Zu King Crimsons Song Epitaph
Der Song Epitaph der Band King Crimson thematisiert den Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und moralischem Stillstand. Die Gründe dafür werden sowohl in der Eigendynamik des Wissens als auch in dessen mangelnder Beachtung auf der politischen Ebene gesehen.
Podcast
Epitaph
Während die Worte der Propheten
verblassen auf der zerbröckelnden Wand,
glänzen grell im Sonnenlicht
des Todes wortlose Werkzeuge.
Von Alpträumen zerrissen
und von unverstandenen Visionen,
streben wir weiter nach Siegerkränzen,
während unsere Schreie im Schweigen ertrinken.
Auf meinem verschlungenen, brüchigen Pfad
sehe ich die Inschrift auf meinem Grab: "Verwirrung"!
Vielleicht lachen wir ja morgen
siegreich über den steinigen Weg,
doch ich fürchte, wir werden weinen,
ja, ich fürchte, ich werde weinen,
ich werde weinen,
ich werde weinen.
Zwischen den ehernen Pforten des Schicksals
wurden die Keime unserer Zukunft gesät,
bewässert von den Taten derer,
die wir als Wissende verehren.
Ein tödlicher Freund aber ist das Wissen,
wenn Narren es nach ihren Regeln nutzen.
Und Narren sind es, die unser Schicksal
und das der gesamten Menschheit bestimmen.
King Crimson: Epitaph Text: Peter Sinfield
Musik: Robert Fripp, Ian McDonald, Greg Lake und Michael Giles Aus: In the Court of the Crimson King (Am Hof des purpur-/scharlachroten Königs; 1969)
Ein klassischer Progressive-Rock-Song
Der Song Epitaph datiert aus dem Jahr 1969. Tatsächlich atmet er auch deutlich den Progressive-Rock-Spirit, diese musikalische Entsprechung zu der Sehnsucht der 68er-Protestbewegung nach dem Grenzübertritt, im Sinne eines radikal anderen Paradigmas für das Denken, Fühlen und Zusammenleben.
Dies spiegelt sich schon in der Länge des Songs wider, der dem gängigen radiokompatiblen – und damit werbefreundlichen – Kurzformat den Stinkefinger zeigt. Musikalisch manifestiert sich der Grenzübertritt in einem opulenten, opernhaften Sound, der sich aus dem Einsatz des verschiedene Klangformate integrierenden Mellotrons und der Mischung von rocktypischen mit klassischen Instrumenten (wie der Klarinette) ergibt. Hinzu kommt noch ein längeres Zwischenspiel vor der Wiederholung des Songtextes.
Janusköpfiger Wissensfortschritt
Der Songtext wurzelt zwar ebenfalls in der damaligen Protestbewegung. Er könnte allerdings auch in der Gegenwart geschrieben worden sein und wirkt ausgesprochen aktuell. Dies zeigt sich insbesondere, wenn man ihn von seinem Ende her liest. Dann wird deutlich, dass die zentrale Empfindung, die er anspricht – die „Verwirrung“ – auf einem Kernproblem (post-)moderner Gesellschaften beruht: dem Widerspruch zwischen Wissensfortschritt und mangelhafter oder kontraproduktiver Anwendung des Wissens.
Auch die beiden wichtigsten Gründe für diesen Widerspruch deutet der Song an. Der erste Grund bezieht sich auf die Tatsache, dass der Wissenszuwachs insbesondere dort, wo er den technischen Fortschritt befeuert, janusköpfig ist: Er kann das Leben angenehmer und gesünder machen und in diesem Sinne zur Weiterentwicklung der Zivilisation beitragen. Er kann das zivilisierte Leben aber auch – etwa durch Umweltzerstörung und Luftverschmutzung – unterminieren oder gar – durch die Effektivierung und Brutalisierung des Tötens im Krieg – zerstören.
Politische Ausbremsung des Wissensfortschritts
Während sich in diesem Fall die negativen Auswirkungen des Wissensfortschritts aus einer in diesem selbst angelegten Dialektik ergeben, ist der zweite Grund für seine Schattenseiten auf der politischen Ebene verortet. Wissen ist dort nur ein Faktor unter anderen für Entscheidungen. Mindestens ebenso wichtig ist der Faktor Popularität, der den politisch Verantwortlichen den Machterhalt sichert.
Paradoxerweise trägt damit hier gerade der demokratische Fortschritt dazu bei, dass der Wissensfortschritt nicht in entsprechendes Handeln umgesetzt wird. Das aktuell naheliegendste Beispiel dafür ist wohl der Klimawandel.
Dass dessen Eindämmung einen radikalen Paradigmenwechsel bei der Gestaltung unseres Alltags erfordern würde, ist wissenschaftlich unbestritten. Dies durch entsprechende Weichenstellungen konsequent umzusetzen, käme jedoch politischem Harakiri gleich: Die Betreffenden würden dann wohl bei der nächsten Wahl in die Wüste gejagt werden.
Notwendigkeit eines regelbasierten Umgangs mit dem Wissensfortschritt
Die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind, lassen sich ebenfalls aus dem Songtext ableiten. Wenn es nicht zu einem paradoxen „tödlichen Freund“ werden soll, müssen klare Regeln für die Anwendung des Wissens festgelegt werden.
