Literarische Reportagen oder Hochstapelei?

Der Fall Claas Relotius

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Die entscheidende Frage im Fall Relotius ist nicht, ob und in welchem Umfang er mit seinen Reportagen die Wirklichkeit verfälscht hat. Eher muss man sich fragen, warum seine Darstellungen der Wirklichkeit so konsensfähig sind, dass er damit immer wieder bedeutende Journalismus-Preise abräumen konnte.

„Und die Wahrheit? Die leidet manchmal notgedrungen. (…) Die Kollegen beschwerten sich, dass seine Erfindung besser gewesen sei als die Wirklichkeit und er sie daher rechtzeitig hätte unterrichten müssen. Wer die Anekdote liest, erkennt, dass sie sich so nicht abgespielt haben kann, dass es sich um ein Gleichnis handeln muss: Für die Grenze zwischen Reportage und Literatur, für jene zwischen Erfindung und Realität und für die Wahrnehmung des Publikums, die bereit ist, diese Grenzen in beide Richtungen zu passieren.“

Nein, diese Worte sind kein Kommentar zu den Reportagen von Claas Relotius, jenem Spiegel-Reporter, der zugegeben hat, für seine Arbeiten einen recht phantasievollen Umgang mit den Fakten gepflegt zu haben. Sie sind einem Essay über Egon Erwin Kisch, die große Ikone des Reportagejournalismus, entnommen, das Jakob Augstein 2010 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat.

Die Nachsicht, die dem „rasenden Reporter“ Kisch für seinen kreativen Bezug zur Wahrheit entgegengebracht wird, kann Relotius nicht erwarten. Seine Arbeiten werden eben nicht aus einem größeren, den Wahrheitsanspruch relativierenden zeitlichen Abstand betrachtet. Für ihn gilt die Detailversessenheit und das Wahrheitspathos der Gegenwart, die „die“ Wirklichkeit so dargestellt sehen will, wie sie gemäß allgemeiner Übereinkunft erscheint.

Erschwerend kommt hinzu, dass Relotius einen Großteil seiner Arbeiten ausgerechnet im Spiegel veröffentlicht hat, für den er zuletzt auch als Redakteur tätig war. Der Spiegel aber leitet sein Selbstverständnis noch immer aus dem Investigativjournalismus ab, für den Rudolf Augstein das Magazin einst gegründet hatte. So weist Ulrich Fichtner, im August 2018 zusammen mit Barbara Hans und Steffen Klusmann in das neue Chefredakteurstrio des Spiegel berufen, in seiner Selbstanzeige zu den Vorgängen um Relotius ausdrücklich auf die Verpflichtung hin, die sich für die hier Schreibenden aus diesem Erbe ergebe. „Schreiben, was ist“ – dieses Augstein-Zitat, das als Motto in der Eingangshalle des Hamburger Redaktionsgebäudes angebracht ist, habe allen, die für den Spiegel tätig seien, als Leitlinie zu dienen.

Vor diesem Hintergrund wird Relotius von Fichtner nicht nur unsaubere Arbeit vorgeworfen. Vielmehr charakterisiert er ihn in seinem Beitrag als Verbrecher, der „mit krimineller Energie“ in „abstoßende[r]“ Weise die Tatsachen verdreht habe. Gezielt habe er seine KollegInnen belogen und getäuscht und reihenweise Preise angenommen, obwohl er wusste, dass er sie aufgrund seines mangelnden journalistischen Ethos nicht verdient habe.

Fichtners Suada klingt ein wenig so, als hätte sich ein Schweinehirte auf den Olymp verirrt. Vielleicht sollte man deshalb zunächst einmal daran erinnern, dass von 2013 bis 2015 Nikolaus Blome Mitglied der Chefredaktion des Spiegel war – ein Mann, der zuvor stellverstretender Chefredakteur der Bild-Zeitung war und nach Beendigung seiner Tätigkeit für den Spiegel auch wieder an seine alte Arbeitsstätte zurückgekehrt ist. Die Bild-Zeitung aber ist nicht gerade für ihren sorgsamen Umgang mit der Wahrheit bekannt. So wirkt es wenig glaubwürdig, wenn Relotius nun als Nestbeschmutzer dargestellt wird, der das ansonsten untadelige Wahrheitsstreben des Spiegel befleckt habe.

Hinzu kommt, dass die Vorwürfe, die gegen den preisgekrönten Reporter erhoben werden, teilweise auch in die Irre führen. Relotius hat keineswegs, wie Fichtner behauptet, „Fake“ produziert. Dies wäre dann der Fall, wenn er Reportagen geschrieben hätte, die nichts mit der Realität zu tun haben. Seine Arbeiten erfüllen jedoch eher die Kriterien, die Jakob Augstein für das Werk Kischs angeführt hat: Er stellt die Dinge so dar, wie sie sich „hätten (…) ereignen können“ – und wie sie sich mancherorts wohl auch tatsächlich abspielen.

