Blues auf Polnisch

Über den Song Modlitwa (Gebet) der polnischen Band Breakout

Die Band Breakout und der Dichter Bogdan Loebl haben die polnische Blues-Musik entscheidend geprägt. Ein klassisches Beispiel ihrer Zusammenarbeit ist der Song Modlitwa (Gebet).

Podcast:

Gebet

Höre, o Herr der Welten, mein Lied!
Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich, der du überall und alles bist,
alles, alles, nur kein Stein.

Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich, der du alles geben kannst.
Dich bitte ich, o Herr, aus tiefstem Herzen:
Gib mir noch eine, eine letzte Chance!

Ein Fingerzeig, ein Wink, ein Nicken,
ein Gedanke schon von dir genügt –
und schon beginne ich ein neues Leben!
So bitte, Herr, ich um ein Zeichen dich.

Dich, o Herr, sucht meine Stimme –
hörst du mein flehentliches Singen?
Lass noch einmal mich zum Anfang gehen,
bring mich noch einmal neu zur Welt!

Ich schwöre dir: Kein Stück des Neuen
werde ich vergeuden! Ich weiß, wie bitter
die verlorenen Tage schmecken. So bitte,
Herr, ich dich um eine letzte Chance!

Ich weiß, o Herr: Ein völlig neues Leben
kannst du mir nicht geben. Der Liebe aber
kannst du neues Leben schenken. So lass sie,
Herr, noch einmal lebenspendend in mir lodern!

Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich ruft mein flehender Gesang.
Die Sonne bist du, Herr, der Vogel und das Brot.
So bitte ich dich: Sei kein Stein für mich!

Bogdan Loebl: Modlitwa Musik: Tadeusz Nalepa

ursprüngliche Fassung aus dem 1974 erschienenen Album Kamienie (Steine) der Band Breakout

Live-Aufnahme (1992):

Wenn Dichtung und Rockmusik eine Ehe eingehen

Der Song Modlitwa ist das Produkt der auf den ersten Blick seltsam anmutenden Verbindung zwischen Dichtung und Rockmusik.

Den musikalischen Part dieser ungewöhnlichen Ehe stellt die 1968 aus der Band Blackout hervorgegangene Band Breakout. Der Name ist dabei Programm: Den Musikern um Tadeusz Nalepa ging es darum, mit den Mitteln der Rockmusik einen „Breakout“, also einen Ausbruch aus den engen Grenzen des realsozialistischen Alltags zu erreichen.

Die Rockmusik stand mit ihrem individualistischen Freiheitsversprechen allerdings quer zum kollektivistischen Gesellschaftsideal des Realsozialismus. Sie wurde deshalb in den Ostblockstaaten als „dekadent“ diffamiert und galt als potenziell staatsfeindlich.

Um einem Verbot zu entgehen, mischte die Band Breakout daher Folkklänge unter die Rock-Riffs. So konnte sie sich den Anschein geben, selbst mit ihren wilden Klängen treu zum polnischen Staat und seinem damaligen Gesellschaftsentwurf zu stehen.

Diese Rechnung ging allerdings nur zum Teil auf – zumal die Auftritte der Band dem Versuch, sich ein „braves“ Image zu verpassen, zuwiderliefen. So war die Band mit zeitweiligen Auftrittsverboten belegt und blieb auch im öffentlichen Rundfunk auf eine Außenseiterrolle beschränkt.

Der Blues-Rock: Ausbruchshoffnung trifft Unterdrückungsschmerz

Unter den ersten Alben, welche die Band gegen alle Widerstände veröffentlichen konnte, war bereits 1971 das Album mit dem programmatischen Titel „Blues“. Es hat für die musikalische Ausrichtung der Band richtungweisende Bedeutung.

Dies gilt zunächst für die Stimmungslage der Songs. Der Blues erwies sich unter den gegebenen Bedingungen als ideale Ergänzung zur Rockmusik. Denn entstanden ist der Blues – als Gesang versklavter Menschen auf den Baumwollplantagen in den USA – ja ebenfalls in einem Unterdrückungskontext. Er eignete sich somit gut dazu, das Gefühl der eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten unter den Bedingungen der staatlichen Zensur zum Ausdruck zu bringen.

