Zu Sinéad O’Connors Song Feel so different
Der Song Feel so different von Sinéad O’Connor handelt von einem Erweckungserlebnis. Er sagt auch viel über das Leben der irischen Singer-Songwriterin aus, die zeitlebens vergeblich nach innerem Frieden gesucht und mit dem Glauben gerungen hat.
Podcast:
Ich fühle mich ganz anders
Herr, gib mir die Gelassenheit,
das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann,
den Mut, das zu ändern, was ich ändern kann,
und die Weisheit,
den Unterschied zwischen beiden zu erkennen. *
Ich bin nicht mehr die Person, die ich einmal war.
Ich dachte, nichts könnte mich ändern,
ich hörte nicht mehr zu – und dennoch
hat dein Wort weiter auf mich gewirkt.
Ich hatte das Denken eingestellt,
obwohl ich weiter zu denken vorgab.
Schlechte Erfahrungen verleiteten mich
zu einem resignierten "Ich will nicht mehr!"
Jetzt aber fühle ich mich ganz anders,
ich fühle mich ganz anders,
ich fühle mich ganz anders.
Früher wusste ich nicht, was Freiheit ist –
und ich glaubte auch nicht, es jemals zu erfahren.
Lass sie mich nicht vergessen, jetzt,
da ich in sie eingetreten bin.
Hilf mir, dir zu helfen und dich wahrzunehmen.
Früher war ich mit vielen befreundet
und habe viel und lange mit ihnen geredet.
Ich dachte, sie meinen, was sie sagen,
doch in Wahrheit sind sie mir nur ausgewichen
wie alle anderen auch.
Und jetzt kommen mir die anderen so anders vor,
sie kommen mir so anders vor,
sie kommen mir so anders vor.
Eigentlich sollte ich Hass für dich empfinden
nach all den Enttäuschungen,
aber in mir ist keinerlei Bitternis.
In Wahrheit habe ich dich immer geliebt.
So viele Dinge hast du mich gelehrt,
ohne dass ich sie gesehen habe.
Achtlos bin ich vorbeigegangen
an all deinen Weisheitsgaben.
Im langen Dunkel meiner Vergangenheit
habe ich nie das Licht gesehen,
das Licht, das mir so nahe war.
Denn alles, was ich brauchte, war in mir.
Jetzt aber fühle ich mich ganz anders,
ich fühle mich ganz anders,
ich fühle mich ganz anders,
ich fühle mich ganz anders.
Sinéad O’Connor: Feel so different Aus: I do not want what I haven’t got (1990)
* „Herr, gib mir die Gelassenheit …“: Der Anfang des Liedes zitiert eine abgewandelte Form des so genannten „Gelassenheitsgebets“ des US-amerikanischen Religionsphilosophen Reinhold Niebuhr; Originaltext: „Father, give us courage to change what must be altered, serenity to accept what cannot be helped, and the insight to know the one from the other“ (vgl. Shapiro, Fred: You can quote them. Yale Alumni Magazine, Jan/Feb 2010).
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1990:
Ein fiktives Erweckungserlebnis
Feel so different ist der Titelsong aus Sinéad O’Connors 1990 erschienenem Album I do not want what I haven’t got, mit dem die damals 23-Jährige auf einen Schlag berühmt wurde.
Das Lied kreist – im Anschluss an das berühmte „Gelassenheitsgebet“ des US-amerikanischen Religionsphilosophen Reinhold Niebuhr – um eine Art Erweckungserlebnis: Jemand findet zu innerem Frieden – was hier offenbar zugleich heißt: zu Gott – und nimmt danach sich selbst und die Welt ganz anders wahr. Der Grund dafür ist die Einsicht, dass man den Sinn des Lebens in sich selbst suchen muss, anstatt ihm im Irrgarten des äußeren Lebens hinterherzurennen.
Der Song hat zunächst einmal recht viel mit der Biographie von Sinéad O’Connor zu tun. Dabei muss man wohl konstatieren, dass die erfolgreiche Sinnsuche in dem Song in Bezug auf das Leben der irischen Singer-Songwriterin leider eine Fiktion geblieben ist.
Sinéad O’Connors lebenslanges Ringen mit dem Glauben

Sinéad O’Connor hat nicht einfach nur nach Gott gesucht – sie hat ihr Leben lang mit dem Glauben gerungen. Die prägende Erfahrung für sie war dabei zunächst der Widerspruch zwischen ihrer Sehnsucht nach einem Hafen des Glaubens und der Realität einer Amtskirche, die den Weg zu Gott derart mit Vorschriften und Verboten pflasterte, dass Gott dahinter kaum noch zu erkennen war.
Schon in ihrer Kindheit litt sie unter einer dogmatischen Auslegung des Ehesakraments durch das irische Scheidungsrecht, durch das die Trennung ihrer Eltern nicht offiziell besiegelt werden konnte. Das erschwerte die familiäre Situation für sie zusätzlich und hatte zur Folge, dass sie in der Schule ein auffälliges Verhalten zeigte und schließlich auf ein katholisches Internat verwiesen wurde.
