Kulturkampf in der guten Stube

Zur Diskussion um kulturelle Aneignung und kulturelle Stereotypen

Kulturelle Aneignung und kulturelle Stereotypen müssen thematisiert werden. Dies darf jedoch nicht auf Kosten des kulturellen Austauschs geschehen – und muss in jedem Fall denen nutzen, die von der Diskriminierung betroffen sind.

Kriminalisierung einer Haartracht

Die Angst geht um in Deutschland. Die Angst, beim Winnetou-Lesen erwischt zu werden. Die Angst, auf alten Faschingsfotos als die Person mit dem Federbusch auf dem Kopf enttarnt zu werden. Die Angst, auf die Hippie-Jahre mit den Dreadlocks angesprochen zu werden. Oder, worst case: die Angst, auf die Sternsinger-Jahre angesprochen zu werden, als man mit Vorliebe den dunkelhäutigen Königspart übernahm.
Die Angst wirft Fragen auf. Die wichtigsten lauten: Was ist das für eine Instanz, vor der wir alle erzittern? Welche Ziele verfolgt sie? Und: Welches Vergehen wird denjenigen vorgeworfen, die gegen ihre Regeln verstoßen?
Die Fragen sind nicht ganz leicht zu beantworten. Denn es gibt ja keineswegs ein Gesetz, welches das Lesen bestimmter Bücher, eine bestimmte Haartracht oder eine bestimmte Verkleidung verbieten würde. Dennoch können denen, die gegen den ungeschriebenen Normenkodex verstoßen, drastische Strafen drohen. Wie der Fall der Musikerin Ronja Maltzhan zeigt, die wegen ihrer Dreadlocks von einer Fridays-for-Future-Veranstaltung ausgeladen wurde, kann dies bis zu Auftritts- und faktischen Berufsverboten reichen.

Dreadlocks als emanzipatorisches und antikapitalistisches Symbol

Der Anklagepunkt im Fall der erwähnten Musikerin lautete: kulturelle Aneignung. Durch das Tragen der Dreadlocks eigne sie sich als weiße Angehörige einer Dominanzkultur ein Symbol an, mit dem die schwarze Minderheitenkultur für ihre Emanzipation kämpfe.
Eine fragwürdige Argumentation. Es ist zwar richtig, dass Dreadlocks – wie der Afro-Look – in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er und 1970er Jahre ein Symbol des politischen Befreiungskampfs waren. Anstatt sich an das System der weißen Hegemonialgesellschaft anzupassen und dies im Extremfall auch durch geglättete Haare auszudrücken, sollte das Bekenntnis zur eigenen Natur und Identität den Anspruch auf politische und kulturelle Gleichberechtigung zum Ausdruck bringen.
Dies gilt auch für die mit der Rastafari-Bewegung verbundenen Dreadlocks oder Rastas. Das Wachsenlassen der Haare hat hier allerdings noch einen anderen, weiter gefassten Sinn. Es steht allgemein für eine Ablehnung von Unterdrückung und Ausbeutung, etwa auch der Natur, die in einem positiven Sinn „ungezähmt“ bleiben soll – was doch eigentlich ganz gut zu einer Fridays-for-Future-Veranstaltung passen müsste.
So sind bereits in den 1970er Jahren Dreadlocks und Rastas vielfach auch von nicht-dunkelhäutigen Menschen als Symbol gegen die Auswüchse des westlichen Kapitalismus verwendet worden. Die entsprechende Haartracht war zugleich ein Bekenntnis zur Utopie einer Gesellschaft, die andere Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe unterdrückt, also ein Akt der gelebten Solidarität mit den Unterdrückten.

Winnetou: Historischer Kontext eines Gejagten

Und was ist mit dem anderen Indexkandidaten der letzten Zeit – Winnetou? Gut, Winnetou taugt sicherlich nicht als emanzipatorisches Symbol. Er ist ein typischer Fall jenes „edlen Wilden“, der in der Spätphase des europäischen Kolonialismus die Literatur bevölkerte.
Die Figur des „edlen Wilden“ ist selbst wiederum ein Aspekt des Exotismus. Dabei handelt es sich um eine oft verklärende Sicht und entsprechende Darstellung ferner Länder. Diese dienen dabei als Projektionsfläche für Ängste und Wünsche, die aus einem Unbehagen an der eigenen Zivilisation und der fortschreitenden Industrialisierung herrühren.
Der „edle Wilde“ weist dabei zum einen eine größere Nähe zur Natur auf, was ihn sorgsamer mit dieser umgehen lässt. Zum anderen ist er aber auch unverdorben von zivilisatorischen Einflüssen und zeichnet sich durch einen unverfälschten, authentischeren Umgang mit seinen Mitmenschen aus.
Bei alledem bleibt der „edle Wilde“ aber eben doch stets – ein Wilder. Die Figur dient dazu, der europäischen Zivilisation den Spiegel vorzuhalten und auf Fehlentwicklungen hinzuweisen. Die Annahme einer grundsätzlichen Überlegenheit dieser Zivilisationen bleibt davon jedoch unberührt. Dementsprechend findet eine echte Auseinandersetzung mit den fremden Kulturen in diesem Fall auch nicht statt.

