Alessandro Mannarino: Serenata lacrimosa (Tränenreiche Serenade)

Auf zu neuen Ufern!Musikalische Sommerreise 2021, Teil 10

Auf der zehnten Etappe geht es noch einmal um die bürgerlich-katholische Dppelmoral. Dieses Mal ist es der italienische Cantautore Alessandro Mannarino, der sie in seiner mitreißenden Bühnen-Show in Grund und Boden singt (und tanzt).

Der 1979 in Rom geborene Alessandro Mannarino, der als Künstler nur unter seinem Nachnamen auftritt, begann seine Karriere nach eigenen Angaben als „DJ für World Music in den Multi-Kulti-Kneipen“ Roms (vgl. Mizzoni 2010). Diese Tätigkeit erweiterte er sukzessive zu einem komplexeren musikalischen Entertainment, für das er 2006 auch die Band Kampina gründete.
Mannarinos Musik blieb dabei von der „World Music“ beeinflusst und enthält Elemente so unterschiedlicher Stilrichtungen wie Klezmer, Blues oder Bossa Nova. Sein Anspruch war es dabei von Anfang an, zu zeigen, „dass man Musik auch ganz anders machen kann, als ich es im hiesigen Radio hörte“.
Der kulturkritische Impetus seiner Musik spiegelt sich auch in seinen Texten wider, die sich gegen die von ihm ausgemachten Tendenzen zu Oberflächlichkeit und Materialismus richten. So sieht er es als „das große Problem Italiens“ an, dass man „mithilfe des Fernsehens einen Angriff auf die Gehirne der Italiener gestartet“, sie „durch sterile Programme abgestumpft“ und ihnen vermittelt habe, dass das Leben „so etwas wie ein Konsumgut“ sei, „wo alles möglich ist und keiner sich wehtut“.
Mannarinos mitreißende, häufig zum Tanzen einladende Songs dienen damit nicht nur der Unterhaltung, sondern verstehen sich stets auch als Einladung in eine andere Gefühlswelt oder zu einem Perspektivwechsel. Dem entspricht seine Forderung, dass „jedem Lied (…) eine Erschütterung, ein einzigartiger Funke innewohnen“ müsse, „der einen bestimmten Eindruck, eine Idee hinterlässt“.
Durch seine zahlreichen Auftritte in den verschiedenen römischen Szene-Treffs war Mannarino in den einschlägigen Kreisen bereits vor der Veröffentlichung seines ersten Albums, Bar della rabbia (Bar des Zorns, 2009), hinreichend bekannt. Auch erste Radio- und Fernsehauftritte hatte er zu dem Zeitpunkt bereits absolviert.
Dies begünstigte den großen Erfolg des Albums bei Publikum und Kritikern. Zahlreiche Tourneen und weitere Alben festigten seine Position in der italienischen Musikszene und brachten ihm 2014 bei den Auszeichnungen zum Premio Italiano della Musica Indipendente die Würdigung als „Bester Independent-Künstler des Jahres“ ein.
Serenata lacrimosa (aus Supersantos, 2011) ist eine Kritik an der als lebens-feindlich empfundenen Philosophie der katholischen Kirche sowie an deren Machtfülle, die es ihr erlaubt, diese Philosophie zu verbreiten und Politik und Gesellschaft in Italien entsprechend zu beeinflussen. Das im römischen Dialekt gesungene Lied ist dementsprechend ein Plädoyer für eine Liebe ohne den Segen der Kirche, für ein Leben, in dem spontane Freude und unbeschwerter Genuss nicht im Tausch für das Versprechen eines obskuren Jenseits verteufelt werden.
Die entsprechende Religion wäre eine des vom Kreuz herabgestiegenen Christus, eines Christus, der mitten unter den Menschen lebt und ihnen dabei hilft, die Schönheit des Lebens und der gegenseitigen Anteilnahme zu erfahren. Musikalisch entspricht dieser Botschaft ein heiter-folkloristischer Sound, der die Zuhörer unmittelbar mit der in den Texten beschworenen Freude am Leben ansteckt.

Zitate entnommen aus: Mizzoni, Simona: Alessandro Mannarino: Egal welcher Song, was zählt, ist der Rausch. In: Cafébabel vom 25. März 2010.

Live-Version

Albumfassung

Liedtext

Übersetzung: Tränenreiche Serenade

Oh, tränenreiche Serenade,
oh, auf den Stufen der Kirche,
oh, aber wer kann mich hören?

Der Bischof hat ein Mikrofon, und ich habe nichts.
Er hat nur einen einzigen Wunsch:
dass alle Frauen vertrocknen,
dass die Liebe sich wie ein Unfall ereignet,
dass die Zweige von den Bäumen abbrechen.
Selbst Gott ist von der Predigt ganz verwirrt.

O Mama, wie soll das gehen?
Man sagt uns, wir sollen wie Tote leben
und dann wiederauferstehen.

Oh, tränenreiche Serenade,
oh, auf den Stufen der Kirche,
oh, das Blut des Gekreuzigten ist jetzt getrocknet.
Er wollte von seinem Kreuz herabsteigen [und unter euch leben],
aber ihr habt ihn nicht gesehen.

Am Fluss gibt es solche, die gegen den Strom schwimmen,
solche, die zu viel haben, und solche, die nichts mehr haben;
solche, die aus der Klärgrube trinken,
und solche, die aus der Quelle trinken;
solche, die sich einen Kuss schenken,
und solche, die sich Diamanten schenken;
solche, die heiraten,
und solche, die sich lieben.

O Mama, wie soll das gehen?
Man sagt uns, wir sollen wie Tote leben
und dann wiederauferstehen.

Bild: Unbekannt: Hexenverfolgung im 16. Jahrhundert (Ausschnitt)

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