Konformismus in Japan/2
In der japanischen Arbeitswelt trifft der hohe Anpassungsdruck auf die kapitalistische Wirtschaftsethik. Das ist eine toxische und zuweilen – wie beim Phänomen „Karōshi“, dem „Tod durch Überarbeitung“ – auch tödliche Mischung.
Rascher Wiederaufbau in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg befand Japan sich in einer ähnlichen Situation wie Deutschland: Die Wirtschaft lag zunächst am Boden, konnte jedoch erstaunlich rasch wieder aufgebaut werden.
Der Eigenanteil Japans an dem Wiederaufbau war dabei größer als in Deutschland, wo die US-amerikanischen Hilfen in Form des Marshallplans einen wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Erholung hatten. Zwar erhielt auch Japan Hilfen aus dem US-Hilfsprogramm GARIOA (Government Aid and Relief in Occupied Area). Diese mussten jedoch erstens zurückgezahlt werden und standen zweitens Reparationsforderungen gegenüber [1].
Der ökonomische Aufschwung verdankte sich daher in Japan eher einer Wirtschaftspolitik, die einerseits den Binnenmarkt durch protektionistische Maßnahmen stützte und andererseits den Export förderte. Hinzu kamen Einspareffekte durch die von den USA erzwungene Abschaffung des Militärs und ein durch hohe Zinsen gefördertes Sparverhalten der Bevölkerung, deren Bankeinlagen so als Kredite an Unternehmen weitergereicht werden konnten. Paradoxerweise profitierte das entmilitarisierte Japan aber auch vom Koreakrieg, für den die USA sich ab 1950 in dem besiegten Land mit kriegswichtigen Gütern eindeckten [2].
Erhöhter Arbeitskräftebedarf in den „Wirtschaftswunderjahren“
In den 1960er Jahren wurde aus dem wirtschaftlichen Aufschwung schließlich ein „Wirtschaftswunder“. Die durchschnittliche Wachstumsrate lag nun pro Jahr bei 11 Prozent und war damit höher als in allen anderen westlichen Industrieländern [3].
Dies ging auch mit einem erhöhten Bedarf an Arbeitskräften einher. Dieser konnte nicht allein durch Automatisierungsprozesse und die vermehrte Investition in den Bildungsbereich ausgeglichen werden.
In einer ähnlichen Situation befand sich zur selben Zeit auch die deutsche Wirtschaft. Dort löste man das Problem durch Anwerbeprogramme mit süd- und südosteuropäischen Ländern, wo so genannte „Gastarbeiter“ rekrutiert wurden.
Historische Gründe für den Verzicht auf ausländische Arbeitskräfte
Dass Japan diesen Weg nicht ging, ist in der Geschichte des Landes begründet. Als Reaktion auf die europäischen – insbesondere portugiesischen und spanischen – Überseeaktivitäten, die man als Bedrohung der eigenen kulturellen und wirtschaftlichen Autonomie ansah, kam es ab Mitte des 17. Jahrhunderts in Japan zu einer rigorosen Abschottungspolitik, „Sakoku“ genannt [4].
In der Folge kamen sowohl die Ausreise aus als auch die Einreise nach Japan praktisch zum Erliegen. Lediglich die Niederländische Ostindien-Kompanie durfte noch Handel mit dem Land treiben – dies allerdings auch nur von einer künstlichen Insel in der Bucht von Nagasaki aus.
Erst rund zweihundert Jahre später erzwangen die USA mit einer von Matthew Perry befehligten Flotte die Öffnung des Landes [5]. Dass diese als Armada „Schwarzer Schiffe“ in Erinnerung geblieben ist, liegt äußerlich an der dunklen Farbe der Schiffsrümpfe und dem schwarzen Rauch, den die mit Kohle befeuerten Dampfschiffe ausstießen. Der Begriff zeugt aber auch davon, dass die erzwungene Öffnung des Landes als „Schwarzer Tag“ in die japanische Geschichte eingegangen ist.
Westliche Wurzeln des japanischen Imperialismus und Militarismus
Vor diesem Hintergrund ist die distanzierte Haltung gegenüber Fremden in Japan zu sehen. Es handelt sich dabei weniger um Fremdenfeindlichkeit als ein aus der Geschichte erlerntes Misstrauen gegenüber Fremden.
