Der Fußball als Spiegel des Lebens
Fußballsprüche werden meist eher belächelt. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar: Sie erzählen mehr über das Leben, als es zunächst den Anschein hat.
Fußball als postmoderne Religion
Dass Woche für Woche Tausende Menschen in die Fußballstadien strömen, gehört für uns längst zur Normalität. Wie aber würden wir einem Außerirdischen das seltsame Phänomen erklären, dass in Dortmund, München, Hamburg oder Berlin regelmäßig Menschenmassen in der Größenordnung einer mittelgroßen Stadt dabei zusehen wollen, wie 22 Männer einem Ball hinterherjagen?
Die für mich naheliegendste Erklärung wäre vielleicht, dass der Fußball eine Lücke füllt, die von der nachlassenden Anziehungskraft der Religion zurückgeblieben ist. Das Wichtigste am Fußball wären damit nicht die Spiele selbst, sondern das, was um sie herum veranstaltet wird.
Die Fan-Choreographien vor den Spielen, das immer gleiche Melodieninventar der Fangesänge, die Stadionhymnen, das Einlaufen der Spieler, der Wechselgesang zwischen Stadionsprecher und Fans bei der Bekanntgabe von Mannschaftsaufstellung, Auswechslungen und Torschützen – all das folgt bestimmten ritualisierten Abläufen, wie man sie auch von Gottesdiensten kennt.
Der Besuch im Stadion wird so zu einem Gemeinschaftserlebnis, das sich jenseits des Geschehens auf dem Rasen vollzieht. Es lebt vom gemeinsamen Jubeln und Trauern, vom gemeinsamen La-Ola-Hüpfen und Mitfiebern, vom Eintauchen in eine Atmosphäre inniger Verbundenheit jenseits aller Einstellungen, Meinungen und Vorlieben.
Fußball und antikes Theater
Darüber hinaus lässt sich das Erlebnis im Stadion allerdings auch als Analogie zur griechischen Tragödie beschreiben. Im Mitfühlen mit dem Geschehen auf dem Rasen lebt man jene starken Emotionen aus, die im Alltag oft unter den immer gleichen Routinen begraben bleiben: Euphorie und Hoffnungslosigkeit, Niedergang und Auferstehung, Erfolg und tragisches Scheitern.
Der Fußball hat in diesem Sinne eine kathartische Funktion. Zwar müssen wir die Emotionen, die er weckt, zumeist verdrängen, um im Räderwerk des Alltags zu funktionieren. Würden wir uns ihnen aber nie stellen, so liefen wir Gefahr, uns vom Leben zu entfremden.
Das Geschehen auf dem Fußballplatz liefert dabei auch konkretes Anschauungsmaterial für einige Grundwahrheiten des Lebens. Dies schlägt sich in Fußballersprüchen wieder, die meist als Futter fürs Phrasenschwein abgetan werden. Schaut man genauer hin, so wird jedoch klar, dass in ihnen mehr Wahrheit steckt, als es auf den ersten Blick scheint. Dazu gibt es an dieser Stelle ein paar Beispiele.
„Die Mannschaft ist der Star.“
Dass Fußball ein Mannschaftssport ist, ist eine Binsenweisheit. Dennoch scheint dies auch bei vielen Verantwortlichen im Profisport immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Jedenfalls kommt es nicht eben selten vor, dass Manager sich vom Glanz der Stars blenden lassen und bei der Zusammenstellung des Kaders nicht auf ein ausgewogenes Mannschaftsgefüge achten.
Bestes Beispiel: Berlin. Die sprichwörtliche große Schnauze ist beiden Top-Vereinen der Stadt schon mehrfach zum Verhängnis geworden. Die Hertha etwa hat es geschafft, die Millioneninvestitionen von Lars Windhorst mit teuren Star-Einkäufen zu verbrennen, anstatt sie für eine strukturelle Neuausrichtung zu nutzen. Nicht anders war es bei Union: Der Einzug in die Champions League war der Anfang vom Ende der Aschenbrödel-Geschichte, indem das funktionierende Mannschaftsgefüge durch den Zukauf teurer, nicht für das Projekt Union brennender Stars zerstört wurde.
Die Folge: Berlin ist die einzige größere Hauptstadt in Europa, die nicht über einen Spitzenklub verfügt.
Auch größere Vereine wie Bayern München funktionieren regelmäßig dann am besten, wenn sie über Trainer verfügen, die es verstehen, aus dem Starensemble eine echte Mannschaft zu formen. Umgekehrt können kleinere Vereine wie Heidenheim oder Elversberg auch mit geringeren finanziellen Mitteln erfolgreich sein, wenn sie das fehlende Starpotenzial mit Teamgeist kompensieren.
Die Mannschaft ist mehr als die Summe ihrer Teile.
Im Fußball spiegelt sich in diesem Punkt zunächst die banale Tatsache, dass man „gemeinsam stärker“ ist. Dies lässt sich etwa auf die Synergieeffekte beziehen, die sich durch die verbesserte Kooperation zwischen Abteilungen von Behörden und Firmen ebenso erzielen lassen wie etwa durch die Zusammenarbeit von NGOs oder die Vernetzung von Bürgerinitiativen. Auch die viel zitierte „Schwarmintelligenz“, bei der viele kleine Geister an dem einen großen Teppich des Geistes weben, passt in dieses Bild.
