Zu dem Song Cliquot der Band Beirut
Der Song Cliquot der Band Beirut kontrastiert die Trauer einer Witwe mit einem Walzerrhythmus, der ihren Überlebenswillen dokumentiert. In der Tat hat die „Witwe Cliquot“ unter diesem Namen („Veuve Clicquot“) ein Champagner-Imperium begründet.
Podcast:
Cliquot
Todbringend hat sich aus dem Armenhaus*
ein Fieber zu meinem Liebsten geschlichen.
Nun muss die Trommel meinen Schmerz bezwingen.
Mit tauben Fingern tromml' ich bis zum Tod.
Wüsst' ich nur eine Melodie,
um meinen Liebsten aufzuwecken!
Gäb' es nur einen Klang, der ihn
in meine Arme zurückbringen kann!
Brandschatzen will ich wie das Fieber!
Lieber alles zerstören als mich ihm ergeben!
Funkelnd wie zerspringendes Glas
soll das Gewand meiner Liebe verbrennen.
Wüsst' ich nur eine Melodie,
um meinen Liebsten aufzuwecken!
Gäb' es nur einen Klang, der ihn
in meine Arme zurückbringen kann!
Von dunklen Brunnenschächten, sonnentrunknen Höhen,
vom letzten Rausch der Liebe will ich singen –
und von dem Schattenreich, das kommt,
den kalten Tagen, Liebster! ohne dich.
Beirut: Cliquot
aus: The Flying Club Cup (2007) ein Song von Zach Condon und Owen Pallett
Official Audio:
* wörtlich: Arbeitshaus. Gemeint sind die „working houses“, in denen mittellose Menschen einer im utilitaristischen Verständnis „vernünftigen“ Beschäftigung zugeführt werden sollten. Ursprünglich als Element der Armenfürsorge gedacht, entwickelten sich aus der Einrichtung später die „Zucht-Häuser“.
Von New Mexico zum Balkan: Die Entstehung der Band Beirut
Im Jahr 2002 entschloss sich Zach Condon zu einem radikalen Schritt: Mit nur 16 Jahren brach der aus Albuquerque im US-amerikanischen New-Mexico stammende Musiker die Schule ab und begab sich auf eine Reise durch Europa.
Musikalisch haben ihn dabei vor allem seine Erfahrungen auf dem Balkan geprägt. Insbesondere die spezielle Art von Polka, die anarchische Art von Blasmusik und die Musikkultur der Sinti und Roma, die er dort kennengelernt hat, haben später auch sein eigenes musikalisches Schaffen beeinflusst.
Dies ist auch dem Song Cliquot anzuhören. Dieser entstammt dem Album The Flying Club Cup, das Condon 2007 mit der von ihm gegründeten, in wechselnden Besetzungen spielenden Band Beirut herausgebracht hat.
Bandname als Bekenntnis zu einem Crossover-Stil

Der Name der Band spiegelt Condons Bekenntnis zu einem Crossover-Ansatz wider, in dem verschiedene Musikstile zu einer neuen Einheit verbunden werden. Wie in der Stadt Beirut verschiedene religiöse und kulturelle Strömungen nebeneinander existieren und sich, allen Konflikten zum Trotz, gegenseitig befruchten, sieht er auch seine Songs als musikalische „melting-pots“ an.
Allerdings hat Condon den Bandnamen gewählt, ohne jemals in Beirut gewesen zu sein. Das erste Konzert der Band im Libanon fand erst 2014 anlässlich des Byblos International Festival statt.
Ob Condon sich einen anderen Namen für seine Band ausgesucht hätte, wenn er die Konflikte zwischen den religiösen und ethnischen Gruppen sowie die starken sozialen Disparitäten vor Ort erlebt hätte, bleibt fraglich. Entscheidend ist jedoch die Vorstellung, die Condon mit dem Namen verbindet. Für ihn ist Beirut schlicht „eine gute Analogie für meine Musik, […] ein Ort, an dem die Dinge aufeinanderprallen“.
Cliquot: ein musikalisches Denkmal für eine Witwe
Als Sänger fungiert in Cliquot der Violinist und Sänger Owen Pallett, der auch für die Geigenarrangements des Albums verantwortlich zeichnet. Der Song ist im Zusammenhang mit Condons Frankreicherfahrungen zu sehen, von denen auch die übrigen Stücke des Albums zeugen.
Condon bezieht sich in dem Lied auf das Schicksal von Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin (1777 – 1866). Diese hat als „veuve Clicquot“ (Witwe Clicquot) der gleichnamigen Champagner-Marke zu Weltruhm verholfen. Das Unternehmen mit Sitz in Reims in der Champagne hatte sie 1805 von ihrem verstorbenen Gatten, dem Sohn des Firmengründers, übernommen.
Der Song Cliquot kreist um die Gefühle der Witwe im Augenblick des Todes ihres Gatten. Alles in ihr ist in Aufruhr. In ihrer Verzweiflung träumt sie von Melodien, die den Verstorbenen von den Toten auferwecken könnten. Dann wieder schwört sie sich, so lange zu trommeln, bis sie selbst tot an seiner Seite niedersinkt. Oder sie gibt sich Zerstörungsphantasien hin, die dem „Fieber“, das ihrem Gatten, wie so vielen anderen, den Tod gebracht hat, jede Nahrung entziehen sollen.
Kontrapunktische Funktion des Walzerrhythmus
Der Walzerrhythmus, mit dem der Song unterlegt ist, erhält vor diesem Hintergrund eine kontrapunktische Funktion. Er gibt der im Text geäußerten Verzweiflung gewissermaßen einen produktiven Sinn, indem er das Erträumte – die Wiedervereinigung mit dem Verstorbenen – in eine imaginäre Realität überführt.
Der Walzer kann zwar das Schicksal nicht aufheben und das Geschehene nicht ungeschehen machen. Die tänzerische Ekstase, für die er steht, ermöglicht jedoch den vorübergehenden „Austritt“ aus dem Schicksal, einen kurzen Augenblick außerhalb der Zeit. Dieses euphorische „Carpe diem“ stellt der Song umso deutlicher der im Text zum Ausdruck gebrachten Trauer gegenüber, als der Walzerrhythmus sich darin mit Anklängen an die lebensfrohe Balkan-Folklore vermischt.
Darin spiegelt sich zum einen die Erinnerung an das verlorene Glück wider, das in der Musik weiterlebt. Zum anderen deutet sich in der Musik aber auch der faktische Überlebenswille der trauernden Witwe an, die sich als legendäre Unternehmerin bereits zu Lebzeiten ihr eigenes Denkmal geschaffen hat.
Zitat übersetzt aus:
Syme, Rachel: Beirut: The Band. In: New York Magazine, 4. August 2006.
Bilder: Vincent van Gogh (1853 – 1890): Trauernde Frau (1883); vangoghgallery.com / Wikimedia commons; Die Band Beirut bei einem Auftritt in der Great American Music Hall in San Francisco (links Zach Condon, mit Trompete) Wikimedia commons