Literatur und Schreiben – Gedanken über die Literatur in unliterarischen Zeiten

franz-eybl-lesendes-mc3a4dchen-18501969 veröffentlichte der amerikanische Literaturtheoretiker Leslie Fiedler einen Essay mit dem programmatischen Titel ‚Cross the border – close the gap!‘ Darin forderte er, die Grenzen zwischen Hoch- und Trivialliteatur zu überschreiten und die Kluft zu überwinden, die Autor und Leser, Literatur und gesellschaftlichen Alltag voneinander trennt.

Ich weiß noch, was für ein befreiendes Gefühl es war, als ich diesen Gedanken zum ersten Mal begegnet bin. Endlich stieß jemand das Tor des selbst gebauten Ghettos auf, in das die Literatur sich bislang verkrochen hatte! Endlich ging es den Gralshütern einer verstaubten Literatur an den Kragen. Ab sofort konnte es mir egal sein, wenn irgendein Hohepriester der Literatur über Texte, die mir gefielen, die Nase rümpfte.

Überfällig erschien es mir auch, dass den zu Genies verklärten Autoren das Kreativitätsmonopol abgesprochen wurde. Endlich wurde anerkannt, dass ein literarisches Werk sich nur über einen kreativen Akt der Lesenden als solches manifestieren konnte – und dass es dabei immer wieder auf neue, andere Weise entstand, wodurch alles Lesen schon den Keim zu einem neuen, eigenen Werk in sich trug; dass also alles Rezipieren zugleich ein Produzieren war.

Und natürlich sog ich auch begeistert die Forderung nach einer stärkeren Durchdringung von Literatur und Alltag auf. Dass die Literatur diesen in sich aufnehmen, ihn sich kreativ anverwandeln und so mit ihrer gesellschaftsverändernden Kraft auf den Alltag zurückwirken sollte, der dadurch seinerseits wieder die Literatur befruchten würde – war dies nicht die eigentliche Existenzberechtigung der Literatur, die man bislang nur im Interesse ihrer Zähmung ausgeblendet hatte?

„Cross the border – close the gap!“ – Ja, ich war dabei! Entschlossen griff ich zur Fahne der literarischen Revolution und stellte mich in die Reihe derer, die Geniekult und Elfenbeintürmelei hinter sich lassen wollten.

Das Problem war nur: Ich war nicht der Einzige, der von dem neuen Gedankengut angetan war. Auch die Verkaufsleiter der großen Verlage hatten dieses aufmerksam registriert. Auch sie fanden die Vorstellung, die Grenze zwischen Hoch- und Trivialliteratur einzureißen, durchaus verlockend. Was für mich nach Umsturz roch, roch freilich für sie nach Gelddrucken. Fortan versahen sie jedes Werk, von dem sie sich einen guten Verkaufserfolg versprachen, mit dem adelnden Prädikat „Literatur“ – selbst wenn es sich dabei um die intimen Bekenntnisse einer Musikjournalistin oder um das verbale Ballgeschiebe der Sportprominenz handelte. Dadurch ließen sich auch solche Leserschichten ansprechen, die ansonsten durch die vermeintliche Trivialität der betreffenden Werke abgeschreckt worden wären.

Die stärkere Durchdringung von Literatur und Alltag fand ebenfalls die Zustimmung dieser Marktstrategen. Allerdings verbanden sie damit keine gesellschaftsverändernden Ideen, sondern erhofften sich davon eine Anpassung der Literatur an den Alltag. So entstand das Ideal einer Literatur der knappen, einprägsamen Sätze und der weich gespülten Themen, die das Bestehende in seinem So-Sein nicht gefährden. Als bevorzugter Stil etablierte sich ein platter Realismus mit möglichst vielen Dialogen, die bei der gewünschten, gewinnmaximierenden Adaptierung als Drehbuch die Umarbeitung erleichtern sollten.

Und die Verwischung der Grenze zwischen Autor und Leser? – Wurde ebenfalls von den Verkaufsleitern geprüft und für gut befunden. Denn wenn jeder Leser ein potenzieller Autor war, verfügte man über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Schreibenden, aus dem man sich nach Belieben bedienen konnte. So entfiel die finanzielle und ideelle Abhängigkeit von einzelnen Autoren. Stattdessen sollte es nun als (unbezahlte) Ehre gelten, wenn ein Verlag einen Autor mit der Veröffentlichung eines seiner Werke beglückt. Und wenn ein Autor damit nicht einverstanden war – kein Problem! Man konnte ja nun jederzeit neue Autorensterne am Literaturhimmel kreieren, sie verkaufsfördernd hochjazzen und dann wieder fallen lassen.

