Anachronistische Gartenkrieger

Warum unsere Art der Gartenarbeit nicht mehr zeitgemäß ist

Noch immer verdrängt in Frühling und Sommer vielerorts das Dröhnen der Rasenmäher und das Geheule der Motorsensen das Vogelgezwitscher. Dies ist nicht nur dissonant – es verstärkt auch die Klimakrise.

Der Rasen als Outdoor-Parkettboden

Neulich bin ich draußen mal wieder einem dieser Gartenkrieger begegnet: Schutzhelm, Visier, Schutzkleidung, gehüllt in eine Wolke aus Lärm und Abgasen, die von der Sensenwaffe in seinen Händen ausging. So führte er seinen Vernichtungsfeldzug gegen das Gras, das sich gerade erst mühsam von seiner letzten Großoffensive erholt hatte.

Was er da mache, habe ich den Krieger gefragt. „Saubermachen“, war die Antwort.

Eine bezeichnende Antwort. Sie fasst in einem Wort eine Einstellung gegenüber der Natur zusammen, die noch immer weit verbreitet ist in den Industrieländern. Die Natur – alles was grünt und sprießt und wächst – ist dabei grundsätzlich verdächtig. Sie ist irgendwie „dreckig“, unordentlich, seuchen- und ungezieferträchtig.

Also muss sie bekämpft werden, zur Ordnung gerufen werden wie ein Kind, das sein Spielzimmer seit Tagen nicht aufgeräumt hat. Kurz: Sie wird behandelt wie der Parkettboden im Wohnzimmer, der immer blitzblank geputzt sein muss, um Keime fernzuhalten und die Nachbarn zu beeindrucken, wenn sie mal wieder mit dem Fernglas die Häuser ihrer Mitmenschen inspizieren.

Die Beerdigung der Natur

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich plädiere hier keineswegs dafür, dass wir unsere Umgebung in einen Urwald verwandeln und unser Leben auf die Bäume verlagern sollten. Kinder brauchen Spielwiesen, Erwachsene Liegewiesen fürs Sonnenanbeten, und selbst der naturverliebteste Gärtner hat gerne ein paar Wege, um ohne Buschmesser zu seinen Rosenbeeten vorzudringen.

Dass der Mensch seinen Platz in der Natur finden muss und will, um überhaupt vernünftig mit ihr umgehen zu können, versteht sich von selbst. Worum es mir geht, ist eine Form des Umgangs mit der Natur, die diese letztlich zum Verschwinden bringen will.

In Vorgärten führt dies in letzter Konsequenz zur völligen Verdammung von Rasenflächen. An deren Stelle treten dann Kiesaufschüttungen, oft mit einem kümmerlichen Grüngewächs oder einer Skulptur in der Mitte, die dem Steinbruchgrab die Anmutung eines Zen-Gartens geben sollen.

Dabei geht es bei Zen-Gärten nie darum, die Natur zu ersetzen. Ihr Sinn ist vielmehr die Konzentration auf das Wesentliche, die Meditation anhand einzelner Gegenstände und stilisierter Formen, die gerade zum Kern des Natürlichen hinführen und so eine größere Wertschätzung für alles Lebendige lehren sollen.

Die neumodischen Kiesstein-Vorgärten führen dagegen von der Natur weg. Sie fördern die Entfremdung von dieser, indem sie alles Natürliche ausmerzen und  Natur nur noch als Zitat ihrer selbst zulassen, als eine Plastik-Kopie, die letztlich einer Verhöhnung der Schöpfung gleichkommt.

Fritz von Wille (1860 – 1941): Mohnfeld bei Kerpen (Wiesen zur Zeit der Mohnblüte, 1922); Wikimedia commons

Die Rache der Natur

Die Natur ist groß. Groß, wild und mächtig. All die Zähmungsversuche der Gartenkrieger wirken lächerlich, wenn wir vor einem Bergmassiv stehen oder aufs Meer hinausschauen.

Ein bisschen ist die Natur vielleicht auch wie einer dieser müde wirkenden Löwen in der Savanne. Es sieht so aus, als könnte ihn nichts erschüttern. Aber wenn die Löwenjungen ihn zu sehr reizen, fängt er urplötzlich zu brüllen an und zeigt mit einem kurzen Prankenhieb, wer hier der Boss ist.

