Der erloschene Zorn

Zu dem Chanson Ma colère (Meine Wut) von Françoiz Breut

Wut und Zorn erscheinen uns spontan als etwas Negatives. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen wir sie als Gegengift gegen ein viel schädlicheres Gift benötigen: das Gift der Abstumpfung.

Podcast:

Meine Wut

Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, mein Zorn?
Auf welche Böden habe ich sie ausgesät?
Welche Irrwege haben bewirkt,
dass ich sie vergessen habe?

Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen?
Nichts mehr gehört, nichts?
Ist da niemand mehr,
den ich zur Verantwortung ziehen kann,
niemand, dem ich mich entgegenstellen kann,
niemand, der mein Missfallen erregt?

Wohin hat sich meine Wut verflüchtigt?
Wohin, wohin hat sie sich verflüchtigt?
Wo ist meine Wut, mein Zorn?

Habe ich plötzlich nichts mehr gesehen
nichts mehr gehört?
Ist da nichts mehr,
das meine Sinne berührt?

Hast du sie mir vollständig genommen,
hast du sie zerstört?
Hast du dieses Wenige, das ich besaß, an dich gerissen,
dieses Wenige, das ich mir bewahrt hatte:
meine Wut?

Françoiz Breut: Ma colère (Text von Dominique Ané).Aus dem Album Françoiz Breut (1997)

Videoclip

Das Gift der Gewöhnung

Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung – unsere Welt ist voll von Unrecht und skandalösen Fehlentwicklungen.

Dabei bringt nicht nur der Krieg den Tod. Auch soziale Ungerechtigkeit kann töten, indem sie Menschen das Recht auf ausreichende Ernährung, menschenwürdiges Wohnen oder eine umfassende Gesundheitsversorgung vorenthält. Und wie sehr die Gifte, die wir tagtäglich durch unsere Lebensweise in die Luft blasen, unser aller Lebensgrundlage bedrohen, spüren wir alle am eigenen Leib.

All das wissen wir, und niemand von uns ist damit einverstanden. Das Problem ist nur: Gerade dann, wenn das Skandalöse zum Dauerzustand wird, wenn es also an Bedrohlichkeit zunimmt, wird es für uns zu etwas Alltäglichem. Und gegenüber allem Alltäglichen stumpfen wir mit der Zeit ab.

Selbst die aufrüttelndsten Bilder können uns dann nicht mehr von unserem Fernsehsessel aufscheuchen. Sie sind nur noch eine Kulisse für uns, wie ein schriller Videoclip vor der Late-Night-Show.

Passiver Katastrophenkonsum

Bis zu einem gewissen Grad ist diese Reaktionsweise durchaus verständlich. Gegen viele Katastrophen, deren Schatten der Bildschirm uns in die gute Stube wirft, sind wir schlicht machtlos. Kriege, die Tausende Kilometer von uns entfernt ausgefochten werden, Vulkanausbrüche am anderen Ende der Welt – was sollen wir dagegen tun?

In diesen Fällen hilft uns die innere Distanz dabei, unseren Alltag weiterzuleben. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Haltung generalisiert wird, wenn wir also ganz allgemein eine passive Konsumhaltung einnehmen gegenüber den Katastrophenmeldungen, die über den Bildschirm flimmern.

Dann verlieren wir allmählich jene Kraft, die allein uns dabei helfen kann, das Unrecht zu überwinden: die Empörung, die sich natürlicherweise in uns regt, wenn wir zum ersten Mal von all den Ungeheuerlichkeiten hören, die auf unserer Welt vor sich gehen.

Ausdrucksformen von Chanson und Videoclip

Eben hiervon handelt das Chanson Ma colère („Meine Wut“) von Françoiz Breut. Schon die betont ausdruckslose Vortragsweise der Sängerin verdeutlicht die thematisierte emotionale Austrocknung.

Grundsätzlich könnte das Lied natürlich auch auf eine konkrete Person hindeuten, von der sich das Ich emotional ausgebeutet fühlt. Der Videoclip zu dem Song legt allerdings nahe, den Text auf einen weiteren sozialen Kontext zu beziehen. So münden die Traumbilder, die in dem Film zu sehen sind, am Ende in Andeutungen staatlicher Gewalt.

Das Du, das in der letzten Strophe plötzlich auftaucht, lässt sich dadurch mit einem Staat assoziieren, der Kritik an seinem Handeln mit aller Macht unterdrückt und so die Abstumpfung gegenüber dem Unrecht aktiv fördert: Nur wer wegsieht, bleibt unbehelligt.

Auf der anderen Seite zeigt jedoch gerade der Übergang struktureller in unmittelbare staatliche Gewalt, dass diese implizite Erpressung auf die Dauer keine erfolgreiche Strategie ist. Spätestens dann, wenn das Unrecht den Alltag der Menschen erreicht, provoziert es eben doch Widerstand, ungeachtet aller staatlichen Repression.

Über Françoiz Breut

Die 1969 in Cherbourg geborene Sängerin, die auch als Illustratorin von Kinderbüchern in Erscheinung getreten ist, entstammt der Nanteser Musikszene. Ihr musikalisches Debüt ist stark von ihrem langjährigen Lebensgefährten Dominique Ané (Künstlername Dominique A) beeinflusst, mit dem zusammen sie ihre ersten Lieder komponiert und produziert hat.

Nachdem ihr erstes, 1997 veröffentlichtes Album insbesondere in der Independent-Szene für Furore gesorgt hatte, gelang ihr mit dem zweiten, im Jahr 2000 herausgebrachten Album der Durchbruch. In der Folge zog sie nach Brüssel um, wo 2005 ihr drittes Album erschien. Bis 2024 sind sieben weitere Alben erschienen.

Mehr französische Chansons: Das Nouvelle Chanson als Einladung zum „Slow Listening“. Historische Einordnung, Hörbeispiele, Übersetzungen.

Bilder: Colin Behrends: Brennende (Burning) Hand (Pixabay); Ulf Cronenberg: Françoiz Breut bei einem Auftritt in Würzburg, 2010 (Wikimedia commons)

Podcast-Hintergrundmusik: Natan Molibog: Emotional Guitar Music (Pixabay)

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