Die Sahrauis – ein Volk ohne Fürsprecher

Wie das Recht des Stärkeren das Völkerrecht aushebelt

Mit zwei Feature-Tipps

Die Westsahara ist das Siedlungsgebiet des Volks der Sahrauis. Marokko beansprucht jedoch die Oberhoheit über das Territorium. Dass der UN-Sicherheitsrat dieser Forderung jüngst nachgegeben hat, zeigt einmal mehr: Das Recht des Stärkeren sticht im Zweifelsfall das Völkerrecht aus.

Vorwort in eigener Sache: Neues Format des Rothen Ohrs

Wer häufiger auf diesem Blog unterwegs ist, wird wahrscheinlich schon einmal über das „Rothe Ohr“ gestolpert sein. Unter diesem Titel sind bisher jeden Herbst besonders empfehlenswerte Radio-Features ins Schaufenster des Rothen Barons gestellt worden.

Dieses Format wird sich nun in eine Reihe verwandeln, bei der nicht mehr nur im Herbst, sondern in häufigeren Abständen auf interessante Radio-Features hingewiesen wird. Für diese Veränderung gibt es mehrere Gründe.

Zunächst einmal kommen immer wieder Features heraus, die auf aktuelle Entwicklungen Bezug nehmen oder erst vor diesem Hintergrund ihre volle Wirkung entfalten. In diesem Fall ist dann natürlich auch eine zeitnahe Würdigung der Beiträge sinnvoll.

Daneben gibt es aber auch ältere Features, die vor dem Hintergrund neuer Entwicklungen eine neue Aktualität bekommen. Auch sie können besser berücksichtigt werden, wenn es nicht nur um die Würdigung „frischer“ Features geht. Daneben gibt es schließlich noch Features ohne konkreten Zeitbezug, die gerade aufgrund ihrer Beschäftigung mit Non-Mainstream-Themen von Interesse sind.

Darüber hinaus akzentuiert das neue Format des „Rothen Ohrs“ auch stärker den dialogischen Aspekt dieser RB-Rubrik. Denn es geht ja jeweils nicht nur um die Features an sich, sondern auch um die geistige Anregung, die sie für diesen Blog und alle, die dort vorbeischauen, bieten.

Der erste Beitrag im Rahmen des neuen Formats kreist um die Westsahara und das dort beheimatete Volk der Sahrauis. Zur Einführung in die Thematik gibt es zunächst einmal eine kurze Zusammenfassung der Geschichte des Konflikts um das Gebiet.

Historischer Hintergrund: Der Westsahara-Konflikt

1885 hatte sich Spanien auf der Berliner Westafrika-Konferenz (Kongokonferenz) die Souveränität über die Westsahara gesichert. Der zwischen Algerien, Mauretanien und Marokko eingekeilte Landstreifen besteht größtenteils aus Wüste, verfügt jedoch auch über die weltweit größte Lagerstätte von Phosphat [1]. An den Atlantik grenzend, ist er zudem auch mit bedeutenden Fischereirechten verbunden.

Schon bald nach der Erlangung der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1956 beanspruchte Marokko die Hoheitsrechte über die Westsahara. Als Spanien sich, bedrängt von der 1973 gegründeten Widerstandsgruppe Frente Polisario, anschickte, sich aus der Kolonie zurückzuziehen, organisierte der damalige König Hassan II. einen nach der Farbe des Islam benannten „Grünen Marsch“, bei dem er 350.000 Marokkaner in die Westsahara einmarschieren ließ. Als Protest gegen die so entstehende neuerliche Fremdherrschaft rief die Frente Polisario 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara aus.

Verweigerung von Selbstbestimmung

Die kriegerischen Auseinandersetzungen um das Gebiet betrafen anfangs auch Mauretanien, das Ansprüche auf den südlichen Teil der Westsahara erhob. 1979 zog sich das Land jedoch von dort zurück. So standen sich in den Kämpfen bis 1991 die Polisario und die marokkanische Armee gegenüber. Erst dann kam es zu einer Waffenstillstandsvereinbarung. Sie sah die Aufteilung der Westsahara in einen größeren marokkanischen und einen kleineren, von der Polisario kontrollierten Teil vor.

Der marokkanische Teil zieht sich an der Küste entlang, was Marokko die Fischereirechte sichert. Auch die bedeutenden Phosphatvorkommen der Westsahara befinden sich unter marokkanischer Kontrolle.

