Der blinde Ritt der grünen Cowboys

Über Glaubwürdigkeitsdefizite in der Energie- und Umweltpolitik

Allen hehren Klima- und Umweltschutzzielen zum Trotz ist unser Alltag noch immer von Klimasünden und Umweltzerstörung geprägt. Wie kann das sein?

Das dissonante Energiewende-Epos

Sitcom zu Requiem-Klängen

Begegnung von Ökologie und Ökonomie auf einem Tsunami

Die Frontier-Logik der Rohstoffwirtschaft

Klimapolitik im Dienst der Wachstumswirtschaft

Glaubwürdigkeitskrise durch Symbolpolitik

Das dissonante Energiewende-Epos

Als Kinder haben wir uns oft einen Spaß daraus gemacht, Melodien und Texte von Liedern neu zu kombinieren – also etwa zur Melodie von „Stille Nacht, heilige Nacht“ den Text von „Ein Männlein steht im Walde“ zu singen.

Wenn wir uns von dem – übrigens gar nicht so einfach umzusetzenden – Spaß einen Knoten ins Gehirn gesungen hatten, haben wir das Collage-Vergnügen oft passiv weitergetrieben. Dafür haben wir einen Film abgespielt, aber den Ton abgedreht und die Bilder mit einer anderen Filmmelodie unterlegt.

Auch damit lassen sich recht verblüffende Effekte erzielen. Die Abschiedsszene aus Titanic wirkt sofort ganz anders, wenn man sie mit der Titelmelodie der Westernserie Bonanza unterlegt. Umgekehrt wirken die Bonanza-Cowboys auf einmal viel weniger heldenmutig, wenn man sie zu den getragenen Klängen des Titanic-Epos durch die Prärie galoppieren lässt.

An diese Kinderspäße fühle ich mich immer wieder erinnert, wenn ich an das Energiewende-Epos denke. Die Musik ist elegisch bis melodramatisch – die Handlung aber entspricht eher einer Sitcom oder einem dieser 50er-Jahre-Streifen, die den Wirtschaftswunderspaß nach dem überstandenen Weltkrieg zelebrieren.

Sitcom zu Requiem-Klängen

Um etwas konkreter zu werden: Keine Nachrichtensendung kommt mehr ohne den Verweis auf den dramatischen Anstieg der Erderwärmung aus. Kaum ein politisches Gipfeltreffen vergeht, ohne dass hehre Klimaziele formuliert werden. Hinzu kommen die Warnungen vor Mikroplastik und Artenschwund, Feinstaub und Stickoxiden.

Die Hintergrundmelodie, die unseren Alltag begleitet, würde also am besten zu apokalyptischen Visionen wie denen aus der Offenbarung des Johannes passen. Wenn wir die melodramatische Melodie aber nicht mit geschlossenen Augen hören, bietet sich uns ein ganz anderes Bild dar. Dann sehen wir Formel-1-Rennen, Motorradrallyes, Hobby-Flugplätze, boomenden Versandhandel samt Verpackungsorgien, Menschen, die alles daransetzen, auch noch den Rest Leben in ihrem Garten mit allerlei benzinbetriebenem Kriegsgerät auszulöschen.

Wie soll man darauf reagieren? Für ein Kind wäre die naheliegendste Lösung wohl ein befreiender Lachanfall. Als Erwachsener aber hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt die Hintergrundmelodie – all das apokalyptische Geraune aus Politik und Wissenschaft – nicht ernst. Oder aber man schüttelt verwundert den Kopf, prüft nach, ob man vielleicht etwas falsch verstanden hat – und staunt dann nur noch mehr über die seltsame Collage aus unpassenden Bildern und Worten, nachdem man festgestellt hat, dass all die angekündigten Katastrophenwellen wirklich und wahrhaftig auf uns zurollen.

Begegnung von Ökologie und Ökonomie auf einem Tsunami

„Er ist schön (…) wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.“ – Nein, das ist keine Beschreibung des „Green Deals“ oder eines Energiewende-Ministers. Der Satz stammt vom französischen Dichter Lautréamont (1846 – 1870) und wurde später von den Surrealisten als eine Art Motto für ihre kreativen Experimente aufgegriffen.

So gesehen, passt der Satz dann allerdings doch wieder ganz gut zur gegenwärtigen Öko- und Energiepolitik, die ebenfalls surreale Aspekte aufweist. In Anlehnung an Lautréamonts Satz könnte man sie als das Treffen von Ökologie und Ökonomie auf einem Tsunami beschreiben.

