Der Horror der Uniformität

Zu dem Song Little Boxes von Malvina Reynolds

In ihrem Song Little Boxes aus dem Jahr 1962 thematisiert Malvina Reynolds in ironischer Weise die Monotonie des Vorstadtlebens. Als Warnung vor einer unhinterfragten Uniformierung des Denkens ist das Lied auch heute noch aktuell.

Kleine Kästchen

Kleine Kästchen stehen auf dem Hügel,
kleine Kästchen, schnell gezimmert,
kleine Kästchen auf dem Hügel,
wohlgeformte Uniformität.

Eins ist grün und eins ist rosa,
eins ist blau und eins ist gelb,
alle eilig hochgezogen,
eins sieht wie das andre aus.

Alle Menschen in den Häuserkästchen
sind geschlüpft aus Hochschulkästchen,
einer gleicht dem anderen,
wohlgeformte Uniformität.

Da gibt es Anwälte und Ärzte,
Geschäftsführer und Führungskräfte,
alle uniform gezimmert,
einer gleicht dem anderen.

Alle spielen sie gern Golf
und trinken trockenen Martini,
und sie haben hübsche Kinder,
und die Kinder gehn zur Schule.

Und die Kinder gehn in Ferienlager
und danach an Hochschulen,
wo man sie in Kästchen steckt,
bis ein Kind dem andern gleicht.

Dann kümmern sie sich ums Geschäft,
heiraten, gründen Familien
in kleinen Kästchen, schnell gezimmert,
wohlgeformte Uniformität.

Eins ist rosa, eins ist grün,
eins ist blau und eins ist gelb,
alle eilig hochgezogen,
eins sieht wie das andre aus.

Malvina Reynolds: Little Boxes (1962) Aus: Malvina Reynolds – Sings the Truth (1967)

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1976:

Albumfassung

Version von Pete Seeger:

Ein Evergreen der Folkmusik

Malvina Reynolds‘ Song Little Boxes ist heute eine Art Evergreen der Folkmusik. Es gibt etliche Coverversionen und Fassungen in anderen Sprachen. Die Version des Songs, die der mit Reynolds befreundete Pete Seeger noch vor der Komponistin aufgenommen hatte, schaffte es sogar in die US-amerikanischen Charts.

Außerdem ist das Lied immer wieder in Filmen, Fernsehserien und auch in der Werbung aufgegriffen worden. Die Melodie diente dabei teilweise als unausgesprochener Verweis auf den Song, wurde zuweilen aber auch losgelöst von diesem verwendet.

Die Erfolgsgeschichte des Songs erklärt sich wohl vor allem damit, dass hier zu einer eingängigen Melodie eine einprägsame Botschaft vermittelt wird. Im Kern geht es dabei um die Gleichförmigkeit von Lebensverhältnissen, die auch eine entsprechende Uniformität im Denken und Handeln der betreffenden Personen zur Folge haben.

Wohlstandswarme Monotonie – heute ein unerreichbares Ideal

Ein Blick auf die in der Tat bedrückend wirkende Kasernenhaftigkeit der Wohnsiedlung, die Reynolds mutmaßlich zu ihrem Song veranlasst hat (siehe Teaser-Bild), macht den beißenden Sarkasmus des Textes nachvollziehbar. Dennoch werden heute beim Hören des Songs wohl viele denken: Eine behütete Kindheit, gefolgt von einem problemlosen Übergang auf College und Hochschule, danach ein sicherer Job und ein eigenes Haus – das hätte ich auch gerne.

Wir leben eben längst nicht mehr in der wohlstandswarmen Zeit der frühen 1960er Jahre, der Entstehungszeit des Songs. Die Gegenwart ist geprägt von niedrigen Löhnen bei gleichzeitig explodierenden Mieten, Einsparungen an den Hochschulen und einer Arbeitswelt, bei der selbst ein Prädikatsexamen nicht vor prekären Beschäftigungsverhältnissen schützt.