In den Wirtschaftswunderjahren war zudem auch die Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sehr lebendig. Diese stehen – auch wenn sie 1945 weder militärisch notwendig waren noch in humanitärer Hinsicht zu rechtfertigen sind – zwar in einer Kausalkette zu den Verbrechen der japanischen Armee im und vor dem Zweiten Weltkrieg sowie zu der rücksichtslosen Kolonisierungspolitik Japans in den Nachbarländern. Die Umwandlung des defensiven in einen aggressiv-imperialistischen Nationalismus hat ihre Wurzeln jedoch ihrerseits zumindest teilweise wiederum in dem westlichen Imperialismus, der das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in demütigender Weise zur wirtschaftlichen Kooperation gezwungen hat.
Paradoxerweise nutzte das japanische Kaiserreich – das mit seiner Verdrängung des Shōgunats in der „Meiji-Restauration“ selbst bereits eine Reaktion auf dessen Scheitern bei der Abwehr des westlichen Imperialismus war – dabei gezielt den westlichen Militarismus, um sich gegen diesen zur Wehr zu setzen. So entsandte Japan ab 1870 regelmäßig Offiziere der eigenen Armee ins Deutsche Reich, um von dessen militärischem Knowhow zu profitieren. Demnach verband sich hier preußisch-deutscher Untertanengeist mit dem japanischen Obrigkeitsdenken – was die bereits vorhandenen konformistischen Tendenzen in der japanischen Gesellschaft naturgemäß weiter verstärkte [6].
Verstärkter Druck auf einheimische Arbeitskräfte
Da man in Japan vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen von einer Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte absah, blieb zur Bewältigung des erhöhten Arbeitspensums nur ein Ausweg übrig: Die Menschen mussten mehr und länger arbeiten. So kam es zu einer explosiven Mischung: Das oben beschriebene, im Verlauf der Jahrhunderte fest in die Kultur eingeschriebene Gebot des Gehorsams gegenüber Autoritäten und des Vorrangs des Kollektivs wurde auf das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Unternehmen übertragen.
Statt – wie es um dieselbe Zeit in anderen westlichen Industrieländern der Fall war – aus der im Prinzip starken Position eines Arbeitskräftemangels Kapital schlagen und kürzere Arbeitszeiten durchsetzen zu können, war daher in Japan das Gegenteil der Fall: Die Verhältnisse aus der Feudalzeit wurden auf eine moderne Industriegesellschaft übertragen. Überlange Arbeitszeiten wurden zur Norm, verbunden mit endlosen Pendelfahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz.
Die damals übliche lebenslange Anstellung bei einem bestimmten Unternehmen verstärkte dabei zusätzlich den Loyalitätsanspruch der Arbeitgeberseite. Das Unternehmen erhielt so den Rang einer zweiten Familie. Den strengen Arbeitsnormen nicht zu entsprechen, galt folglich nicht einfach nur als Schwäche, sondern als Vertrauensbruch. Hinzu kam ein starker Gruppendruck, der durch Rituale wie abendliche Trinkgelage mit der jeweiligen Arbeitseinheit gezielt intensiviert wurde.
„Karōshi“ – Tod durch Überarbeitung
Auf diese Weise ist ein Phänomen entstanden, für das es in Japan einen eigenen Begriff gibt: Karōshi – Tod durch Überarbeitung. Betroffen sind davon keineswegs nur ältere Erwerbstätige. Zwar mögen jüngere Menschen generell leistungsfähiger und belastbarer sein. Dieser Vorteil wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass von ihnen als Berufsanfängern auch besonders viel verlangt wird.
Die fatalen Folgen, die sich daraus ergeben können, veranschaulicht der Fall einer 31-jährigen Journalistin, die 2013 an Herzversagen starb, nachdem sie zwei Monate in Folge jeweils rund 200 Überstunden geleistet hatte [7].
Hohe Arbeitsbelastungen sind natürlich auch aus anderen Ländern bekannt. Das kulturelle Umfeld in Japan erhöht jedoch die Gefahr, dass aus dem Burnout ein „Karōshi“ wird.
Die Karōshi-Fälle beschränken sich dabei nicht nur darauf, dass Menschen einfach tot umfallen. Es kommt auch immer wieder vor, dass das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr entsprechen zu können, in den Freitod mündet.
Ein besonders spektakuläres Beispiel dafür ist der Fall der damals 24-jährigen Matsuri Takahashi, die sich 2015 an Weihnachten vom Dach des Wohnheims ihres Unternehmens in den Tod stürzte. Der Grund dafür waren auch hier die hohen Überstunden, denen die junge Frau sich nicht mehr gewachsen sah [8].
