Über die Verzerrung der Wirklichkeit durch unterkomplexe Berichterstattung
Der Komplexität der Wirklichkeit lässt sich am ehesten dadurch gerecht werden, dass sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Die mediale Berichterstattung ist jedoch oft von Stereotypien und Vereinseitigungen geprägt, die zu einer Verzerrung der Wirklichkeit führen.
Absichtliche Beschränkung des Blickfelds
Der Jugendstil-Maler Gustav Klimt (1862 – 1918) hatte, wie so viele Künstler, eine Marotte: Er fertigte seine Landschaftsgemälde mit Hilfe eines so genannten „Suchers“ an. Dabei handelte es sich um ein Stück Pappkarton, in das der Künstler ein quadratisches Loch schnitt. Damit suchte er die Umgebung nach geeigneten Motiven ab [1].
Klimt ging es also darum, nur jenen Teil der Wirklichkeit wahrzunehmen, den er als produktiv für seine künstlerische Arbeit ansah. Alles andere blendete er gezielt aus.
Diese Vorgehensweise mag für die Arbeit eines Malers hilfreich sein. Problematisch wird sie jedoch, wenn sie auf das politische oder soziokulturelle Feld übertragen wird. Dann nämlich besteht die Gefahr, dass die Komplexität der Wirklichkeit und die enge Verflechtung zwischen ihren verschiedenen Bereichen zu wenig beachtet wird. Die Folge ist eine verzerrte und im Extremfall entstellende Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Eben diese Problematik ist in der medialen Berichterstattung immer wieder zu beobachten. Leider kommt es hier nicht selten zu einer künstlichen Verengung des Blickfelds, die zu einer unvollständigen Darstellung der Wirklichkeit führt. Dazu gibt es an dieser Stelle ein paar Beispiele.
Stereotype Berichterstattung über Flüchtlinge und Vertriebene
Berichte über Flüchtlinge und Vertriebene gehören zum Standardrepertoire der Medien. Sie folgen meist einem bestimmten Muster. Typische Versatzstücke in den Berichten sind:
- das Leid der Menschen, die sich mit knapper Not vor kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen in Sicherheit bringen konnten;
- die Enge, die oft unzureichenden hygienischen Bedingungen und die Unterversorgung mit Nahrungsmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs in den Flüchtlingscamps;
- die Kontrolle der Camps durch lokale Behörden und staatliche Stellen, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken;
- die Reaktionen der ortsansässigen Bevölkerung, die in Einzelfällen von Empathie bestimmt sind, meist aber von Misstrauen über Ablehnung bis offener Feindseligkeit reichen;
- das Wegsehen und die mangelnde Unterstützung der Weltgemeinschaft.
Alternative Möglichkeiten der Berichterstattung
All das ist richtig – und natürlich ist es wichtig, den Impuls, die Blicke der Welt auf das Elend der Menschen zu lenken, in entsprechende Berichte umzusetzen. Folgen diese Berichte jedoch immer demselben Schema, so besteht die Gefahr, dass sie das Gegenteil des Bezweckten erreichen. Anstatt aufzurütteln, befördern sie die Haltung einer resignativen Gleichgültigkeit, eines achselzuckenden Hinnehmens des Bestehenden.
Faktisch wird bei diesen Berichten immer wieder dasselbe ausgesagt – nur mit unterschiedlichen Kulissen und wechselnden Personen. Der „Sucher“ der journalistischen Arbeit richtet sich also stets auf dieselben Wirklichkeitsausschnitte, die zudem auf jeweils ähnliche Weise dargestellt werden.
Um der abstumpfenden Wirkung, die sich daraus ergibt, zu entgehen, müsste der Blick geweitet werden. Es müssten also grundsätzlichere Fragen gestellt werden, in der Art von:
- Wie ließe sich dem Leid von Flüchtlingen und Vertriebenen wirkungsvoll begegnen? Gibt es angesichts der engen Verflechtung der Völker und Kulturen in der globalen Welt nicht eine Verpflichtung der Weltgemeinschaft, Strukturen zu schaffen, die eine nachhaltige Unterstützung der Betroffenen ermöglichen?
