Höfischer Kadavergehorsam

Wie Beamte zum Nichtstun erzogen werden

Beamte sind faul – so lautet ein beliebtes Klischee. Das wahre Problem aber ist nicht eine faule Beamtenschaft, sondern ein verfaultes System, das die Beamten zu ineffektivem Arbeiten erzieht.

Die Geburt des Beamtentums aus dem Geist des Militärs

Lehns- und Beamtenwesen

Die Züchtung des Befehlsnotstands

Der Dienstweg als Kreativitätskiller

Wie Ideen im Vermerke-Mantra versickern

Aufstieg durch Unterordnung

Eine Scheinwelt, die sich selbst reproduziert

Die Geburt des Beamtentums aus dem Geist des Militärs

Um das Wesen des Beamtentums zu verstehen, müssen wir zunächst einmal eine kleine Zeitreise antreten. Sie führt uns ins 18. Jahrhundert, an den preußischen Hof Friedrich Wilhelms I. (1713 – 1740), besser bekannt als der „Soldatenkönig“.

Dieser Monarch hatte ein Problem. Als Kind einer von Merkantilismus und Absolutismus geprägten Zeit wollte er das Staatswesen effizienter organisieren. Dies aber  war unter den vorherrschenden Bedingungen kaum möglich.

Der gehobene Staatsdienst war Anfang des 18. Jahrhunderts noch fest in den Händen des Adels. Dieser nutzte die Posten, um weiter hinten in der Erbfolge eingereihte Sprösslinge mit Pfründen zu versorgen. An der Arbeit selbst und an dem Erwerb der dafür nötigen Kompetenzen zeigte er jedoch kein Interesse. Für die Monarchie barg die adelslastige Ämterwirtschaft zudem die Gefahr in sich, dass die Ämter – wie einst im Falle der Ministerialen – als Keimzelle für die Schaffung eigener kleiner Machtzentren genutzt und so die Machtfülle des Königs eingeschränkt werden könnte.

Die Lösung dieses Problems sah der Soldatenkönig – wie nicht anders zu erwarten – im Militär. Zum einen rekrutierte er aus dem Dienst ausscheidende Soldaten für den Staatsdienst. Diesen wurden so ungeahnte Karrieremöglichkeiten eröffnet, was dem Monarchen die Loyalität der neuen Staatsdiener sicherte.

Zum anderen veranlasste Friedrich Wilhelm I. aber auch eine militäranaloge Umstrukturierung des Staatsdienstes. Dies bedeutete insbesondere die Einführung einer strengen Hierarchie mit klaren Befehlsketten, innerhalb derer sich die in ein Amt Beförderten – also die „Be-Amten“ – zu bewegen hatten.

Lehns- und Beamtenwesen

Wenn wir verstehen wollen, warum diese Befehlsketten nicht gerissen sind, müssen wir noch ein Stück weiter in der Zeit zurückreisen. Dieses Mal landen wir dabei im Mittelalter, als die Herrscher ein ganz spezielles Schmiermittel für die Absicherung ihrer Herrschaft hatten: das Lehnswesen.

Das Lehnswesen war im Grunde ein Tauschgeschäft. Seine Kernformel lautete: Gunst gegen Dienst. Der jeweils übergeordnete Herrscher erwies den in der Lehnspyramide jeweils Untergeordneten die Gunst eines Landgutes oder einer anderen Wohltat. Dafür durfte er von den „Begünstigten“ Loyalität erwarten, also etwa das Stellen von Soldaten und Ausrüstung im Krieg oder die getreue Erfüllung anderer mit dem Lehen verbundener Dienste.

Auf diesem Prinzip beruht auch das Beamtentum. Der Dienstherr gewährt seinen Beamten die Gunst von Sicherheiten, die sonst im Arbeitsleben nicht existieren – Unkündbarkeit, gesicherte Pensionen, Privilegien beim Gesundheitsschutz. Dafür erwartet er von den Beschäftigten uneingeschränkte Loyalität und Pflichterfüllung.

