Die Sprache – Abbild oder Erschafferin der Wirklichkeit?

Ein sprachphilosophischer Blick auf das „Gendern“

Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Sprache, Denken, Kultur, Natur und sozialer Realität werden schon seit der Antike in der Philosophie diskutiert. In der Praxis des Genderns findet dieser Diskurs jedoch kaum Berücksichtigung.

Platons Kratylos-Dialog

Der Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit ist für die menschliche Existenz von zentraler Bedeutung. Folglich wird er auch schon sehr lange in der Philosophie diskutiert.

Ein frühes Beispiel dafür ist etwa Platons Kratylos-Dialog. Darin geht es um die Frage, ob die Begriffe, mit denen wir außerweltliche Dinge bezeichnen, eine wesensmäßige Beziehung zu diesen aufwei­sen – also gewissermaßen ihr Wesen widerspiegeln – oder ob sie auf einer willkürlichen Setzung beruhen.

Die Antwort auf diese Frage ist – wie so oft in den platonischen Dia­logen – ein Kompromiss: Die Begriffe beruhen nicht auf reiner Will­kür, bilden aber auch nicht unmittelbar das Wesen der Dinge ab. Stattdessen entstehen sie durch eine lebendige Auseinanderset­zung mit der Wirklichkeit.

Dies ist nicht so zu verstehen, dass die Begriffe von der Wirklichkeit determiniert sind – denn ansonsten wäre keine sprachliche Verän­derung und Weiterentwicklung denkbar. Umgekehrt ist die Wirk­lichkeit aber auch nicht unmittelbar aus der Sprache ableitbar, sondern kann in ihrem Wesen nur durch eine direkte, wenn auch sprachlich vermittelte Vertiefung in sie erfahren werden.

Der mittelalterliche Universalienstreit

Auch der mittelalterliche Universalienstreit kreiste um das Verhält­nis zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit.

Vertreter des „Realismus“ schrieben dabei den Begriffen eine ei­gene Realität zu, analog zu den platonischen „Ideen“, den unabhän­gig von den konkreten Dingen existierenden ewigen Wahrheiten. Dagegen waren für den „Nominalismus“ die Begriffe nur willkürlich gewählte sprachliche Hüllen, denen kein eigenes Wesen zukam.

Eine vermittelnde Position nahm der „Konzeptualismus“ ein. Er lehnte sich zwar stärker an die platonische Ideenlehre an, sah in den entsprechenden zentralen Begriffen aber allein geistige Realitäten, die keine unmittelbare Verwurzelung in der außersprachlichen Wirk­lichkeit aufweisen.

Wilhelm von Humboldts Konzept der „inneren Sprachform“

Für die Neuzeit markieren Wilhelm von Humboldts Überlegungen im Zusammenhang mit Untersuchungen über die javanische Spra­che eine wichtige sprachphilosophische Wegmarke. Die Auseinan­dersetzung mit der fremden Sprachwelt ließ ihn einen engen Zu­sammenhang zwischen Sprache und Wirklichkeitswahrnehmung postulieren.

Von zentraler Bedeutung ist dabei das Konzept der „inneren Sprachform“. Dieses stellt Humboldt der „äußeren Sprachform“ ge­genüber, also der Gesamtheit der Laute und Lautkombinationen, die das Sprechen auf der rein physikalischen Ebene ausmachen. Erst die „innere Sprachform“ gibt diesem Lautinventar einen Sinn und ermöglicht es, sich damit in bewusster und kreativer Weise auf die äußere Wirklichkeit zu beziehen.

Humboldt geht dabei davon aus, dass sich die „inneren Sprachfor­men“ bei verschiedenen Völkern und Kulturen in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Lebensumfeld voneinander unterscheiden. Die diversen „inneren Sprachformen“ stehen damit auch für un­terschiedliche Weltsichten.

Humboldt und Herder

Humboldt steht mit seinen Überlegungen auch in der Tradition von Johann Gottfried Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Darin beschreibt dieser die Kulturen der verschiede­nen Völker als Manifestationen unterschiedlicher Welterfahrung und Weltanschauung.

Auch Herder schrieb dabei der Sprache – als dem Kristallisations­punkt und Vermittlungsorgan dieses Prozesses – eine zentrale Be­deutung zu. Dies führte ihn auch zu einem besonderen Respekt gegenüber fremden Kulturen, da er in jeder von ihnen einen einzigarti­gen Spiegel der Wirklichkeit sah.

Die Sapir-Whorf-Hypothese

Ein Fixpunkt der sprachwissenschaftlichen Forschung im 20. Jahr­hundert war die Sapir-Whorf-Hypothese. Der Begriff bindet schlag­wortartig die Namen zweier bedeutender Sprachphilosophen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen.

