Der Bombenritt in Richtung Venus
Vor ein paar Jahren sollte noch der „Klimanotstand“ ausgerufen werden. Mittlerweile ist eher vom „Sicherheitsnotstand“ die Rede. Dabei wird jedoch die langfristige Sicherheit, die nicht ohne ein klimasensibles Verhalten zu gewährleisten ist, aus den Augen verloren.
Der FCKW-Ausstieg: eine Erfolgsgeschichte mit Fragezeichen
Als die Weltgemeinschaft sich 1987 im Montrealer Protokoll auf ein schrittweises Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) geeinigt hatte, ging ein kollektives Aufatmen um die Welt.
Die Erleichterung bezog sich seinerzeit nicht nur auf die Abwendung der Gefahr einer weiteren Öffnung des maßgeblich durch die FCKW-Verbindungen verursachen Ozonlochs, durch das vermehrt schädliche UV-Strahlung auf die Erde treffen konnte. Vielmehr wurde in der Einigung auch ein Beleg für die Fähigkeit und Bereitschaft der Weltgemeinschaft gesehen, sich bei für die gesamte Menschheit existenziellen Fragen auf eine gemeinsame Linie zu verständigen.
Heute muss man die damalige Euphorie wohl mit einem Fragezeichen versehen. Beruhte die Einigung am Ende womöglich nur darauf, dass die vor allem als Kühlmittel benutzten FCKW-Verbindungen sich durch andere Stoffe ersetzen ließen? Wurden sie also schlicht nicht als so essenziell für die Wirtschaft angesehen, dass ein Verzicht für unzumutbar gehalten worden wäre?
Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die als Ersatz für die FCKW-Verbindungen eingesetzten Stoffe teilweise ebenfalls nicht ganz unschädlich für die Ozonschicht waren, vor allem aber extreme Treiber des Klimawandels sind. Ihre Treibhauswirkung übersteigt die von Kohlendioxid um das 1.400- bis 24.000-fache [1].
Eine Einigung auf einen schrittweisen Verzicht auf diese Ersatzstoffe kam jedoch erst 2016 im Kigali Amendment – der in der ruandischen Hauptstadt Kigali beschlossenen Ergänzung zum Montreal-Protokoll – zustande. Das dabei angestrebte Abschaffungstempo ist dabei weit geringer als im Falle des Beschlusses zum FCKW-Ausstieg.
Weil der Umstieg auf weniger klimaschädliche Ersatzstoffe in diesem Fall nicht so leicht zu bewerkstelligen ist, wurden lange Übergangsfristen beschlossen. Gerade größere Länder wie China, Indien und Brasilien, die wegen teils hoher Temperaturen bei gleichzeitig hoher Bevölkerungsdichte einen hohen Verbrauch an Kältemitteln haben, haben für eine Reduzierung der klimaschädlichen Stoffe um 80 Prozent ein Zeitfenster bis 2045 bzw. 2047 herausverhandelt.
Kurzsichtige Definition von „Sicherheit“
So zeigt sich: Die Hoffnung auf einen Lernprozess der Menschheit, auf eine gesteigerte Fähigkeit zum Abbau nationaler Egoismen im Interesse von Weltfrieden und Weltgesundheit, war wohl doch ein wenig verfrüht.
Dies bestätigt sich auch durch die gegenwärtige rücksichtslose Interessenpolitik der Großmächte. Um die eigenen Machtansprüche durchzusetzen, wird einfach fröhlich drauflosbombardiert, buchstäblich „ohne Rücksicht auf Verluste“.
Es versteht sich von selbst, dass in einer solchen Situation der erste Blick zum eigenen Waffenarsenal geht: Reicht es aus, um sich zu verteidigen, falls man selbst ins Fadenkreuz der neuen Weltpolizeityrannen gerät? Hat es noch ein irgendwie geartetes Abschreckungspotenzial?
Ebenso selbstverständlich ist jedoch, dass auf diese Weise der Klimawandel gleich in doppelter Hinsicht aus dem Blickfeld gerät.
Zunächst einmal ist klar, dass das permanente Produzieren und Abschießen aller Arten von Kriegsmaterial, die Ausradierung und der Wiederaufbau ganzer Städte, großflächige Umweltzerstörungen sowie erst recht der Beschuss von Ölförderanlagen und das Versenken von Öltankern nicht gerade ein Vorbild an klimafreundlichem Verhalten sind.
So hatte etwa der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits im Februar 2025 geschätzte 230 Millionen Tonnen zusätzlich an Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen. Das entspricht der gesamten jährlichen Emissionsmenge von Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei zusammen [2]. Der Irakkrieg schlug 2003 mit 141 Millionen Tonnen CO2-Emissionen zu Buche [3].
