Wie Putin der Welt sein Denken aufzwingt
Wer sich gegen einen gewalttätigen Angreifer verteidigen möchte, muss selbst Gewalt anwenden. Dadurch gewinnt der Aggressor selbst dann Macht über einen, wenn man ihn erfolgreich abwehrt.
Ukrainische Männer als Futter für den Krieg
Anfang September ließ mich eine Meldung zum Ukraine-Krieg aufhorchen. Demnach erwägt die Ukraine, die Auslieferung von Männern zu verlangen, die zur Vermeidung des Wehrdienstes ins Ausland geflohen sind – auch wenn es dafür keine rechtliche Grundlage gibt [1]. Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes sind zudem bereits über 20.000 ukrainische Männer beim Versuch, die Grenze zu überqueren, festgenommen worden [2].
Angesichts solcher Nachrichten habe ich mir die Frage gestellt: Wie würde ich selbst eigentlich reagieren, wenn Deutschland plötzlich von irgendeinem Reich der Finsternis angegriffen würde? Würde ich dem deutschen Engel des Lichts – heiße er nun Olaf Scholz oder Markus Söder – dann blind in den Krieg folgen? Wäre ich bereit, mich aus einem Menschen in eine ebenso tödliche wie todgeweihte Figur auf dem Schachbrett irgendeines Generals zu verwandeln?
Wäre ich überhaupt in der Lage, wahllos die Figuren auf dem Schachbrett des Gegners auszulöschen? Würde mir nicht spätestens in der konkreten Kampfsituation auffallen, dass es sich dabei in Wahrheit auch um Menschen handelt?
Und – einmal angenommen, ich wäre nicht bereit, mich bedingungslos der Logik des Krieges auszuliefern: Wie würde es wohl auf mich wirken, wenn ich mich dann – wie es jetzt mit ukrainischen Kriegsflüchtlingen in Deutschland geschieht – als „Deserteur“ und „Fahnenflüchtiger“ diffamieren lassen müsste?
Betrachtet man den Krieg aus dieser Perspektive, so werden ein paar Brüche in der scheinbar eindeutigen Gut-Böse-Dichotomie deutlich. Hierzu an dieser Stelle ein paar Anmerkungen.
Theorie und Praxis des Abwehrkampfes
Wenn ein Aggressor das eigene Land überfällt, ist die Sache theoretisch klar: Der Angreifer muss abgewehrt, die Souveränität des eigenen Landes verteidigt werden.
In der Praxis sieht die Sache aber anders aus – erst recht, wenn es sich um einen übermächtigen Angreifer handelt, der einem an Waffen- und Heeresstärke weit überlegen ist. Den Aggressor zurückzudrängen, bedeutet dann konkret, sich einer menschlichen Flutwelle als menschlicher Sandsack entgegenzuwerfen, der beim ersten Aufwallen der Flut zermalmt wird.
Dies mag aus der Perspektive des Generalstabs, der das Frontgeschehen aus der Vogelperspektive begutachtet, sinnvoll erscheinen. Wer aber dazu auserkoren ist, sein Leben als menschlicher Sandsack auszuhauchen, wird darin vielleicht doch nicht das Idealbild eines sinnerfüllten Leben sehen.
Die Dialektik der Freiheit
Die Ukraine versucht im Abwehrkampf gegen Russland die Freiheit ihres Landes zu bewahren. Um dieses Ziel zu erreichen, mutet sie ihren männlichen Staatsangehörigen jedoch den Verzicht auf den Kern ihrer Freiheit zu: die Freiheit, leben zu dürfen.
Ukrainische Männer verteidigen an der Front folglich nur insoweit ihre eigene Freiheit, als sie den Kampf überleben. Selbst dann allerdings sind sie nicht mehr ganz frei, da das Trauma des Krieges sie ihr Leben lang verfolgen wird.
Im Kern wird also von den Soldaten verlangt, ihre eigene Freiheit und im Zweifelsfall sogar ihr Leben für die Freiheit ihres Landes zu opfern. Wenn jemand dieses größte vorstellbare Opfer erbringt, so verdient er sich damit natürlich höchste Dankbarkeit und äußersten Respekt. Aber kann man ein solches Opfer erzwingen?
Ist es dann denn überhaupt noch ein Opfer? Oder wird aus der heldenhaften Selbstaufopferung in diesem Fall eine Form von Vergewaltigung der menschlichen Freiheit? Und beruht der Zwang, sein Leben für ein Land hingeben zu müssen, in dem man geboren ist, nicht auf einem veralteten Blut-und-Boden-Denken?
Die Macht des Bösen
Niemand möchte, dass das Böse Macht über uns gewinnt und sich in der Welt ausbreitet. Im Krieg gegen die Ukraine bedeutet „das Böse“ ganz konkret: wahllose Angriffe auf zivile Ziele, Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur, Folter, Vergewaltigung, Kindesentführungen, Plünderung, sadistisches Morden.