Das Heile-Welt-Familienleben der Wirtschaftswunderjahre ist längst von dem Ideal des vollmobilen Allzweckbeschäftigten abgelöst worden. Und an Hochschulen ist vielerorts Massenabfertigung Standard, gepaart mit einem ganz anderen Kästchendenken, bei dem weniger die Ausbildung der Studierenden als die Pflege immer kleinteiligerer Spezialgebiete im Vordergrund steht.

Das Lebensumfeld als prägender Faktor für die Lebenseinstellung

Die ungebrochene Aktualität von Reynolds‘ Song beruht demnach nicht auf den wirtschaftlichen Verhältnissen, auf die er sich bezieht. Seine bleibende Bedeutung ergibt sich vielmehr aus der ironischen Beschreibung der engen Verbindung zwischen Lebensumfeld und Lebenseinstellung.

Die Existenz dieser Verbindung lässt sich auch empirisch belegen. Am bekanntesten ist dabei wohl die Habitus-Theorie, die Pierre Bourdieu auf der Basis umfangreichen empirischen Materials entwickelt hat. Seine Studie mit dem Titel La distinction. Critique sociale du jugement (Die Unterscheidung. Sozialkritik des Urteilsvermögens) ist 1979 veröffentlicht worden. Die deutsche Übersetzung erschien 1982 unter dem Titel Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.

Der Begriff „jugement“ bezog sich bei Bourdieu dabei nicht nur auf die Fähigkeit zum rationalen Urteil. Er verstand darunter vielmehr den gesamten Komplex von Einstellungen, mit der ein Mensch sich in der Welt verortet – und zwar nicht nur in rationaler, bewusster, sondern auch in emotionaler, unbewusster Hinsicht.

Pierre Bourdieus Habitus-Theorie

In seiner Studie ging es Bourdieu um den Nachweis, dass die so verstandenen Einstellungskomplexe primär nicht individuell entwickelt werden, sondern sozial vorgeprägt sind. Ein bestimmtes soziales Umfeld hat demnach die Ausbildung bestimmter Einstellungskomplexe zur Folge. Letztere sind Bourdieu zufolge in einem von ihm so bezeichneten „Habitus“ gebündelt.

Dieser Habitus ist in Bourdieus Theorie weit mehr als nur eine bestimmte Art des Auftretens und des Umgangs mit anderen. Er umfasst vielmehr die Gesamtheit der im Verlauf der Sozialisation internalisierten Einstellungs-, Verhaltens- und Deutungsmuster. Diese münden in eine bestimmte Haltung gegenüber der sozialen Realität, die sich sowohl im bewussten Urteil als auch in unbewusst entwickelten Vorlieben und Geschmacksfragen ausprägt.

Gerade der hohe unbewusste Anteil der den Habitus prägenden Einstellungen macht ihn dabei zu einem Bindemittel in den betreffenden sozialen Gruppen. Gleichzeitig fungiert er so natürlich auch als unbewusste Barriere nach außen.

Zementierung sozialer Benachteiligung

Bourdieus Studie hat so den engen Zusammenhang zwischen wirtschaftlich-sozialer Privilegierung und Habitus vor Augen geführt. Indem Letzterer zur Abgrenzung der Privilegierten von den Benachteiligten dient und die unhinterfragten Begründungsmuster für die Privilegien liefert, kommt es zu einer fortgesetzten Selbstrekrutierung der Privilegierten und damit zu einer Zementierung sozialer Ungerechtigkeit.

Diese Problematik existiert auch heute noch. Nach wie vor entfaltet die Gleichförmigkeit der Denk- und Verhaltensmuster innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe eine soziale Distinktionswirkung. Darüber hinaus engt sie aber auch die geistigen Möglichkeiten von deren Mitgliedern ein, unabhängig davon, ob sie zu einer gesellschaftlich privilegierten oder benachteiligten Gruppe zählen.

