Klischeebehafteter Philosemitismus als eine Form von Antisemitismus
In der deutschen Politik ist es zu einer Art Sühne-Ritual geworden, dem Antisemitismus mit einer ostentativ philosemitischen Haltung zu begegnen. In ihrem undifferenzierten Charakter beruht diese allerdings auf denselben Klischees, die auch den Antisemitismus auszeichnen.
Antisemitismus-Vorwürfe als politische Waffe
Kaum ein Vorwurf hat in Deutschland so viel explosives Potenzial wie der des Antisemitismus. „Antisemitismus!“ Das klingt nach Holocaust und KZ, nach „unbelehrbar braun“ und dem Ende aller Humanität.
Eben deshalb ist der Vorwurf auf der politischen Bühne auch ausgesprochen beliebt als ultimative Waffe gegen den politischen Gegner. Aus demselben Grund wird allerdings zunehmend unklar, was das eigentlich ist – Antisemitismus. Immer mehr klingt das Wort nach einem x-beliebigen Schimpfwort aus der untersten Schublade.
Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, noch einmal innezuhalten und ganz grundsätzlich zu fragen, was „Antisemitismus“ meint und was antisemitische Denk- und Verhaltensmuster auszeichnet.
Was ist „Antisemitismus“?
Die erste, naheliegendste Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Antisemitismus müsste wohl lauten: Antisemitismus ist eine von Ablehnung, Feindseligkeit oder offener Aggression gekennzeichnete Haltung gegenüber Menschen aufgrund deren jüdischer Identität.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass diese Definition unvollständig ist. Schließlich wurden in der NS-Zeit ja auch Menschen, die sich selbst gar nicht mit dem Judentum identifizierten, als „jüdisch“ etikettiert und verfolgt. Der Antisemitismus beruhte hier also nicht auf einer gelebten jüdischen Identität, sondern auf einer zugeschriebenen, aus dem biologischen Stammbaum der entsprechenden Personen abgeleiteten Identität.
Dies führt zu einer erweiterten Definition von Antisemitismus. Demnach liegt dieser dann vor, wenn Menschen aufgrund einer ihnen zugeschriebenen jüdischen Identität diskriminiert, verfolgt oder an Leib und Leben bedroht werden.
Auch diese Definition erweist sich allerdings bei einer genaueren Prüfung als unzureichend. Denn sie unterschlägt, dass die den betreffenden Personen zugeschriebene jüdische Identität ja nicht auf einer vertieften Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur und Religion beruht, sondern auf einer von Klischees und Vorurteilen bestimmten Außensicht.
Eine erneute Erweiterung der Definition von Antisemitismus führt damit zu der Formulierung: Antisemitismus bezeichnet die Diskriminierung, Verfolgung und Bedrohung von Menschen aufgrund einer ihnen zugeschriebenen Identität, deren Strukturen auf einer vorurteilsbehafteten Außensicht beruhen.
Wie kann Antisemitismus vorgebeugt werden?
Natürlich ist selbst diese Definition von Antisemitismus nur eine vorläufige, erste Annäherung an das Phänomen. Dennoch kann sie eine Hilfe sein, wenn es darum geht, vorbeugende Maßnahmen gegen Antisemitismus zu ergreifen.
Wichtig erscheinen dabei vor allem die folgenden Aspekte:
- An erster Stelle muss immer die Frage stehen, wie Menschen sich selbst sehen. Identifizieren sie sich selbst nicht mit dem Judentum, sollten auch andere sie nicht auf dieser Basis betrachten. Wer sich nicht als Christ sieht oder sich einem Land, in dem er geboren ist, nach Jahrzehnten im Ausland nicht mehr zugehörig fühlt, möchte ja auch nicht mit dem Christentum oder einer lange abgelegten Heimat identifiziert werden.
- Um eine vorurteilsfreie Sicht zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen, ist ein differenzierter Blick auf die jüdische Kultur unerlässlich. Dies wird zu der Einsicht führen, dass es „das“ Judentum gar nicht gibt. Es existieren vielmehr eine Vielzahl von religiösen – progressiven und orthodoxen – Strömungen nebeneinander, es gibt stärker säkulare, streng religiöse Formen religiöse Kultur, daneben etliche Zwischenstufen, und schließlich auch Unterschiede je nach der Umgebungskultur, in der sich jüdisches Geistesleben entfaltet.