Auch hier erfuhr sie wieder den Widerspruch zwischen gepredigter Barmherzigkeit und unbarmherziger Realität. Auf dem Internat – später im Fokus der Missbrauchsskandale der katholischen Kirche in Irland – war sie offenbar mit Gewalt und mutmaßlich auch selbst mit Missbrauch konfrontiert.
Scharfe Kritik an der Amtskirche

Als Konsequenz aus diesen Erlebnissen zerriss O’Connor 1992 in einer US-amerikanischen Late-Night-Show ein Plakat des Papstes mit dem Ausruf: „Fight the real enemy!“ („Bekämpft den wahren Feind!“). Außerdem kritisierte sie zur Musik des Bob-Dylan-Songs War (Krieg) den nachlässigen Umgang der Amtskirche mit den Missbrauchsfällen.
Zurück in Irland, beteiligte sie sich an Protesten gegen das rigide irische Abtreibungsrecht, das damals selbst Ausreisen zum Zweck der Abtreibung untersagte – auch dann, wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultierte.
O’Connors Kritik an der Amtskirche fiel allerdings gerade deshalb so heftig aus, weil der Glaube selbst für sie ein zentraler Teil ihres Lebens war. Die Verfehlungen der Glaubenshüter waren für sie daher nicht nur moralisch und juristisch verwerfliche Taten, sondern ein Verrat an dem, was sie der Theorie nach hätten schützen sollen: dem Glauben.
Zunehmend begann die Sängerin daher abseits der katholischen Kirche nach Wegen zur Verwirklichung ihres Glaubens zu suchen. So ließ sie sich im französischen Lourdes von einer nicht von der Amtskirche anerkannten christlichen Glaubensgemeinschaft zur Priesterin weihen. Von ihrer fortgesetzten intensiven Beschäftigung mit Glaubensfragen kündet auch ihr 2007 veröffentlichtes Album Theology.
Am Ende erwies sich jedoch der Zweifel an einem Glauben, der eine moralisch so fragwürdige Amtskirche hervorgebracht hatte oder zumindest nicht hatte verhindern können, als zu große Bürde. So trat O’Connor 2018 zum islamischen Glauben über und wurde, als sie 2023 an einer chronischen Lungenerkrankung starb, auch nach islamischem Ritus beerdigt.
Vergebliche Suche nach innerem Frieden: auch im privaten Leben
Auch abseits des Glaubens war Sinéad O’Connor zeit ihres Lebens eine Suchende. Sie outete sich mal als lesbisch, dann wieder als bisexuell und war insgesamt viermal verheiratet. Die meisten ihrer Beziehungen waren nur von kurzer Dauer. Besonders turbulent verlief ihre vierte Ehe. Auf eine Scheidung nach wenigen Tagen folgten die Versöhnung und die Ankündigung einer erneuten Heirat, die dann jedoch abermaligen emotionalen Turbulenzen zum Opfer fiel.
Der Schatten einer Kindheit, in der die Sängerin keine stabile Bindungserfahrungen machen konnte, verfolgte sie somit ein Leben lang. Offenbar gelang es ihr zeitlebens nicht, dauerhaft Vertrauen zu anderen aufzubauen.
Dies zeugt von einer inneren Zerrissenheit, die 2012 schließlich in einen Selbstmordversuch mündete. Auch danach spielte O’Connor immer wieder mit dem Gedanken an einen Freitod. Umso härter muss es sie getroffen haben, als einer ihrer Söhne sich 2022 tatsächlich das Leben nahm.
„Sadaqat“: Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Humanität
Sinéad O’Connors Sehnsucht nach innerer und äußerer Stabilität spiegelt sich auch in dem Nachnamen wider, den sie nach ihrem Übertritt zum islamischen Glauben für sich wählte: Sadaqat. Das Wort umfasst in Urdu, der auch in Indien verbreiteten offiziellen Sprache Pakistans, den Bedeutungsraum „Wahrheit“, „Aufrichtigkeit“ und „Wahrhaftigkeit“, kann sich aber auch auf mildtätiges Verhalten beziehen.

Die assoziative Verknüpfung dieser beiden Bedeutungsbereiche ist insofern einleuchtend, als „Wahrhaftigkeit“ auf der Ebene des Handelns eben auch die Weigerung miteinschließt, als unmoralisch, inhuman oder unsozial erkannte Gegebenheiten passiv hinzunehmen. Moralische Wahrhaftigkeit meint demnach ein unbedingtes Bekenntnis zur und Eintreten für Humanität. Eben diese Schlussfolgerung lässt sich auch aus dem zu Beginn des Songs Feel so different zitierten „Gelassenheitsgebet“ von Reinhold Niebuhr ableiten.