So ist das Beamtenwesen letztlich eine moderne Form des Lehnswesens – nur dass das Lehen, das der Lehnsherr dem Lehnsmann verleiht, im Beamtenrecht nicht aus einem Stück Land, sondern aus einer sozialen Position und deren Absicherung besteht.

Auch dies liegt allerdings ganz in der Logik des Lehnsrechts, das durch die herausgehobene Stellung des Lehnsmanns dessen soziale Stellung sukzessive verbessert hat. So gilt eine gesicherte Beamtenstellung auch heute noch vielfach als eine Form des sozialen Aufstiegs.

Die Züchtung des Befehlsnotstands

Das Lehnswesen und ein auf soldatischen Idealen beruhender Staatsdienst mögen in ihrer jeweiligen Zeit ihren Zweck für den Aufbau einer effizienten Regentschaft und Verwaltung erfüllt haben. In einem modernen, demokratisch verfassten Staat erweisen sie sich jedoch als problematisch.

So sollte der Staatsdienst in einer Demokratie nicht mit dem Ideal des Kadavergehorsams verbunden sein, sondern mit dem Leitbild mitdenkender Beschäftigter, die keine Angst haben müssen, ihren Dienstherrn notfalls auch offen zu kritisieren. Stattdessen wird auf allzu unbequeme Kritik aber immer wieder mit Disziplinarverfahren reagiert, bei fortgesetztem „Ungehorsam“ also mit dem Entzug der vom Dienstherrn gewährten „Gunst“ des Beamtenstatus gedroht.

Dies heißt nichts anderes, als dass die militäranaloge Disziplin für wichtiger erachtet wird als ein wacher Geist, der rechtzeitig auf problematische Entscheidungspraktiken hinweist und sich der Ausführung entsprechender Anordnungen widersetzt. Anstatt aus der Vergangenheit zu lernen und die Berufung auf den „Befehlsnotstand“ zu erschweren, wird dieser in der Beamtenwelt also geradezu gezüchtet.

Der Dienstweg als Kreativitätskiller

In einem System, in dem Disziplin und Gehorsam die obersten Werte sind, leidet zudem die Kreativität.

Wenn in einem modernen Startup jemand eine Idee hat, so wird diese bei einem der zahlreichen Meetings vorgestellt. Wenn die anderen die Idee auch interessant finden, folgen lebhafte Diskussionen, bei denen die Idee weiterentwickelt wird.

Dabei gelten die Prinzipien des Brainstormings. Dessen Grundgedanke ist, dass alle Gedanken ohne innere oder äußere Zensurschranken geäußert werden. Aus dem kreativen „Gedankensturm“ entsteht dann idealerweise eine Art Roadmap für das weitere Vorgehen, gefolgt von weiteren Meetings, bis schließlich ein von allen gemeinsam getragener Plan vorliegt.

Ein solches Vorgehen ist dem Beamtenwesen fremd. Nicht nur wirkt die eingeforderte Loyalität wie eine implizite Zensurschranke. Auch der Gedanke des gleichberechtigten Vortragens von Ideen und Lösungsansätzen widerspricht dem hierarchisch strukturierten Beamtenapparat.

Das Muster für angemessenes Verhalten ist auch hier nach wie vor das Militär. Wie ein Soldat stets gemäß seinem Dienstrang, also nur mit dem unmittelbar Vorgesetzten, kommunizieren soll, ist auch im Beamtentum der „Dienstweg“ ein geheiligtes Gut.

Wenn Beamte eine Idee haben, ist dieses Wunder folglich zunächst dem unmittelbaren Vorgesetzten mitzuteilen, der es dann wiederum an die nächsthöhere Dienststelle weitermeldet.