Die Frage, die sich dann stellt, ist nicht, ob und in welchem Umfang Relotius mit seinen Reportagen die Wirklichkeit verfälscht hat. Eher muss man sich fragen, warum seine Darstellungen der Wirklichkeit so konsensfähig sind, dass er damit immer wieder bedeutende Journalismus-Preise abräumen konnte. Hierfür sind nun einige Kritikpunkte hilfreich, die Fichtner rückblickend gegenüber den Reportagen von Relotius anführt. So wirft er diesem vor, wie ein „Puppenspieler“ zu agieren, der seine Gestalten nach Belieben arrangiert. Durch die Verwendung bestimmter, leitmotivartig eingesetzter stilistischer Mittel – wie etwa seiner Eigenart, die Atmosphäre an einem bestimmten Ort und die Gestimmtheiten von Personen durch angeblich zu hörende oder von diesen gesungene Lieder zu charakterisieren – näherten sich seine Reportagen darüber hinaus stellenweise dem Kitsch.

Diese Kritik ist in der Tat bedenkenswert. Sie gilt jedoch ganz unabhängig davon, ob Relotius mit seinen Reportagen die Wirklichkeit detailgenau beschreibt oder Dinge hinzuerfindet. Was Fichtner hier kritisiert, ist vielmehr eine Schreibweise, die für den heutigen Journalismus ganz allgemein charakteristisch ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Spiegel-Rubrik „Eine Meldung und ihre Geschichte“, für die Relotius bezeichnenderweise ebenfalls einige Beiträge geliefert hat. Hier geht es darum, Nachrichten von der „Ein-Kessel-Buntes“-Seite mit Leben zu erfüllen. Dafür wird zwar auch die Situation vor Ort erkundet und mit den betreffenden Akteuren geredet. Lebendig wirken die Beiträge aber vor allem dadurch, dass sie wie literarische Kurzgeschichten erzählt werden – und zwar aus einer auktorialen Perspektive, für die eben jene Puppenspieler-Attitüde charakteristisch ist, die Fichtner an den Reportagen seines Starreporters kritisiert.

Spiegel-Leser wissen mehr“ – der stolze Werbeslogan des Magazins beruht teilweise eben nicht auf einem Mehr an Fakten, sondern auf einer bestimmten besserwisserischen, überheblichen Haltung, die sich auf der Ebene des Reportagestils in einem von oben auf andere herabschauenden Puppenspieler-Habitus manifestiert.

Zu diesem Habitus gehört auch die angemaßte Fähigkeit, in andere hineinblicken und ihre Gefühle entziffern zu können. Den Lesenden fällt diese scheinbare Gottgleichheit der Schreibenden oft deshalb nicht auf, weil sie sich nicht offen zu erkennen gibt. Denn die Gefühle werden in der Regel nicht direkt benannt, sondern über charakteristische Formen von Gestik oder Mimik charakterisiert. Fichtner selbst führt in seiner Auseinandersetzung mit Relotius ein Beispiel dafür an. So wird in einer von dessen Reportagen die innere Anspannung einer Frau mit den Worten beschrieben: „Gladdis holt tief Luft, sie presst ihre Fäuste auf ihrem Schoß gegeneinander, so fest, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten.“

Derartige Sätze könnten auch in einem literarischen Text stehen. Es ist denn auch kein Zufall, dass immer wieder JournalistInnen ins Fiction-Genre wechseln und umgekehrt. Hier wie dort lehren Schreibseminare, wie Wirklichkeit in Texten so gestaltet werden kann, dass die Lesenden bereitwillig in die erzählte Geschichte eintauchen. Dieses „Storytelling“ – für das übrigens auch Fichtners eigener Beitrag, der den Fall Relotius wie die sukzessive Enttarnung eines Reporter-Aliens schildert, als Beispiel dienen kann – ist es folglich auch, zu dem der Fall Relotius Fragen aufwirft: Was sagt es über unser Verhältnis zur Wirklichkeit aus, wenn Reportagen ebenso wie explizit literarische Texte mit Preisen überhäuft werden, sobald sie bestimmte Darstellungsformen zur Perfektion bringen? Laufen wir dadurch nicht Gefahr, die Stereotypen, die mit Letzteren einhergehen, mit der Wirklichkeit zu verwechseln?

Gute Reportagen zeichnen sich eben nicht dadurch aus, dass sie die Wahrheit „aufdecken“. Entscheidend ist vielmehr, dass und ob sie sie auch „erzählen“ können. Dabei müssen sich die Lesenden dann freilich bewusst sein, dass das Ergebnis immer nur ein Bild der Wirklichkeit sein kann. Und die Schreibenden müssen darauf achten, die Grenze zur reinen Fiktion nicht zu überschreiten, wie es Relotius mitunter durch das Erfinden von Personen oder auch durch Anleihen bei anderen Reportagen getan hat. Solchen Gefahren, die, wie gesagt, in der Natur einer guten Reportage liegen, lässt sich am ehesten vorbeugen, indem eine Pflicht zur Offenlegung von Quellen und benutzten Materialien eingeführt wird. Durch solche Maßnahmen wäre es kaum noch möglich, nicht faktenbasiert zu arbeiten. Außerdem könnten dann alle, die dies wollen, überprüfen, ob sie anhand der Fakten zum selben oder zu einem anderen Bild der Wirklichkeit kommen.

