Kleidung und Persönlichkeit

Wie wir uns durch die Kleidung formen – und wie die Kleidung uns formt

Kleidung ist nicht nur einfach ein Mittel zur Bedeckung des Körpers. Die Art der Bekleidung ist vielmehr stets auch ein Ausdruck der Persönlichkeit. Dies wirft auch die Frage auf, was es mit uns macht, wenn uns diese Möglichkeit des individuellen Ausdrucks ganz oder teilweise genommen wird.

Die Nonne und das Mini-Kleid

Vom Sinn der Uniformierung

Geistliche Kleidung

Muslimische Kleiderordnungen

Kleidernormen für Frauen

Ungeschriebene Kleiderordnungen

Kleidung und Identität

Kleidung und Corona

Geraubte Individualität

Die Nonne und das Mini-Kleid

Der menschliche Geist neigt dazu, das Äußere gering zu schätzen. Sein Vorbild ist Diogenes, der, unbesorgt um seine äußere Erscheinung, in seiner Tonne lebte und sich lediglich darum kümmerte, dass niemand einen Schatten auf sein durchgeistigtes Leben warf.
Die wahren Werte sind in uns, das Äußere ist bloßer Schein, etwas, das uns von der Konzentration auf das Wesentliche abhält. So weit der hehre Anspruch des Geistes. Aber wozu gibt es dann die Mode? Warum werfen wir uns nicht alle einfach Kartoffelsäcke über, um unsere Blöße zu bedecken?
Nein, unsere Kleidung ist immer auch ein Zeichen unserer Persönlichkeit. Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen: Sie formt unsere Persönlichkeit bis zu einem gewissen Grad.
Wenn eine Nonne ein Mini-Kleid anzieht, hat dies durchaus auch Rückwirkungen auf ihre Selbstwahrnehmung. Nicht anders ist es mit der Hippie-Frau, die sich einen Nonnenhabit überwirft. Die Kleidung markiert hier nicht nur einen Einschnitt im Leben der Person. Sie lässt diesen vielmehr erst lebendig werden und verstetigt ihn so in einem sich selbst verstärkenden Prozess.

Vom Sinn der Uniformierung

Wie stark die Kleidung unsere Persönlichkeit prägt und zu deren Entfaltung beiträgt, lässt sich am besten dort beobachten, wo uns diese Ausdrucksmöglichkeit genommen wird. Die Einheitskleidung in Strafkolonien besagt eben, dass die Gefangenen ihre Persönlichkeit nicht mehr frei ausdrücken können. Die Unterdrückung ihrer Individualität ist ein Teil der Unfreiheit, die ihnen als Strafe auferlegt worden ist.
Eine vergleichbare Situation haben wir beim Militär. Zwar gibt es hier Rangabzeichen und mitunter auch verschiedenfarbige Uniformen, die unterschiedliche Positionen in der Hierarchie markieren. Gerade die Tatsache, dass Individualität sich in diesem Fall nur in Kategorien von Macht und Befehlsgewalt niederschlägt, zeigt jedoch, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit stark eingeschränkt ist. Was zählt, ist nicht das Individuum mit seinen komplexen Möglichkeiten, sondern gerade dessen Unterordnung unter den Zweck des Militärapparats.

Geistliche Kleidung

Einheitskleidung haben wir auch im geistlichen Bereich. In den Klöstern spiegelt sie die Absage an die irdische Welt und die Konzentration auf das Göttliche wider, in der Amtskirche die Würde der Gottesdienerschaft.
Allerdings gibt es auch hier Unterschiede. Verschiedenfarbige Gewänder markieren nicht nur die jeweilige Stellung in der Kirchenhierarchie. Insbesondere bei Bischöfen, Kardinälen und nicht zuletzt beim Papst bezeichnen sie vielmehr auch die veränderte Nähe zum Göttlichen. Damit verweist die äußere Veränderung auch in diesem Fall – zumindest theoretisch – auf eine analoge innere Wandlung.
Militärischer und kirchlicher Bereich unterscheiden sich aller¬dings in einem Punkt grundsätzlich von der Einheitskleidung in den Strafkolonien: In letzterem Fall ist die Einheitskleidung ein Teil der Strafe, in ersterem Fall ein freiwillig gewähltes Signum der Zugehörigkeit zu einer übergeordneten Gemeinschaft.
Nur dort, wo es einen von außen auferlegten Zwang zum Tragen einer bestimmten Kleidung gibt, dem sich das Individuum nicht entziehen kann, setzen die entsprechenden Gebote folglich den Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit eine absolute Grenze: Der Mönch kann das Kloster jederzeit verlassen, der Sträfling bleibt an die Strafkolonie gebunden.