Wie Ideen im Vermerke-Mantra versickern

Schon dies allein nimmt einer Idee ihre Frische. Die Kreativität wird gewissermaßen zu den Akten genommen, sie verstaubt, bevor sie sich überhaupt entfalten kann.

Dieses systematische Austrocknen von Kreativität wird noch verstärkt durch die ritualisierte Form, in der die Kommunikation in Behörden abläuft. Nicht nur muss der Dienstweg eingehalten werden – dies muss auch stets in einer genau festgelegten Weise erfolgen.

Das Zauberwort lautet hier: „Vermerk“. Was beim Militär mündlich erfolgt, läuft in einer Behörde schriftlich ab. In der Art von: „Melde gehorsamst – Beamter Mustermann hatte eine Idee!“

Dieser Vermerk wird dann zunächst wochenlang von gelangweilten Kollegenaugen begutachtet. Am Ende wandert er meist zum Ausgangspunkt seiner Reise zurück, versehen mit Anmerkungen, die sinnvoll oder unsinnig sein mögen, vor allem aber eines dokumentieren: „Eigenständiges Denken ist hier nicht gefragt. Ideen werden von oben angeordnet und von unten ausgeführt, ansonsten werden sie so lange durch die Mühlen der Bürokratie gedreht, bis nichts mehr von ihnen übrig ist!“

Aufstieg durch Unterordnung

Dass solche Erfahrungen nicht sehr motivierend sind, versteht sich von selbst. Wichtiger aber ist, dass die spezielle Kommunikationsform im Beamtenapparat eine erzieherische Wirkung in Richtung auf Anpassung und Unterordnung entfaltet.

Der Beamtenapparat fungiert so als sich selbst reproduzierendes System. Nur wer sich an die militäranalogen Strukturen anpasst, kann in diesem System – frei nach dem „Peter-Prinzip“ – zur „höchsten Stufe seiner Unfähigkeit“ aufsteigen [1]. Soll heißen: Nur diejenigen, die eigene Gedanken so gut wie möglich unterdrücken und ihre geistige Energie stattdessen in Loblieder für ihre Vorgesetzten umsetzen, können in diesem System eine Führungsposition erlangen. Einmal oben angelangt, verlangen sie natürlich dasselbe von ihren Untergebenen.

Eine Scheinwelt, die sich selbst reproduziert

Darüber hinaus entfalten die speziellen Kommunikationsformen aber auch ein Eigenleben, das die Tendenz zur Entstehung einer Scheinwelt befördert. Denn die Einhaltung der Form ist am Ende wichtiger als der Inhalt der Kommunikation Dies führt dazu, dass Formalia zum Selbstzweck werden, anstatt nur als Mittel für eine effiziente Kommunikation zu dienen.

Im Extremfall ist der Beamtenapparat damit ein selbstreferenzielles System, in dem der Pflege der internen Verwaltungsstrukturen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem objektiven Nutzen der Arbeit. Dies mag nach außen hin als Nichtstun erscheinen – und tatsächlich kommen auch diejenigen am besten mit dem System zurecht, die mit einem gesunden Zynismus darauf reagieren und ihrer Arbeit nur im Sinne des berühmten „Dienstes nach Vorschrift“ nachgehen.

Wer jedoch die internen Kommunikationsrituale ernst nimmt, der kann sich auch bei objektiv geringem Output seiner Arbeit gestresst fühlen. Dass eine Behörde ein Haus ist, „das Verrückte macht“ [2], gilt dann nicht nur für diejenigen, die von außen auf das Labyrinth des Beamtenapparats treffen, sondern auch für die darin Gefangenen selbst.

Nachweise

[1]    Peter, Laurence J. / Hull, Raymond: Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen (1970; engl. The Peter Principle, 1969). Reinbek 12. Aufl. 2001: Rowohlt.