Genau an diesem Punkt sind wir mittlerweile angelangt. Lange haben all unsere Versuche, sie wie eine nach unseren Vorstellungen zu modellierende Kulisse zu behandeln, der Natur nur ein müdes Gähnen entlockt. Seit einiger Zeit hat sie jedoch aufgehört, uns alles zu verzeihen, und schlägt zurück.

Ein Zeichen dafür sind die vielerorts immer längeren Trockenphasen. Sie führen dazu, dass zu stark gemähte Flächen komplett verdorren. Diese werden so buchstäblich zu Todeszonen, in denen kein Insekt, kein Regenwurm, keine Pflanze überleben kann – und wo folglich auch kein Vogel mehr Nahrung findet.

Bei den gleichzeitig immer häufiger auftretenden Starkregenereignissen ist es ebenfalls keine gute Idee, Rasenflächen wie Parkettböden zu behandeln. Das Regenwasser kann auf den betonharten Böden nicht mehr einsickern, sondern fließt darüber hinweg und verursacht Überschwemmungen, die neuerdings immer öfter lebensgefährliche Ausmaße annehmen.

Wenn die Entfremdung von der Natur die Entfremdung nährt

Das Problem ist, dass wir mit unserem Krieg gegen die Natur in einem sich selbst verstärkenden System gefangen sind. Die glatt rasierten Rasenflächen sind ein Zeichen unserer Entfremdung von der Natur – sie fördern diese aber zugleich auch, indem sie uns daran hindern, ein Gefühl für eine lebendige, ihrer eigenen Dynamik folgende Natur zu entwickeln.

Dies erklärt auch, warum das großflächige Verschwinden der Natur hinter den Stahlbetontürmen der Windkraftanlagen von vielen so erstaunlich schmerzfrei hingenommen wird.

Oft heißt es, es sei eine Sache der Gewöhnung, die Stahlriesen als Teil der Landschaft wahrzunehmen. Dabei ist es genau umgekehrt: Es liegt ganz auf einer Linie mit der Entfremdung von der Natur, diesen Anblick als normal hinzunehmen. Wer der Natur nahe ist, wird die Zupflasterung ganzer Landstriche mit Stahlbetontürmen dagegen automatisch als Bedrohung empfinden – und bei näherem Hinsehen dann auch all die ganz konkreten Schäden erkennen, die der Tier- und Pflanzenwelt durch die Windkraftanlagen zugefügt werden.

So erschwert etwas, das als Einstieg in eine neue, „sauberere“ Zeit gefeiert wird, gerade das, was wir am nötigsten brauchen: die Abkehr von einer Einstellung zur Natur, die diese nur noch in eng umgrenzten Reservaten sie selbst sein lässt. Wir müssen eben nicht lernen, Beton als selbstverständlichen Teil der Natur wahrzunehmen. Eben dies praktizieren ja landauf, landab all die ungezählten Gartenkrieger: die Verwandlung der Natur in eine betonanaloge Fläche.

Stattdessen müssen wir lernen, die Natur wieder in ihrem Eigensinn und in ihrer Eigendynamik wertzuschätzen. Eine Wildblumenwiese ist eben nicht nur besser für Artenvielfalt und Klima als ein stoppelkurzer Rasen – sie ist auch ästhetisch ansprechender (weil: vielgestaltiger). Wir müssen nur wieder lernen, die Schönheit all der Wildblumen zu erkennen, die im Moment noch abgetötet werden, ehe sie auch nur die Idee ihrer selbst entfalten können.

„Klimaneutralität“ – ein gefährliches Zauberwort

„Klimaneutralität“ hat sich in den vergangenen Jahren zu einem echten Zauberwort entwickelt. Aber wie das mit Zauberworten so ist – sie bedeuten alles und nichts. Ihr konkreter Sinn verschwimmt hinter dem Zauber, der mit ihrem Aussprechen bewirkt werden soll.

So bedeutet „Klimaneutralität“ eben nicht, dass wir uns um eine Änderung jener Verhaltensweisen bemühen, die zu der jetzigen Klimakrise geführt haben. Der Zauber des Wortes liegt vielmehr gerade darin, dass es uns zu erlauben scheint, so weiterzumachen wie bisher – nur dass alles eben irgendwie „sauberer“ sein soll.

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Ein solcher Ablasshandel fördert am Ende die berüchtigten Rebound-Effekte, verstärkt also tendenziell die klimaschädlichen Verhaltensweisen, denen man sich mit gereinigtem Gewissen eher hingibt. So dreht sich die Spirale aus Wachstumswirtschaft und Naturzerstörung immer weiter.