In der Waffenstillstandsvereinbarung wurde zudem festgelegt, dass in der Westsahara ein Referendum über den zukünftigen Status des Gebietes abgehalten werden sollte. Die auch von den Vereinten Nationen geforderte Volksabstimmung wurde jedoch von Marokko nicht nur immer weiter  hinausgezögert. Das marokkanische Königshaus wollte auch allenfalls über eine Autonomie, nicht aber über eine mögliche Unabhängigkeit der Westsahara abstimmen lassen.

Zudem förderte die marokkanische Regierung die Einwanderung in die Westsahara. Die Bevölkerung ist dadurch von 75.000 Menschen im Jahr 1975 auf heute über 600.000 Menschen angewachsen – davon ein Drittel marokkanische Militärangehörige, die natürlich die Position ihres Landes unterstützen.

Gleichzeitig leben viele der ursprünglich in der Westsahara ansässigen Sahrauis und ihre Familien noch heute zu Zehntausenden in algerischen Flüchtlingslagern. Die Polisario fordert daher, nur die ursprüngliche Bevölkerung und ihre Nachfahren zum Referendum zuzulassen [2].

Ein Trump-Deal auf Kosten der Sahrauis

Aus Protest gegen die Verzögerungs- und Assimilierungstaktik der marokkanischen Politik blockierten Anhänger der Polisario 2020 eine für den Handel zentrale Verbindungsstraße zwischen Marokko und Mauretanien. Das marokkanische Militär reagierte darauf mit großer Härte und einem Vorrücken in zuvor von der Polisario gehaltene Stellungen. Diese kündigte daraufhin den Waffenstillstand auf.

In ihrem aggressiven Vorgehen gegen die Polisario wurde die marokkanische Führung nicht zuletzt durch die USA bestärkt. Denn kurz vor Ablauf seiner ersten Amtszeit als Präsident veranlasste Donald Trump im Dezember 2020 die Anerkennung der marokkanischen Hoheitsansprüche über die Westsahara durch die USA.

Als Gegenleistung erhielt Trump von Marokko Unterstützung für seine Israel-Politik, die u.a. mit der Verlegung der Botschaft nach Jerusalem den Friedensprozess im Nahen Osten unterminiert hatte. Marokko erklärte sich sogar zur Anerkennung des israelischen Staates bereit [3].

Erpresserische Außenpolitik Marokkos

Derart in der kompromisslosen Durchsetzung seiner Interessen bestärkt, zeigte sich Marokko auch auf außenpolitischem Parkett zunehmend aggressiv. So zog das Land etwa seinen Botschafter aus Berlin ab und beschränkte die Beziehungen zu Deutschland auf ein Minimum, als die deutsche Regierung entgegen der Politik Trumps an der UN-Forderung zur Durchführung eines ergebnisoffenen Referendums zur Lösung des Westsahara-Konflikts festhielt. Dies änderte sich erst, als die Ampel-Regierung Marokko als Energiepartner für „grünen“ Wasserstoff gewinnen wollte und sich in der Westsahara-Frage „geschmeidiger“ zeigte [4].

Gegenüber Spanien, das ebenfalls auf die Einhaltung der Vereinbarung zur Abhaltung eines ergebnisoffenen Referendums über die Zukunft der Westsahara pochte, ließ Marokko im Mai 2021 seine Muskeln spielen, indem es die Kontrollen an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta vorübergehend aussetzte. Daraufhin gelangten mehrere tausend Flüchtlinge in das Gebiet [5].

In der Folge änderte die spanische Regierung ihre Position und unterstützt seit 2022 den marokkanischen Hoheitsanspruch über die Westsahara [6]. Nachdem auch die frühere Kolonialmacht Frankreich 2024 auf die Position Marokkos eingeschwenkt war [7], verabschiedete der UN-Sicherheitsrat Ende Oktober 2025 auf Drängen der neuen Trump-Administration eine weitere Resolution zum Westsahara-Konflikt. Diese unterstützt die marokkanische Formel einer Oberhoheit Marokkos über die Westsahara bei Zusicherung kultureller Autonomie für die Sahrauis [8].

Zahnloses Völkerrecht

Der Konflikt um die Westsahara ist damit ein weiterer Beleg für die Wirkungslosigkeit eines Völkerrechts, das nicht mit entsprechenden Mitteln zur Durchsetzung des Rechts verbunden ist. Wie der konkrete Fall zeigt, muss man in diesem Fall nur lange genug warten, um Fakten zu schaffen beziehungsweise die Normativität des Faktischen seine Wirkung entfalten zu lassen.