Der Name „Sadaqat“ fasst damit all das zusammen, wonach Sinéad O’Connor sich in ihrem Leben – oft vergeblich – gesehnt hat. Sie wünschte sich ein soziales Umfeld, in dem alle ihre Persönlichkeit unverstellt ausleben können und niemand aufgrund seiner Überzeugungen gemieden oder angefeindet wird. Letzteres hatte O’Connor nach ihrer unverblümten Kritik an der katholischen Amtskirche, aber auch an frauenfeindlichem Verhalten oder Rassismus oft genug erlebt.
Ein Appell für ein Leben ohne die Masken des Alltags
Der Song Feel so different kann vor diesem Hintergrund – unabhängig von seinen religiösen Konnotationen – auch als Appell verstanden werden, sich unbedingt zu sich selbst zu bekennen und das eigene Ich nicht hinter den Masken der sozialen Rollen zu verstecken. Das klingt einfach, ist in der Praxis aber gar nicht so leicht umzusetzen.
Im Alltag sind wir geradezu ummauert von unterschiedlichen Erwartungen. Diese ergeben sich sowohl aus den in unserem Bekannten- und Freundeskreis vorherrschenden Grundeinstellungen als auch aus allgemeinen sozialen Normen. Die naheliegende Form des Umgangs damit ist es, sich eine Art Verhaltens- und Meinungsmaske überzustülpen, in der die Erwartungen aus dem privaten Umfeld und aus dem übergreifenden gesellschaftlichen Bereich querschnittartig gebündelt sind.
Derartige Masken funktionieren allerdings nur so lange, wie die Gespräche nicht eine gewisse Tiefe und Komplexität erreichen. Hierauf wird daher nicht selten mit Unbehagen und Abwehr reagiert: Die Gespräche verebben in peinlichem Schweigen, das Thema wird gewechselt, die Tür zum anderen schließt sich unmerklich.
Eben diese gewollte Oberflächlichkeit ist es, gegen die sich der Song von Sinéad O’Connor wendet. Sie wünschte sich Gespräche, in denen jedes Wort genau das meint, was es aussagt, und Menschen ohne Meinungen oder Verhaltensmuster von der Stange.
Mit anderen Worten: Sie sehnte sich nach einer von Wahrheit und Wahrhaftigkeit geprägten Welt. An dem utopischen Charakter dieser Sehnsucht hat sie ihr Leben lang gelitten.
Bilder: Pexels: Frau am Fenster (Pixabay); Sceenshot von Youtube.Video; Werbefoto 1987 (Quelle Houston Chronicle / Wikimedia Commons); Ramsbottom Music Festival2013 (Wikimedia)
Ihr Beitrag über Sinéad O’Connor und „Feel so different“ hat mich nachdenklich gemacht. Besonders gelungen finde ich, dass Sie nicht nur den Song interpretieren, sondern auch den inneren Konflikt zwischen Sehnsucht nach Glauben, Wahrhaftigkeit und menschlicher Würde sichtbar machen. Gerade die Verbindung zwischen persönlicher Verletzlichkeit und gesellschaftlicher Kritik ist bei Sinéad O’Connor zentral.
Dennoch möchte ich einen kritischen Gedanken ergänzen:
Bei aller nachvollziehbaren biographischen Deutung besteht die Gefahr, das Leben eines Menschen im Nachhinein zu stark unter dem Blickwinkel des Scheiterns oder der „vergeblichen Suche“ zu lesen. Sinéad O’Connor war nicht nur eine leidende, zerrissene Persönlichkeit, sondern auch eine außergewöhnlich mutige Frau, die Missstände ausgesprochen hat, lange bevor viele andere dazu bereit waren. Ihre Kritik an Machtmissbrauch, Heuchelei und institutioneller Gewalt war keine bloße Folge persönlicher Verletzungen, sondern oft von bemerkenswerter moralischer Klarheit getragen.
Auch ihr religiöses Suchen erscheint mir weniger als Ausdruck eines „Nicht-Ankommens“, sondern eher als Zeichen eines Menschen, der sich weigerte, einfache Antworten zu akzeptieren. Viele Menschen verharren aus Angst oder sozialem Druck in religiösen oder gesellschaftlichen Strukturen, die sie innerlich längst verloren haben. O’Connor hingegen hatte den Mut, weiterzufragen — selbst um den Preis von Ablehnung und Isolation.
Besonders wichtig finde ich Ihren Gedanken über die „Masken des Alltags“. Allerdings würde ich ergänzen: Nicht jeder Rückzug oder jede sprachliche Vorsicht ist Unehrlichkeit. Viele Menschen tragen Schutzschichten, weil sie verletzt wurden oder in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft Angst vor Ausgrenzung haben. Wahrhaftigkeit braucht deshalb nicht nur Mut, sondern auch Räume von Respekt und Mitgefühl.
Vielleicht liegt gerade darin die bleibende Bedeutung von Sinéad O’Connor:Sie erinnerte daran, dass Spiritualität ohne Menschlichkeit leer wird — und dass Wahrheit ohne Mitgefühl leicht in Härte umschlägt.
Danke für den differenzierten und menschlichen Beitrag.
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