Blog einen Text geschrieben, der keine Satire ist, weil er nichts überhöht, sondern die Dinge einfach nur präzise benennt. Er ist schärfer als die zahnlose Satire des WDR:
    https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2020/01/05/windburger-wer-ist-das/

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  3. Ich habe mich beim Presserat über die beleidigenden Äußerungen von Mely Kiyak in „Windkraft ist Petting mit der Atmosphäre“ beschwert:
    https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2019/12/02/beschwerde-beim-presserat-uber-mely-kiyak-windkraft-ist-petting-mit-der-atmosphare/
    Daraufhin hat mir der Presserat mitgeteilt, dass es sich nicht um beleidigende Äußerungen, sondern um eine Satire handle, die durch die Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit geschützt sei. Ich habe dieses Erlebnis in einer Satire in Mely-Kiyak-Manier verarbeitet:
    https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2020/01/28/der-presserat-bewertet-mely-kiyaks-hetzartikel-als-satire/
    Daraufhin hat mir der Presserat mitgeteilt, dass es sich bei meiner Satire um beleidigende Äußerungen handle. Ich habe den Presserat gebeten, mir die Kritierien zu nennen, nach denen man eine Satire von beleidigenden Äußerungen unterscheidet:
    https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2020/02/04/der-presserat-bewertet-eine-satire-auf-den-presserat-nicht-als-satire-sondern-als-beleidigende-auserungen/

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