- Die zionistische Bewegung hat dazu geführt, dass „Judentum“ heute von manchen auch in nationalistischer Weise gedeutet wird. Im Kern handelt es sich dabei jedoch um eine mit einer bestimmten Kultur verbundene Religion. Jüdische Kultur und israelischer Staat müssen deshalb stets auseinandergehalten werden. Natürlich entfalten die verschiedenen Formen jüdischer Kultur, jüdischen Geisteslebens und jüdischer Religion sich auch innerhalb des israelischen Staates. Sie können nach den Jahrhunderten der jüdischen Diaspora aber ebenso gut außerhalb des israelischen Staates gedeihen.
Bevormundender Charakter eines oberflächlichen Antisemitismusbegriffs
Gerade letztere Differenzierung ist in der deutschen Politik oft zu wenig ausgeprägt. Stattdessen werden nicht nur „Judentum“ und „Israel“, sondern sogar „Judentum“ und „israelische Regierung“ miteinander identifiziert.
Die Folge ist dann, dass es als „antisemitisch“ gilt, wenn die israelische Regierung für ihre Siedlungspolitik und ihr völkerrechtswidriges Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung in den besetzten Gebieten kritisiert wird.
Geradezu absurde Formen nimmt diese Denkweise an, wenn Menschen mit jüdischen Wurzeln wegen ihrer Kritik an der israelischen Regierung Antisemitismus vorgeworfen wird [1]. Darin drückt sich eine geistige Bevormundung aus, die exakt jener gruppenspezifischen Diskriminierung entspricht, gegen die man eigentlich vorgehen möchte. „Der“ Jude hat einem bestimmten Bild zu entsprechen – positiv oder negativ.
Dem gleichen Muster folgen die aktuellen Antisemitismus-Vorwürfe aus Kreisen der CDU gegen die Berliner Linke. Auch hier soll das „Jüdische“ einer von außen vorgegebenen Vorstellung entsprechen, bei der die Vielfalt jüdischer Denk- und Lebensweisen außer Acht gelassen wird. Dementsprechend haben auch 150 jüdische Personen den Antisemitismus-Vorwürfen – die hier zudem als durchsichtiges Manöver zum Machterhalt benutzt werden – in einem offenen Brief widersprochen [2].
Antisemitische Stereotypen in philosemitischem Gewand
Das Beharren auf Stereotypen bei der Sicht auf jüdische Menschen und das Judentum bezeugt so letztlich das Verharren in antisemitischen Denkmustern. Es erfüllt alle Kriterien, die oben als Merkmale von Antisemitismus herausgearbeitet worden sind:
- Die Identität wird von außen zugeschrieben, anstatt aus den tatsächlichen Einstellungen und Stellungnahmen sich als jüdisch verstehender Menschen zur Politik der israelischen Regierung abgeleitet zu werden.
- Eine Differenzierung findet nicht statt. Was jüdisch ist und welche Maßnahmen zur Verteidigung der jüdischen Identität zu ergreifen sind, bestimmen nach dieser Sichtweise allein die israelische Regierung und ihre ausländischen Verbündeten.
- Wer die israelische Regierung mit dem Judentum identifiziert, unterstellt damit explizit, dass rassistische Denk- und Verhaltensweisen ein Teil der jüdischen Identität sind.
Jüdische Kritik an israelischer Regierung und israelischem Militär
In Israel gibt es heute eine sehr vielfältige Gesellschaft. Zwar bemüht sich die ultraorthodoxe Minderheit seit Jahren – und in der aktuellen Regierung mit besonderem Eifer –, den Staat in eine jüdische Variante der iranischen Theokratie zu verwandeln. Dagegen wehrt sich jedoch eine breite säkulare oder am Reformjudentum orientierte Bevölkerungsschicht, die sich von den Vorstellungen der Ultraorthodoxen nicht vorschreiben lassen möchte, wie sie ihr Leben zu führen hat.
Ebenso gibt es innerhalb der israelischen Armee Stimmen, die sich für einen stärkeren Schutz der Zivilbevölkerung aussprechen. Am stärksten zum Ausdruck kommt dies in der Organisation Breaking the Silence, in der Mitglieder des Militärs aus eigener Perspektive fragwürdige Praktiken der Armee dokumentieren und sich für Verständigung mit der palästinensischen sowie allgemein der arabischen Bevölkerung einsetzen [3].
