Zu dem Lied Le mariage insolite de Marie La Bretonne (Die ungewöhnliche Hochzeit der Marie La Bretonne) von Tri Yann und Luc Romann
In dem Lied Le mariage insolite de Marie La Bretonne der bretonischen Band Tri Yann geht es um eine mystische Hochzeit. Aufgrund der besonderen Entstehungsgeschichte des Liedes sieht die Band darin die „jüdischste“ aller keltischen Balladen.
Die ungewöhnliche Hochzeit der Marie La Bretonne
Sie hat ihre Schürze abgelegt
und ein Hochzeitskleid angezogen.
Dann hat sie Handschuhe übergestreift
und ist in weiße Lackschuhe geschlüpft.
Schließlich hat sie sich im Spiegel betrachtet:
Wie schön sie war!
Singend ist sie nach draußen gegangen
und hat den Frühling angelächelt,
die großen Bäume, die Blumen und die Vögel.
Am Ufer des Teichs hat sie sich niedergelassen
und ihr Ebenbild im Wasser betrachtet.
Sie wollte sich gerade wieder erheben,
da sah sie einen jungen Mann auf sich zukommen.
Ganz durchnässt, schien er
aus der Tiefe des Wassers aufzusteigen.
Wie schön er war!
Und als ihre Blicke sich trafen, erkannte sie:
Auch er fand sie schön.
So hat ihr Körper ganz von selbst
in die Sprache der Liebe eingestimmt.
Da aber läutete die Glocke im Schloss,
und auf einmal hat der Unbekannte
sich wieder im Wasser verflüchtigt.
So ist sie wieder auf den Dachboden gestiegen
und hat Handschuhe, Kleid und Lackschuhe
in den Weidenkorb zurückgelegt.
Dann hat sie ihre Schürze wieder angezogen,
um abzuwaschen
und das Abendbrot vorzubereiten.
Luc Romann / Tri Yann: Le mariage insolite de Marie La Bretonne
Lied mit Bildern von Aïdo Lia:
Ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Liedes
Wahrlich: Diese Hochzeit ist in der Tat ungewöhnlich! Das Chanson der bretonischen Band Tri Yann wirkt ein wenig wie ein Traum. Man sieht die Bedienstete des Schlosses vor sich, vielleicht steht sie gerade in der Küche und wäscht das Geschirr ab, ihr Blick schweift ab, sie schaut aus dem Fenster und erträumt sich für ein paar Minuten ein anderes Leben …
So könnte es gewesen sein, damals, in jener schweren Zeit, in der das Lied entstanden ist. Denn auch seine Entstehung macht das Chanson zu etwas Besonderem.
Wie die Mitglieder von Tri Yann anlässlich des Todes von Luc Romann, des Autors des Songtextes, 2014 berichtet haben, ist das Lied während der deutschen Besatzung Frankreichs entstanden. In Südfrankreich hatten einige Gutsherren jüdische Waisenkinder aufgenommen, deren Eltern von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager verschleppt worden waren. Eines dieser Kinder war Luc Romann – was das Lied in den Worten von Tri Yann zu der „jüdischsten“ aller keltischen Balladen macht.
Romanns engste Bezugsperson war damals eine Bretonin namens Marie, die auf dem Gutshof angestellt war. Laut seinen Erzählungen hat sie sich aufopferungsvoll um die ihr anvertrauten Kinder gekümmert – so aufopferungsvoll, dass sie sich ihre eigenen Wünsche nur in ihren Träumen erfüllen konnte. Dieser Frau hat Romann mit dem Chanson ein Denkmal gesetzt.
Spuren der bretonischen Kultur in dem Lied
Dies erklärt allerdings noch nicht die ganz besondere Traumsprache, in der Romann sein Lied verfasst hat. Sie wurzelt ganz offensichtlich tief in der bretonischen Kultur, die bis heute von einem lebendigen Volksglauben geprägt ist.
Natürlich hat auch in der Bretagne längst die Säkularisierung Einzug gehalten. Eine Kulturgeschichte, in der es von Heiligen nur so wimmelt und in der es für jede Verrichtung spezielle Schutzpatrone gibt, bleibt aber dennoch nicht ohne Auswirkungen auf den Alltag der Menschen.
