Tödlicher Schlaf

Wer die Augen vor dem Krieg verschließt, wird morgen selbst von ihm verschlungen

Vier Jahre nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine versuchen Trump und Putin mit vereinten Kräften, uns die verkehrte als die normale Welt zu verkaufen. Wir können uns deshalb keinerlei Faulheit des Denkens oder Trägheit der Gefühle leisten.

Günter Eichs Appell gegen Gedankenlosigkeit und Abstumpfung

"Nein, schlaft nicht,
während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht,
die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!

Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind,
wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder,
die man aus eurem Mund nicht erwartet!

Seid unbequem, seid Sand,
nicht das Öl im Getriebe der Welt!"

Zeithistorische Bedeutung des Wachsamkeitsappells

Diese Worte stehen am Ende von Günter Eichs 1950 entstandenem Hörspiel Träume. Sie entstammen einem der lyrisch-kontemplativen Zwischentexte, welche die einzelnen Traumsequenzen miteinander verbinden.

Entstanden sind Eichs Verse vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Herrschaft und dem beginnenden atomaren Wettrüsten nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ließen sich damit sowohl auf die mangelnde Wachsamkeit vieler Menschen in der Vergangenheit als auch auf die nötige neue Wachsamkeit in der damaligen Gegenwart beziehen.

Seitdem sind die Verse immer wieder auf aktuelle Entwicklungen bezogen worden. So sind sie auch in der 68er-Protestbewegung aufgegriffen worden, um auf die Notwendigkeit der Sensibilisierung für die Machtkonzentration in der Großen Koalition oder den im Vietnamkrieg eskalierenden aggressiven Imperialismus der Industriestaaten hinzuweisen.

Das Schlafmittel der Propaganda beim Krieg gegen die Ukraine

Heute lassen sich Eichs Verse auch auf den Umgang mit dem Ukrainekrieg beziehen. Der „Schlaf“ der Welt angesichts der von der russischen Führung und ihrer Armee verübten Verbrechen bedeutet dabei nicht, dass wir davor die Augen verschließen würden. Er bezieht sich eher auf die unmerkliche Verzerrung der Realität. Dabei wird unser Denken und Fühlen durch kleine, oft unbedacht übernommene Akzentverschiebungen und Deutungsmuster im Sinne des Aggressors umgefärbt:

  • Das Einwirken der russisch-amerikanischen Drückerkolonnen auf die Ukraine bei gleichzeitiger Fortsetzung der Terrorangriffe in der Ukraine firmiert unter dem Etikett „Friedensverhandlungen“. Genauso gut könnte man den Begriff für ein Erpresserkommando verwenden, das beispielsweise ein Hochhaus besetzt hält und dort Tag für Tag Menschen tötet, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen.
  • Als Voraussetzung für eine Beendigung des Krieges gilt mittlerweile nicht mehr das Aufwachen der russischen Führung aus ihrem Blutrausch, sondern die Bereitschaft der Ukraine zu „Zugeständnissen“. Wie früher bei Vergewaltigungen Frauen vorgeworfen wurde, sie hätten den Täter zu seinem Übergriff „gereizt“, wird damit auch hier dem Opfer die Verantwortung für den Überfall zugeschoben.
  • Ebenfalls im Mainstream angekommen ist die Deligitimierungsstrategie der russischen Propaganda. Dabei wird der ukrainischen Führung vorgeworfen, sich unrechtmäßig an der Macht zu halten. Dies entspricht einer Umkehr der Ursache-Wirkungs-Kette: Der Krieg ist keine Folge einer angeblich illegitimen Regierung. Die Unmöglichkeit, Wahlen durchzuführen, ist vielmehr die Folge des Krieges bzw. der täglichen Terrorangriffe, durch die eine Stimmabgabe nur unter Lebensgefahr möglich wäre.

Dystopische Träume als Spiegelbild einer inhumanen Gesellschaft

Die Kaperung unserer Gedanken durch das Schlafmittel der Propaganda hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Sicht des Terrors gegen die Ukraine. Sie kann vielmehr auch als Symptom für eine zunehmend von Abschottung, Gleichgültigkeit, Mitleidslosigkeit, Egozentrismus und geistiger Orientierungslosigkeit – kurz: einer Erosion des humanistischen Fundaments unserer Gesellschaft – gekennzeichnete Haltung verstanden werden.

