Das Rothe Ohr 2025
Ein kritischer Appetizer zu den diesjährigen RB-Radiofeature-Awards
Auch in diesem Jahr wird es auf rotherbaron wieder Empfehlungen für besonders hörenswerte Radiofeatures geben. Wie im letzten Herbst geht dem heute ein kritischer Rückblick auf das zu Ende gehende Medienjahr voraus.
Grenzen des Sagbaren
Das typische Spätherbstkitzeln in meinen Ohren zeigt mir an: Es ist wieder Zeit für das Rothe Ohr, die Parade ausgezeichneter Features auf rotherbaron.
In diesem Jahr haben mich vier Features besonders beeindruckt. Um welche es sich dabei handelt, wird natürlich noch nicht verraten. Schließlich sind Vorfreude und Erwartung ja ein wesentlicher Bestandteil der Hörmagie, die von den Features ausgeht.
Allerdings muss ich zugeben, dass es in diesem Jahr auch einige Features gab, die – um es vorsichtig auszudrücken – nicht meine ungeteilte Zustimmung gefunden haben.
Ein Eindruck, den ich schon im vergangenen Herbst bei der Einleitung zu den RB-Feature-Awards angesprochen habe, hat sich in diesem Jahr noch einmal verfestigt: Die „Grenzen des kritischen Journalismus in Deutschland“, von denen damals die Rede war, scheinen immer enger gezogen zu werden. Es gibt immer mehr Dinge, die man offenbar sagen muss oder nicht sagen darf, wenn man sich im Radio „Gehör verschaffen“ möchte.
Mangelnde Reflexion und Diskussion gendergerechter Sprache
In erster Linie betrifft dies natürlich die gendergerechte Sprache. Zwar scheint das gesprochene Gendersternchen in letzter Zeit ein wenig auf dem Rückzug zu sein. Um das irritierende Stoppzeichen mitten im Wort zu vermeiden, wird dafür aber immer häufiger dazu übergegangen, statt des generischen Maskulinums – also des verallgemeinernden Gebrauchs der männlichen Form einer Personenbezeichnung – schlicht die weibliche Form zu verwenden.
Dies führt immer wieder zu Missverständnissen. Wenn etwa davon die Rede ist, dass hundert Polizistinnen eine Gruppe von Demonstrierenden zurückgedrängt hätten, spielt sich vor dem inneren Auge ein Amazonenkampf ab. Das über Jahrhunderte entwickelte generische Maskulinum lässt sich eben nicht durch einen bürokratischen Handstreich in ein generisches Femininum verwandeln. So lenkt der unübliche Sprachgebrauch vom Inhalt ab und wirft Fragen auf, die gar nichts mit dem eigentlichen Thema des Beitrags zu tun haben.
Hinzu kommt, dass die Veränderung der Sprache keineswegs zu der theoretisch angestrebten Veränderung der Realität führt. Die stärkere sprachliche Beachtung hat keineswegs eine entsprechend verbesserte soziale Stellung von Frauen zur Folge. Eher ist das Gegenteil der Fall: Die sprachliche Veränderung hat eine entlastende Funktion. Sie wirkt sich im Sinne eines Als-ob-Handelns aus: Während man auf der Ebene des gesprochenen Wortes so tut, als würde man die Gleichberechtigung der Geschlechter umsetzen, fällt man in der Praxis Entscheidungen, die das Gegenteil bewirken.
So gäbe es also durchaus Gründe, über Sinn und Zweck, Art und Ausmaß gendergerechter Sprache zu diskutieren. Genau dies geschieht jedoch nicht. Die neuen Sprachformen werden schlicht aus redaktionellen Hinterzimmern in das Programm eingespeist und haben von der verwirrten Hörerschaft achselzuckend zur Kenntnis genommen zu werden.
Damit unterlaufen gerade öffentlich-rechtliche Sender in einem besonders sensiblen Bereich ihren demokratischen Auftrag. Hörerbeteiligung – sorry: Hörer……..Innenbeteiligung – ist nur dort erwünscht, wo sie der Marktforschung und der Quotensteigerung dient. Echte Mitbestimmung und die Förderung einer lebendigen, kritisch-aufklärerischen Debattenkultur stehen dagegen nicht auf dem Programm.
Tabuzone Geschlechterpolarität
Tabuzonen gibt es allerdings nicht nur im Bereich der Sprachkonventionen. Auch bei den inhaltlichen Aussagen sind der Freiheit Grenzen gesetzt.
Ein Beispiel dafür ist die Geschlechterpolarität. Konsultieren wir dazu eine neutrale Instanz wie etwa die Online-Enzyklopädie Wikipedia, so wird unter dem Stichwort „Geschlecht (Biologie)“ der Stand der Forschung dahingehend zusammengefasst, dass es zwischen den Polen „rein weiblich“ und „rein männlich“ ein Kontinuum unterschiedlicher geschlechtlicher Ausprägungen gibt, abhängig von genetischer Ausstattung, epigenetischer Ausprägung, Hormonstatus und der sozialen Gender-Komponente.
Gleichzeitig wird dort jedoch festgestellt, dass „eine Bildung von Klassen, im Sinne von zusätzlichen Geschlechtern (…), nicht biologisch begründbar“ sei, „da natürliche Grenzen zwischen den Klassen nicht angegeben werden können und die Zuordnung letztlich am Selbstbild der jeweiligen Person festgemacht werden muss“.
Die pauschale Klassifizierung von „Inter-Personen (…) als drittes Geschlecht“ verletzt demnach sogar deren Selbstbestimmungsrechte und missachtet die Dynamik der geschlechtlichen Entwicklung. Anstatt das natürliche Schwanken zwischen verschiedenen geschlechtlichen Identitäten in den Vordergrund zu stellen und dies als Teil der persönlichen Freiheit zu verstehen, werden Menschen hier auf eine abstrakte geschlechtliche Identität festgelegt, die nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat.