Zudem vermischt der Blues die Verzweiflung über die eigene scheinbar ausweglose Lage mit der Utopie einer Befreiung aus den Ketten der Gegenwart. Diese Utopie ist zwar zunächst nur spirituell begründet, stellt also die Kraft des Glaubens der unchristlichen harten Hand der Unterdrücker gegenüber. Damit ist jedoch auch der Gedanke verbunden, dass eben diese spirituelle Kraft irgendwann die Beendigung der ausbeuterischen Verhältnisse herbeiführen wird.

Zur Zusammenarbeit von Breakout mit dem Dichter Bogdan Loebl

Programmatisch ist das Album „Blues“ darüber hinaus insofern, als es auf die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Band Breakout und dem Dichter Bogdan Loebl hindeutet.

Loebl war Mitte der 1960er Jahre Präsident des Literaturclubs der im Südosten Polens gelegenen Stadt Rzeszów. Im Rahmen seiner damaligen Arbeit lernte er auch Tadeusz Nalepa und Stan Borys (Stanisław Guzek) kennen, die damals noch in der Vorgänger-Band von Breakout – der Band Blackout – aktiv waren. Daraus entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit, in deren Folge Loebl zahlreiche Texte zu den insgesamt zehn Alben der Band Breakout beisteuerte.

Loebl und Nalepa, der für den Großteil der Musik der Band verantwortlich war, ergänzten sich in idealer Weise. Gemeinsam schufen sie das, was später als „polnischer Blues“ bekannt und erfolgreich werden sollte. Loebl gesteht dabei selbst ein, erst über die Musik von Nalepa zum Blues gefunden zu haben. Dieser habe ihm eine Möglichkeit geboten, zwanglos über die eigenen Sehnsüchte und Enttäuschungen zu schreiben – in einer Weise, durch die auch andere sich darin wiederfinden konnten [1].

Zu dem Song Modlitwa

Ein Song, an dem die Art des Zusammenwirkens von Nalepa und Loebl besonders deutlich vor Augen tritt, ist Modlitwa (Gebet). Es ist nicht nur musikalisch ein klassisches Blues-Stück. Auch der Text entspricht mit seiner Anrufung Gottes aus einem Gefühl tiefer Verzweiflung heraus einer typischen Blues-Konstellation.

Dabei geht es in dem Text allerdings nicht um materielle Ausbeutung und auch nicht um staatliche Repression. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine individuelle Lebenskrise. Das Lied kreist um eine Person, die offenbar schon mehrere Male in ihrem Leben in die Irre gegangen ist und viele Chancen – sei es im Beruf oder in der Liebe – ungenutzt gelassen hat. Nun bittet sie Gott um eine weitere Chance, um doch noch den Weg zu einem erfüllten Leben einschlagen zu können.

Loebl selbst bringt Modlitwa mit der Zeit der Jugend in Verbindung, „in der der Mensch die meisten Fehler macht“. Seine die Wurzeln des Blues aufgreifende „Anrufung Gottes“ führt er allerdings eher auf die besondere Stimmung der Musik zurück, die ihm „das Thema fast aufgezwungen“ habe. Die Worte seien „poetische Fiktion“, denn er selbst sei Atheist [2].

Nachweise

[1]    Vgl. Interview von Jarosław Sawic mit Bogdan Loebl: Słucham głosu serca (Ich höre auf die Stimme des Herzens), S. 146. Warschau 2015; hier zit. nach der Biographie von Bogdan Loebl auf breakoutdays.pl. Dieser Website sind auch die übrigen Informationen zu Loebl entnommen.

[2]    Vgl. Bogdan Loebls Äußerungen zur Entstehung von Modlitwa auf rockgaweda.pl.

Mehr zu polnischer Musik und Lyrik:

Moderne polnische Gedichte und Gedichtvertonungen. Ein Streifzug durch eine lebendige Lyrikkultur (PDF)

Background-Musik zum Podcast: Mikko Virtanen: Blues (Pixabay)

Bild: Pexels: Kniender Mann im Nebel (Pixabay)

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