Manifest für mehr Lärmfreiheit – Gastbeitrag von Lutz Lärmlust

Neulich habe ich abends zur Entspannung mal wieder meine Kettensäge aus dem Schuppen geholt und ein paar von diesen überflüssigen Sträuchern abgesäbelt. Es dauerte keine fünf Minuten, da stand schon mein nörgeliger Nachbar auf der Matte und bat mich unter Verweis auf die Maschinenverordnung, meine Arbeit einzustellen.
Ehrlich gesagt: Bei so etwas fällt es mir schwer, mich zu beherrschen! Ich stehe da und schufte, und so eine faule Memme ist noch nicht einmal Manns genug, das bisschen Lärm zu ertragen. Da muss man sich doch nicht wundern, wenn unser armes Deutschland ausstirbt – mit solchen Männern ist doch nun wirklich kein Staat zu machen!
Weil ich die Schnauze voll habe von diesen Schlappschwänzen und Miesepetern, aber auch aus Verantwortung gegenüber unserem Volk, das die Disziplin und das Abgehärtetsein früherer Zeiten immer mehr einbüßt, lege ich hiermit ein Manifest für mehr Lärmfreiheit vor.
Als Erstes möchte ich die Bedeutung des Lärms für das körperliche und seelische Wohlbefinden unseres Volkes hervorheben:

1. Lärm befreit. Alle reden von Meinungsfreiheit, informationeller Selbstbestimmung und solchem Gedöns. Aber mal ehrlich: Wer braucht denn schon Meinungsfreiheit? Dafür haben wir doch unsere Politiker! Wozu werden die denn von uns gewählt und fürstlich entlohnt? Die sollen ruhig mal was schaffen für ihr Geld und uns unsere Meinung bilden. Dem Volk ist dagegen die unbedingte Freiheit zum Lärmen einzuräumen. Denn:
2. Lärm sichert die Gedankenfreiheit. Wenn er nur intensiv genug ist, befreit Lärm zuverlässig von Gedanken. Die Abtötung von Grübeleien aller Art stärkt die Volksgesundheit, führt zu mehr Selbstsicherheit und ist zugleich auch ein wirksames Mittel gegen extremistische Chaoten, die immer alles in Frage stellen müssen.
3. Lärm stärkt das Selbstvertrauen. Wie sieht denn unser Alltag aus? Die meisten Schritte sind uns doch vorgegeben, tagaus, tagein stecken wir in immer derselben Mühle. Da ist es doch erfrischend, wenigstens zu Hause der Ohnmacht des Alltags die Allmacht dessen entgegensetzen zu können, der frei über das Lebensrecht selbst höchster Bäume entscheiden und seiner Umgebung die Fülle seiner Lebenskraft demonstrieren kann.
4. Lärm diszipliniert. Wenn sich schon eine Pflicht zur Lärmerzeugung nicht durchsetzen lässt, sollten wir wenigstens eine inoffizielle Norm zur abendlichen Lärmerzeugung etablieren. Dies würde sicherstellen, dass die Bürger sich auch abends sinnvoller Arbeit widmen, anstatt sich dem Müßiggang hinzugeben, der bekanntlich aller Laster Anfang ist.

So, nachdem das geklärt wäre, komme ich nun zu meinen Forderungen. Die sehen folgendermaßen aus:

1. Das Recht auf Lärmfreiheit muss endlich als Grundrecht anerkannt werden, das keinerlei Beschränkungen unterliegen darf. Wer nicht Manns genug ist, Lärm zu ertragen, der soll eben Ohrenstöpsel benutzen. Am besten weist man solche Weicheier gleich in die Psychiatrie ein, weil es sich dabei ja doch nur um unproduktives Gesindel handelt.
2. Jede Form von Lärmschutzmaßnahme und Schalldämmung ist zu unterlassen, da dies die Freiheit des Lärmäußernden unzulässig einschränkt und zudem Punkt 2 und 3 meiner Bedeutungsnachweise für den Lärm widerspricht.
3. Geräte, die bestimmte Tätigkeiten ohne Lärm erledigen helfen, sind ab sofort zu verbieten. Wer statt Benzinmähern Spindelmäher und Sensen oder Rechen statt Laubpustern verwendet, bezeugt damit nur seine Unfähigkeit zu und Angst vor echter Arbeit. Außerdem schadet er durch den Kauf solcher Billigprodukte unserer Wirtschaft. Durch den Verzicht auf technische Hilfsmittel wird ferner die Transpiration stärker angeregt, was ebenfalls der Wirtschaft nicht förderlich ist, da es den Besuch von Fitnesscentern einschränken könnte.
4. Tätigkeiten, die keinen Lärm verursachen – insbesondere Lesen Schreiben, Malen und ähnlich unproduktive Dinge – sind auf ein Mindestmaß zu beschränken. Denn sie führen zur Absonderung von der Gemeinschaft und begünstigen zersetzende Querdenkerei, was beides weder der Volksgesundheit noch dem Zusammenhalt unser Nation dienlich ist.

So, jetzt aber genug geschwafelt! Letzte Woche habe ich mir einen neuen Freischneider gekauft, und heute ist das Gras endlich hoch genug, damit ich ihn ausprobieren kann.
Draußen eine herrliche Abendstimmung: milde Luft, 20 Grad, ein leichter Wind. Blätterrauschen und Vogelgezwitscher. Da heißt es einstimmen in den großen Gesang mit meinem Sound of Freedom!

Über rotherbaron

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