- Was steckt hinter dem Abschottungs- und Kontrollbedürfnis der Behörden in den Zielländern? Welche anthropologischen und psychologischen Mechanismen verhindern, dass Misstrauen und Ablehnung in den meisten Fällen stärker sind als das Bedürfnis nach Begegnung und interkultureller Bereicherung?
- Welche alternativen Möglichkeiten des Umgangs mit den Betroffenen gäbe es? Wären auch Unterstützungspartnerschaften denkbar, bei denen die Aufnahme vor Ort dezentral geregelt wäre, um die Integration an den Zielorten zu fördern?
Abtreibung, Kinderwunsch, Frühgeburten – drei autonome Galaxien?
Die drei hier genannten Themenkomplexe werden zumeist getrennt voneinander behandelt. Der „Sucher“ des journalistischen Blicks richtet sich also jeweils nur auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Dabei wird über Abtreibung zumeist unter politischen und soziokulturellen Aspekten berichtet, während Kinderwunsch und Frühgeburten eher Themen für die Rubrik „Wissenschaft und Forschung“ sind.
Auch in diesem Fall wird also die Komplexität und vernetzte Struktur der Wirklichkeit zu wenig berücksichtigt. Dies führt in mehrfacher Hinsicht zu einer unvollständigen und dadurch verzerrenden Darstellung der Realität:
- Das Recht auf Abtreibung gilt in westlichen Gesellschaften als wichtiger Aspekt der weiblichen Emanzipation. Dadurch wird der Fokus einseitig auf die unterdrückende Wirkung restriktiver Abtreibungsgesetze gelegt. Frauen, die unter den physischen oder psychischen Folgen einer Abtreibung leiden, kommen kaum zu Wort.
- Würde man die immer weiter verbesserten Möglichkeiten zum Umgang mit Frühgeburten mit der Abtreibungspraxis zusammendenken, so müsste dies in letzterem Fall zu einer größeren Differenzierung führen. Die Bedeutung einer frühen Entscheidung für oder gegen das Austragen des Kindes müsste viel stärker in den Fokus gerückt werden. Dies würde auch die belastenden Auswirkungen einer Abtreibung reduzieren helfen.
- Einerseits gilt das Recht auf Abtreibung als Symbol weiblicher Freiheit, andererseits ist Kinderlosigkeit angesichts abnehmender Bevölkerungszahlen in den Wohlstandsgesellschaften zunehmend mit dem Stigma des Unsozialen oder gar Unpatriotischen behaftet. Auch dies ist ein Akt gelebter Schizophrenie.
- Die Fokussierung auf den emanzipatorischen Aspekt des Rechts auf Abtreibung führt zu einer Vernachlässigung des sozialen Bereichs. Frauen, die von Männern oder ihren Familien zu einer Abtreibung gedrängt werden, fallen ebenso durch das Wahrnehmungsraster wie Frauen, die ihre Schwangerschaft aus materiellen Gründen abbrechen. So wird auch viel zu wenig über die Möglichkeit von Co-Elternschaften nachgedacht. Dabei könnten Paare, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, Frauen unterstützen, die andernfalls aus sozioökonomischen Gründen auf die Austragung ihres Kindes verzichten müssten.
Eine peinliche Partnerschaft: Energiewende und Kolonialismus
In diesem Fall bezieht sich das eingeschränkte Wahrnehmungsfeld sowohl auf jeden der beiden genannten Bereiche selbst als auch auf ihre Wechselwirkung:
- Der Kolonialismus gilt als Phänomen der Vergangenheit. Post- oder neokoloniale Strukturen, wie sie etwa durch Phänomene wie Landgrabbing oder die Handlungsmacht multinationaler Konzerne entstehen können, werden dadurch oft nicht als das wahrgenommen, was sie sind.
- Bei der Energiewende ist der Bildausschnitt insofern eingeschränkt, als der Fokus sich einseitig auf die „saubere“ Zukunft richtet, die man sich von den neuen Formen der Energiegewinnung erhofft. Dadurch geraten die Verhaltensmuster, die zu dem Beinahe-Kollaps von Klima und Natur geführt haben, aus dem Blickfeld. Dies birgt die Gefahr in sich, dass das apokalyptische Szenario einfach mit anderen Mitteln in die Zukunft fortgeschrieben wird, anstatt dass durch eine nachhaltigere Wirtschaftsweise und ein zurückhaltenderes Ausleben der eigenen Bedürfnisse Umwelt und Klima geschont werden.