Mindestens ebenso bedenklich ist allerdings, dass die Zunahme kriegerischer Aktivitäten den Fokus von der langfristigen Sicherheit der Menschheit auf die Gewährleistung kurzfristiger Sicherheitsinteressen verschiebt.
Kriegslogik schlägt Klimaschutzlogik
Das Problem bei der Sache ist: Diejenigen, die den Gedanken der langfristigen Sicherung der Grundlagen für das Leben der Menschheit auf diesem Planeten aus ihrem politischen Programm gestrichen haben, zwingen damit auch alle anderen, die kurzfristigen Sicherheitsaspekte in den Vordergrund zu stellen. Denn wenn sie die Welt vollends in ihre Hände bekommen, ist damit ja erst recht keine langfristige Sicherheit gewährleistet.
Also wird überall fleißig ins Militär investiert – im Falle der NATO-Staaten gibt es etwa ein Steigerungsziel auf insgesamt 5 % bis 2035. Aber schon der Phrasen-Opa wusste: Man kann jeden Taler nur einmal ausgeben. Das in die Armee gesteckte Geld fehlt folglich an anderer Stelle, insbesondere eben auch bei der Eindämmung des Klimawandels – der stattdessen durch die Befeuerung der Eigendynamik bei der kriegerischen Lösung von Konflikten angeheizt wird.
Die Aufmerksamkeitsverschiebung führt jedoch nicht nur dazu, dass weniger Geld für die Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung steht. Sie hat auch zur Folge, dass dieser – weil er plötzlich in den Hintergrund der Berichterstattung gerät – nicht mehr so wichtig erscheint.
Dies muss nicht so weitreichende Konsequenzen haben wie in den USA, wo ausgerechnet die „Environmental Protection Agency“ (Umweltschutzbehörde) im Februar 2026 die CO2-Emissionen per Federstrich für unbedenklich erklärt und damit die Industrie von der Pflicht zu deren Reduzierung entlastet hat. Auch im ganz alltäglichen Leben spielt der Gedanke an den Klimawandel eine immer untergeordnetere Rolle [4].
Stattdessen drängen sich plötzlich Fragen in den Vordergrund wie: Soll ich meinen Traum von der Reise um die Welt nicht doch noch verwirklichen, ehe die Welt untergeht? Warum soll ich mich einschränken, wenn morgen der Dritte Weltkrieg ohnehin alles zerstört, was wir heute so mühsam zu beschützen versuchen?
Und natürlich motiviert es auch niemanden zu vermehrten Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel, wenn die Mächtigen dieser Welt klimaschädliche Kriege um Rohstoffe führen, mit denen sie das Klima hinterher noch weiter aufheizen können.
Klimaschutz als Spaßbremse
Die Frage, wie hier gegengesteuert werden könnte, ist schwer zu beantworten. Appelle an ein klimasensibles Verhalten, das bei jedem Verhalten im Alltag die Auswirkungen auf das Klima berücksichtigt, erscheinen bedauerlicherweise kaum erfolgversprechend.
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt jedenfalls, dass ein durchgreifender Bewusstseinswandel eher durch neue politische Normsetzungen als durch individuelle Reflexion zustande gekommen ist. Ob beim Halten am Zebrastreifen oder beim Nichtraucherschutz – Rücksichtnahme ist jeweils erst durch die Sanktionierung des unerwünschten Verhaltens zur Norm geworden.
Eben deshalb ist es so fatal, dass die politischen Vorbilder derzeit in die entgegengesetzte Richtung weisen. Dies legt ein Verhalten nahe, wie es früher beim Rauchen an der Tagesordnung war. Ebenso wie seinerzeit die Forderung nach Nichtraucherschutz werden auch die Warnungen vor dem Klimawandel zunehmend mit dem Etikett „Spaßbremse“ versehen.
Der Klimawandel: ein reales Gespenst
Was beim Klimawandel erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, dass man ihn nicht unmittelbar beobachten kann.
Zigarettenrauch und die Verletzten am Zebrastreifen sind sichtbare Folgen des eigenen Tuns. Hurricanes und schmelzende Gletscher können dagegen auch unabhängig vom Klimawandel auftreten. Um sie mit ihm in Verbindung zu bringen, braucht es Messreihen, die – anders als der unbestreitbare Zusammenhang zwischen Zigarettenrauch und Zigarette oder Auffahrunfall und Verletzung – trotz aller empirischen Evidenz nicht unmittelbar einleuchtend sind.