Diesem Ziel dient auch der Dokumentarfilm NAZA von Rachel Szor und Yuval Abraham, der am 10. September 2026 bei den Filmfestspielen in Venedig der Öffentlichkeit präsentiert wurde. „Naza“ steht im internen Sprachgebrauch des israelischen Militärs für zivile Opfer bei Angriffen auf feindliche Kämpfer. Der Film zeigt anhand von Augenzeugenberichten israelischer Soldaten, wie bedenkenlos diese „Kollateralschäden“ bei den Militäroperationen im Gazastreifen in Kauf genommen worden sind [4].
Fixierung auf den Opferstatus jüdischer Menschen
Die Komplexität der israelischen Gesellschaft und des modernen jüdischen Lebens, die in solchen selbstkritischen Dokumentationen zum Ausdruck kommt, zu missachten, ist im Grunde eine versteckte Form von Antisemitismus. Er besteht darin, dass jüdische Menschen weiterhin in erster Linie als Opfer gesehen werden.
Was sich gegenüber früher geändert hat, ist dabei lediglich die Einstellung den Opfern gegenüber. Wurden sie früher als Freiwild für Gewaltanwendung gesehen, so wird ihnen heute aus historisch gewachsenen Gewissensbissen das Recht zu einer aggressiven Präventivverteidigung zugestanden. Da jedoch der Mensch hinter dem Opfer nicht gesehen wird, kann das Pendel morgen auch wieder in die andere Richtung umschlagen.
Antisemitismus und Antiarabismus
Ein klischeebehafteter Antisemitismus erschwert zudem auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem anderen Phänomen, für das wir noch nicht einmal einen passenden Namen haben. Als Entsprechung zum Antisemitismus müsste man wohl von „Antiarabismus“ sprechen.
Was für den Antisemitismus gilt, trifft auch für den Antiarabismus zu: Er liegt vor, wenn Menschen nur deshalb diskriminiert, verfolgt und im Extremfall getötet werden, weil sie arabischer Herkunft sind.
Eben eine solche Haltung liegt dem Vorgehen der israelischen Armee gegen Hamas und Hisbollah zugrunde. Um einen einzigen Kämpfer aus deren Reihen zu „eliminieren“, wird billigend die Tötung ganzer Hausgemeinschaften oder Familien in Kauf genommen, die sich zufällig in der Nähe der Betreffenden befinden [5].
Dieser Logik folgen auch jüngst geäußerte Forderungen des israelischen Polizeiministers Itamar Ben-Gvir, in Gaza „pro Nacht 30, 40 Menschen auszuschalten“. Ausdrücklich bezog er sich dabei nicht nur auf Angehörige von Kampftruppen, sondern allgemein auf die dort lebende Bevölkerung. Wörtlich sagte er:
„Ich denke, dass man gezielte Tötungen in Gaza ausführen sollte, jede Nacht 30, 40 [Menschen] entfernen. Es gibt dort Menschen, die des Lebens nicht würdig sind. Sie sollten nicht leben. Sie sind nicht einmal menschliche Wesen.“ [6]
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber der arabischen Bevölkerung in Israel
In Israel selbst ist die arabische Bevölkerung durch ein neues Gesetz bedroht, das auch Familienangehörigen von Menschen, die der Unterstützung von Feinden Israels verdächtigt werden, Strafen androht [7].
Dem entspricht die Praxis in den besetzten Gebieten, wo bereits jetzt Familien, in denen die Behörden einen Feind Israels ausgemacht haben, dafür mit Vertreibung und der Zerstörung ihrer Häuser büßen müssen [8]. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund der israelischen Siedlungsbewegung, die das Land schon seit Längerem mit Verweis auf die biblische Ausdehnung Israels für sich beansprucht [9].
Eine derartige Sippenhaft erinnert in fataler Weise an Praktiken faschistischer Regime [10]. Anstatt jede Kritik an Israel unter den Generalverdacht des Antisemitismus zu stellen, müsste sich daher gerade die deutsche Regierung viel stärker dem um sich greifenden Antiarabismus entgegenstellen.