Immer gilt hier: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dies allein reicht allerdings nicht aus, um das Phänomen zu beschreiben. Denn in dieser Form würden auch Anhänger einer kollektivistischen Ideologie den Satz unterschreiben.
Im Fußball – wie auch in den oben zitierten analogen Beispielen aus anderen Bereichen – besteht der zentrale Baustein des Erfolgs ja gerade nicht darin, dass die Einzelnen sich dem Kollektiv unterordnen. Entscheidend ist vielmehr, dass jeder Einzelne sein individuelles Potenzial so optimal wie möglich ausschöpfen und es mit den Potenzialen der anderen verbinden kann. Nicht das Kollektiv an sich ist also der maßgebliche Faktor, sondern das Geflecht aus Individualitäten, aus dem sich das jeweilige Ganze ergibt.
Dies könnte auch mit eine Erklärung dafür sein, warum Fußball in China und vielen anderen asiatischen Ländern trotz des großen Menschenreservoirs nicht in international konkurrenzfähiger Weise gespielt wird. Möglicherweise behindert hier der Vorrang des Kollektivs – das zumindest im Falle Chinas als Zwangskollektiv zu verstehen ist – die Entstehung lebendiger Mannschaften.
Der Weg führt eben von den individuellen Persönlichkeiten und ihrer Abstimmung aufeinander zu einer Mannschaft. Der umgekehrte Weg hat dagegen gerade die Abtötung oder zumindest Abschwächung des individuellen Potenzials zur Folge.
„Wenn du den Ball nicht reinmachst, fällt das Tor auf der anderen Seite.“
Es ist erstaunlich, wie oft dieser Phrasenschwein-Spruch sich in der Realität bewahrheitet. Bei unzähligen Spielen lässt sich beobachten, wie Chancenwucher auf der einen Seite am Ende dazu führt, dass der eigentlich unterlegene Gegner das Spiel gewinnt.
Nicht anders ist es, wenn Teams sich nach einem erzielten Tor aufs Verteidigen verlegen. Auch hier geht der Schuss oft buchstäblich „nach hinten“ los.
Erklären lässt sich dies mit dem Nebeneinander von zunehmender Nervosität auf der einen und zunehmendem Glauben an die eigenen Chancen auf der anderen Seite. Fußball ist eben – wie eine weitere Phrasenschwein-Weisheit besagt – ein Ergebnissport. Eine B-Note gibt es nicht. Ein einziger Glückstreffer in der zehnten Minute der Nachspielzeit kann ein komplettes Spiel auf den Kopf stellen.
Auch wenn das Leben glücklicherweise weit mehr ist als ein reiner Ergebnissport – ähnliche Situationen kennen wir auch aus unserem Alltag. Auch da geht es oft darum, das richtige Momentum zu nutzen, um in einer Angelegenheit Erfolg zu haben. Wer zu lange zögert, schießt dadurch sozusagen ebenfalls ein „Eigentor“.
Einen solchen außergewöhnlich günstigen Moment – den „Kairos“ – kann es im Liebesleben ebenso geben wie im Berufsleben. Wer etwa zu lange zögert, einer Frau seine Liebe zu gestehen, wird sie am Ende womöglich mit einem anderen zum Altar gehen sehen. Und wer zu lange mit einer innovativen Geschäftsidee schwanger geht, muss sich nicht wundern, wenn ein anderer vor ihm damit Kasse macht.
„Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“
Der Jürgen Wegmann zugeschriebene Satz klingt beim ersten Hinhören nach einer absurden Tautologie. Bei genauerem Hinsehen enthält jedoch auch dieser legendäre Fußballspruch ein dickes Körnchen Wahrheit.
Der Satz lässt sich auf das erstaunliche Phänomen beziehen, dass Mannschaften, die eben noch von Sieg zu Sieg gestürmt sind, scheinbar anlasslos in eine Abwärtsspirale hineingeraten. Dies kann in der Tat genau in der Weise geschehen, wie es der Satz beschreibt: Ein Spiel geht durch unglückliche Pfostentreffer verloren, im nächsten Spiel stehen fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen dem Sieg im Weg.
Die Folge ist dann oft, dass das zuvor reibungslos funktionierende Zusammenspiel zwischen den Mannschaftsteilen ins Stottern gerät. Pässe kommen nicht mehr an, Bälle gehen knapp am Tor vorbei, bei Zweikämpfen fehlt der letzte Biss.
Erklären lässt sich das mit einer anderen Fußballweisheit: Siege bringen Siege hervor, aus Niederlagen folgen Niederlagen. Denn: Siege stärken das Selbstvertrauen, Niederlagen nähren Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit.
Auch dieser Mechanismus ist uns in der Welt jenseits des Fußballplatzes nicht fremd. Auch hier stärkt der Erfolg den Glauben an die eigenen Möglichkeiten, während Misserfolge dazu führen, dass wir uns weniger zutrauen und an uns zu zweifeln beginnen.