Dies nämlich scheint mir der tiefere Grund für das seltsame Auseinanderdriften von dem, was wir tagtäglich sehen, und dem Katastrophensound aus Klimawandel, Mikroplastik und Artenschwund zu sein. Letzterer wird eben deshalb nicht in ein entsprechendes Handeln umgesetzt, weil bei allen Maßnahmen zum Schutz von Klima und Umwelt immer auf die Wirtschaft Rücksicht genommen werden soll.

„Wirtschaft“ bedeutet dabei unausgesprochen stets: „Wachstumswirtschaft“. Diese Art von Wirtschaft ist es aber, die uns an den Abgrund geführt hat. Ihrer Logik zu folgen, um den Sturz in den Abgrund abzuwenden, ist in etwa so, als würde man den Teufel bitten, das Höllenfeuer zu löschen.

Die Entwicklungsdynamik der Wachstumswirtschaft wird immer dazu führen, dass neue Produkte in den Markt gedrängt und den Menschen aufgedrängt werden, ob sie sie nun brauchen oder nicht. Wachstumsorientierung bedeutet eben immer auch: Wachstum der Produktion. Dies aber ist nicht zu haben ohne eine weitere Ankurbelung der Spirale aus Rohstoffausbeutung und Energieverschwendung.

Die Frontier-Logik der Rohstoffwirtschaft

Zur getragenen Melodie des Weltuntergangs einen lustigen Text zu trällern, fröhlich durch die Prärie zu reiten (bzw. mit den Pferdestärken eines SUV durch sie zu donnern), während entlang des Weges alles Leben verdorrt – aus der Perspektive der Wachstumswirtschaft ist das ganz normal.

Vor allem der Bonanza-Ritt, das ständige Hinausschieben der „Frontier“ wie einst im Wilden Westen, ist ein schlüssiges Bild für die ständig nach neuen Märkten strebende Wachstumswirtschaft. Es kann auch dabei helfen, das Missverhältnis zwischen Alltagsbühne und Klimawandel-Kulisse besser zu verstehen.

Für die Wachstumswirtschaft nämlich geht es bei der Energiewende nicht um das Klima, sondern darum, wie ihr Motor nach der Erschöpfung der fossilen Rohstoffe weiter in Gang gehalten werden kann. Dafür müssen, wie einst beim Treck nach Westen neues Land, neue Rohstoffe erschlossen werden, während gleichzeitig die alten – solange sie noch vorhanden sind – effektiv verwendet werden.

Genau das ist es, was derzeit passiert: Neu entdeckte Lagerstätten fossiler Rohstoffe werden nicht etwa – um das Klima zu schonen – unangetastet gelassen. Stattdessen werden auch noch die letzten Reste aus der Erde gepresst. Parallel dazu werden bereits die Lagerstätten der künftigen Schlüsselrohstoffe erschlossen. Der Druck auf die Natur verstärkt sich also, statt im Interesse von Arten- und Bodenschutz eingeschränkt zu werden.

Klimapolitik im Dienst der Wachstumswirtschaft

Aus dieser Perspektive ist es schließlich auch logisch, dass beim Heizungsumbau und der E-Mobilität aufs Tempo gedrückt wird, während unzählige andere klima- und naturschädliche Aspekte unseres Alltags schlicht ignoriert werden.

Es stimmt zwar, dass ein großer Teil der klimaschädlichen Emissionen durch Heizen und Verkehr verursacht wird. Dennoch kommt angesichts der Laissez-faire-Politik in anderen Bereichen der Verdacht auf, dass die Fokussierung auf diese Bereiche eher dem Bestreben geschuldet ist, die restlichen fossilen Rohstoffe der Industrie vorzubehalten.

Außerdem entspricht diese Politik natürlich auch wieder ganz der Logik der Wachstumsideologie. Unabhängig davon, wie schadstoffarm bestehende Heizungsanlagen arbeiten oder wie sparsam Verbrennungsmotoren mit der eingesetzten Energie umgehen, sollen die alten gegen neue Produkte umgetauscht werden – ein wahres Fest für die Wachstumswirtschaft!

Glaubwürdigkeitskrise durch Symbolpolitik

Vor ein paar Jahren hat sich die EU-Kommission mal wieder für eine ihrer typischen Schaufenstermaßnahmen gefeiert: Verbot aller Plastik-Wattestäbchen! Wow! Was für eine bahnbrechende Entscheidung! Die Welt wird ein besserer Ort werden!