Edward Sapir entwickelte, im Anschluss an den Diskurs des 19. Jahr­hunderts, die Ideen zum Zusammenhang von Sprache, Kultur und Wirklichkeitswahrnehmung weiter. Wie Humboldt und Herder war auch er von der Interdependenz zwischen den drei Aspekten menschlicher Existenz überzeugt. Auch er ging also von einer wech­selseitigen Beeinflussung von Sprache, Denken und soziokultureller Realität aus und betonte demzufolge ebenfalls die unterschiedliche Repräsentanz der Wirklichkeit in den Sprachstrukturen einzelner Völker.

Im Anschluss an die Überlegungen Sapirs führte Benjamin Lee Whorf sprachvergleichende Studien durch. Da bei den Industriena­tionen aufgrund vielfältiger interkultureller Beziehungen von einer starken gegenseitigen Beeinflussung der Sprachen auszugehen war, bezog er sich dafür auf indigene Völker mit einer weitgehend autarken Le­bensweise.

Whorfs Studien zur Sprache der Hopi und der Inuit

Besondere Beachtung fanden die Thesen, die Whorf aus seinen Stu­dien zur Sprache der in Arizona beheimateten Hopi und zu Inuit-Völkern entwickelte. Bei den Hopi sah er die Besonderheit der Spra­che etwa darin, dass diese die Zeit auf eine ganz eigene, nicht-line­are Weise thematisiere. Als Folge hiervon konstatierte er eine gänzlich andere Wahrnehmung der Existenz, die er als unvereinbar mit dem gängigen „Zeitpfeil-Denken“ in Bezug auf die Geschichte, aber auch mit der klaren Trennung von Raum und Zeit ansah.

Bei den Inuit hob Whorf insbesondere die Vielfalt des Wortfelds für „Schnee“ hervor. Hier ging es ihm also speziell um die Prägung der Sprache durch das natürliche Umfeld, das eine genauere Wahrneh­mung von etwas erfordere, das andernorts unter weniger differen­zierten Sammelbegriffen zusammengefasst wird.

In einem Fall stand demnach der Zusammenhang zwischen Sprache und Denkstrukturen im Vordergrund. Im anderen Fall ging es stär­ker um die wechselseitige Beeinflussung von Sprache und Kultur bzw. Natur.

Beide Aspekte gingen auch in einen zentralen Artikel ein, den Whorf 1942 unter der programmatischen Überschrift „Language, Mind and Reality“ veröffentlichte. In abgewandelter Form (Language, Thought and Reality) wurde daraus der Titel für einen 1956 er­schienenen Sammelband mit Arbeiten Whorfs, der 1963 auch in deutscher Sprache erschienen ist („Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie“).

Sprachlicher Relativismus vs. Determinismus

Die von der Sapir-Whorf-Hypothese angeregten Diskussionen wie­sen in zwei unterschiedliche Richtungen. In einem Fall wurde der sprachliche Relativismus betont, der sich unmittelbar aus Sapirs und Whorfs Forschungen ableiten lässt: Unterschiedliche Sprachen spiegeln die Wirklichkeit auf je eigene Weise wider, in Abhängigkeit vom kulturellen und natürlichen Umfeld der jeweiligen Menschen. Dies wirkt dann entsprechend auf die Wahrnehmung der Wirklich­keit zurück.

Bei diesen Schlussfolgerungen aus der Sapir-Whorf-Hypothese ist die Wirklichkeitswahrnehmung zwar sprachlich vorgeprägt, aber nicht bis ins Letzte vorherbestimmt. Wie die Sprache die Wirklich­keit formt, kann auch die Wirklichkeit auf die Sprache zurückwirken und sie verändern.

Demgegenüber führt die deterministische Deutung der Sapir-Whorf-Hypothese in letzter Konsequenz zu der Annahme, dass das Denken gewissermaßen im Käfig der Sprache gefangen ist. Die Wirklichkeit kann dann stets nur in den von der Sprache vor­gege­benen Strukturen wahrge­nommen werden.

Der Käfig des deterministischen Denkens

Der deterministische Denkansatz hat sich auch für die Forschung als eine Art Käfig erwiesen, aus dem nur schwer auszubrechen war. Ein Beispiel dafür ist die Kritik an Whorfs These von der Komplexität des Wortfeldes für „Schnee“ bei den Inuit. Als sich herausstellte, dass die sprachliche Vielfalt sich auf wenige Wortstämme zurück­führen lässt, wurde den Inuit damit zugleich auch die Fähigkeit zu einer besonders differenzierten Wahrnehmung des Phänomens „Schnee“ abgesprochen.

Diese Schlussfolgerung ist logisch, wenn man von der einseitigen Prägung des Denkens durch die Sprache ausgeht. Sie lässt jedoch außer Acht, dass es auch außersprachliche, bildliche Formen der Wahrnehmung geben kann, die sich von Fall zu Fall in passenden sprachlichen Ausdrücken manifestieren. Eben dies kann angesichts der fraglos hohen Bedeutung des Schnees für die Inuit der Fall sein.