Linkes Geschlechterwirrwarr gegen rechten Geschlechterstarrsinn
Nichtsdestotrotz hat sich in der medialen Berichterstattung – wie allgemein in sich als links-progressiv verstehenden Kreisen – das Konstrukt einer Vielzahl von Geschlechtern in normativer Weise durchgesetzt. Dies in Frage zu stellen, ist – wie im Fall der gendergerechten Sprache – nicht Anlass für Diskussionen, sondern wird mit der Verbannung in die rechte Ecke bestraft.
In der Tat wird von rechtspopulistischer Seite besonders heftig und hässlich gegen das Konstrukt einer Geschlechtervielfalt polemisiert. Dabei wird allerdings zugleich auch die Realität des Kontinuums zwischen den Geschlechtern in Frage gestellt, durch das in der sozialen Wirklichkeit eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen der geschlechtlichen Identität möglich ist. Stattdessen werden „männliche“ und „weibliche“ Geschlechteridentität als einander entgegengesetzte Pole verstanden. Diese werden zudem – auf der Basis tradierter Klischeevorstellungen – mit bestimmten Rollenmustern verknüpft.
So haben wir es hier mit einem reinen Fake-Gefecht zu tun: Weder das Konstrukt einer Vielzahl von Geschlechtern beim Menschen noch die Behauptung zweier einander gegenüberstehender Geschlechterpole ohne Mischformen argumentieren vom Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse aus.
Entscheidend ist aber: Indem Medien, die dem eigenen Selbstverständnis nach für Aufklärung, kritisches Denken und eine lebendige Debattenkultur eintreten, den Boden erkenntnisbasierter Argumentation verlassen, begeben sie sich selbst auf die Ebene jener Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien, die sie zu bekämpfen vorgeben. Damit machen sie sich angreifbar und verspielen eben jenes Vertrauen, das sie bräuchten, um der Flut an Fake-Wahrheiten etwas entgegenzusetzen.
Zur diesjährigen Feature-Parade
Bei meinen Beiträgen zu den Features, die mich in diesem Jahr besonders beeindruckt haben, habe ich mir dieses Mal etwas größere Freiheiten herausgenommen. Konkret bedeutet das, dass ich nicht nur auf die Features selbst eingehe, sondern sie teilweise in einen größeren Kontext stelle.
Im Grunde ist das sogar ein noch größeres Kompliment, als wenn ich mich einfach nur zu einem Echo der Hörstücke machen würde. Denn dies zeigt ja, dass die Beiträge nicht einfach nur an mir vorbeigerauscht sind, sondern bestimmte Denkprozesse in mir angeregt haben. Es hat also ein echter Dialog zwischen Feature und Hörer stattgefunden. Wenn ich von mir selbst ausgehe, wäre das so ziemlich die Idealvorstellung dessen, was ich mir von der Veröffentlichung eines Beitrags wünschen würde.
Die Feature-Parade startet in der nächsten Woche. Wer Lust hat, kann die Zeit bis dahin durch das Stöbern in den Feature-Awards der vergangenen Jahre überbrücken. Als Anhang zu dem oben erwähnten Beitrag über die „Grenzen des kritischen Journalismus“ finden sich dort auch die Kriterien, die der Auswahl der ausgezeichneten Features zugrunde gelet worden sind.
Um ins Reich des Rothen Ohrs zu gelangen, sind im RB-Menü oben auf der Seite nur drei Klicks notwendig: erst auf „Kultur und Gesellschaft“, dann auf „Medien“ – und schon öffnet sich vor den Suchenden „DAS ROT(H)E OHR“.
Zum Thema „gendergerechte Sprache“ gibt es drei ausführlichere Essays auf rotherbaron:
Zehn Argumente gegen das gesprochene Gendersternchen. Eine Kritik der Unkritisierbaren.
Geschlechtergerechtigkeit als Zungenbrecher. Wie die sprachlichen Gender-Dogmen die Genderdiskussion diskreditieren.
Politisch korrekt, sprachlich inkorrekt. Wie falsch verstandenes Gendern die Realität verzerrt.
An und für sich war die Diskussion um gendergerechte Sprache bis in die 90er Jahre von einem sinnvollen Diskurs über Gleichberechtigung der Geschlechter begleitet. So ungefähr seit 5-10 Jahren beobachte ich eine totale Verwirrung des Diskurses, die mich unangenehm berührt – gerade als ältere Frau, die sich den feministischen Debatten und den frühen Gender-Studies der 1970-er und 80er Jahre verbunden fühlt. In dieser Einführung zum Radiopreis finde ich dieses Unbehagen in klare Worte gefasst. Vielen Dank dafür!
Meine Befürchtung ist: Das wird nicht da ankommen, wo es sollte. Kritische (Selbst-)reflexion kann mühsam sein und innerhalb einer Gesellschaft, die von polarisierten Lagern beherrscht wird, auch einsam machen. Deshalb verlegen sich viele aufs Nachplappern. Das gilt auch für linke Kreise, die denken, es gäbe mehrere Geschlechter. Sie haben das sehr gut auseinandergedröselt in Ihren Ausführungen!- Wenn man bedenkt, was eine Geschlechtsumwandlung medizinisch bedeutet, dann sollte das das allerletzte Mittel sein und keine Lifestyle-Modeerscheinung. Die Werbung dafür und die totale Verharmlosung ist mehr als fahrlässig!
Bin gespannt auf die ausgezeichneten Features!
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