Dies bezieht sich zum einen auf die Eindämmung der Eigendynamik, die jedem Wissensfortschritt eignet. Anstatt sich der Faktizität des technisch Machbaren zu unterwerfen, also alles hinzunehmen, was sich aus der Eigendynamik des technischen Fortschritts ergibt, muss umgekehrt die Technik dem wohlverstandenen Interesse der Menschheit untergeordnet werden. Es muss also stets gefragt werden, welche Entwicklungen wünschenswert sind und welche nicht – und eben daran muss der Umgang mit dem Wissensfortschritt dann auch ausgerichtet werden.
Entflechtung von wissenschaftlicher Weichenstellung und politischem Handeln
Auf der politischen Ebene bedeutet ein regelbasierter Umgang mit dem Wissen, dass unbestreitbare Erkenntnisse auch eine unhintergehbare Grundlage für politisches Handeln sein müssen. Dafür müssen politische Entscheidungen und politisch Verantwortliche ein Stück weit voneinander entflochten werden. Möglich wäre dies etwa durch Kommissionen von Fachleuten oder durch Ältestenräte, die verbindliche Eckpunkte für politisches Handeln festlegen.
Darüber hinaus müssten natürlich auch Mindeststandards für politische Moral und für Qualifikationen, die für die Übernahme eines politischen Amtes nachgewiesen werden müssen, eingeführt werden. Nur so könnte dem Trend zu einem skrupellosen Populismus, der wissenschaftliche Erkenntnisse und moralische Standards im Interesse des eigenen Wahlerfolgs ostentativ missachtet, Einhalt geboten werden.
Was die Aussichten, derartige Veränderungen umzusetzen, anbelangt, kann man allerdings leider nur den Liedtext zitieren: „Vielleicht lachen wir ja morgen / siegreich über den steinigen Weg, / doch ich fürchte, wir werden weinen …“
Über die Band King Crimson
Die Band King Crimson wurde 1968 von Robert Fripp und Michael Giles gegründet. Mit ihrem Debütalbum In the Court of the Crimson King hat sie maßgeblich die Progressiv-Rock-Bewegung geprägt. Dies gilt u.a. für Genesis, die sich das Cover des Albums als Inspiration in ihrem Proberaum aufgehängt hatten.
Der sowohl in gesellschaftlicher als auch in musikalischer Hinsicht rebellische Charakter der Band drückt sich auch in ihrem Namen aus. Er stammt von Peter Sinfield, dem Textschreiber der frühen Songs, und bezieht sich laut diesem allgemein auf eine von Unruhen und Missständen verfinsterte Herrschaft.
Bandleader Fripp verbindet dagegen mit dem Namen den Höllenfürsten „Beelzebub“, allerdings in einer originellen Deutung, die er von einer arabischen Analogiebildung zu dem Namen ableitet: „B’il Sabab“ bedeutet im Arabischen „Mann mit einem Ziel“. Eben dies nimmt Fripp auch für sich und seine Band in Anspruch.
Allerdings war für King Crimson schon bald nach der Bandgründung nicht mehr recht klar, wohin die Reise gehen sollte. Nach dem gefeierten Beginn, der außer durch das erfolgreiche Album auch durch ein Mega-Konzert mit den Rolling Stones im Londoner Hyde-Park vor über einer halben Million Fans gekennzeichnet war, zerfiel die Band sehr schnell.
Bereits 1969 verließ Mitgründer Michael Giles die Band. Weitere Bandmitglieder folgten, Ende 1971 schied mit Songschreiber Sinfield schließlich auch das letzte Mitglied der Anfangsformation aus.
Manche neue Projekte ehemaliger Bandmitglieder erlangten später selbst wieder Kultstatus – wie etwa die Band Emerson, Lake and Palmer, an welcher der anfangs als Bassist und Sänger bei King Crimson aktive Greg Lake beteiligt war. Die Band King Crimson existierte zwar weiter, war jetzt aber im Wesentlichen ein Projekt von Robert Fripp, der seine musikalischen Ideen nun mit anderen Musikern verwirklichte.
1974 löste sich die Band auf, gründete sich 1981 neu, ehe sie 1984 wieder aufgelöst wurde. Seither ist es mehrfach zu Neugründungen und Wiederauflösungen gekommen, verbunden mit diversen Stilwechseln. Die Band ist auch für ihre künstlerischen Albumcover bekannt, in die – als Anspielung auf den Bandnamen – auch immer wieder ein Blutahornblatt integriert worden ist.
Bild: Wiktor Wasnezow (1848 – 1926): Ein Ritter an einer Wegkreuzung (1882; Ausschnitt); Wikimedia commons
Ich finde die Serie „Musikalischer Mittwoch“ total interessant und spannend. Danke dafür!
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Danke, Rotherbaron. Irgendwie habe ich, nie genau hingehört, was da gesagt wird im Song – typisch Nichtmuttersprachler Englisch. Doch was ich sagen wollte, weil ich sah gerade, dass Robert Fripp mit am Werk war unter anderen, dass ich von ihm mit Eno im Verbund (keine Ahnung, wer Eno war oder ist) eine LP hatte, deren Name nicht mehr bekannt ist, die so würde ich es heutzutage bezeichnen, Freejazz pur war, halt trippig usw. Tja, das waren noch Zeiten…
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