Zu Paolo Contes Lied Blue Tangos
Paolo Contes Lied Blue Tangos fasst die Eigenart des Tangos, zugleich Ausdruck unerfüllter Sehnsucht und Trost zu sein, in einprägsamen Bildern zusammen. Darüber hinaus beschreibt es den Tango auch als musikalische Entsprechung einer bestimmten Geisteshaltung.
Podcast:
Blaue Tangos
Zum dunklen Rhythmus eines Tanzes,
erfüllt von alten, weisen Träumen,
empfängt die Frau den Reigen der Erinnerungen.
Auch die törichtsten und albernsten heißt sie willkommen.
Eine Art Himmel ist in ihr erblüht,
ein Phönixflug nach einem Schiffbruch,
der sie all die Schurkenschrunden des Lebens
verstehen und vergeben lässt.
Blauer Tango, blauer Tango …
Mit ihrem schneegetränkten Fluss
empfängt die Stadt Paris die Künstlerwelt,
die Welt des Mimens, Malens, Musizierens.
Allen serviert sie, was sie trinken wollen,
und dazu die Illusion, mit der Kunst
das Leben und das Sterben zu verstehen
zum altmodischen, flüchtigen Applaus
der vielen feinen und noch immer schönen Damen.
Blauer Tango, blauer Tango …
Zwischen den grünen Schatten eines Erkerfensters,
einen Tamarindensaft genießend,
sucht in der ausgedörrten Wüste seines Denkens
ein Mann nach Träumen, nach heilenden Träumen.
Er greift nach den Sternen, den Augenblicksfunken,
dem Glitzern der Brunnen, dem Funkeln der Kiesel,
sucht Halt in den Räumen des Lebens
wie in einem türkischen Bad – doch alles umweht
und umtanzt ihn in fliehenden Schwüngen.
Blauer Tango, blauer Tango …
Paolo Conte: Blue Tangos Aus: Un gelato al limon (Ein Zitroneneis; 1979)
Official Audio:
Der Tango als getanzte Sehnsucht
„El tango es un pensiamento triste que se baila“ – „Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ [1]. Dieser berühmte Ausspruch eines der wichtigsten Vertreter des Tango Argentino, Enrique Santos Discépolo (1901 – 1951), könnte auch als Motto über dem Lied von Paolo Conte stehen.
Um zu verstehen, wie das Lied sich auf den Tango bezieht, erscheint es sinnvoll, zunächst einen kurzen Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Tanzes zu werfen. Entwickelt hat er sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Hafenvierteln der Städte am Río de la Plata. Hier, wo die Flüsse Paraná und Uruguay sich in einem gewaltigen Mündungstrichter in den Atlantischen Ozean ergießen, trafen damals zahlreiche Migranten aus Europa ein, die von dem Einwanderungsprogramm der argentinischen Regierung angezogen worden waren.
Die Hoffnungen der Neuankömmlinge, in ihrer neuen Heimat ihrem sozialen Elend entgehen zu können, erfüllten sich allerdings nicht. Stattdessen mussten sie sich auch dort wieder am unteren Ende der sozialen Leiter anstellen. Verschärft wurde ihre prekäre Situation durch eine gescheiterte Landreform, die auch zahlreiche verarmte Bauern in die Städte trieb.
Erschwerend kam hinzu, dass es sich sowohl bei den Binnenmigranten als auch bei den Immigranten aus Übersee größtenteils um Männer handelte. Es gab also einen schmerzlichen Mangel an Frauen. Der Mädchenhandel, mit dem kriminelle Netzwerke darauf reagierten, führte nur zu einer Ausweitung der Prostitution. Familiengründungen wurden dadurch nicht gefördert.
Ventilfunktion des Tangos
Dem Tango kam vor diesem Hintergrund eine Ventilfunktion zu. Für ein paar kurze Augenblicke gewährte er den Tanzenden die Illusion jenes Glücks, das ihnen im Alltag verwehrt war. „Glück“ bedeutete dabei nicht nur Erfüllung in der Liebe. Vielmehr spielte hier auch der nostalgische Gedanke an die unerreichbar gewordene alte Heimat eine Rolle, die in der Erinnerung als verlorenes Paradies erschien.
Gleichzeitig war der Tango mit seiner melancholischen Grundierung aber auch Ausdruck des sozialen Elends, der Unerfüllbarkeit der Träume, mit denen die Migranten in ihr neues Leben aufgebrochen waren. Anders als die beschwingtere Milonga – die auch entsprechenden Tanzlokalen den Namen gab – war der Tango so von Anfang an auf Moll gestimmt.
Durch die Professionalisierung des Tango-Betriebs wurde dieser bald auch für weitere Bevölkerungskreise attraktiv. Aus einem Sedativum für die Ausgegrenzten entwickelte sich der Tango dadurch allmählich zu einem Rauschmittel des ganzen Volkes. Sein Markenzeichen – die unerfüllte und unerfüllbare Sehnsucht – blieb dabei allerdings erhalten.
Dies äußerte sich zunächst, als Reminiszenz an den Frauenmangel der frühen Tango-Jahre, in der überwiegend männlichen Klage über eine verlorene oder enttäuschte Liebe. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist Carlos Gardels Lied Mi noche triste (Meine traurige Nacht) aus dem Jahr 1917. Die erste Strophe lautet in deutscher Übersetzung:
"Mein Schatz, wie schmählich hast du mich verlassen
im schönsten Augenblick meines Lebens.
Wie hast du meine Seele verwundet
und einen Stachel in mein Herz gebohrt,
obwohl du wusstest, dass ich dich liebe,
dass du meine ganze Freude warst
und mein leuchtender Traum.