Neben diesen epistemologischen Fragestellungen hat der Fall Relotius jedoch auch einen sozialen Aspekt. Dieser betrifft zunächst die Arbeitsbedingungen von JournalistInnen. So hat Relotius seinen freien Umgang mit den Fakten auch mit dem Druck begründet, unter dem er bei seiner Arbeit gestanden habe. Dies ist typisch für die Arbeit freier Journalisten, die für ihren Lebensunterhalt darauf angewiesen sind, ständig interessante Projekte zu entwickeln, für die dann auch noch publikations- und zahlungswillige Redaktionen gefunden werden müssen.

Nun war Relotius zum Schluss ein begehrter, mehrfach preisgekrönter Journalist, der weder an Existenzsorgen litt noch befürchten musste, für die Schublade zu schreiben. Auch der Erfolg kann seine Kinder jedoch unter Druck setzen: Was, wenn die nächste Arbeit nicht so gefeiert wird wie die vorherigen? Wenn gar eine Reportage, für die man schon Recherchemittel kassiert hat, nicht zustande kommt? Wie lange wird einem die Durststrecke verziehen werden, bis man als Auslaufmodell gilt und durch den nächsten „hippen“ Reporterstar ersetzt wird?

In der Tat sind die verdammenden Worte, die Fichtner dem ehemaligen Stern am Spiegel-Himmel hinterherschickt, der beste Beweis dafür, wie schnell man aus dem Himmel in die Hölle stürzen kann. Was er getan hat, wirke, so wird ein Kollege zitiert, „wie ein Trauerfall in der Familie“. Relotius wird nach allen Regeln der Kunst beerdigt.

Das ist es denn auch, was mich an dem ganzen Fall am meisten erschreckt: die Erbarmungslosigkeit, mit der hier ein Kollege in den sozialen Tod geschickt wird. Wie er zu einem abartigen Verbrecher gestempelt wird, der sich an dem Heiligen Spiegel, diesem Gralshüter der Wahrheit, versündigt hat. Andere trifft keine Mitschuld, für sie war die kriminelle Energie dieses Hochstaplers einfach zu groß.

Ein Zitat von Relotius, das Fichtner in seiner Beerdigungsrede anführt, wird sogar so wiedergegeben, dass es klingt, als würde der verfemte Reporter sich selbst für einen pathologischen Lügner halten. „Ich bin krank“, habe er gesagt, und: „Ich muss mir jetzt helfen lassen.“ Dass dies auch auf schwere Depressionen infolge der öffentlichen Demontage der eigenen Person und beruflichen Leistung, eventuell sogar auf Selbstmordgedanken hindeuten könnte – diese Idee kommt den selbstgerechten Richtern nicht. Und selbst wenn: Sie waschen ihre Hände in Unschuld. Na dann: Frohe Weihnachten!

Nachweise:

Augstein, Jakob: Egon Erwin Kisch: Der Tagesschriftsteller. Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010 (SZ-Serie über „große Journalisten“, Teil 26).

Fichtner, Ulrich: Manipulation durch Reporter: SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen. Eine Rekonstruktion in eigener Sache. Spiegel Online, 19. Dezember 2018.

 

Bild: Thomas Wolter (Berlin): Papierschiff (pixabay)

 

 

 

  5 comments for “Literarische Reportagen oder Hochstapelei?

  1. Morgenroth
    Dezember 21, 2018 um 2:56 pm

    Vielen Dank für diesen klugen Artikel. Er legt offen, wo die wirklichen Probleme in der Presse- und auch Literaturwelt liegen.

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  2. Dezember 21, 2018 um 4:18 pm

    Guter Artikel!!!!!

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  3. Dezember 21, 2018 um 4:53 pm

    Das passiert wenn fake news in sind …

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  4. Melina Meyer
    Dezember 22, 2018 um 4:47 pm

    Hier geht es weniger um Fake-News als um eine bestimmte Attitude von Journalist*innen. Der Artikel ist wirklich interessant und macht eine neue Perspektive auf: Würde ein/e JournalistIn Erfolg haben, wenn sie die Lücken in ihrer Berichterstattung seine/ihre offenen Fragen und Zweifel, subjektive Sichtweisen einbeziehen würde???- Das ist fraglich, aber erfrischend und ehrlich wäre es allemal! Danke für diese Anregung zum Nachdenken, Herr Baron!

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  5. Jakob
    Dezember 22, 2018 um 6:09 pm

    Ob Nachdenklichkeit, Zweifel Erfolg hätten? – Gute Frage. Mein Eindruck: Viele Leute wollen nicht selber denken. Sie wollen von Journalisten und anderen „Meinungsführern“ an die Hand genommen werden. ..und in ihren einfachen Antworten bestätigt werden. Der Fall Relotius ist nur ein Symptom!

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