7777 christliche Märtyrer und Heilige zählt die Bretagne angeblich. Fast ebenso viele Megalithen und Dolmen, diese versteinerten Zeugnisse keltischen Glaubens, sind über die Region verteilt. Da bleibt es nicht aus, dass auch die bretonischen Märchen und Sagen oft einen besonders phantastischen Charakter aufweisen. Immer wieder durchdringen sich Traum und Wirklichkeit darin auf eigentümliche Weise.
Durchdringung von Traum und Wirklichkeit
Eben dies ist auch in dem Chanson von Luc Romann zu spüren. Das Besondere an ihm ist gerade die Selbstverständlichkeit, mit der die Protagonistin hier ihre Reise in die Traumwelt antritt und von dieser wieder in ihren grauen Alltag zurückkehrt.
Traum und Wirklichkeit existieren so nicht nebeneinander, sondern gehen nahtlos ineinander über. Auf diese Weise kann der Traum seine tröstende Wirkung viel unmittelbarer entfalten und auch eher, als innerer Kraftquell, in der tristen Wirklichkeit nachhallen.
Über Luc Romann
Der 1937 geborene Luc Romann betrat die französische Chanson-Szene Anfang der 1960er Jahre, als er im Vorprogramm von Georges Brassens oder Juliette Gréco auftrat und mit Georges Moustaki zusammenarbeitete. Ein paar Lieder sind auch als Gemeinschaftsprojekt der beiden Chansonniers entstanden.
Romann fremdelte jedoch mit dem offiziellen Kulturbetrieb und zog sich Anfang der 1970er Jahre aus dem überregionalen Veranstaltungskarussell zurück. In seiner südfranzösischen Heimat ist er allerdings auch danach noch als Sänger aufgetreten.
Über Tri Yann

Tri Yann – das sind, wörtlich übersetzt die „drei Jans“ (Jean-Louis Jossic, Jean Chocun und Jean-Paul Corbineau), die 1971 beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Später kamen weitere Bandmitglieder hinzu, die drei Namensgeber bildeten jedoch weiterhin den Stamm der Gruppe.
Tri Yann haben sich insbesondere der Pflege der bretonischen Musiktradition verschrieben. Dem dienen Neuinterpretationen traditioneller Lieder und Tänze, aber auch eigene Werke. Darin geht es immer wieder um Fragen der bretonischen Identität. Zwar trägt die Band ihre Lieder überwiegend in französischer Sprache vor, tritt aber dennoch für die Pflege der bretonischen Kultur und Sprache ein.
Programmatisch steht hierfür das Lied La découverte ou l’ignorance (Entdeckung oder Unwissenheit/Ignoranz) aus dem gleichnamigen, 1976 erschienenen Album. Darin wird die Frage thematisiert, was es bedeutet, die französische Identität durch schulische Sozialisation und bürgerliche Papiere selbstverständlich vermittelt zu bekommen, die bretonische Sprache und Kultur mit ihren ganz eigenen, keltischen Wurzeln aber für sich selbst entdecken zu müssen:
„Die Bretagne hat keine Papiere. / Sie existiert nur, wenn sich in jeder Generation / Menschen zu ihrer bretonischen Identität bekennen. / Werden die Kinder, die jetzt gerade geboren werden, bretonisch sein? / Niemand weiß es. / Wenn sie alt genug sind, heißt es für sie alle: Entdeckung oder Unwissenheit.“
Zitat von Tri Yann entnommen aus: Tri Yann INFOS: Tri Yann rend hommage à Luc Romann, auteur du Mariage insolite de Marie La Bretonne (7. Januar 2014)
Infos zu Glauben und keltischer Geschichte der Bretagne: Marx, Petra: Die umfriedeten Pfarreien der Bretagne. Vortrag anlässlich des Neujahrsempfangs des Fördervereins des Naturkundemuseums Dortmund am 15. Januar 2017.
Kleine Einführung in die Welt der bretonischen Sagen und Märchen: Aufmkolk, Tobias: Magische Bretagne – Märchen und Legenden. Planet Wissen, 22. April 2020.
Weiterer Beitrag zu bretonischer Musik:
Ein Seemannslied als Weihnachtslied. Das bretonische Volkslied Tri Martolod (Drei Matrosen)
Bilder: Willgard Krause: Magische Bootsfahrt / Magic boat trip (Pixabay); Mikael Bodlore Penlaez (Geobreizh.bzh): Cover zu dem Album Suite Gallaise (1974) von Tri Yann / Cover for the album Suite Gallaise (1974) by Tri Yann (Wikimedia commons)