In diesem Sinne lassen sich auch die einzelnen Träume in Günter Eichs Hörspiel deuten. Bei diesen handelt es sich nämlich um veritable Alpträume:

  • Im ersten Traum fahren Menschen in einem fensterlosen Zug durch eine Welt, zu der sie jeden Bezug verloren haben.
  • Der zweite Traum dreht sich um ein Elternpaar, das aus rein pragmatischen Erwägungen sein Kind an einen Menschenschlächter verkauft.
  • Im dritten Traum wird eine Familie von der Stadtgemeinschaft mit Verbannung bestraft, weil sie ein Gebot der Invasoren missachtet hat.
  • Der vierte Traum handelt von einem Mann, der bei einer Urwaldexpedition sein Gedächtnis verliert und daraufhin nicht mehr aus dem Dschungel herausfindet.
  • Im letzten Traum zersetzt schließlich eine Termitenhorde unmerklich Häuser und Menschen.

Existenzielle und soziopolitische Bedeutung der Träume

Die Träume lassen sich zum einen allgemein auf die menschliche Existenz beziehen: auf die Eingeschränktheit der menschlichen Wirklichkeitswahrnehmung, auf die „Wolfsnatur“ des Menschen, auf menschlichen Opportunismus, die „Irrfahrt“ des Daseins und den Tod, der den Menschen von innen heraus zerfrisst.

Zum anderen spiegeln die Träume aber auch ganz konkrete soziale und politische Problemlagen wider: die Bedrohung der Welt durch Umweltzerstörung und Aufrüstung, die sich im Verborgenen, hinter den Mauern des heilen Alltaglebens, vollzieht und dieses schleichend unterminiert; ausbeuterische Wirtschaftsverhältnisse; das Mitläufertum der Nazi-Zeit; das selbstvergessene Versinken in der Wohlstandswelt.

Protest der Schlafwandler gegen den Schlafmittelkritiker

Bezeichnenderweise geriet die Ursendung des Hörspiels zu einem öffentlichen Skandal. In aufgebrachten Anrufen wurde noch während der Sendung der sofortige Abbruch des Hörspiels gefordert. Manche verlangten sogar den Einsatz der Polizei und das Wegsperren des Autors. Offenbar fühlten viele sich gerade durch die entfremdende Sprache der Träume intuitiv angesprochen.

Die hysterischen Reaktionen auf das Hörspiel waren gewissermaßen eine Bestätigung für dessen Schlussappell. Denn nicht wenige wollten offenbar genau das tun, wogegen dieser Appell sich wendet: schlafen, „während der Ordner der Welt geschäftig sind“. Und eben diese Reaktion breitet sich auch heute immer weiter beim Umgang mit dem Terror gegen die Ukraine aus.

Auch heute ziehen sich viele lieber in ihre Komfortzone zurück, als sich mit den Folgen der russischen Aggression gegen die Ukraine auseinanderzusetzen. Es macht den Alltag eben leichter, wenn man sich nicht gegen das unmerklich in unsere Köpfe einsickernde Schlafmittel der Propaganda wehrt; wenn man mit Hilfe der technizistischen Terminologie der Kriegsberichterstattung eine Distanz zu dem Kriegsgeschehen aufbaut; wenn man die Opfer der russischen Terrorangriffe als Randnotiz vor den Sportmeldungen abhakt.

Bei alledem sollte man sich jedoch über eines klar sein: Was den Alltag heute erleichtert, kann ihn schon morgen unmöglich machen.

Günter Eichs Hörspiel Träume im Netz

Günter Eichs 1950 entstandenes Hörspiel Träume ist sowohl in der Urfassung vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) aus dem Jahr 1951 als auch in einer Neuinszenierung des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1964 im Netz abrufbar. Die Druckfassung findet sich u.a. in:

Günter Eich: Gesammelte Werke, Bd. 2, herausgegeben von Heinz Schwitzke. Frankfurt/Main 1973: Suhrkamp.

kommentierte Ausgabe: Günter Eich: Träume. Text und Materialien, bearbeitet von Klaus Klöckner. Berlin 1996: Cornelsen.

Zu den Reaktionen auf die Ursendung des Hörspiels gibt es ebenfalls einen eigenen Beitrag im Netz:

Karl Karst: Der Hörspielskandal. Über die Hörerreaktionen auf Günter Eichs Hörspiel „Träume“, 1951. Deutschlandfunk, 1996.

Schreibe einen Kommentar