Umgekehrt lässt sich mit dem deterministischen Denkansatz auch das Phänomen der Lehnwörter nicht erklären. Vielfach werden diese ja gerade deshalb aus einer fremden Sprache übernommen, weil man in der eigenen Sprache keine passenden Ausdrücke dafür hat. Dies bedeutet dann aber, dass die Vorstellung von dem, was der fremdsprachliche Begriff zum Ausdruck bringt, schon zuvor vor­handen gewesen sein muss – als nonverbales Konzept, für das es noch keine zufriedenstellende sprachliche Entsprechung gab.

Die dystopische Utopie des Genderns

Das „Gendern“ beruht nun allerdings gerade auf der deterministi­schen Denktradition. Es geht davon aus, dass Denken, Wirklichkeits­wahrnehmung und letztlich auch die Wirklichkeit selbst verändert werden können, indem die Sprache verändert wird. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Sprache, Denken, Kultur, Gesell­schaft und Wirklichkeitswahrnehmung werden dabei außer Acht gelassen.

Dies ist in doppelter Hinsicht problematisch. Zunächst kann es dazu führen, dass die Sprache die Wirklichkeit nicht mehr adäquat wider­spiegelt – dass sie also eine fiktive Wirklichkeit abbildet, für die es in der sozialen Realität kein Äquivalent ergibt.

In engem Zusammenhang damit steht eine andere, noch problema­tischere mögliche Auswirkung. Die Vorwegnahme einer erwünsch­ten gesellschaftlichen Entwicklung in der Welt der Sprache kann die Illusion erzeugen, dass diese Entwicklung schon abgeschlossen ist – obwohl sie de facto noch gar nicht eingetreten ist.

Das Ergebnis ist, dass der Druck in Richtung auf soziale Veränderun­gen abnimmt, anstatt verstärkt zu werden. Das sprachliche Utopia wirkt sich somit gerade für jene, denen es dienen soll, als soziales Dystopia aus. Es widerspricht ihren Interessen, wo es ihnen dienen will.

So ist das Gendern sowohl unter sprachtheoretischen Gesichts­punkten als auch in sozialer Hinsicht mit zahlreichen Problemen be­haftet. Leider werden diese in der alltäglichen Praxis des Genderns kaum beachtet.

Literatur

Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784 – 1791). In: Herder, Werke in 10 Bänden,  Band 6, herausgegeben von Martin Bollacher. Frankfurt am Main 1989: Deutscher Klassiker Verlag.

Humboldt, Wilhelm von: Über die Verschiedenheit des menschli­chen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicke­lung des Menschengeschlechts. Band 1 von Humboldts Studien über die Kawi-Sprache auf Java. Berlin 1836: Dümmler.

Kay, Paul: What is the Sapir-Whorf-Hypothesis? In: American An­th9ropologist, 86 (1984), 1, S. 65 – 79.

Platon: Kratylos. In: Spätdialoge I, S. 321 – 415 (= Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, Bd. 5). Zürich und München 1974: Artemis (Übersetzung: Rudolf Rufener).

Rijlaarsdam, Jetske C.: Platon über die Sprache. Ein Kommentar zum Kratylos. Utrecht 1978: Bohn, Scheltema & Holkema.

Stegmüller, Wolfgang (Hg.): Das Universalien-Problem. Darmstadt 1978: Wissenschaftliche Buchgesellschaft [Sammelband mit zentralen Texten zum mittelalterlichen Universalienstreit].

Whorf, Benjamin Lee: Language, Mind, and Reality (1942). In: ETC. A Review of General Semantics IX (1952), 3, S. 167 – 188.

Ders.: Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie (engl. 1956). Reinbek 1963: Rowohlt (Übersetzung: Peter Krausser).

Wöhler, Hans-Ulrich (Hg.): Texte zum Universalienstreit. 2 Bände, Berlin 1992: Akademieverlag.

Bild: Wilhelm von Humboldt, Platon und Benjamin Lee Whorf bei einem sprachphilosophischen Diskurs (K.I.-generiert)

Ein Kommentar

  1. Eine ausgezeichnete Zusammenfassung und eine bedenkenswerte Schlussfolgerung.

    Ich weiß nicht, ob es (außer der * Schreibweise) noch andere die Verwirklichung vorausnehmende Sprachprägungen gibt.

    „Fragen sie Ihre Ärztin“ zB kann man erst sagen, lange nachdem es weibliche Ausübende des Arztberufes zu Hauf gibt. Und es fällt immer noch auf, wenn es schriftlich verwendet wird. Aber Ärzt*in? Kann sich das je durchsetzen? Sofern es Trans-Ärzt*e gibt, wird ihnen durch das Wort nicht geholfen. Und „Ausübende des Arztberufes“ ist ein schwächender Ausdruck, der den Menschen hinter dem Beruf fast zum Verschwinden bringt.

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