Wo die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Masse unangenehm sind, weil sie unerwünschte Verhaltensänderungen nach sich ziehen könnten, wird sich folglich immer ein skrupelloser Politiker finden, der die Erde im Interesse des eigenen Wahlerfolgs wieder zur Scheibe erklärt. Die Konsequenz hieraus kann dann aber nur sein, dass der Klimawandel auch und gerade dann thematisiert werden muss, wenn eine um sich greifende Totschlagmentalität ihn in den Hintergrund drängt.
Denn während wir uns nach Herzenslust gegenseitig massakrieren und uns wieder ungebremst von Klimawandelängsten ausleben, schreitet der Klimawandel ebenso ungebremst voran. Immer näher rücken die berüchtigten „Kipp-Punkte“, jenseits derer der Klimawandel eine nicht mehr zu bremsende Eigendynamik entfalten wird.
Vom Anthropozän zum Archäozän
Wohin das führen kann, ist auf der Venus zu beobachten. Dort hat die starke Freisetzung von Kohlendioxid zu Temperaturen von durchschnittlich über 450 Grad geführt – und die Atmosphäre damit gegenüber dem eigentlich für den Planeten zu erwartenden Durchschnittswert um mehr als das Zehnfache erhitzt [5].
Die einzigen Organismen, die nach vollendetem Klimawandel auf der Erde eventuell noch überleben könnten, sind Archaeen – einzellige Mikroben, die auf der Erde auch unter extremen Bedingungen (etwa im Inneren von Vulkanen oder unter dem Meeresgrund) nachgewiesen worden sind. Sie halten teilweise Temperaturen von über 100 Grad stand und nutzen das Kohlendioxid für ihre Reproduktion [6].
Archaeen wurden früher zu den Bakterien gezählt, gelten heute jedoch als eigene Art. Was sie jedoch mit den Bakterien gemein haben, ist die Tatsache, dass sie sich nicht gerade durch eine komplexe kognitive Leistungsfähigkeit auszeichnen.
So gesehen, würde sich beim Wechsel der Herrschaft über die Erde von den Menschen zu den Archaeen vielleicht doch nicht allzu viel ändern.
Nachweise
[1] Vgl.Deutsche Umwelthilfe: Klimaschädliche Kältemittel.
[2] Vgl. Igini, Martina: Warfare Now Largest Source of Ukraine’s Annual Carbon Emissions. Report Warns on Third Anniversary of Russia’s Invasion. Earth.org, 24. Februar 2025.
[3] Zahl entnommen aus einer Übersicht in der Sendung KlimaZeit, Schwerpunktfolgezum Thema „Militär und Klima“; ARD, 18. November 2022.
[4] Environmental Protection Agency: Final Rule: Rescission of the Greenhouse Gas Endangerment Finding and Motor Vehicle Greenhouse Gas Emission Standards Under the Clean Air Act; epa.gov, 12. Februar 2026 (letztes Update am 4. März 2026).
[5] Eine Kurzbeschreibung der Venus-Atmosphäre findet sich auf der Website des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt: Venus: Heiße Hölle mit dichter Atmosphäre.
[6] Eine gute Übersicht zu Aufbau und Lebensbedingungen von Archaeen bietet die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie auf ihrem Infoportal: Sind Archaeen auch Bakterien? Vaam.de; zum Überleben von Archaeen unter dem Meeresgrund vgl. Röhrlich, Dagmar: Leben in der Unterwelt – Wo endet die tiefe Biosphäre? Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 2. Februar 2026.
Warum die ominöse Formulierung: „Das Problem bei der Sache ist: Diejenigen, die den Gedanken der langfristigen Sicherung der Grundlagen für das Leben der Menschheit auf diesem Planeten aus ihrem politischen Programm gestrichen haben, zwingen damit auch alle anderen, die kurzfristigen Sicherheitsaspekte in den Vordergrund zu stellen.“ Du redest doch sonst Klartext?
Für mich ist der „Klimaschutz“ seit langem eine Show, die die Sicht auf die leider allzu reale tägliche Zerstörung unseres Planeten durch Gier, Überausbeutung, Kriege, Rücksichtslosigkeit und, ja, auch durch eine verfehlte „Klimapolitik“ verstellt. Die Auswüchse der „Klimapolitik“ machen es den Zerstörern der Natur und des Lebens leicht, die Sorge um das Überleben des Planeten ins Lächerliche zu ziehen.
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Ich gebe dir mit der verfehlten „Klimapolitik“ Recht, die eigentlich nur Industrieförderung ist. Aber für mich verdient diese Politik auch nicht den Namen „Klimaschutz“. Das ist Etikettenschwindel.
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so sehe ich es auch.
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