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Über mangelnde Bodenhaftung und verzerrende Darstellungsformen in öffentlich-rechtlichen Medien

Die „Medien“ sind dem Wortsinn nach „Vermittler“ der Realität. In einem demokratischen Gemeinwesen müsste dies in transparenter und kritikoffener Weise geschehen. Der Trend weist jedoch in die gegenteilige Richtung – zum Schaden der Demokratie.

Das Schweigen als Charakterzug des Fieslings

Wenn in journalistischen Beiträgen die problematische Heimlichtuerei des Rechercheobjekts herausgestellt werden soll, sind oft Sätze zu hören wie: „Trotz mehrfacher Anfragen war XY nicht bereit, sich zu den Vorfällen zu äußern.“ Beliebt ist auch die Praxis, die nichtssagenden Standardantworten zu zitieren, die von den Presseabteilungen der betreffenden Unternehmen verschickt werden.

Das Problem ist nur: Die großen Medienhäuser und Rundfunkanstalten sind selbst auch Unternehmen oder unternehmensähnliche Gebilde. Stellt man ihnen unangenehme Fragen, so nehmen sie sich zuweilen die Freiheit heraus, nach demselben Muster zu reagieren wie die heimlichtuerischen Fieslinge, die sie ihn ihren Beiträgen und Sendungen porträtieren.

Ein Nicht-Dialog mit dem Bayerischen Rundfunk

Dies durfte ich kürzlich selbst erleben, als ich mich beim Bayerischen Rundfunk nach dem Verbleib des Podcasts „Wissenschaft schnell erzählt“ erkundigt habe. Die Sendung war einfach im Sommerloch verschwunden – ohne Vorwarnung, ohne Erklärung.

Der Podcast hatte mir gerade durch die flippige Präsentation der Beiträge gefallen. Dies war auch mit regelmäßigen Aufforderungen einhergeangen, sich mit Kritik und Anregungen an der Sendung zu beteiligen. Also fühlte ich mich ermutigt, nach den Gründen für die mysteriöse Supernova im bayerischen Äther zu fragen.

Die Antwort entsprach ziemlich genau jenen Schreiben, die man bei kritischen Nachfragen aus Abgeordneten-Büros erhält. Etwas in der Art von: „Herzlichen Dank, dass Sie sich für unsere Arbeit interessieren. Wir freuen uns stets über engagierte Hörer, die an unserem Programm Anteil nehmen …“

Verbunden war die Antwort mit einem Hinweis auf den angeblichen neuen Platz der Sendung im Radioformat des Bayerischen Rundfunks. Da sich dort jedoch eine ganz andere Sendung fand, habe ich mich erneut vertrauensvoll an die Redaktion gewandt. Ergebnis: same procedure, also Verweis auf einen – dieses Mal anderen – Programmplatz, auf dem sich wieder irgendeine andere Sendung fand.

Sind also, fragte ich mich, die Hörerkontakte in Bayern ins Innere der Mongolei outgesorct worden, wo man sich eher wenig für bayerische Rundfunkprogramme interessiert? Oder nach Norddeutschland, wo man erst recht kein Bairisch versteht?

Mein letzter Versuch: Ich wandte mich ganz altmodisch – per Brief – direkt an den Hauptmoderator der Sendung, mit dem Vermerk „persönlich“ auf dem Umschlag. Ergebnis: keine Antwort. Was ja auch nicht anders zu erwarten war, da der Betreffende nicht mit eigener Post- oder Mailadresse im Mitarbeiterverzeichnis aufgeführt war. So gab ich es schließlich auf, weiter in dem kafkaesken Senderlabyrinth herumzuirren.

Fassadenhafte Mitbestimmung

Nun mögen manche vielleicht denken: „Was behelligt der uns denn hier mit Nachrichten aus der bayerischen Provinz? Was geht uns das denn an?“

In der Tat würde ich den Vorfall hier auch nicht aufgreifen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass er symptomatisch ist für bestimmte Entwicklungstendenzen in der deutschen Medienlandschaft im Allgemeinen und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Besonderen.