Die Ächtung des edlen Wilden

Die exotistische Literatur hat zahlreiche Stereotypen und Vorurteile hervorgebracht, die teils bis heute nachwirken. Auf der anderen Seite war sie aber insofern ein Fortschritt, als sie die zuvor übliche abwertende Sicht der „primitiven“ Naturvölker relativiert hat. Historisch betrachtet, war sie also ein Zwischenglied auf dem Weg zu einer differenzierteren Betrachtung der fremden Kulturen, ihrer Eigenarten und eigenen Existenzberechtigung.
Winnetou wäre damit eine historische Figur, die in ihrem zeitlichen Kontext betrachtet werden müsste. Nun hat sie allerdings durch Verfilmungen, Hör- und Festspiele ein Eigenleben entwickelt, das über ihren ursprünglichen Kontext hinausreicht. Winnetou ist demnach eine Gestalt, deren Bedeutung und Nachwirkung bis in die heutige Zeit durchaus kritisch reflektiert werden muss.
Dies ist aber eben nicht gleichbedeutend damit, sie auf den Index zu setzen. Stattdessen kann die Beschäftigung mit der Figur auch Anlass für einen Abgleich mit dem realen historischen Schicksal der indigenen Bevölkerung Amerikas und ihrer Kulturen sein. Dadurch kann gleichzeitig etwas über die Mechanismen der literarischen Produktion und Motivfindung zu Lebzeiten von Karl May, als dem Schöpfer der Figur, gelernt werden.

Vom pädagogischen Nutzen des Indianerkostüms

Es ist demnach durchaus wichtig und notwendig, kulturelle Klischees zu kritisieren. Dies muss allerdings nicht notwendigerweise mit ihrer Verbannung aus dem öffentlichen Raum einhergehen.
Wenn wir etwa Kindern verbieten, sich an Fasching als Indianer und Squaws zu verkleiden, berauben wir uns dadurch eines Anlasses, mit ihnen über den Themenkomplex „Indianer“ ins Gespräch zu kommen. Darüber, warum wir überhaupt so lange von „Indianern“ gesprochen haben statt von der ursprünglichen Bevölkerung Amerikas. Darüber, dass es sich bei „den“ Indianern nicht um ein einheitliches Volk, sondern um eine Vielzahl an Völkern und Kulturen handelt, die alle von den europäischen Eroberungsmächten ausgelöscht, unterdrückt oder an den Rand gedrängt worden sind.
Selbst ein solches Gespräch muss nicht unbedingt den Verzicht auf indianische Kostüme zur Folge haben. Stattdessen könnten die Kinder diese stärker an die einzelnen Kulturen der amerikanischen Ureinwohner anpassen – und sie dann auch in dem Bewusstsein tragen, damit ein Symbol der Solidarität mit den Unterdrückten auszusenden.

