Fröhliche Feier im Wartesaal des Lebens

Zu dem Song Csillag vagy fecske (Stern oder Schwalbe) der ungarischen Band Kispál és a Borz

Im Wartesaal des Lebens können wir angstvoll auf den Tod warten – wir können aber auch jeden Augenblick des Wartens genießen. Die Absurdität des Lebens löst sich so in heiterer Gelassenheit auf. – Über ein Lied der ungarischen Band Kispál és a Borz.

Podcast:

Stern oder Schwalbe

Ich saß in einer Bar und wartete auf dich,
wartete, nur mit der Zeit an meiner Seite.
Da habe ich mich angefreundet mit der Zeit
und wartete, mit ihr an meiner Seite,
in Kneipen, Bars und Pubs auf dich.

Uns gegenseitig auf die Schulter klopfend,
haben wir Drinks geschickt an and're Tische,
wo Frauen saßen mit holunderblauen Kleidern
und Gesichtern, die von keinem Gestern wussten.

Bleib du nur ruhig zu Hause und sieh fern!
Alle Kanäle zeigen winterdunkle Züge,
sie rasen leer und einsam durch die Nacht –
rauschendes Leben gibt es nur
im überfüllten Speisewagen.
Da vorne, der, dem schlecht wird – das bin ich!
Was für ein ungünstiger Ritt durchs Bild –
gerade eben hab' ich noch zu Gott gebetet.

Auf dich wartend, haben wir mit nichts begonnen,
ich und die Zeit, meine neue Gespielin.
Was sollten wir schon anfangen
mit den paar Augenblicken bis zu deinem Kommen?

Doch als du nicht gekommen bist,
haben ich und die Zeit, meine Lebensgefährtin,
das Leben allmählich verwandelt
in einen Zug aus lauter Wartesälen.

Bleib du nur ruhig zu Hause …

Vielleicht ist es auch besser so!
Wie hättest du auch kommen können,
du, die du bei Tage eine Schwalbe
und bei Nacht ein Stern am Himmel bist?

Alle Felder sind bestellt,
allen Frauen geht es gut,
alles and're überlass' ich dir,
du Schwalbe oder Abendstern.

Bleib du nur ruhig zu Hause …

Kispál és a Borz: Csillag vagy fecske  aus: Turisták bárhol (Überall Touristen; 2003)

Live-Aufnahme von Kispál és a Borz mit dem János-Csík-Orchester (Csík zenekar): https://www.youtube.com/watch?v=xxVqDZcLSyY

Albumfassung

Das Warten und die Welt des Absurden: Beckett und Kafka

Ein Mann, der in einer Bar vergeblich auf eine Frau wartet und dann, als sie nicht kommt, das ganze Leben in einen Wartesaal verwandelt – das erinnert stark an die großen Dramen, Erzählungen und Essays aus der Welt des Absurden.

Mit fruchtlosem Warten verbringen ihre Zeit auch die beiden Landstreicher in Samuel Becketts epochalem Theaterstück Warten auf Godot. Gleiches gilt für den „Mann vom Lande“, der in Franz Kafkas berühmter Kurzgeschichte Vor dem Gesetz so lange vergeblich um „Eintritt in das Gesetz“ bittet, bis der Türhüter das Tor dorthin im Augenblick seines Todes schließt.

Freilich fallen bei solchen Analogiebildungen auch sogleich die Unterschiede zu dem Lied von Kispál és a Borz ins Auge. Sowohl die Protagonisten in Becketts Theaterstück als auch Kafkas „Mann vom Lande“ verfehlen über dem Warten das Ziel ihres Lebens. Anstatt sich selbst aktiv um Sinngebung und Selbsterfüllung zu bemühen, warten sie darauf, dass der Sinn ihres Lebens sich durch das Wirken einer fremden Macht offenbart.

Dies lässt sich zum einen im metaphysischen Sinn verstehen – worauf bei Beckett auch der an „God“ angelehnte Name „Godot“ hindeutet. Gerade im Fall dieses Theaterstücks verweist das passive Abwarten aber auch auf die versäumte Aufarbeitung der eigenen schuldhaften Verstrickung in vergangene Verbrechen bzw. ganz allgemein die Blindheit gegenüber menschlicher Zerstörungskraft und den daraus zu ziehenden Lehren.

Zur Entstehungszeit des Theaterstücks bezog sich das vor allem auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Dass wir vor unserem destruktiven Potenzial und seinem für das Überleben unserer Spezies bedrohlichen Charakter nicht die Augen verschließen dürfen, wird jedoch auch heute im Zusammenhang mit Klimakrise und neuen Vernichtungskriegen wieder überdeutlich.