Halbherzige Begrenzung von Überstunden
Die große öffentliche Anteilnahme an dem Freitod führte damals zur Festlegung einer Obergrenze an monatlich zulässigen Überstunden. Die Folge war allerdings, dass die Unternehmen diese Obergrenze (45 Überstunden) als von den Erwerbstätigen ohne zusätzliches Entgelt zu leistende Arbeit in den Verträgen festschrieben.
In Ausnahmefällen – etwa bei einer besonders hohen Auftragslage – darf die Obergrenze zudem auch weiterhin überschritten werden. Zuletzt hat zudem die neue japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi die gesetzlichen Überstundenregeln wieder in Frage gestellt, indem sie sich selbst für ihr geringes Schlafbedürfnis gerühmt und dies als Vorbild für andere angepriesen hat [9].
Der Hauptgrund für die Einschränkung der Überstunden scheint ohnehin weniger die Sorge um die einzelnen Menschen als vielmehr die Tatsache zu sein, dass man sich angesichts der schrumpfenden japanischen Bevölkerung den Verlust von Arbeitskräften schlicht nicht mehr leisten kann. Aus demselben Grund ist zumindest im Niedriglohnsektor der Arbeitsmarkt mittlerweile auch verstärkt für ausländische Arbeitskräfte – hauptsächlich aus anderen asiatischen Ländern – geöffnet worden [10].
Nachweise
[1] Zu Art und Folgen der Besatzungszeit in Japan vgl. Finn, Richard B.: Winners in Peace. MacArthur, Yoshida, and Postwar Japan. Oakland 1992: University of California Press [PDF in Form einzelner Kapitel].
[2] Vgl. Forsberg, Aaron: America and the Japanese Miracle: The Cold War Context of Japan’s Postwar Economic Revival, 1950–1960. Chapel Hill 2003: University of North Carolina Press.
[3] Vgl. Hiroshi Yoshikawa: Ashes to Awesome: Japan’s 6,000-day Economic Miracle. Tokio 2021: Japan Publishing Industry Foundation for Culture.
Eine gute Übersicht über die Voraussetzungen des japanischen Wirtschaftswunders findet sich auch auf japan-experience.com: Nachkriegs-Japan.
[4] Vgl. Laver, Michael S.: The Sakoku Edicts and the Politics of Tokugawa Hegemony. Amherst/New York 2011: Cambria Press.
[5] Vgl.Rabson, Steve:Perry’s Black Ships in Japan and Ryukyu: The Whitewash of History. In: Asia-Pacific Journal 14 (2016), Nr. 9.
Zu dem Ereignis gibt es auch einen Artikel mit Fotostrecke im Spiegel: Neeb, Christian: US-Kanonenboote vor Japan: „Brennende Schiffe am Horizont“. Der Spiegel, 30. März 2016.
[6] Vgl. Hartmann, Rudolf: Japanische Offiziere im Deutschen Kaiserreich 1870 – 1914 (PDF). In: Japonica Humboldtiana 11 (2007), S. 93 – 158 [mit umfangreichem Literaturverzeichnis ab S. 98].
[7] Über den Fall wird in einer Arte-Dokumentation zu der Thematik berichtet: Sztanke, M. / Alric, J. / Mollard, N.: Japan: Tod durch zu viel Arbeit (2018).
[8] Auf den Vorfall und seine Folgen wird detailliert eingegangen in einem Beitrag von Michael Ziegler: Karoshi bleibt ein Problem. Zehn Jahre nach dem Suizid bei Dentsu: Japans Überstundenproblem bleibt ungelöst. In: Sumikai. News & Hintergründe aus Japan, 27. Dezember 2025.
[9] Vgl. hierzu das Gespräch von Taz-Auslandsredakteur Fabian Schroer mit dem freien Journalisten Martin Fritz: Wie kämpft die Jugend Japans gegen die Überarbeitung? In: Podcast Fernverbindung: Der wöchentliche Auslandspodcast der taz, 19. Dezember 2025 (zur Überstundenregelung ab 8:45). Die Äußerungen von Premierministerin Sanae Takaichi zu dem angeblich überschätzten Schlafbedürfnis ihrer Landsleute waren in den sozialen Medien – u.a. auf Instagram – auf teils lebhafte Kritik gestoßen.
[10] Vgl. McKirdy, Andrew: Irasshaimase!: Foreign-born clerks are becoming a familiar sight at convenience stores nationwide, but is Japan ready to welcome them? In: Japan Times, 8. Dezember 2018.
Bild: CPO57: Menschen bei der Arbeit in der Matsumoto Bank (Wikimedia commons) – leicht bearbeitet