Wie kulturelle Aneignung zu kultureller Emanzipation beitragen kann

Kulturelle Klischees können folglich auch gegen den Strich gebürstet werden. Ihre Wirkung kann sich dadurch in ihr Gegenteil verkehren.
Dies gilt selbst dann, wenn wir es – anders als im Fall der Dreadlocks und Rastas – mit einer eindeutigen Form kultureller Aneignung zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist etwa die Praxis großer Pharmafirmen, das Wissen indigener Bevölkerungsgruppen um die Wirkung bestimmter Pflanzen für die Entwicklung profitträchtiger Medikamente zu nutzen, ohne die Einheimischen an den Gewinnen zu beteiligen.
Ein ähnliches Vorgehen lässt sich bei Modefirmen beobachten, die Schnitt- und Farbmuster anderer Kulturen für eigene Produkte adaptieren, ohne das Urheberrecht zu beachten. Gerade in diesem Fall hat die öffentliche Kritik an der ausbeuterischen Praxis paradoxerweise erst dazu geführt, dass die Weltgemeinschaft auf die Kreativität der einheimischen Modeschöpferinnen aufmerksam geworden ist.
Ungewollt hat damit die kulturelle Aneignung den Ausgebeuteten zu neuen Freiräumen verholfen. So gibt es in Südamerika nun indigene Modedesignerinnen, die ihre Entwürfe selbst vermarkten und über einen Stab an Mitarbeiterinnen für die Produktherstellung verfügen. Das Tragen der entsprechenden Kleider aus Angst vor kultureller Aneignung abzulehnen, würde die Frauen damit gerade um den Vorteil bringen, den ihnen die Kritik an der anfänglichen Ausbeutung eingebracht hat.

Der Sarotti-Mohr und die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen

Dies verweist auf ein weiteres Problem: Die Kritik an kulturellen Klischees und Stereotypen beschränkt sich oft auf die symbolische Ebene. Die sozioökonomische Ebene, die für die von den Klischees Betroffenen in ihrem Alltag entscheidend ist, bleibt dagegen ausgespart.
Nehmen wir zum Beispiel den Sarotti-Mohr. Natürlich ist das ein diskriminierendes Symbol. Kindern, die in der Elfenbeinküste wunde Finger vom Sammeln der Kakaobohnen für europäische Süßmäuler bekommen, nützt es aber gar nichts, wenn das Symbol von den Schokoladetafeln verschwindet.
Es wäre für sie sogar hilfreicher, wenn der Mohr auf der Schokolade ihre Gesichtszüge tragen würde – verbunden mit einer Begründung für eine Erhöhung des Schokoladepreises. Dies nämlich würde es ihnen ermöglichen, zur Schule zu gehen, anstatt sich auf den Kakaoplantagen abzurackern.

Resümee: Schwachstellen und blinde Flecken in der Diskussion

So zeigt sich, dass es in der Diskussion um kulturelle Klischees und Prozesse kultureller Aneignung ein paar Schwachstellen und blinde Flecken gibt. Hervorzuheben sind insbesondere die folgenden Punkte:

  1. Die Verbannung diskriminierender Symbole aus der Öffentlichkeit hemmt kulturkritische Diskussionen, anstatt sie zu fördern.
  2. Die Ächtung jener, die sich angeblicher kultureller Übergriffe oder Diskriminierungen schuldig machen, fördert eine Verbotskultur, die langfristig die demokratischen Umgangsformen untergraben könnte. Dies gilt umso mehr, als aus ungeschriebenen Gesetzen teilweise sehr weitreichende Sanktionen abgeleitet werden, ohne auf rechtsstaatliche Normen und Verfahren zu achten.
  3. Die Konzentration auf die Ebene der Symbole missachtet die sozioökonomischen Folgen, die eine diskriminierende kulturelle Praxis für andere haben kann. Dies birgt die Gefahr eines kulturellen Ablasshandels in sich, bei dem die Tolerierung sozioökonomischer Diskriminierung mit einer moralisch einwandfreien Symbolik erkauft wird.
  4. Die Diskussion geht implizit von monolithischen Kulturen aus, die als quasi-gottgegebene Entitäten nebeneinander existieren. Dies führt zu einer Unterbetonung der faktischen Entwicklungsdynamik und ständigen gegenseitigen Durchdringung der Kulturen. Da die ständige Verbots- und Ächtungsdrohung bei einer Aneignung fremdkultureller Inhalte zudem die Offenheit gegenüber anderen Kulturen hemmt, ergeben sich hier durchaus Berührungspunkte mit der Identitären Bewegung. Linker Dogmatismus bereitet so ungewollt den Boden für rechten Nationalismus.

Bildnachweis: Colours-pic: Dunkelhäutige Frau im Dirndl (Fotolia)
Ist das Bild ein Beispiel für kulturelle Aneignung?
Contra: Als Angehörige einer Minderheitenkultur bezeugt eine dunkelhäutige Frau Widerstandskraft und Emanzipationswillen, indem sie sich Symbole der Dominanzkultur zu eigen macht.
Pro: Es ist rassistisch, dunkelhäutige Menschen automatisch einer Minderheitenkultur zuzurechnen. Gehören sie aber selbst zur Dominanzkultur, so können sie sich auch der kulturellen An- und Enteignung kultureller Symbole einer Minderheitenkultur schuldig machen.
Contra: Wer sagt eigentlich, dass es sich bei der Frau nicht um eine waschechte Bayerin handelt?