Die traurige Realität sieht so aus, dass die Sahrauis ihr Selbstbestimmungsrecht nur durch größere militärische Stärke hätten durchsetzen können. Mit der Kontrolle über die Phosphatvorkommen und die Küstenregion der Westsahara wären sie es gewesen, die Druck auf die Weltgemeinschaft hätten ausüben können.

So aber hielt Marokko sowohl die wirtschaftlichen als auch die geopolitischen Trümpfe in der Hand. Die Sahrauis hätten unter den gegebenen Umständen folglich nur dann volle Selbstbestimmung über ihr Schicksal erlangen können, wenn das Recht und humanitäre Ideale stärker gewichtet worden wären als wirtschaftliche und geostrategische Interessen. Dies aber war und ist hier wie auch in unzähligen anderen Fällen aus Gegenwart und Vergangenheit nicht der Fall.

Was fehlende Selbstbestimmung bedeutet: ein Feature von Olivia Wimmer

Was unter dem „Selbstbestimmungsrecht“ eines Volkes zu verstehen ist, ist zwar allen klar. Das Verständnis bezieht sich dabei jedoch auf eine abstrakte, formelhafte Ebene. Was es konkret bedeutet, wenn einem Volk die Selbstbestimmung verweigert wird, ist weit weniger klar.

Diese Lücke füllt ein Feature von Olivia Wimmer [9]. Es veranschaulicht an den Schicksalen einzelner Menschen, was es heißt, ein Leben in einem fremdbestimmten Korsett führen zu müssen.

Im Mittelpunkt steht dabei das Leben der Sahrauis in den algerischen Flüchtlingslagern. „Fremdbestimmung“ bedeutet dort etwa, dass andere für einen entscheiden, wie viel Wasser, wie viel und welches Essen man zum Überleben braucht. So ist den Menschen selbst in elementaren Dingen die Selbstbestimmung versagt. Immer sind es andere, die darüber befinden, was für einen das Beste ist. Dies wiegt umso schwerer, als die Sahrauis ursprünglich an eine freiheitlich-nomadische Lebensweise gewohnt waren und schon durch die erzwungene Sesshaftigkeit in ihrem Selbstbestimmungsrecht beschnitten werden.

Nach fünfzig Jahren wird zudem der als Provisorium gedachte Flüchtlingsstatus zum Dauerzustand. Dadurch wird er zu einem Teil der Identität, ohne eine echte Grundlage für die Identitätsbildung bieten zu können. Denn „Flüchtling“ zu sein, bedeutet ja gerade, nicht das sein zu können, was man in dem Herkunftsgebiet der Flucht sein könnte und sein möchte. Es ist eine unmögliche Identität, eine Identität des Dazwischen, bei dem man dazu verdammt ist, sich in einer Lücke zwischen zwei Identitäten einrichten zu müssen.

Das Leben in den Flüchtlingscamps wird von den Betroffenen in dem Feature folglich als „Leben ohne Leben“, als bloßes Überleben, charakterisiert. Es ist ein Leben in einem imaginären Wartesaal, bei dem man nicht weiß, ob irgendwann ein Zug kommt, der einen aus dem ewigen Wartezustand befreien wird.

Der Wunsch nach Selbstbestimmung reduziert sich dabei darauf, wenigstens frei über das eigene Schicksal entscheiden zu dürfen. Vielleicht mündet dieser Entscheidungsprozess am Ende ja tatsächlich in eine erweiterte Autonomieregelung. Über deren Ausgestaltung möchte man dann aber wenigstens selbst bestimmen dürfen, anstatt auch hier wieder von anderen vorgeschrieben zu bekommen, wie man zu leben hat.

Die Sahrauis als politische Schachfiguren: ein Feature von Andreas Zoppot

Ein weiteres Feature zum Westsahara-Konflikt stammt von Andreas Zoppot [10]. Es legt den Schwerpunkt stärker auf die politischen Hintergründe des Konflikts.

So werden etwa die jeweiligen geostrategischen Interessen herausgearbeitet, welche die einzelnen Länder bei ihrer Politik leiten. Im Falle Marokkos ist dies beispielsweise der Versuch des marokkanischen Königshauses, die Herrschaft in direkter Linie auf den Propheten Mohammed zurückzuführen und den König so als natürlichen Führer nicht nur der marokkanischen Gläubigen, sondern aller Muslime auf dem afrikanischen Kontinent darzustellen. Daraus leitet sich logischerweise auch der Anspruch einer politischen Hegemonie ab.

