Linker Dogmatismus trifft Identitäre Bewegung

Jahresrückblick 2022: Kulturelle Aneignung

Eine unreflektierte Überdehnung des Konzepts der kulturellen Aneignung kann linken Dogmatismus in die Nähe des Gedankenguts der Identitären Bewegung rücken.

Was bedeutet „kulturelle Aneignung“?

Die Bemühung um political correctness war außer auf dem Gebiet der Sprache auch im Bereich der Kultur ein Aufregerthema im Jahr 2022.

Das zentrale Stichwort ist dabei der Begriff der „kulturellen Aneignung“. Gemeint ist damit die kulturelle Ausbeutung von Elementen fremder Kulturen oder von Minderheitenkulturen durch die Einverleibung von für sie zentralen Symbolen oder Inhalten durch eine andere Kultur bzw. durch Repräsentanten der Mehrheitskultur.

Nutzen des Konzepts

Das Konzept hat dort seine Berechtigung, wo es etwa darum geht, die Abschöpfung medizinischen Wissens oder bestimmter Kleiderformen indigener Kulturen durch multinationale Pharma- und Modefirmen ins Bewusstsein zu heben. Wird es überstrapaziert, indem jedes Zeigen eines fremdkulturellen Symbols unter den Verdacht des kulturellen Imperialismus gestellt wird, birgt es jedoch auch Gefahren in sich.

Thesenartig zusammengefasst, sehen diese wie folgt aus:

Problematische Auswirkungen des Konzepts

  1. Die Diskussion geht implizit von monolithischen Kulturen aus, die als quasi-gottgegebene Entitäten nebeneinander existieren. Dies führt zu einer Unterbetonung der faktischen Entwicklungsdynamik und ständigen gegenseitigen Durchdringung der Kulturen.
    Da die ständige Verbots- und Ächtungsdrohung bei einer Aneignung fremdkultureller Inhalte zudem die Offenheit gegenüber anderen Kulturen hemmt, ergeben sich hier durchaus Berührungspunkte mit der Identitären Bewegung. Linker Dogmatismus bereitet so ungewollt den Boden für rechten Nationalismus.
  2. Die Konzentration auf die Ebene der Symbole missachtet die sozioökonomischen Folgen, die eine diskriminierende kulturelle Praxis für andere haben kann. Dies birgt die Gefahr eines kulturellen Ablasshandels in sich, bei dem die Tolerierung sozioökonomischer Diskriminierung mit einer moralisch einwandfreien Symbolik erkauft wird.
  3. Die Ächtung jener, die sich angeblicher kultureller Übergriffe oder Diskriminierungen schuldig machen, fördert eine Verbotskultur, welche die demokratischen Umgangsformen untergräbt. Dies gilt umso mehr, als aus ungeschriebenen Gesetzen teilweise sehr weitreichende Sanktionen abgeleitet werden, ohne auf rechtsstaatliche Normen und Verfahren zu achten.
  4. Die Verbannung diskriminierender Symbole aus der Öffentlichkeit hemmt kulturkritische Diskussionen, anstatt sie zu fördern.

Ausführlicher Beitrag zum Thema:

Kulturkampf in der guten Stube. Zur Diskussion um kulturelle Aneignung und kulturelle Stereotypen.

Bildnachweis: Colours-pic: Frau im Dirndl (Fotolia)
Ist das Bild ein Beispiel für kulturelle Aneignung?
Contra: Als Angehörige einer Minderheitenkultur bezeugt eine dunkelhäutige Frau Widerstandskraft und Emanzipationswillen, indem sie sich Symbole der Dominanzkultur zu eigen macht.
Pro: Es ist rassistisch, dunkelhäutige Menschen automatisch einer Minderheitenkultur zuzurechnen. Gehören sie aber selbst zur Dominanzkultur, so können sie sich auch der kulturellen An- und Enteignung kultureller Symbole einer Minderheitenkultur schuldig machen.
Contra: Wer sagt eigentlich, dass es sich bei der Frau nicht um eine waschechte Bayerin handelt?

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