Über das Lied El oso (Der Bär) von Javier Vielba („El Meister“)
Wer seinen eigenen Weg geht, kann sich nur selbst im Weg stehen. Über ein Lied des spanischen Singer-Songwriters Javier Vielba („El Meister“), das sich auch auf den „russischen Bären“ beziehen lässt.
Podcast:
Der Bär
An der Spitze der Pyramide,
wenn es keine andere äußere Bedrohung gibt,
wenn alle zittern
in seiner Gegenwart,
wenn alle sterben
unter seiner Pfote,
ist der einzige Feind des Bären der Bär.
Der einzige Feind des Bären ist der Bär.
Groß ist er, weiß und mächtig,
groß, weiß und mächtig.
Er ist immer stark,
der Bär.
Wo der Instinkt regiert,
gibt es kein Erbarmen und auch keine Strafe.
Er lenkt die Geschicke,
nichts und niemand hält ihn auf.
Wenn alle fliehen, sobald er naht,
wenn jeden Tag der Tod das Haus umspukt,
ist der einzige Feind des Bären der Bär.
Der einzige Feind des Bären ist der Bär.
Groß ist er, weiß und mächtig,
groß, weiß und mächtig.
Der einzige Feind des Bären ist der Bär.
El Meister: El oso aus: Bestiario (2014)
Ein russischer Bär in Spanien?
Ob Javier Vielba, der sich für seine Solokarriere das Pseudonym „El Meister“ zugelegt hat, an Wladimir Putin gedacht hat, als er den Text zu El oso (Der Bär) geschrieben hat?
Ausgeschlossen ist das nicht. Das Album Bestiario, auf dem sich das Lied findet, ist im Juli 2014 erschienen, also kurz nach dem ersten russischen Überfall auf die Ukraine. Allerdings haben derartige Musikprojekte meist einen längeren Vorlauf, was einen direkten Bezug doch eher unwahrscheinlich macht.
Vor dem Hintergrund des aktuellen zweiten Überfalls auf die Ukraine drängt sich die Assoziation zu Russland allerdings geradezu auf. Schließlich ist der Bär in dem Lied auch noch weiß, also ein Eisbär, was die Assoziation zum sprichwörtlichen russischen Bären und zu russischer Kälte noch verstärkt.
Die Angst der anderen als Stärke des Bären
Der hauptsächliche Anknüpfungspunkt für diese Assoziation ist allerdings die Art und Weise, wie der Bär in dem Lied beschrieben wird: Er ist „groß“, „mächtig“ und“ stark“, alle haben Angst vor ihm, er allein bestimmt den Gang der Dinge. Das ist genau das Bild, das Putin und seine Getreuen von sich selbst haben und in der Welt verbreiten: Wagt bloß nicht, euch uns in den Weg zu stellen – sonst habt ihr euer Leben schon morgen hinter euch!
Interessant ist, dass die Wirkung des Bären in dem Lied mit Konditionalsätzen beschrieben wird. Dass der „einzige Feind des Bären (…) der Bär selbst“ ist, liegt demnach nicht allein an seiner Stärke, sondern vor allem an der Angst der anderen vor dieser Stärke. Würden sie nicht die Flucht ergreifen, sobald er brüllt, könnten sie sich auch besser gegen ihn verteidigen. Dies lässt sich recht gut auf den angstgetriebenen Umgang der Weltgemeinschaft mit Russland beziehen.
Aber wie gesagt: Diese Assoziationen sind höchstwahrscheinlich der aktuellen weltpolitischen Lage geschuldet und nicht vom Künstler intendiert. Allerdings sind die Texte des Albums Bestiario auch – wie Vielba selbst in einem Interview unterstreicht (s.u.) – absichtlich so angelegt, dass sie für verschiedene Deutungen offen sind.
Mehrdeutige Parabel
Im Spiegel verschiedener Tiere werden in Vielbas Bestiario menschliche Eigenschaftsbündel skizziert, ohne diese jedoch moralisch zu bewerten. Damit unterscheidet sich das Album deutlich von den mittelalterlichen Bestiarien, auf die es mit seinem Titel anspielt. Denn diese waren Sammlungen von Fabeln im klassischen Sinn – kurzen Erzählungen also, die mit Tiermetaphern menschliche Verhaltensweisen charakterisierten und diese auch explizit mit bestimmten Moralvorstellungen verknüpften.
Bei den Texten des Albums Bestiario handelt es sich dagegen eher um Parabeln, die für verschiedene Deutungen offen sind. In dem Bären aus dem Lied El oso könnte man daher etwa auch schlicht einen Menschen sehen, der so lange stark ist, wie er sich seiner eigenen Stärke bewusst bleibt.
So gesehen, bestünde die Stärke des Bären gerade darin, seinen Weg zu kennen und ihn beharrlich zu verfolgen. Nur wenn er zaudert, wenn er seinen inneren Kompass verliert, verliert er die Fähigkeit, selbst über sein Schicksal zu bestimmen – und kann sich in diesem Sinne nur selbst im Weg stehen, also zum „Feind“ für sich werden.
Über Javier Vielba / El Meister
Der aus dem nordspanischen Valladolid stammende Javier Vielba machte sich zunächst einen Namen als Frontmann der Indie-Rockband Arizona Baby, zu deren Mitbegründern er 2003 gehörte. 2010 fusionierte die Gruppe mit der Band Las Coronas zu den Corizonas.
In dieser Band wirkt Vielba weiterhin mit. Daneben hat er aber auch eine Solokarriere gestartet, in der er andere, stärker in der Singer-Songwriter-Tradition stehende Musikstile ausprobiert. Bestiario ist das erste Solo-Album Vielbas, auf das mittlerweile drei weitere gefolgt sind – davon eines als direkte Fortsetzung des ersten (Bestiario 2, 2020).
Der Künstlername El Meister geht nach Auskunft des Sängers auf seine Studienzeit zurück und fasst seine damaligen Interessengebiete zusammen. Vielba studierte Deutsch, bereitete sich auf eine Tätigkeit als Lehrer vor – und war natürlich schon damals ein leidenschaftlicher Musiker. Da „Maestro“ im Spanischen sowohl den Lehrer als auch den anerkannten Musiker bezeichnen kann, ergab sich – in Anspielung auf das Deutschstudium Vielbas – der für deutsche Ohren kurios klingende Name „El Meister“.
Interview mit Javier Vielba (spanisch): Ylenia Álvarez: Señoras y señores, con ustedes El Meister; hoyesarte.com, 22. August 2014.
Bild: KI-generiert. Collage aus: Cover der Zeitschrift Adventure (14/1917, H. 2); Wikimedia commons; Rafale Tovar: Javier Vielba bei einem Auftritt mit der Band Arizona Baby, 2010 (Wikimedia commons)