Anmerkungen und Nachweise
[1] Eine solche Gefahr birgt nach Ansicht israelischer Nichtregierungsorganisationen die 2024 im Bundestag beschlossene Resolution zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. Da darin tendenziell auch die Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch eingestuft werde, entfalte die Resolution de facto eine Zensurwirkung. Yudith Oppenheimer, Direktorin der regierungskritischen NGO Ir Amin und Tochter eines zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland geborenen jüdischen Paares, fragt vor diesem Hintergrund: „Sagt uns Deutschland jetzt, was eine legitime jüdische Stimme ist und was nicht?“ (Zitat aus einem Beitrag von Jan-Christoph Kitzler: Kritik aus Israel an Antisemitismus-Resolution; tagesschau.de, 7. November 2024).
[2] Vgl. rbb24.de: Offener Brief: 150 jüdische Berliner verteidigen Linke gegen Antisemitismus-Vorwürfe; 24. September 2026.
[3] Auf der Website von Breaking the Silence (breakingthesilence.org.il) werden regelmäßig Berichte über Menschenrechtsverletzungen durch das israelische Militär eingestellt.
[4] Eine Kurz-Info zu dem Film von Carsten Beyer ist bei radiodrei.de abrufbar.
[5] Ein besonders bedrückendes Beispiel hierfür schildert Martin Durm in einer Reportage aus dem Libanon. Dabei geht es um die Tötung einer 22-köpfigen Flüchtlingsfamilie durch die israelische Luftwaffe, mit der Begründung, dass sich in ihrem Haus angeblich ein Geldbote der Hisbollah befand (Durm, Martin: Luftangriff im Nordlibanon: Als der Krieg ins nordlibanesische Dorf Aitou kam; tagesschau.de, 22. Oktober 2024).
[6] Ben-Gvir, Itamar, zit. nach einem Facebook-Eintrag von Der Spiegel, 17. August 2026, und einem Beitrag auf tagesschau.de vom selben Tag über Gespräche zu Donald Trumps „Friedensplan“: Kushner spricht mit Netanjahu über Friedensplan; darin der Abschnitt Israels Polizeiminister fordert mehr gezielte Tötungen.
[7] Kitzler, Jan-Christoph: Neues Anti-Terror-Gesetz: Kritik an Kollektivstrafe in Israel; tagesschau.de, 15. November 2024. Die Wirkung einer Kollektivstrafe hat auch das Arbeitsverbot in Israel für das UN-Hilfswerk für Palästina, dem die israelische Regierung eine zu große Nähe zur Hamas unterstellt (vgl. Herbermann, Jan Dirk: „Kollektive Bestrafung“: Scharfe Kritik nach Israels UNRWA-Verbot; Der Standard, 29. Oktober 2024).
[8] Kitzler, Jan-Christoph: Die Vertreibung von Palästinensern im Westjordanland. Bayerischer Rundfunk, 21. April 2024.
[9] Vgl. Gerloff, Johannes: Die Grenzen des Landes Israel aus biblischer Sicht; gerloff.co.il, 12. April 2020 [angesichts der aktuellen, offen die Landnahme in den besetzten Gebieten propagierenden israelischen Regierung nicht mehr ganz aktueller Beitrag, der aber gut die für die Siedlungsbewegung wichtige biblische Sicht herausarbeitet, wonach Betreten und Bebauen von Land mit dessen Inbesitznahme gleichzusetzen sei].
[10] Vgl. Salzig, Johannes: Die Sippenhaft als Repressionsmaßnahme des nationalsozialistischen Regimes. Ideologische Grundlagen – Umsetzung – Wirkung. Augsburg 2015: Wißner (Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, Band 20); Inhaltsverzeichnis (PDF);
Gedenkstätte Deutscher Widerstand: „Sippenhaft“ für die Familie; evangelischer-widerstand.de.
Bild: Zoltan Kluger (1896 – 1977): Jemenitischer Jude mit Schofar, einem aus Widderhorn gefertigten Blasinstrument, das an hohen jüdischen Feiertagen wie dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana und dem Versöhnungsfest Jom Kippur Verwendung findet. Es soll den Weg aus der Zerstreuung des Alltags in die Kon-Zentration auf Gott bahnen; Bild aus der National Photo Collection of Israel (Wikimedia commons