Muslimische Kleiderordnungen

Kleiderordnungen gibt es freilich nicht nur für bestimmte Gemeinschaften und Berufsgruppen. Auch im gesellschaftlichen Alltagsleben schränken eine Reihe geschriebener und ungeschriebener Regeln die Freiheit der Kleiderwahl ein – was indirekt die Bedeutung der Kleidung für die freie Entfaltung der Persönlichkeit unterstreicht.
Besonders intensiv ist über dieses Thema in den letzten Jahren in Bezug auf Frauen in der islamischen Welt diskutiert worden. In der Tat ist es ein massiver Angriff auf die Freiheit der Frau, wenn diese dazu genötigt wird, ihren Körper unter blickdichten Säcken zu verstecken. Abgesehen von den gesundheitlichen Schäden, die dies insbesondere bei großer Hitze verursachen kann, wird die Frau hiermit vollständig der Verfügungsgewalt des Mannes unterworfen. Indem ihr die Möglichkeit zum freien Ausdruck der Persönlichkeit abgesprochen wird, wird diese selbst negiert.

Kleidernormen für Frauen

Allerdings muss man hier differenzieren. Dort, wo von den Frauen nur allgemein „züchtige“ Kleidung und das Tragen eines Kopftuchs erwartet wird, ist ein vielfältiges Spiel mit den Kleidervorschriften möglich. Hier kann durchaus eine Form von Mode entstehen, die mit Variationen des körperlichen Erscheinungsbildes auch die jeweilige Individualität der Frauen zur Geltung bringen kann. Indem dadurch die Grenzen der freien Entfaltung sukzessive erweitert werden können, kann die Mode zugleich als Mittel des Widerstands gegen die Zwänge genutzt werden, die Frauen von einer patriarchalen Ordnung auferlegt werden.
Hinzu kommt, dass durch die Kritik an muslimischen Kleidervorschriften die Kleidernormen in den Hintergrund gedrängt worden sind, denen Frauen auch in der westlichen Welt ausgesetzt sind. Gerade die Diskussion um den Burkini hat gezeigt, dass es für westliche Frauen mittlerweile eine Art Erwartungsdruck zum Zeigen nackter Haut gibt, der den ursprünglichen Idealen der Emanzipation zuwiderläuft.

Ungeschriebene Kleiderordnungen

Auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen stößt die viel beschworene westliche Freiheit an ihre Grenzen, wenn es um die Kleiderwahl geht. Einem Handwerker, der nicht im Blaumann, sondern in Lederkluft bei uns vorfährt, würden wir spontan misstrauen. Ein Angestellter, der bei einem Betriebsausflug nicht in „casual wear“ erscheint, sondern im Designer-Anzug auftrumpft und damit den Chef in den Schatten stellt, würde An¬stoß erregen. Ein Spitzenmanager, der die Vorstandssitzung in Shorts und Feinripp-Unterhemd leiten wollte, könnte wahrscheinlich anderntags seine Sachen packen.