Dabei gäbe es unzählige sehr einfache und naheliegende Mittel, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Dies gilt auch und gerade für den Bereich der Gartenarbeit. Warum alle von Elektromobilität reden, benzinbetriebene Gartengeräte aber noch immer die Norm sind, erschließt sich mir beispielsweise nicht. Abgesehen von den klimaschädlichen Emissionen, liegt auch der von diesen Geräten ausgehende Lärm oft weit jenseits der Schwelle zur Gesundheitsgefährdung.

Hinzu kommt, dass das Kriegsgerät, mit dem die Grashalme traktiert werden, oft unmittelbar an der Grasnarbe ansetzt und so auch Bodenbrütern und vielen Insekten den Lebensraum raubt. Daneben fördert dies aber eben auch die Austrocknung der Böden und schwächt deren Funktion als CO₂-Speicher, was beides unmittelbar den Klimawandel fördert.

Der Rückschritt als Fortschritt

So haben wir hier ein Beispiel für eine Situation, in der ein Rückschritt ein echter Fortschritt wäre. Handsense statt Motorsense würde bedeuten: weniger klimaschädliche Emissionen, höheres Gras, damit mehr Feuchtigkeit im Boden und besseres Mikroklima, gleichzeitig bessere Rückhaltefunktion der Böden bei Starkregen und natürlich weniger Lärm und mehr Artenvielfalt.

Wenn wir dann dazwischen unsere Spiel- und Liegewiesen mit Spindel- und Elektromäher freilegen, haben wir auch wieder einen Blick auf echte Natur – die wir in der größeren Ruhe auch endlich wieder genießen können!

Was das alles mit dem „Summer of Love“ auf rotherbaron zu tun hat? Gar nichts! Zum Trost gibt es hier noch einen Link zu einem Gedicht, das viel mit Liebe und auch viel mit Garten zu tun hat – aber herzlich wenig mit benzinbetriebenen Gartengeräten:

Anna Billing (1849 – 1927): Wiese (1885); Wikimedia commons

Ilona Lay: Im Garten

Die Dämm’rung wie ein scheues Pferd
und Bäume, die gelassen warten,
Hyazinthen, die beschwert
von Düften in das Nichts sich biegen
im Garten, in dem alten Garten,
als des Festes Stimmen schwiegen.

Das Mondlicht wie ein weiches Tor
und Bäche auf verschwiegnen Fahrten,
Grillen, die in trächt’gem Chor
sich regen in des Nebels Spielen
im Garten, in dem alten Garten,
als des Festes Masken fielen.

Die Nacht wie eine Decke warm
aus Sternen und versunknen Barden,
Wege, die in ihrem Arm
genesen von des Tages Wunden
im Garten, in dem alten Garten,
als ich in dein Herz gefunden.

Links zur Vertiefung

Bodennutzung und Klimaschutz:

Ilg, Harry (Koordination): Faktenblatt Boden und Klimawandel (PDF). Cercle Sol (Vereinigung der Bodenschutzfachleute der schweizerischen Kantone, des Bundes und des Fürstentums Lichtenstein), März 2019.

Lärm:

RB: Die Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches Problem (PDF). In: Palmweinphilosophie, S. 72 – 77; April 2021.

Rasenmähen und Artenvielfalt:

NABU Baden-Württemberg: Mähen: Tödliche Gefahr für Insekten, Igel & Co. Rasenmäher und Mähroboter stehen lassen. 11. Juli 2018.

NABU Bremen: „Ungenutzt bleibt ungestutzt“. Zu viel Rasenmähen schadet. 30. Mai 2021.

Rebound-Effekte:

Paech, Niko: Klimaschutz und Green Growth sind unvereinbar. Blog Postwachstum, 25. Juli 2014.

Windkraft:

RB: Das Heilige Windrad als Höllenmaschine. Natur- und klimaschädliche Auswirkungen der Windkraft (Mini-Glossar mit zahlreichen Links; PDF); mit Vorschlagsliste für kostenneutrales Direktprogramm zum Klimaschutz im Anhang; Oktober 2021.

Zen-Gärten (Kare-san-sui):

Zen-Garten – Geschichte und Bedeutung; japanischer-garten.eu, 17. Februar 2022.

Titelbild: Brigitte Werner (ArtTower): Schachbrettfalter an einer Flockenblume (Pixabay)

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