Für mich kann es keinen Trost geben,
und deshalb ziehe ich mich in mich selbst zurück,
um meine Liebe zu vergessen." [2]
Thematisierung der Eigenart des Tangos in Contes Lied
Paolo Contes Lied greift den Sehnsuchtsaspekt des Tangos bereits in seinem Titel auf, indem es ihn als „blau“ beschreibt, ihn also mit der Farbe der Melancholie verbindet. Die Eigenart des Tangos, gleichzeitig Ausdruck der Nostalgie zu sein und über den von dieser verursachten Schmerz hinwegzutrösten, spiegelt sich musikalisch in dem Nebeneinander von getragener Melodie in den einzelnen Strophen und schwungvollem Refrain wider.
Inhaltlich kommt die Widersprüchlichkeit des Tangos in den ersten beiden Strophen zum Ausdruck. Die Frau, die sich hier in ihren Erinnerungen verliert, kann sich diesen eben deshalb hingeben, weil der Tanz ihr die Kraft dazu gibt. Dessen Rhythmus ist zwar „dunkel“, entführt sie also in die „Nacht“ der Vergangenheit, versetzt sie aber zugleich in eine Art Schwebezustand, der sie die Narben ihrer Erinnerungen vergessen lässt.
Damit verkörpert die Frau hier das Wesen des Tangos. Sie ist ein personifizierter Ausdruck der bittersüßen Gefühle, die er in den Tanzenden auslöst. So kann sie auch als Bild für die Sehnsucht des Mannes verstanden werden, der in den beiden Schluss-Strophen des Liedes in Erscheinung tritt.
Von einer unbestimmten Wehmut und einem Gefühl innerer Leere erfasst, sucht er auf paradoxe Weise Halt in der Dynamik des Lebens, wie sie eben auch der Tango verkörpert. Dass er sich stattdessen in dem Wirbel eines Tanzes verliert, lässt sich folglich als Anspielung auf den tröstenden Tangorausch deuten. Das Lied fließt damit am Ende wieder in seinen Anfang zurück, wo eben dieses rauschhafte Sich-Verlieren im Rausch des Tangos beschworen wird.
Die Kunst und der Tango
Die beiden mittleren Strophen des Liedes verweisen vor dem Hintergrund von Titel und Kontext des Liedes auf eine dem Tango analoge künstlerische Geisteshaltung. Auch diese beruht auf unerfüllten Träumen und Sehnsüchten.
Das Lied benennt dabei zum einen den Traum von Ruhm und Anerkennung, persiflierend angedeutet im Beifall alter Damen. Zum anderen wird aber auch auf den uralten Künstlertraum von der Durchdringung und Überschreitung des Kreislaufs von Leben und Tod durch die Kunst angespielt – auf die Illusion, der Vergänglichkeit mit dem Kunstwerk ein Stück Ewigkeit abtrotzen zu können.
Über Paolo Conte

Der 1937 im piemontesischen Asti geborene Cantautore (Singer-Songwriter) hat zunächst als Anwalt gewirkt, ehe er sich ganz einer Karriere als Musiker verschrieben hat. Beides war ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt: Sein Vater, in dessen Kanzlei Conte später auch arbeitete, war als Notar privat ein großer Musikliebhaber und förderte nicht nur die musikalische Ausbildung seines Sohnes, sondern weckte auch sein Interesse für die Musik der Moderne, insbesondere den Jazz.
Jazz und Swing waren auch die bevorzugten Musikrichtungen der Bands, mit denen Conte in den 1950er Jahre seine Musikerkarriere begann. Bald fing er auch an, eigene Lieder zu schreiben, allerdings größtenteils noch für andere Größen der italienischen Musikszene. Auch die Melodie des Pop-Klassikers Azzurro, mit dem Adriano Celentano einen Welthit landete, hat er geschrieben, zusammen mit Michele Virano. Mit dem Verfasser des Textes von Azzurro, Vito Pallavicini, hat Conte auch bei anderen Songprojekten zusammengearbeitet.
1974 veröffentlichte Conte sein erstes Album mit selbst gesungenen Liedern. Fünf Jahre später gelang ihm mit Un gelato al limon der Durchbruch. Dabei setzte er auch erstmals das „scat singing“ ein, eine aus dem Jazz bekannte Technik, einzelne Elemente eines Songtextes in Silben und Laute zu zerlegen und diese in lautmalender Weise zu verwenden. Die Stimme wird so quasi zu einem eigenen Instrument, das die Melodie ebenso spielerisch und improvisierend variiert wie die Instrumente in einer Jazz-Session.
Paolo Conte hat auch Soundtracks für verschiedene Filme geschrieben, von denen einige auf dem 1990 erschienenen Album Paolo Conte al cinema versammelt sind. Überdies sind einige seiner Lieder in Filmen aufgegriffen worden. Dies gilt auch für den Song Blue Tangos, der 1990 von Jean-Luc Godard für den Film Nouvelle vague adaptiert wurde.
Conte verbindet darüber hinaus auch Musik und Malerei miteinander. Neben seiner eigenen Tätigkeit als Maler hat er etwa mit dem Comiczeichner Hugo Pratt zusammengearbeitet, der für das 1982 von Vincenzo Mollica herausgegebene Buch Le canzoni di Paolo Conte zwanzig Lieder Contes in Bilder umgesetzt hat.
Nachweise
[1] Zur Herkunftsgeschichte des Zitats vgl. Sorrentino, Fernando: El tango, „un pensamiento triste que se baila“. In: La Prensa, 12. Oktober 2022.
[2] Carlos Gardel (1890 – 1935): Mi noche triste (Meine traurige Nacht; 1927): Songtext / Song
Bild: Vera Rockline (1896 – 1934): Tango tanzendes Paar (1921); Wikimedia commons
Ein Kommentar