Japanische Konformitätsflüchtlinge

Konformismus in Japan/4

Der starke Anpassungsdruck in der japanischen Gesellschaft hat zur Folge, dass der Wunsch nach Selbstverwirklichung oft nur in verkümmerter Form ausgelebt werden kann. Anstatt zur Entfaltung der Persönlichkeit zu verhelfen, führt er dann nur ins soziale Abseits.

Das Kloster als Zufluchtsort?

Wie es in Japan Kinder und Jugendliche gibt, die sich dem strengen Schulsystem verweigern, gibt es auch Erwachsene, die sich der rigiden Arbeitswelt verweigern. Allerdings ist dies weitaus schwieriger als die Schulverweigerung. Denn ein Kind, das nicht mehr zur Schule geht, verliert dadurch ja nicht seine existenzielle Grundversorgung. Einem Erwachsenen, der aus der Gesellschaft aussteigt, droht jedoch genau dies: Er kann ins Bodenlose fallen.

Natürlich könnte man den Ausstieg aus der materiell geprägten Arbeitswelt mit einem Einstieg in die geistige Welt des buddhistischen Klosterlebens verbinden. Was einfach klingt, ist in der Praxis jedoch alles andere als leicht.

Wer buddhistischer Mönch werden will, muss dafür in der Regel zunächst einen Probelauf in einem Kloster absolvieren oder sich von einem Zen-Meister in die Grundlagen des Buddhismus einweisen lassen. Diese Lehrzeit ist mindestens ebenso streng reguliert wie die Tage in der japanischen Arbeitswelt – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen.

Und nur diejenigen, die sich dabei als gelehrig erweisen und sich den vorgegebenen Ritualen mit innerer Überzeugung unterwerfen, können darauf hoffen, danach in ein Noviziat übernommen zu werden, das wiederum ebenfalls mit langwierigen religiösen Studien und intensiven Exerzitien verbunden ist [1]. Für einen Ausbruch aus dem Gefängnis der Arbeitswelt ist der Weg ins Kloster damit nur bedingt geeignet.

„Inemuri“: Kleine Alltagsfluchten

Eine andere Möglichkeit wäre es, sich bestimmte Routinen des japanischen Erwerbslebens für kleinere Fluchten aus dem Arbeitsalltag zunutze zu machen. Zu nennen wäre dabei etwa das so genannte „Inemuri“, das die japanische Praxis des Powernappings umschreibt [2].

In Japan sind kurze Nickerchen am Arbeitsplatz nicht nur üblich, sondern sogar sozial erwünscht, da sie als Beleg für das buchstäbliche Arbeiten „bis zur Erschöpfung“ gelten und als leistungsfördernde Erholung anerkannt sind. Diese Praxis lässt sich – in begrenztem Umfang – ausdehnen, um die Freiräume während der Arbeitszeit zu vergrößern. Schließlich kann niemand sehen, wovon man träumt, wenn man die Augen schließt.

In ähnlicher Weise lässt sich die Erwartung an ein langes Verweilen am Arbeitsplatz konterkarieren. Soweit feste Vorgaben für die zu leistende Arbeit fehlen, kann man die Zeit auch schlicht mit anderen als berufsbezogenen Dingen verbringen. 

Radikale Fluchten aus dem Alltagsleben

Derartige Alltagsfluchten sind natürlich nur kurze Ausweichmanöver innerhalb des Systems, die nichts an der grundlegenden Situation ändern. Sie ähneln dem Blick des Gefangenen aus seinem Kerkerfenster, der sich dabei ein anderes Leben erträumt.

Wer nach einem echten Neuanfang jenseits der streng regulierten Arbeitswelt sucht, muss einen anderen Weg wählen. Angesichts der Dominanz der Arbeitswelt im modernen Japan führen diese Wege allerdings zumeist ins soziale Abseits – im Extremfall sogar in ein Leben auf der Straße.

Für zwei andere Formen einer radikalen Absage an das bisherige soziale Leben gibt es in Japan sogar spezielle Ausdrücke: Jōhatsu („Verflüchtigung“) und Hikikomori („sich einsperren“/“Menschen, die sich einsperren“). Beide Begriffe deuten bereits an, worum es bei den entsprechenden Phänomenen geht.

„Jōhatsu“ – Wenn Menschen sich „verflüchtigen“

Das Phänomen des „Jōhatsu“ bezieht sich auf Menschen, die von einem Tag auf den anderen spurlos verschwinden, sich also buchstäblich „in Luft auflösen“ [3].

In Japan ist dies viel verbreiteter als etwa in Deutschland. Hierzulande werden pro Jahr bis zu 36.000 Personen als vermisst gemeldet. Die Hälfte davon betrifft allerdings kindliche oder jugendliche Ausreißer, so dass 80 Prozent der Fälle innerhalb eines Monats aufgeklärt werden können [4].