[2]    „Haus, das Verrückte macht“: Zitat aus dem Film Asterix erobert Rom  (1976). Als Teil der ihnen von Cäsar gestellten Aufgaben müssen sich Asterix und Obelix im „Haus, das Verrückte macht“, den „Passagierschein A38“ beschaffen und werden dabei in behördentypischer Manier von einer Abteilung zur anderen geschickt, bis sie beinahe den Verstand verlieren.

Bild: Mittelalterliche Huldigungsszene: Ein Lehnsmann legt seine Hände als Zeichen seiner Loyalität in die Hände des Vertreters des Königs (hier: Jakob II. von Mallorca) und wird dafür mit einem Lehnsgut betraut (1293); Miniatur aus den Archives Départementales des Pyrénées-Orientales, Perpignan (Wikimedia commons)

6 Kommentare

  1. Sehr schön aufgezeigt worum es geht, wie ein großer Organismus soll es zugehen im Beamtenapparat, ein „Hoch“ dem Verwaltungsakt, die ultimative Art sich bar jeder Fachlichkeit tagsüber zu beschäftigen.

    Gefällt 1 Person

  2. Wahnsinn!!!
    Messerscharfe Analyse und exakte Beschreibung des Beamtenapparats.
    Selbst erlebt und von sog. Dienstvorgesetzten immer wieder gemaßregelt
    worden mit dem Satz: „Du hast als Beamter nicht zu denken, du hast
    umzusetzen!“

    Herzliche Grüße
    Bert Schmid

    Gefällt 2 Personen

  3. Zutreffend ist, was Engelbert Schmid sagt: Die Beamten sind geknebelt und dürfen nicht so handeln, wie sie es gern tun würden. Auf der anderen Seite habe ich gerade mit den Beamten in den Behörden, vor allem in der Unteren Naturschutzbehörde, gute Erfahrungen gemacht. Sie sind kompetent und engagiert. Sie haben in Vorpommern-Greifwald die gesetzwidrigen Windfelder (bei uns gibt es überall geschützte Arten) stets abgelehnt und vor der Vernichtung jeglicher Freiflächen gewarnt, die viele geschützte Arten zum Leben benötigen und die der Staat und das Land zu erhalten verpflichtet sind. Das StALU hat sie stets niederzwingen müssen. Aber selbst der Chef des StALU hat gegen ein Windfeld in einem Brutgebiet remonstriert und musste vom Umweltministerium zur gesetzeswidrigen Genehmigung gezwungen werden. Jetzt hat das Land MV sogar die UNB entmachtet, um die fachlich kompetenten und und für den Erhalt der Natur engagierten Beamten auszuschalten. Irgendwann wird Habeck alles persönlich entscheiden.
    Immerhin haben die Beamten eine gewisse soziale Sicherheit. Ich glaube nicht, dass die fortschreitende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse durch Ersetzung von Beamten durch Angestellte Gutes bringt. Unsicherheit, Inkompetenz und Feigheit werden weiter um sich greifen.
    Aus der Geschichte meiner Kämpfe mit (im doppelten Wortsinn) den Beamten: https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2020/11/03/der-landkreis-verweist-mich-bezuglich-der-genehmigung-des-gesetzeswidrigen-windfelds-battinsthal-an-das-stalu/

    Die Antwort des StALU auf meine Bitte, die Genehmigung für den Bau des Windfelds Battinsthal zurückzuziehen

    Gefällt 1 Person

  4. Es gilt
    dem Einzelmensch
    der Triebgewalt
    die ursächlich
    von unten kommt
    soweit die
    Grenzen zu setzen

    auch wenn daran
    viel Arbeit
    was als nächstes
    wichtig ist

    gegen jeden Widerstand
    auch durchzusetzen

    der Außenwelt
    hat jeder seine
    Erfüllungspflicht

    und wem es im da
    zum Broterwerb
    nicht passt

    der nehme
    seinen Wanderstab
    zu jemand anderem
    der ihm
    Lohn und Arbeit gibt

    Like

Schreibe einen Kommentar