So hängen Erfolg und Misserfolg, Glück und Unglück bis zu einem gewissen Grad immer auch davon ab, wie wir uns selbst sehen. Das Ganze funktioniert im Sinne der berühmten „self-fulfilling prophecy“, der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wer von dem eigenen Potenzial überzeugt ist, setzt sich im Leben auch eher durch als jemand, der an den eigenen Möglichkeiten zweifelt.
Das Problem dabei: Selbstvertrauen lässt sich nicht in irgendwelchen Psycho-Kursen erlernen. Soll es eine haltbare Stütze im Alltag sein, muss es auf echtem Erfolg beruhen. Daraus ergibt sich der oben beschriebene Teufelskreis: Der Sieg gebiert den Sieg, Niederlagen münden in weitere Niederlagen.
„Die Wahrheit ist aufm Platz.“
„Gehts raus und spielts Fußball“ – in Zeiten des Hightech-Fußballs ist die Beckenbauer-Strategie allenfalls noch für den Bolzplatz geeignet. Mit einer solchen nonchalanten Ironie wird heute kaum mehr ein Trainer seine Mannschaft auf den Platz schicken.
Heutzutage gibt es für jedes Spiel einen ausgefeilten Matchplan, der mit Hilfe aufwändiger Spielanalysen erstellt und intensiv mit den Spielern besprochen wird. Auch während des Spiels sieht man die Trainer oft mit ihren Assistenten auf Tablets starren und dort Anpassungen des Matchplans diskutieren. Immer wieder werden neuerdings auch Zettel mit entsprechenden Anweisungen an die Spieler weitergereicht.
Dabei kann es allerdings auch passieren, dass der Gegner das Zettelstudium der anderen für einen Überraschungsangriff nutzt – ein klassisches Beispiel für einen Praxisschock. Auch im Fußball lässt sich der Sieg eben nicht mit Rechenoperationen erzwingen. Bist heute ist – glücklicherweise! – gerade seine grundsätzliche Unberechenbarkeit einer seiner größten Reize.
Natürlich ist es in Zeiten der schachspielartigen Taktiken und Aufstellungen unerlässlich, sich gründlich auf ein Spiel vorzubereiten. Wer es damit jedoch übertreibt, läuft Gefahr, einen „verkopften“ Fußball zu fördern, der den Spielern einen Knoten in die Beine zaubert, anstatt ihnen lediglich eine erfolgversprechende Richtung für das Ausleben des natürlichen Spieltriebs zu weisen.
Analogien zum Leben außerhalb der Fußballwelt sind auch hier leicht zu finden:
- Wer sich zu intensiv auf eine Prüfung vorbereitet, wird sich am Ende im Labyrinth des Wissens verlaufen, anstatt klare Antworten auf klare Fragen liefern zu können.
- Die Besteigung launischer Gipfel verlangt fraglos eine gründliche Vorbereitung. Kletterwände, Berggurus und Landkarten können einen aber nie vollständig für die Herausforderungen wappnen, vor die rasche Wetterwechsel und die Realität der abweisenden Felswände einen stellen.
- Theoretisches Wissen befähigt niemanden zur Ausübung eines Berufs. Erst im lebendigen Dialog mit der Praxis erweist sich seine Nützlichkeit – oder Korrekturbedürftigkeit.
„Ein Spiel dauert 90 Minuten.“
Die alte Sepp-Herberger-Weisheit mag heute überholt sein – in Zeiten von XXL-Verlängerungen dauern Spiele eher so lange, wie es der Schiedsrichter-Gott will. Im Kern enthält der Satz aber auch heute noch ebenso viel Hoffnung wie Mahnung.
Der Satz ist hoffnungsvoll, weil er bedeutet, dass man ein Spiel auch noch tief in der Nachspielzeit zu seinen Gunsten entscheiden kann. Und er ist eine Mahnung, weil er eben umgekehrt auch aussagt, dass man bis zum Schluss wachsam sein muss, wenn man ein Spiel nicht noch auf den letzten Metern aus der Hand geben möchte.
Beides gilt analog auch für das Leben abseits der Fußballstadien. Einerseits darf man nie aufhören, an die Erfüllung der eigenen Träume zu glauben. Auch Hochbetagte können noch im Lotto gewinnen und mit dem Gewinn zu der ersehnten Kreuzfahrt aufbrechen. Andererseits kann man auch noch im hohen Alter durch risikoreiche Spekulationen sein Vermögen verspielen.
Ebenso kann man sein gutes Renommee zerstören, indem man im Greisenalter plötzlich den Reiz rassistischer Ideologien für sich entdeckt. Man kann umgekehrt aber auch vom Saulus zum Paulus mutieren, indem man das durch fragwürdige Spekulationsgewinnen erworbene Vermögen einer Wohltätigkeitsorganisation spendet.
Im Leben gilt eben wie im Fußball: Abgerechnet wird zum Schluss!
Bild: Rodins Denker auf dem Fußballplatz (KI)