Göttliche Liebe und die Liebe Gottes

Über Émilie Simons Chanson Le désert (Die Wüste)

In Émilie Simons Chanson Le désert ist die Wüste eine Chiffre für das eigene Innere, in dem das Bild des Geliebten „gezeichnet“ werden soll. Dies erscheint zunächst als ein Bild für die vollkommene Hingabe an einen anderen Menschen. Die geliebte Person soll also  das eigene Herz ganz ausfüllen, alles soll von ihr aus gedacht und gefühlt werden.

Podcast:

Die Wüste

Oh mon amour, meine verwandte Seele,
ich zähle die Tage, ich zähle die Stunden.
Ich möchte dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

Oh mon amour, der Hauch deiner Stimme
macht mich glücklich, wohin ich auch gehe.
Lass mich dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

In der Nacht, die Nase am Fenster,
warte ich manchmal auf dich
und versinke in der Wüste,
in der Wüste meines Herzens.

Oh mon amour, mein Herz ist schwer,
ich zähle die Stunden, ich zähle die Tage.
Ich möchte dich in einer Wüste zeichnen,
in der Wüste meines Herzens.

Oh mon amour,
ich scheide aus aus diesem Spiel
und verlasse diese Regionen,
ich verlasse dich, das war's.

In der Nacht, die Nase am Fenster,
habe ich manchmal auf dich gewartet.
Jetzt aber sinke ich und sinke …

Verstreut meine traurige Asche
im Wind, im Wind.

Émilie Simon: Le désert Text von Olivier Coursier und Simon Buret aus: Émilie Simon (2003)

Videoclip

Live-Aufnahme

Die Liebe als Weg zu Gott

Gott ist die Liebe, heißt es. Man könnte den Satz auch umdrehen und sagen: Die Liebe ist göttlich.

Beide Sätze basieren auf derselben Empfindung: Die Liebe ist der einzige Weg, auf dem wir unserer existenziellen Einsamkeit, diesem Eingeschlossensein in uns selbst, entfliehen können. Die Liebe ist eine Brücke in ein anderes Sein. Wer sie betritt, wird aufgenommen in das große Ganze und kehrt heim in das Paradies, das in der frühen Kindheit die symbiotische Beziehung mit der Mutter repräsentierte.

Wenn die irdische in der göttlichen Liebe aufgeht

Auf zwei Pfaden ist das Paradies der Liebe zu erreichen. Der eine führt direkt zu Gott. Er beruht auf einer so tiefen Versenkung in das Göttliche, das die Kraft der Liebe unmittelbar erfahrbar wird. Dies ist der Weg der Mystik.

Der andere Pfad geht von der irdischen Liebe aus. Diese wird dabei jedoch so intensiv erlebt, dass aus dem Aufgehen in der neuen Einheit, die aus der Liebe erwächst, ein Gefühl für das göttliche, das einzelne Dasein überwölbende und umfassende Sein, entsteht. So geht die irdische hier in der göttlichen Liebe auf.

Eine Liebesblüte in der Wüste des Herzens

In Émilie Simons Chanson Le désert ist die Wüste eine Chiffre für das eigene Innere, in dem das Bild des Geliebten „gezeichnet“ werden soll. Dies erscheint zunächst als ein Bild für die vollkommene Hingabe an einen anderen Menschen. Die geliebte Person soll also  das eigene Herz ganz ausfüllen, alles soll von ihr aus gedacht und gefühlt werden.

Durch die Wüstenmetapher ergeben sich daneben auch Bezüge zur Literatur der Mystik. In dieser kann die Wüste sowohl ein Bild für die unermessliche Weite des göttlichen Seins sein, in der das Ich sich willentlich auflöst, als auch ein Bild für die Hingabebereitschaft selbst, also für die Leere des eigenen Inneren, die mit dem göttlichen Sein angefüllt werden bzw. es widerspiegeln soll.

Dies muss jedoch notwendigerweise eine Utopie bleiben, da Gott natürlich unendlich viel größer ist als die Seele eines einzelnen kleinen Menschenkindes. In dem Chanson entspricht dem der Gedanke des nie endenden Wartens auf den Gegenstand der Liebe.

Die mystische Konnotation des Chansons ergibt sich darüber hinaus auch aus seinem Schluss, an dem das liebende Ich aus dem Spiel ausscheidet („passen muss“), während der Geliebte zurückbleibt. Da dies hier gleichbedeutend damit ist, dass das Ich zu „Asche“ wird, also als Synonym für das Ende der „Lebensreise“ erscheint, deutet sich hierin ebenfalls das vergängliche Dasein der Liebenden an, dem die unendliche Dauer des göttlichen Gegenstands der Liebe sowie der Liebe selbst gegenübersteht.

Im Videoclip zu dem Lied wird dies durch ein Blumenmädchen bebildert, aus dessen Körper Pflanzen sprießen – bis schließlich aus dem Nichts übergroße Hände auftauchen, die die Haut des Mädchens zunähen, also die Zeit der Blüte und des Wachstums beenden.

Über Émilie Simon

Émilie Simon, Tochter einer Pianistin und eines Toningenieurs, wurde 1978 in Montpel­lier geboren. Sie erhielt am dortigen Konservatorium eine Gesangsausbildung und stu­dierte anschließend an der Universität Montpellier Musikwissenschaft. In Paris setzte sie ihre Studien an der Sorbonne – in Alter Musik – sowie am Pariser Forschungsinstitut für Akustik und Musik (IRCAM) – in elektronischer Musik – fort.

Ihr Debütalbum (Émilie Simon, 2003) wurde bei Publikum und Musikkritikern ein großer Erfolg und brachte ihr einen Victoire de la musique ein, die höchste musikalische Auszeichnung in Frankreich. Einen weiteren Victoire erhielt sie für ihre Musik zu dem Film La Marche de l’Empereur (dt. „Die Reise der Pinguine“, 2005). 2007 zog sie nach New York um, wo sie 2009 ein Album in englischer Sprache (The big machine) herausbrachte.

Bilder: Petra (Pezibear): Wüste (Pixabay); Georges Biard: Emilie Simon au festival „Paris Cinéma“; 9 July 2012 (Wikimedia.Commens)

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