Traband: Černej pasažér (Der blinde Passagier)

Auf zu neuen Ufern!Musikalische Sommerreise 2021 – Etappe 5

Der Song Černej pasažér (Der blinde Passagier) der tschechischen Band Traband führt etwas vor, das wir in unserer an Absurditäten reichen Zeit vielleicht ganz gut gebrauchen können: das Kunststück, seinen Humor auch dann zu behalten, wenn das Leben einen an der Nase herumführt.

Mitte der 1990er Jahre gründete der Songschreiber, Sänger und bildende Künstler Jarda (Jaroslav) Svoboda (geb. 1966) die Band Traband. Der Name leitet sich ab aus der Anfangszeit der Band, als diese als Trio auftrat. Aus „Trio-Band“ wurde später, in Anlehnung an den ostdeutschen „Trabi“, „Traband“.
In dem 2004 herausgebrachten Lied Černej pasažér (Der blinde Passagier) geht es um einen Menschen, der vollständig „ohne Ziel und Richtung“ durchs Leben reist. Er fühlt sich entwurzelt und heimatlos, sein Zuhause existiert nur noch in der Erinnerung. Es ist so weit entfernt, dass er es nur noch in verzerrter Form (als „Fratze“) wahrnehmen kann, wenn er daran zurückdenkt. Obwohl er das Gefühl hat, „in die verkehrte Richtung“ zu reisen, folgt er doch weiter seinem Weg, der ihn von „nirgendwoher (…) nirgendwohin“ führt.
Diese melancholisch klingende Beschreibung der eigenen Lebenssituation wird in dem Videoclip zu dem Song auf humorvolle Weise kommentiert. Der Reisende ist hier ein Mann mit abgetragenem Anzug und einem viel zu großen Koffer, der am Ende im Nirgendwo der tschechischen Provinz strandet.
Parallel dazu betätigen sich die Bandmitglieder als Straßenmusiker. Dabei gruppieren sie sich erst allmählich, einer nach dem anderen, um den anfangs einsamen Sänger. Ein Bandmitglied wird gerade aus der Wohnung geworfen und stößt in Unterwäsche zu der Band, ein anderes muss sich erst aus seinem Pappkarton-Bett schälen und benutzt dann die Mülltonnen als Drums.
Daraus ergibt sich eine Situationskomik, die eine ironische Distanz zu dem schwermütigen Text aufbaut. Auch die Musik – insbesondere das wie ein Refrain eingesetzte Trompetensolo – wirkt eher heiter-lakonisch als melancholisch.
In seiner augenzwinkernden Hinnahme der Absurdität des Daseins erinnert der Song auch an Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Hier wie dort resultiert die im Kern lebensbejahende Haltung aus dem besonderen Umgang mit der Absurdität: Eben weil die grundsätzliche Unplanbarkeit des Lebens als solche akzeptiert wird, ergibt sich auch eine grundsätzliche Offenheit für die überraschenden Wendungen, die das Leben einem bietet.
Der Sinn der Lebensreise ist hier folglich auch nicht das Erreichen eines bestimmten Ziels, sondern das Unterwegssein. Der Endpunkt der Reise ist entweder unbekannt oder dient nur als grobe Orientierung, als Vorwand, um unterwegs sein zu können.

Traband: Černej pasažér; aus: Hyjé! (‚Hü!‘); 2004

Liedtext

Freie Übertragung

Der blinde Passagier

Ich habe einen Koffer voll überflüssigem Krempel
und eine in Tücher eingewickelte Mappe.
Mein Zug fährt jedoch in die verkehrte Richtung,
und meine Fahrkarte ist schon lange ungültig.

Irgendwo in meiner Erinnerung gibt es ein Haus,
ich sehe noch den Rauch, der aus dem Schornstein aufsteigt.
In diesem Haus ist der Tisch für mich gedeckt,
dort ist meine Heimat.

Meine Vergangenheit wendet mir ihre Fratze zu,
und das Herz tut mir weh, wenn die Erinnerung sich regt.
Denn der Baum, der sich immer nach dem Himmel streckte,
liegt nun mit abgeschlagenen Wurzeln am Boden.

Ich bin ein blinder Passagier,
ich reise ohne Ziel und Richtung,
ich fahre schwarz und weiß nicht, wohin.*
Ich bin ein blinder Passagier,
ich reise ohne Ziel und Richtung,
von nirgendwoher fahre ich nirgendwohin,
und ich weiß nicht, wo es enden wird.

Ich trage lauter bunte Fotos mit mir herum,
Fotos aus einem vergangenen Jahrhundert.
Aber ich fühle mich nur noch heimatloser,
wenn ich mir die Bilder ständig in Erinnerung rufe.

Ich bin ein blinder Passagier …

  • wörtlich: und weiß nicht, mit welchem Leben.

Bild: Andreas: Mann mit Koffer (Pixabay)

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