Die Uniformität von Verhalten und Denken ergibt sich heute allerdings nicht mehr nur aus dem wirtschaftlichen Status einer bestimmten sozialen Gruppe. Sie hängt vielmehr auch von einer geistigen und kulturellen Orientierung ab, die sich nur bedingt aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten lässt.

Politisches und kulturelles Kästchendenken

Zu denken ist hier vor allem an den (post-)modernen Kulturkampf zwischen den Erweckten vom rechten und linken Rand des politischen Spektrums. In beiden Fällen gibt es bestimmte Meinungs-Settings, die gewissermaßen als „Must-Have“ im jeweiligen geistigen Kleiderschrank hängen.

Die konservativen Erwachten sind gegen Abtreibung, gegen Migration, gegen die Regenbogenbewegung und für die harte Hand des Staates. Bei den Erwachten von der anderen Seite des politischen Spektrums verhält es sich genau andersherum. Vermittelnde, differenzierende Positionen sind unerwünscht.

Die „little boxes“ sind hier also nicht materieller, sondern kultureller Natur. Beide Seiten graben sich in ihrem Kästchendenken ein und lehnen es ab, über die Wände ihrer jeweiligen Einstellungsboxen hinauszudenken.

Die Uniformität des Denkens geht in diesem Fall demnach nicht mit der Absicherung ökonomischer Privilegien und einer entsprechenden sozialen Spaltung der Gesellschaft einher. Die Spaltung ist vielmehr geistig-kultureller Natur. Sie ist deshalb aber nicht weniger gefährlich, da sie den Zusammenhalt der Gesellschaft und das friedliche Zusammenleben der Völker mindestens ebenso stark bedroht.

Über Malvina Reynolds

Malvina Reynolds wurde im Jahr 1900 als Tochter jüdischer Einwanderer in San Francisco geboren. Ihre Eltern engagierten sich in der sozialistischen Bewegung, was Reynolds früh für soziale Ungerechtigkeit und andere gesellschaftliche Missstände sensibilisierte. Auch ihr Mann, den sie 1934 heiratete, engagierte sich als Gewerkschafter für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse.

Reynolds verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Hutmacherin, Telefonistin und Sozialarbeiterin, schloss ihr Anglistikstudium an der University of California in Berkeley aber trotz familiärer und beruflicher Verpflichtungen 1938 mit einer Promotion ab. Erst ein Jahrzehnt danach begann sie ihre Tätigkeit als Songschreiberin, wofür sie sich erneut an ihrer Alma Mater einschrieb, um dort Musiktheorie zu studieren.

Einige Songs von Malvina Reynolds haben Musikgeschichte geschrieben. Neben Little Boxes zählt dazu etwa auch What have they done to the rain? (Was haben sie mit dem Regen gemacht / dem Regen angetan?). Das u.a. von den Searchers, Marianne Faithful und Joan Baez gesungene Lied thematisiert den radioaktiven Fallout, der auf einen Atomunfall oder das Zünden einer Atombombe folgt. Darüber hinaus schrieb Reynolds auch Kinderlieder.

Die Singer-Songwriterin hat sich auch außerhalb der Musikszene für eine humanere Gesellschaft und insbesondere auch für Frauenrechte eingesetzt. Ihrem Engagement für eine inklusive Gesellschaft entsprach auf religiöser Ebene das Bekenntnis zur Unitarier-Bewegung, die das Streben nach Solidarität und Empathie als verbindendes Element zwischen den Religionen betont, bei gleichzeitiger Achtung vor der Vielfalt der religiösen Überzeugungen.  

1972 erkrankte Reynolds an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, an der sie sechs Jahre später verstarb.

Bilder :Dicklyon: Luftaufnahme der kleinen Häuserblocks (Siedlungssiedlungen) von Daly City; 22. November 2021 (Wikimedia commons); Screenshot (youtube) Malvina Reynolds 1970

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