- Beide Themenbereiche werden zudem kaum in ihren Wechselbeziehungen betrachtet. Postkoloniale Strukturen werden allenfalls in Bezug auf die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse und Mega-Plantagen transnationaler Unternehmen thematisiert – aber kaum bei der Berichterstattung über alternative Energiegewinnung oder den Abbau der dafür benötigten Rohstoffe. Dabei werden Windkraftanlagen von multinational agierenden Konzernen immer wieder in den Siedlungsgebieten indigener Völker errichtet [2]. Und der Abbau von Kobalt, Lithium oder seltenen Erden führt vielfach gerade zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen in ländlichen Gebieten – und trifft damit Menschen, die oft ohnehin schon unter Armut und Unterversorgung leiden [3].
Notwendigkeit von Mut zu erwartungswidriger Berichterstattung
Die Frage, wie es zu der Beschränkung auf einzelne „Suchbilder“ bei der Beleuchtung komplexer Zusammenhänge kommt, lässt sich zunächst mit den Aspekten „Gewohnheit“ und „Bequemlichkeit“ erklären. Es ist eben einfacher und auch erfolgversprechender, die Erwartungen des Publikums zu bestätigen, als diese zu hinterfragen und ihnen mit einem komplexeren Bild der Wirklichkeit gegenüberzustellen.
Daneben mag es für diese Vorgehensweise auch gruppendynamische Gründe geben. Bestimmten Einstellungsmustern zu folgen, ist auch ein Aspekt der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Wer dagegen verstößt, macht sich selbst zum Außenseiter. Das kann nicht nur psychisch belastend sein. Es kann vielmehr auch ganz konkret negative Auswirkungen auf das berufliche Fortkommen haben, da man dann weit weniger auf die Unterstützung sozialer Netzwerke zurückgreifen kann.
So erfordert es durchaus einen gewissen Mut, gängige Deutungsmuster der Wirklichkeit kritisch zu beleuchten und vereinfachend-stereotype Wahrnehmungsweisen durch ein vernetztes Denken sowie eine entsprechende Berichterstattung zu ersetzen. Andererseits ist dieser Mut auch die Voraussetzung dafür, dass das Ethos eines investigativen Journalismus sich wirkungsvoll entfalten kann.
Schließlich zeichnet dieses Ethos sich ja gerade dadurch aus, dass es sich eben nicht mit den gängigen Erklärungsmustern zufrieden gibt. Dies muss sich dann aber auch auf die Strukturen beziehen, die diese Erklärungsmuster hervorbringen.
Links
[1] Die Vorgehensweise beschreibt Klimt in einem Brief an seine Freundin Mizzi Zimmermann aus dem Jahr 1903: „Mit meinem Sucher, das ist ein in Pappendeckel geschnittenes Loch, [habe ich] nach Motiven für meine zu malenden Landschaften gesucht und vieles, wenn man will auch – nichts gefunden.“ Zitat von der Website des Wiener Leopold Museums, wo sich auch eine Abbildung des entsprechenden Kartons findet; vgl. onlinecollection.leopoldmuseum.org.
[2] Zwei Beispiele unter vielen betreffen Windparks in Kolumbien sowie in Norwegen, wo sie die Lebensgrundlagen der Samen zerstören:
Fischer, Charlotte / Königshausen, Jan: Grüner Kolonialismus? Alte Muster im neuen Gewand. In: Dies.: Kohle, Wind und Widerstand in Kolumbien. Gesellschaft für bedrohte Völker (gfbv.de), 13. Oktober 2025.
Wolff, Reinhard: Indigene protestieren gegen Windpark: 600 Tage Stillstand in Norwegen; taz, 4. Juni 2023.
[3] Vgl. hierzu die Links in RB: Das Heilige Windrad als Höllenmaschine. Natur- und klimaschädliche Auswirkungen der Windkraft, S. 34 ff.
Bild: Rudy und Peter Skitterians: Blick durch ein Zifferblatt (Pixabay); leicht verändert