Wenn mit solchen Mitteln auch noch politische Erfolge erzielt und Land hinzugewonnen werden kann, kommt dies einer Bankrotterklärung der Menschenrechtsbewegung gleich.
Das Problem ist nur: Wenn das Böse erst einmal sein Haupt erhoben hat, lässt es sich nicht mehr durch das Gute besiegen. Man muss sich ihm dann selbst anverwandeln, um es eindämmen zu können.
Im konkreten Fall bedeutet das: Man darf selbst keine Skrupel haben, die menschlichen Figuren auf dem Schachbrett des Gegners auszuradieren. Man darf auch vor dem Einsatz „schmutziger“ Waffen – wie Streubomben und mit Uran angereicherter Munition – nicht zurückschrecken. Und man darf sich nicht scheuen, mit Langstreckenwaffen Ziele anzugreifen, bei denen noch weniger als im Nahbereich sichergestellt werden kann, dass ausschließlich militärische Objekte getroffen werden.
Auf diese Weise aber ist jeder Sieg über das Böse am Ende ein Stück weit ein Pyrrhussieg. Wenn man nämlich selbst die Denk- und Handlungsweise des Bösen übernehmen muss, um das Böse zu besiegen, lebt es auch dann in einem fort, wenn die konkrete Bedrohung abgewehrt ist.
Notwendigkeit präventiven Handelns
Aus dem allen folgt: Wer die Macht des Bösen eindämmen möchte, darf es erst gar nicht dazu kommen lassen, dass es wirkmächtig wird.
Im Fall des Krieges gegen die Ukraine hätte dies vor 2014 die – damals insbesondere von Deutschland und Frankreich verhinderte – Aufnahme des Landes in die NATO bedeutet. Nach der russischen Annexion der Krim und dem De-facto-Einmarsch in die Ostukraine hätte man weitere russische Aggressionen durch klare Sicherheitsgarantien für die Ukraine verhindern können. Und nach Beginn der großflächigen Invasion des Landes hätte der sofortige Schutz des ukrainischen Luftraums wenigstens die Angriffe auf zivile Ziele zurückdrängen können.
Statt solche präventive Maßnahmen zu ergreifen, wird jedoch stets nur reaktiv gehandelt. So muss man etwa kein Militärexperte sein, um vorherzusagen, dass Panzerlieferungen allein nicht ausreichen, wenn der Gegner weiterhin die Lufthoheit besitzt. Dennoch mussten erst Tausende ukrainische Soldaten sterben, ehe die westliche Allianz das Offensichtliche eingesehen und die Lieferung von Kampfjets zugesagt hat.
Der Voyeurismus des Westens
So sitzen wir letztlich alle wie Zuschauer bei einem Gladiatorenkampf bequem in unseren Sesseln und schauen den Kriegshandlungen zu, stets bereit, den Daumen zu senken, wenn die Ukraine mit ihren begrenzten Mitteln nicht so vorankommt, wie wir es nach unseren Milliardengeschenken erwarten.
Es mag ja sein, dass man meint, sich diesen Voyeurismus nicht nur leisten zu können, sondern ihn sich angesichts der russischen Drohgebärden sogar leisten zu müssen. Im Hintergrund steht dann aber stets der Gedanke, dass der Schutz unseres eigenen Lebens mehr zählt als dessen Opferung für die Freiheit der westlichen Welt.
Mit welchem Recht erwarten wir dann aber von ukrainischen Männern, ihr Leben für diese Freiheit zu opfern?
Nachweise
[1] Das europäische Auslieferungsübereinkommen sieht keine Überstellung von Staatsangehörigen bei Vergehen gegen das Militärrecht eines anderen Landes vor (vgl. Friedrich, Rudi: Ukraine will Auslieferung Wehrpflichtiger: Selenskis Plan ohne Rechtsgrundlage. Taz, 7. September 2023.
[2] Deutschlandfunk: Fahnenflucht? Ukrainischer Grenzschutz hinderte mehr als 20.000 Männer an Ausreise; 6. September 2023.
Bild: Albert Anker: Verwundeter Soldat (1870). Wikimedia
Deiner Argumentation, dass Krieg jeden, der dran teilnimmt, der Tötung anderer Menschen schuldig macht, kann ich folgen. Was die „Deserteure“ anbelangt: Es könnte sein, dass sich so mancher unter ihnen befindet, der sich der Zentralverwaltung aus noch weiteren Gründen entzogen und zu Recht Asyl im Ausland beantragt hat. Das gilt für Russen wie für Ukrainer gleichermaßen. Der ukrainische Geheimdienst ließ nicht wenige Menschen, die das 2014 etablierte Regime für unrechtmäßig hielten, ermorden. Gut und böse, Recht und Unrecht waren von Beginn an nicht eindeutig verteilt.
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