8 Kommentare

    1. (Nochmal, da ich selbst auf meinem alten Mac nicht prüfen kann, was ich im Kommentar schreibe):
      Lese derzeit Georges Simenon: „Der Neger“. Ob ich mich selbst anzeige? Was hiermit geschieht.
      Sprache ist doch ein Zeitelement. Die Sicht auf den Sprachgebrauch mag sich ändern, nicht aber eine damit verbundene Veränderung der damaligen Werte, die zwar im Licht neuer Bewertungen gesehen werden; aber doch nicht im nachhinein „korrigiert“ werden können! Ich erinnere auch, dass wir Kinder uns damals, völlig entwertungslos, zu Fasching als „Indianer“ und „Zigeunerin“ verkleidet haben. Natürlich waren diese Kleidungsklischees damals schon von den Medien stark mitgeprägt, aber niemals wurden diese Bilder von Verachtung, im Gegenteil, von Freude vor allem an den Farben begleitet, der der Alltag in den 60ern eher trist gefärbt war. Diese Erinnerungen müssen ja nicht mit „Wiederholungen“ heute verbunden werden, bedürfen aber einer zeitgerechten Reflexion und ggf. auch Umwidmungen.
      Beispiel: Seit 15 Jahren leite ich eine Frauenkulturgruppe, dabei bestand nie eine Betonung auf „Frauen“, es ergab sich, dass meist nur Frauen dabei waren, nicht selten aber auch deren Männer oder weitere männliche Besucher oder spontane Referenten. Uns wurde die Förderung vom Landesamt für Gesundheit und Soziales verweigert, WEIL wir in unserem Namen keine Männer integriert haben, dabei sind wir nicht mal ein Verein, sondern eine „nachhaltig arbeitende“ lose Initiativ-Gruppe , die im generationenübergreifenden Kulturbereich eine Menge – auch in immer Zusammenarbeit mit – Kollegen-!- auf die Beine gestellt hat, sehr häufig mit Förderkindern. Der Vorwurf, Männer zu diskriminieren, schlägt auf diese Weise in die Diskriminierung unserer seit so vielen Jahren engagiert soziokulturell arbeitenden Gruppe um, in der das Geschlecht verdammt nochmal egal ist.

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  1. „Die Verbannung diskriminierender Symbole aus der Öffentlichkeit hemmt kulturkritische Diskussionen, anstatt sie zu fördern.
    Die Ächtung jener, die sich angeblicher kultureller Übergriffe oder Diskriminierungen schuldig machen, fördert eine Verbotskultur, die langfristig die demokratischen Umgangsformen untergraben könnte. Dies gilt umso mehr, als aus ungeschriebenen Gesetzen teilweise sehr weitreichende Sanktionen abgeleitet werden, ohne auf rechtsstaatliche Normen und Verfahren zu achten.
    Die Konzentration auf die Ebene der Symbole missachtet die sozioökonomischen Folgen, die eine diskriminierende kulturelle Praxis für andere haben kann. Dies birgt die Gefahr eines kulturellen Ablasshandels in sich, bei dem die Tolerierung sozioökonomischer Diskriminierung mit einer moralisch einwandfreien Symbolik erkauft wird.
    Die Diskussion geht implizit von monolithischen Kulturen aus, die als quasi-gottgegebene Entitäten nebeneinander existieren. Dies führt zu einer Unterbetonung der faktischen Entwicklungsdynamik und ständigen gegenseitigen Durchdringung der Kulturen. Da die ständige Verbots- und Ächtungsdrohung bei einer Aneignung fremdkultureller Inhalte zudem die Offenheit gegenüber anderen Kulturen hemmt, ergeben sich hier durchaus Berührungspunkte mit der Identitären Bewegung. Linker Dogmatismus bereitet so ungewollt den Boden für rechten Nationalismus.“
    Jawoll!!!- Das hätte ich nicht treffender ausdrücken können 🙂

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  2. Werden denn tatsächlich die diskriminierenden Symbole aus der Öffentlichkeit verbannt? Werden nicht vielmehr durch die Wokeness die Körper unserer Mitmenschen in diskriminierende Symbole verwandelt? Werden die diskriminierenden Symbole durch die ständige Aufforderung, sie überall zu suchen, nicht immerzu reaktiviert?

    Gefällt 1 Person

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