Unterschiedliche Aktivitäten der Wartenden: Camus und Kispál és a Borz

Die Tragik, welche die Protagonisten bei Kafka und Beckett umgibt, fehlt in dem Lied Csillag vagy fecske (Stern oder Schwalbe). Hier macht der Held keineswegs einen unglücklichen Eindruck, und im Rahmen seiner Möglichkeiten ist er auch durchaus aktiv. Dabei ist diese Aktivität freilich – als Aktivität eines Wartenden – selbst wieder absurd.

So erinnert der fröhliche Wartende in dem Song eher an Albert Camus‘ Deutung des Sisyphos-Mythos. Denn auch Sisyphos lässt sein Schicksal ja nicht passiv über sich ergehen, sondern nimmt es aktiv an. Immer wieder rollt er, wie es ihm die Götter als Strafe auferlegt haben, seinen Felsbrocken auf den Berg, auch wenn dieser, oben angelangt, nur wieder herabrollen wird. Eben darin aber besteht nach Camus das Glück des Absurden: sich im vollen Bewusstsein der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns handelnd gegen diese Sinnlosigkeit aufzulehnen.

Genau dieser Aspekt der Auflehnung unterscheidet nun allerdings auch den Helden aus Camus‘ Sisyphos-Essay von dem beschwingten Wartenden im Lied der Band Kispál és a Borz. Denn von Auflehnung ist hier nicht viel zu spüren. Stattdessen ist die Grundeinstellung eher: Vielleicht gewinne ich morgen im Lotto – vielleicht fällt mir aber auch der Himmel auf den Kopf. Bis dahin möchte ich aber auf jeden Fall mein Leben genießen.

Carpe diem: Freunde dich mit der Zeit an, anstatt ihr Vergehen zu beklagen

Konsequenterweise freundet sich der Anti-Held in dem Lied auch mit der Zeit – die doch eigentlich unsere größte Feindin ist – an, anstatt sie zu bekämpfen. Das ist ein sehr schlüssiges Bild für eine Carpe-diem-Lebenseinstellung, bei der jeder Augenblick im Wartesaal des Lebens genossen wird, anstatt verbissen um eine goldene Zukunft zu ringen.

Diese Lebenseinstellung lässt sich zum Teil wohl auch auf die Sozialisation in einem totalitären Staat – der Ungarn ja einmal war und auch heute wieder zu werden droht – zurückführen. In einem Staat, in dem Eigeninitiative tendenziell eher bestraft als gefördert wird, ist die Konzentration auf das Glück des Augenblicks eine logische Reaktion.

Das heitere Sich-Einrichten im Wartesaal des Lebens muss dabei nicht notwendigerweise mit einer die eigene Zukunft untergrabenden Sorglosigkeit und Geschichtsvergessenheit einhergehen. Vielmehr kann daraus auch eine Gelassenheit resultieren, die das Mögliche tut, anstatt an der Unmöglichkeit der Utopie zu verzweifeln.

Über Kispál és a Borz undCsík zenekar

Die 1987 in Pécs gegründete Gruppe ist eine der bekanntesten alternativen Rockbands in der ungarischen Musikgeschichte. Ursprünglich sollte sie schlicht „Borz“ (Dachs) heißen. Frontmann András Kispál sah darin jedoch ein schlechtes Omen, da all seine früheren, wenig erfolgreichen Bands nach Tieren benannt worden waren. Als Kompromiss ergab sich dann der Name Kispál és a Borz (Kispál und der Dachs).

Die kreativste und auch erfolgreichste Zeit der Band fällt in die 1990er Jahre, als die Gruppe fast jedes Jahr ein neues Album herausbrachte. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends verlor die Band durch viele Wechsel in der Zusammensetzung allmählich ihren kreativen Schwung und löste sich schließlich 2010 auf.

Nach einigen kurzzeitigen Reunions auf Festivals hat die Band im Frühjahr 2022 ihre Wiedervereinigung bekanntgegeben und im Jahr darauf auch ein neues Album herausgebracht.

Csík zenekar (wörtlich „Csík-Orchester“) – die Gruppe, mit derdie Band Kispál és a Borz in der Live-Aufnahme von Csillag vagy fecske auftritt – ist eine der populärsten Folk-Bands Ungarns. Sie wurde 1988 von János Csík in Kecskemét gegründet.

Links

Franz Kafka: Vor dem Gesetz (1915).

Samuel Beckett: Warten auf Godot (1952; Uraufführung Januar 1953); Aufzeichnung einer Aufführung am Berliner Schillertheater unter der Regie von Samuel Beckett, 1975.

Albert Camus: Le Mythe de Sisyphe (1942; PDF); dt. Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde (1950). Neuausgabe 2000 u.d.T. Der Mythos des Sisyphos. Reinbek: Rowohlt.

Bilder: Edward Robert Hughes (1851 – 1914): Die Nacht mit ihrer Sternenschleppe (1912); Wikimedia Commons; Gergely Csatari: Kispál és a Borz mit Frontmann András Kispál (links) beim Balaton Sound Festival, 2007 (Wikimedia commons)

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