Kleidung und Identität

Dies alles zeigt: Die Kleidung dient nicht nur dem freien Ausdruck der Persönlichkeit. Vielmehr spiegeln sich in ihr auch in vielfältiger Weise die faktischen Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums wider. Wenn wir uns verkleiden, schlüpfen wir vorübergehend in eine andere Identität. Wir tun dann nicht nur so, als wären wir jemand anderes – bis zu einem gewissen Grad sind wir dann auch tatsächlich eine andere Person.
Eben weil eine veränderte Kleidung die Grenzen der Person fließend macht und die Einzelnen dann nicht mehr so eindeutig mit dem Bild identifizierbar sind, dass ihr Umfeld sich von ihnen macht, ist das Tragen von Kleidung in allen Gesellschaften in irgendeiner Weise reglementiert – mal in strengerer, expliziter Form, mal unausgesprochen-aushandelbar. Immer aber hängt die individuelle Freiheit, die sich in der Kleidung ausdrückt, in ihrer Entfaltung von den sozialen Normen ab, die dafür gesetzt worden sind.

Kleidung und Corona

Die Corona-Krise hat unseren Blick auf die Kleidung radikal verändert. Haben wir uns wirklich noch gestern über die verschleierten Gesichter muslimischer Frauen aufgeregt? Heute jedenfalls wirkt auch auf uns jedes unmaskierte Gesicht, das sich uns in unverstellter Nacktheit präsentiert, fast schon obszön.
Mit dem Zwang zur ständigen Maskierung ist es auch ungleich schwerer geworden, die Kleidung für einen Ausdruck der Persönlichkeit zu nutzen. Wenn alle Gesichter wie Schnabeltassen aussehen, wirkt eine besonders ausgefallene Kleidung allenfalls karikaturesk. Als individuelles Zeichen taugt sie nicht mehr.

Geraubte Individualität

Damit aber wird auch deutlich, was der permanente Maskenzwang für uns bedeutet und was er auf die Dauer mit uns macht: Er beraubt uns bis zu einem gewissen Grad unserer Individualität.
Dies hat nicht nur Folgen auf der Ebene der einzelnen Subjekte, die so von einem Teil ihrer Persönlichkeitsentfaltung abgeschnitten werden. Vielmehr ergibt sich durch die kastrierte Individualität auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ein erhebliches Gefahrenpotenzial.
Die Negierung der individuellen Unterschiede ist eines der zentralen Fundamente totalitärer Staaten. Wo die Einzelnen gesichtslos sind, bleibt am Ende nur eine unförmige Masse übrig, die mit uniformen Gesetzen und Algorithmen gelenkt und geformt wird. Auch hierzu gibt es in der Corona-Krise bereits zahlreiche Ansätze.
So bleibt nur die Hoffnung auf unser inneres Widerstandspotenzial. Darauf, dass wir trotz aller Uniformierungstendenzen am Ende wieder jene menschliche Buntheit ausleben, die uns die Kleidung bis vor einem Jahr noch auszudrücken erlaubt hat. Darauf, dass die Coronakrise unseren lange zurückgestauten Drang nach individuellem Ausdruck eventuell sogar eher verstärkt, anstatt ihn dauerhaft zu unterdrücken.

Bilder: Pixabay: Free-Photos. trendy; Ed Uthman: Studentinnen auf dem Campus des Freshman Colleges in Memphis/Tennessee, 1973 (Wikimedia commons); Drei Nonnen im Convent of the Holy Faith, einem Kloster im Dubliner Stadtviertel Glasnevin, Juni 1915 (Dublin, National Library of Ireland); Félix Régamey (1844 – 1907): Amerikanische Skizzen: Gefängnisalltag auf Blackwell’s Island, Nr. 1: Rückkehr von der Arbeit; Holzschnitt (London, Well­come Library no. 37745i); Myousry6666: Frau mit Burkini, Juli 2018 (aus der Themenreihe  „Play“ auf Wikimedia commons; Beitrag aus Ägypten); Hans Braxmeier. Sportler, Thomas G.: Schaufensterpuppen

7 Kommentare

  1. Danke! Ausgezeichnet auch der Exkurs in die Gegenwart. Ich stimme zu: „Die Negierung der individuellen Unterschiede ist eines der zentralen Fundamente totalitärer Staaten. Wo die Einzelnen gesichtslos sind, bleibt am Ende nur eine unförmige Masse übrig….“

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