Seltsam ist nur, dass wir bis heute mit jedem Hustensaft einen neuen Messbescher mitgeliefert bekommen – natürlich aus Plastik. Auch Vogelfutter gibt es oft nur im praktischen Plastikeimer. Rücknahmepflicht der Händler? Fehlanzeige! Also ab damit auf die Mega-Müllkippe in Ghana!

Die Beispiele zeigen: Bis heute beschränken sich die politischen Entscheidungen zur Eindämmung von Klimawandel, Luft- und Umweltverschmutzung, Bodenversiegelung und Müllproduktion, Artenschwund und Naturzerstörung auf einzelne, eher symbolische Maßnahmen. Die Wachstumswirtschaft wirkt wie eine Fessel, die den großen Wurf verhindert.

Oder fehlt es in der Politik einfach an der Fähigkeit zum vernetzten Denken? Ist die absurde Diskrepanz zwischen ihren Öko- und Nullemissions-Slogans und dem klima- und naturschädlichem Alltag für die Damen und Herren im Raumschiff Politik schlicht nicht zu sehen? Bekommen sie davon in  ihrem Wolkenkuckucksheim einfach nichts mit?

Klar ist jedenfalls: Solange die Wachstumsideologie den Takt für den ökologischen Umbau der Wirtschaft vorgibt, wird das resultierende Lied so dissonant klingen wie die Kinderspäße, die ich eingangs erwähnt habe. Für die Politik zieht das ein massives Glaubwürdigkeitsproblem nach sich, durch das die Menschen ihr auch dort nicht vertrauen, wo die Ansätze in die richtige Richtung weisen.

Nachweis Lautréamont-Zitat: (Comte de) Lautréamont (eigentlich Isidore Lucien Ducasse, 1846 – 1870): Les Chants de Maldoror (Die Gesänge de Maldoror), Chant Sixième (Sechster Gesang), S. 290. Paris und Brüssel 1874: Wittmann.

Zur Frontier-Ideologie in der Rohstoffwirtschaft gibt es ein aufschlussreiches Feature von Barbara Eisenmann: Spiel mir das Lied vom Lithium (2022).

Verwandte Beiträge:

Inneres und äußeres Wachstum. Die Paradoxie eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums (2019). In: Palmweinphilosophie (2021), S. 106 – 119 (PDF).

Anachronistische Gartenkrieger. Warum unsere Art der Gartenarbeit nicht mehr zeitgemäß ist (Juli 2022).

6 Kommentare

  1. Zu dem, was du hier so klar ausführst, möchte ich nur einen Einwand machen: Umwelt- und Klimapolitik sind meines Erachtens längst in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Für mich ist das der Schlüssel, um die Kakophonie zu verstehen. Die sog Klimapolitik ist eine Katastrophe für die Umwelt, zumal sie den Hauptgrund der Umweltzerstörung- das Wachstumsmodell der Wirtschaft – wegzudefinieren versucht. Lasst Millionen Windmühlen blühen und alles wird gut. Klimapolitik ist die von der Wachstumsindustrie erdachte Lösung, um die lästigen Umweltverteidiger einzuschlucken und mundtot zu machen. Der CO2 Handel ist darüber hinaus ein prima Geschäftsmodell, die Klimaumlagen füllen die staatlichen Kassen, und die gesamte Klimapolitik gibt dem Zentralismus einen neuen kräftigen Schub – mit für die Umwelt katastrophalen Folgen.

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  2. Ich hatte unlängst ein interessantes Gespräch im Zug mit einem grünen Parteimitglied. Der schon etwas ältere Mann, schon viele Jahre Mitglied der Grünen und auch schon in Vorständen aktiv meinte allen Ernstes: „Viele Grüne wissen, dass die Energie- und Umweltpolitik sch… ist, aber gerade wenn man jung ist und noch Karriere machen will, darf man das nicht sagen. Es gibt einen ehernen Kodex, dass man Windkraft supertoll finden muss, Fakten zum grünen Kolonialismus leugnen soll und die vorgegebenen Formeln benutzen muss. Nachdenken und Infragestellen ist ein Karrierekiller in meiner Partei..“… Ganz im Ernst: In JEDER Partei und auch ansonsten in der Öffentlichkeit ist das so: Wir haben keinen ernsthaften Klimaschutz, der ein Teil von Naturschutz wäre und die Systemfrage stellen würde. Wir haben eine Klimaideologie, in der es um die Transformation in Richtung eines pseudogrünen Kapitalismus geht. Die Grünen haben sonst kein Programm mehr außer Greenwashing! Und „meine“ Noch-Partei, die SPD, hat eigentlich gar kein Profil.

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