Im Falle Frankreichs beruht die Unterstützung der marokkanischen Position im Westsahara-Konflikt auf der Hoffnung, sich durch die Partnerschaft mit dem Land einen Brückenkopf nach Afrika zu sichern. Auf diese Weise soll die bröckelnde Position der einstigen Kolonialmacht auf dem Kontinent gestützt werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in dem Feature betrifft die Art und Weise, wie die Frente Polisario ihre Herrschaft in den algerischen Flüchtlingscamps und in dem von ihr kontrollierten Gebiet der Westsahara ausübt. Als Reaktion auf den Assimilierungsdruck der marokkanischen Politik ist es hier offenbar teilweise zu einem gegenläufigen Druck auf die eigene Bevölkerung gekommen.

So wird etwa von Frauen erwartet, unbezahlte Arbeit zu leisten, um Teppiche für den Verkauf oder als diplomatische Geschenke zu knüpfen. Ausreisewünschen aus den im Niemandsland der Wüste gelegenen Camps wird von der Polisario laut Aussagen von Überläufern nur in eng umgrenztem Rahmen stattgegeben. Auch oppositionelle Bewegungen, die eine weitgefasste Autonomie weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen vorziehen würden, werden offenbar nicht geduldet.

Der Konflikt zeitigt demnach hier einen auch aus anderen revolutionären Bewegungen bekannten Effekt: Im Bestreben, alle Kräfte für das Erreichen der gesetzten Ziele zu mobilisieren, droht das Mittel zum Zweck zu werden. Verselbständigen sich aber die für die Freiheit des Volkes eingesetzten kämpferischen Mittel, so gehen am Ende auch die damit verbundenen humanitären Ideale verloren.

Nachweise

[1]    Vgl. Hermes, Birgit: Phosphor als lebenswichtige Ressource; zdfheute.de, 4. August 2024.

[2]    Ausführliche Erläuterungen zu den Hintergründen des Westsahara-Konflikts finden sich u.a. in:

Klausmann, Tonja: Schlechte Aussichten: Der lange Kampf für eine unabhängige Westsahara. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V., 11. März 2021.

Knipp, Kersten: Die Westsahara – ein uralter Konflikt. Deutsche Welle, 19. Mai 2021.

Mendia Azkue, Irantzu: Der vergessene Konflikt in Westsahara und seine Flüchtlinge. Bundeszentrale für politische Bildung, 29. März 2021.

[3]    Vgl. Salimi-Asl, Cyrus: Trump verkauft die Sahraui. Neues Deutschland, 13. Dezember 2020; ausführliche Einschätzung des Trump-Deals mit Marokko:

Nicolai, Katharina / Vollmann, Erik: Trumps Vermächtnis im Westsahara-Konflikt. Interview über die Konsequenzen des US-marokkanischen Deals zur Westsahara. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 12. Januar 2021.

[4]    Die aktuelle deutsche Außenpolitik benennt ausdrücklich die neue, den Anspruch Marokkos auf die Westsahara unterstützende Resolution des UN-Sicherheitsrats als „Grundlage“ für eine Lösung des Westsahara-Konflikts (vgl. Auswärtiges Amt: Deutschland und Marokko: bilaterale Beziehungen; Text vom 4. September 2025, aktualisiert Ende des Jahres).

[5]    Vgl. Kellner, Hans-Günter: Westsahara-Konflikt: Marokkos Macht und Spaniens Schweigen. Deutschlandfunk, 10. August 2021.

[6]    Vgl. Knipp, Kersten: Kehrtwende in Spaniens Westsahara-Politik. Deutsche Welle, 23. März 2022.

[7]    Vgl. Claire DT: Frankreichs Machenschaften in Marokko – und der Westsahara; dis:orient, 25. März 2025.

[8]    Vgl. Western Sahara Resource Watch: UN-Resolution zur Westsahara wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet; 18. November 2025.

[9]    Wimmer, Olivia: Westsahara. Heißer Sand und ein verlorenes Land. ORF 2025.

[10] Zoppot, Andreas: Machtpoker um die Westsahara – zwischen altem und neuem Kolonialismus. SWR/WDR, 9. März 2026.

Bild: Saharauiak: Frauen in der Westsahara (2006; Wikimedia commons)

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