Bei dem geschilderten Fall mag es etwa konkrete und nachvollziehbare Gründe dafür geben, dass der Podcast aus dem Programm genommen worden ist: schlechte Quoten, finanzielle Kürzungen, Entlassungen, Umstrukturierungen im Programmschema … Das alles könnte man gut oder schlecht finden, es ließe sich kontrovers diskutieren, wenn es eine transparente Kommunikation darüber gäbe.

Das eigentliche Problem ist deshalb nicht die Absetzung der Sendung, sondern die Verweigerung einer Begründung dafür und einer Diskussion über diese. Es wird einfach so getan, als würde sich die Radioproduktion im Wolkenkuckucksheim abspielen, von wo Funksignale in Ohren ausgesandt werden, die für jedwede Kost dankbar sein müssen, die ihnen die Radiogötter zukommen lassen.

Mit einem demokratischen, aufklärerischen Anspruch, dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk doch seine Existenz verdankt, hat das nicht viel zu tun. Wenn sich Hörerbeteiligung auf den Sonntags-Musikwunsch für Tante Erna in Buxtehude, das Verlesen von Lobeshymnen auf das Programm und pseudo-transparente Quasselformate reduziert, wird Mitbestimmung nur vorgetäuscht, anstatt wirklich praktiziert zu werden.

Mangelnde Transparenz, fehlende Kommunikation

Dabei beschränkt sich das selbstherrliche Verhalten der Sender keineswegs nur auf die kommentarlose Absetzung einzelner Formate. Auch in zahlreichen anderen Fällen hat das Publikum passiv hinzunehmen, was in irgendwelchen Hinterzimmern beschlossen wird.

Dies reicht bis in die Mikrostrukturen der Sprache hinein, für die irgendwann eine Transformation durch allerlei Genderverrenkungen beschlossen worden ist. Auch hier gibt es nicht die geringste Transparenz. Es gibt keinerlei Information darüber, wer warum und auf welcher Grundlage die Transformation beschlossen hat, und es gibt in den Programmen der Sender auch keine Diskussion darüber.

Genau dies wäre aber in einer demokratischen Gesellschaft wünschenswert und sinnvoll. Denn es ist ja keineswegs ausgemacht, dass die Reduktion der Gender-Frage auf einen Zungenbrecher zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt. Ebenso denkbar ist, dass diese dadurch nur vorgetäuscht wird, anstatt mit konkreten Maßnahmen in die Tat umgesetzt zu werden.

Ritualisierte Berichterstattung

Hinterfragbar wäre darüber hinaus auch die Art der journalistischen Berichterstattung. So folgen viele Beiträge dem immer gleichen Schema. Sie beginnen mit einer betroffenen Person, die im Fernsehen kurz bei vermeintlichen Alltagsverrichtungen gezeigt und in Rundfunk- und Printbeiträgen holzschnittartig porträtiert wird. Darauf folgt ein Info-Input, ehe wieder zu der Person vom Anfang zurückgeschwenkt wird.

Ein solcher schulaufsatzhafter Aufbau der Beiträge birgt die Gefahr der Abstumpfung in sich. Die ritualisierte Berichterstattung führt dazu, dass man die Information nur noch wie die Ablasspredigt des Pfarrers in der Kirche über sich ergehen lässt.

Besonders problematisch ist dies bei Beiträgen, die eigentlich zu mehr sozialem Engagement motivieren sollten. Dies gilt etwa für Reportagen über Flüchtlingscamps. Auch hier verschwindet das Leid der Betroffenen hinter dem Ritual der immer gleichen Berichterstattung, bei der die konkreten Personen nur noch Füllmaterial für die Beiträge sind.

Teilweise liegt dies natürlich auch an der Realität, die uns in Flüchtlingslagern eben immer wieder dasselbe Gesicht zuwendet und von Überfüllung, mangelnder Hygiene, Ausweglosigkeit und dem Windmühlenkampf engagierter Hilfsorganisationen gegen unbarmherzige Behörden geprägt ist. Eben dies müsste jedoch ein Ansporn sein, die Berichterstattung lebendiger zu gestalten, anstatt sie mit ihrer Ritualisierung zu einem Spiegel der vermeintlich unveränderlichen Realität zu machen.