In Japan dagegen gehen jedes Jahr mehr als doppelt so viele Vermisstenanzeigen ein. Davon entfallen etwa 25.000 Fälle auf Menschen, die ganz bewusst ihrem bisherigen sozialen Umfeld entfliehen [5] – eben dies ist mit „Jōhatsu“ gemeint. Dabei können sie sich zudem der Unterstützung spezieller Nachtumzugsunternehmen („Yonigeya“) bedienen, die ihnen bei der Organisation der Flucht helfen.

Die Gründe für eine solche Flucht können in finanziellen Problemen liegen, also etwa dem Bestreben, sich dem Zugriff aggressiver Geldeintreiber zu entziehen. Daneben können auch private Gründe den Wunsch nach einem radikalen Bruch mit dem bisherigen sozialen Umfeld motivieren – zerrüttete Beziehungen, Stalking oder diverse Formen von familiären Problemen.

Die Entscheidung, sich selbst „verflüchtigen“ zu lassen, kann jedoch auch mit zu hohem Leistungsdruck am Arbeitsplatz zusammenhängen. Aus Scham, die Überforderungsgefühle einzugestehen, entscheidet man sich dabei zu einem symbolischen sozialen Tod. Daneben kann es hierfür allerdings auch ganz konkrete Gründe geben – nämlich die Angst vor Strafen für die Nichterfüllung des Arbeitsvertrags.

„Hikikomori“ – Wenn Menschen sich selbst einsperren

Eine andere, noch radikalere Form des selbst gewählten Austritts aus den bisherigen sozialen Bezügen ist das Phänomen der „Hikikomori“. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich so vollständig aus der Gesellschaft zurückziehen, dass sie oft für Jahre keinen Fuß vor die Tür setzen [6].

Im Extremfall entspricht die Isolation sogar einer Art selbst auferlegter Gefängnisstrafe, indem die Betreffenden sich im eigenen Zimmer einsperren. Dies funktioniert natürlich nur, wenn es in den entsprechenden Wohnungen noch andere Menschen gibt, die diesen Rückzug – gewollt oder ungewollt – unterstützen. Meist handelt es sich dabei um nahe Familienangehörige, die den freiwillig Eingesperrten aus purer Hilflosigkeit das Essen vor die Tür stellen oder es tolerieren, wenn diese sich nachts am Kühlschrank bedienen.

Was nach kuriosen Einzelfällen klingt, ist in Japan erstaunlich weit verbreitet. Hochrechnungen zufolge sind von dem Phänomen über eine Million Menschen betroffen. Die wesentlichen Gründe für diese radikale Form des sozialen Rückzugs sind dabei auch hier der starke Leistungsdruck am Arbeitsplatz bzw. an Schule oder Hochschule.

Das Phänomen ist dabei umso bedenklicher, als es ein entscheidendes Element des japanischen Langlebigkeitspotenzials konterkariert. Denn in Studien zu den Gründen für das lange Leben vieler japanischer Menschen hat sich das intakte soziale Netzwerk der Betreffenden – neben anderen Aspekten wie etwa einer gesunden Ernährung und der Überzeugung, ein erfülltes Leben zu führen („Ikigai“) – immer wieder als wesentlicher Faktor herauskristallisiert [7].

Die weibliche Perspektive

Während es sich bei den Hikikomori tendenziell eher um jüngere Menschen handelt, betrifft das Phänomen des Jōhatsu eher Menschen mittleren Alters. Im einen Fall steht also die Weigerung, in das gesellschaftliche Leben einzutreten, im Vordergrund, im anderen der Wunsch, aus ihm auszutreten.

In beiden Fällen ist der Großteil der Betroffenen allerdings männlich [8]. Dies könnte daran liegen, dass Frauen in der japanischen Gesellschaft noch immer die Möglichkeit des Rückzugs auf traditionelle weibliche Rollenmuster bleibt. Für sie existiert also eine sozial akzeptierte Form der Flucht ins Private.

Das heißt allerdings nicht, dass Frauen nicht ebenfalls unter dem auf die Belange der Arbeitswelt fokussierten japanischen Alltagsleben leiden würden. Das liegt zum einen daran, dass viele soziale Netzwerke mit dem Erwerbsleben zusammenhängen. Wer nicht daran teilnimmt, ist automatisch davon ausgeschlossen.

Zum anderen leidet aber natürlich auch das Familienleben unter den überlangen Arbeits- und Schultagen. Wenn die Männer abends erst spät nach Hause kommen und die Kinder bis in die Nacht hinein bei den Hausaufgaben beaufsichtigt werden müssen, bleibt für das Familienleben kaum mehr übrig als ein karger Wortwechsel bei einer abendlichen Mahlzeit. Der Rückzug ins Private muss für die Frauen dann mit einer emotionalen Leere bezahlt werden.

Auch berufstätige Frauen haben es indessen nicht leicht, emotionale Erfüllung in einer Beziehung zu finden. Gerade wenn sie karrierebewusst sind, entsprechen sie nicht dem Idealbild der dienenden Frau und haben es schwer, einen geeigneten Partner zu finden.