Fiktionalisierung der Realität

Durch ihren formalisierten Aufbau kommt diese Art der Berichterstattung zudem der Fiktion nahe. Oft entsteht der Eindruck, dass sowohl die Inhalte als auch die Personen bestimmten Klischees folgen, die dann mit passendem Wirklichkeitsmaterial „ausgemalt“ werden.

Ob es sich dabei um echtes oder erfundenes Material handelt, ist im Grunde zweitrangig. Entscheidend ist, dass es erst gar keine Bemühung um einen vorurteilsfreien Kontakt mit den konkreten Geschehnissen gibt.

Eben dies hätte die entscheidende Erkenntnis aus dem Fall Claas Relotius sein müssen, der vor ein paar Jahren die Medienlandschaft erschüttert hat. Nicht die Tatsache, dass Relotius als Journalist frei erfundene als echte Personen ausgeben konnte, war der eigentliche Skandal – sondern die Tatsache, dass dies aufgrund einer bestimmten formalisierten, klischeehaften Art journalistischen Schreibens überhaupt möglich war.

Die Lehre, die man aus diesem Fall hätte ziehen müssen, wäre daher nicht die Schlachtung eines Einzelnen gewesen, bei dem die Fiktionalisierung der Realität offen zutage getreten war. Einen echten Wandel hätte es vielmehr nur dann geben können, wenn man eben diese Fiktionalisierungswirkung diskutiert und sich um neuartige Formen journalistischen Schreibens bemüht hätte.

Das Versagen der Medien als Krankheitssymptom der Demokratie

„Medium“ – das bedeutet, wie wir alle wissen – „Mittler“.  Im Falle der Medien verweist der Begriff folglich darauf, dass sie uns ein bestimmtes Bild der Realität vermitteln. Dies geschieht über die Auswahl der Bilder und der Informationen, in deren Licht uns die Realität präsentiert wird, aber auch durch die sprachliche Hülle, in der diese uns dargeboten wird, und durch den Aufbau der Berichterstattung.

Die mediale Vermittlung der Realität ist demnach ein äußerst komplexer Vorgang, der auf Seiten der Vermittler ein besonderes Verantwortungsbewusstsein voraussetzt. Um diesem gerecht zu werden, sind Transparenz in Bezug auf die eigene Arbeit und der lebendige Kontakt zu denen, für die man die Realität medial aufbereitet, unerlässlich.

Medienhäuser in privater Hand können natürlich tun, was sie wollen. Dass sie gewinnorientiert arbeiten und deshalb auf alles setzen, was werbeträchtige Quoten bringt, ist allgemein bekannt. Deshalb wird von ihnen auch niemand ein besonderes Verantwortungsgefühl für Demokratie und die Ermutigung der Menschen zu kritischem Denken erwarten.

Beim öffentlichen-Rundfunk liegen die Dinge jedoch anders. Er ist ein Fundament der Demokratie, indem er nicht nur die umfängliche Informiertheit der Menschen sicherstellen, sondern sie auch zum kritischen Blick hinter die Kulissen der Realität ermutigen und befähigen soll.

Die Verweigerung von Transparenz und von Kommunikation mit denjenigen, an die sich die Sendungen richten, ist deshalb in diesem Fall nicht nur eine medieninterne Problematik, sondern ein Krankheitssymptom der Demokratie. Die Entfremdung und Abkopplung der Medien von den Menschen ist ein erster Schritt auf dem Weg ihrer Umfunktionierung zu einem Indoktrinierungsinstrument in der Hand der Herrschenden, wie es für alle autoritären Staaten charakteristisch ist.

Zu Claas Relotius vgl. den Beitrag

Literarische Reportagen oder Hochstapelei? Der Fall Claas Relotius; 21. Dezember 2018

Bild: Placidplace: Schloss in den Wolken (Pixabay)

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