„Host-Clubs“: Verheißung und soziale Falle für japanische Frauen

Die so entstehende emotionale Leerstelle haben sich in Japan so genannte „Host-Clubs“ zunutze gemacht. Dabei handelt es sich um Etablissements, in denen Frauen jene Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie im Alltag vergebliche suchen.

Das Problem ist nur: Die Erfüllung dieses Traums kostet Geld – viel Geld. Denn die „Hosts“ („Gastgeber“), von denen die Frauen in den Clubs hofiert werden, sind dort einem Ranking unterworfen, das sich nach der Summe der akquirierten Gelder richtet. Je mehr Geld die Männer aus den Frauen herauskitzeln, desto höher steigen sie in der clubeigenen Hierarchie auf. Entsprechend verbessern sich für sie auch Ansehen und Einkommen.

Die einfachste Möglichkeit, die Frauen zum Geldausgeben zu bewegen, besteht – wie in den entsprechenden Nachtclubs für Männer – darin, die Frauen zum Bestellen teurer Getränke zu bewegen. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass Hosts die Frauen auf die Bedeutung des Rankings für ihr berufliches Fortkommen hinweisen und ihnen so direkt Geld abpressen. Manche Frauen gehen hierauf auch tatsächlich ein – in der Hoffnung, auf diese Weise den Mann, der ihr das Gefühl gegeben hat, sie zu verstehen und als Frau wertzuschätzen, ganz für sich zu gewinnen. 

Die geforderten Summen können dabei so hoch sein, dass die Frauen sich bei Familie und Bekannten Geld leihen müssen, um den Geldbedarf des vermeintlichen Kavaliers zu befriedigen. So geraten sie rasch in eine Schuldenfalle, aus der sie mit ihrem bisherigen Einkommen nicht herausfinden. Viele sehen dann keinen anderen Ausweg, als sich zu prostituieren [9].

Nachweise

[1]    Mehr Informationen über den Weg zu einem Leben als buddhistischer Mönch finden sich im „Pluralism Project“ der Harvard University: Becoming a Monk.

[2]    Vgl. hierzu den Eintrag im Online-Lexikon auf alles-zum-schlafen.de: Was bedeutet Inemuri (Power Napping)?

[3]    Für einen ersten Überblick über das Phänomen vgl. Fenner, Gunar: Jōhatsu – Die Verschwundenen in Japan: Ein Einblick in das Phänomen. JapanweltBlog, 4. Juli 2024.

          Ausführlich mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat sich Andreas Hartmann. Nachdem er 2024 einen Film über die Problematik  herausgebracht hat, hat er sich ein Jahr später auch in einem Radiofeature damit auseinandergesetzt: Jōhatsu in Japan – Wenn Menschen verdunsten. Spurlos verschwundene Menschen in Japan. Deutschlandfunk/ORF/SWR, 20. Dezember 2025.

[4]    Vgl. Bundeskriminalamt (BKA):Die polizeiliche Bearbeitung von Vermisstenfällen in Deutschland [mit Angaben zu Vermisstenzahlen].

[5]    Vgl. Koyama, Goro: Johatsu – The Vanishing People in Japan. Japanpi.com, 9. September 2022.

[6]    Zu dem Phänomen gibt es ein aufschlussreiches Gespräch mit dem freien Journalisten Martin Fritz im Schweizerischen Rundfunk:Die Hikikomori: Warum sich Menschen in Japan jahrelang einsperren. SRF, „Zwischen den Schlagzeilen“, 20. November 2019.

Einen ersten Überblick zu der Problematik bietet ein AFP-Bericht, der im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt ist: AFP: Hunderttausende Menschen in Japan leben äußerst zurückgezogen. Deutsches Ärzteblatt, 5. April 2023.

[7]    Vgl. den Abschnitt zu Okinawa (1.3.3) in dem Beitrag Blue Zones – Schlüssel zu Langlebigkeit und Wohlbefinden auf der Website der Deutschen Longevity Gesellschaft; ferner die Reportage von Rob Goss: Zu Besuch in Japans Dorf der Hundertjährigen. In: National Geographic, 29. Juni 2025.

[8]    Vgl. das in Anmerkung 6 zitierte Gespräch mit Martin Fritz sowie – in Bezug auf Jōhatsu – einen Beitrag auf der Website der FAM [Family] Investigation Agency:  The Mystery of Johatsu: Japan’s Vanishing People Phenomenon.

[9]    Das Phänomen der japanischen Host-Clubs wird eindringlich dokumentiert in einem Radiofeature von Kathrin Erdmann: Japans Host-Clubs. Hübsche Männer, verschuldete Frauen. Deutschlandfunk Kultur, 15. Mai 2024.

Bild: Juno Kwon: Porträt eines jungen Mannes (Pixabay)

Schreibe einen Kommentar