Ein Blick auf den heutigen Literaturmarkt zeigt, wohin die Vereinnahmung der einst revolutionären Gedanken durch die Werbestrategen der großen Verlage geführt hat. Was dominiert, ist – wenn man von den Marktführern, der Kriminal- und Fantasy-Literatur, einmal absieht – zum einen eine Befindlichkeitsliteratur, in der das Bürgertum seinen Welt- und Beziehungsschmerz pflegt, und zum anderen eine Parlando- und Kolumnen-Literatur, in der alltägliche Dinge – Pilgerreisen, Intimrasuren, Allerweltserinnerungen – zu weltbewegenden Themen hochgepuscht werden.

Vor diesem Hintergrund scheint es zunächst einmal angebracht, den Begriff ‚Bestseller‘ wieder auf seine eigentliche Bedeutung – den eines Buches, das sich besonders gut verkauft – zurückzustutzen. Natürlich war die frühere Haltung, ein Buch nur deshalb abzulehnen, weil es den Massengeschmack traf, von dem man sich abgrenzen wollte, purer Snobismus. Genauso abwegig ist jedoch die heutige Praxis, den Begriff ‚Bestseller‘ als Gütesiegel zu verwenden – zumal die guten Verkaufszahlen oft nur den aufdringlichen Werbekampagnen der Verlage geschuldet sind. Der interessierte Leser glaubt dann, die betreffenden Werke kaufen zu müssen, und liefert so – unabhängig davon, ob ihm das Gelesene gefällt oder nicht – ein Argument für die angeblich unbestreitbare literarische Qualität des Œuvres.

Heute wetteifern die Verlage darum, wer die meisten Bestseller im Programm hat. Und sie brauchen sich dafür noch nicht einmal als das kritisieren zu lassen, was sie sind: rein kapitalistische, mehrwertorientierte Unternehmen; denn viele Bestseller im Programm zu haben, steht ja in der neuen Betrachtungsweise für hohe literarische Qualität. Früher dagegen war ein Bestseller für einen literarisch ambitionierten Verlag stets auch deshalb ein Glücksfall, weil er dadurch Autoren fördern konnte, deren Werke zu komplex waren, um unmittelbar eine breitere Leserschaft anzusprechen. Indem die Verleger sich die Veröffentlichung der entsprechenden Texte trotzdem, scheinbar gegen die Marktlogik, ‚leisteten‘, handelten sie allerdings keineswegs rein altruistisch. Oft setzten sich die nicht-marktkonformen Werke zwar nicht sofort durch, fanden auf die Dauer aber einen festen Platz im literarischen Kanon. Sie ins Programm aufzunehmen, war daher für den Verlag im Sinne einer langfristig angelegten Verkaufsstrategie ein durchaus sinnvolles ‚Investment‘. Heutige Großverlage sind dagegen wie die Großbanken nur noch auf den kurzfristigen Erfolg und den schnellen Gewinn aus.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen scheint es notwendig zu sein, den Eigen-Sinn des Literarischen noch einmal neu zu begründen und ihn gegen die Vertreter eines affirmativen, marktkonformen Schreibens zu verteidigen. Dem sollen die folgenden Thesen dienen:

1.     Literatur ist etwas anderes als Schreiben. Alles Schreiben kann subjektiv befreiend sein, aber nicht jedes Tagebuch – und auch nicht jedes in Romanform gegossene persönliche Bekenntnis – ist Literatur.

2.     Literatur bedeutet niemals das bloße Abbilden von Realität, sondern ist eine spezielle Form, sich diese anzuverwandeln. Dadurch, dass die Literatur die Wirklichkeit in ihren Bereich hineinzieht, erschafft sie die Welt noch einmal neu. Dies gilt auch für realistische Literatur, die uns ja stets nur einen Ausschnitt aus der Realität vor Augen führt und diesen zudem durch spezielle Akzentuierungen und Schwerpunktsetzungen aus einem bestimmten Blickwinkel beleuchtet.

3.     Durch die Veränderungen, welche die Realität im Prozess der literarischen (Um-)Gestaltung erfährt, wird sie erfahrbar

a)     in ihrer grundsätzlichen Relativität. Die Literatur zeigt uns, dass unsere alltägliche Wahrnehmung der Realität nur eine von vielen möglichen Formen der Realitätswahrnehmung ist. Sie verhilft uns so dazu, sensibler mit den Vorurteilen, Vorverurteilungen und holzschnittartigen Deutungsmustern umzugehen, von denen unsere alltägliche Wirklichkeitssicht geprägt ist;

b)    in ihrer Fremdheit. Indem die Literatur uns alltägliche Dinge durch Verschiebungen und Verfremdungseffekte wieder neu erfahren lässt, verhilft sie uns dazu, das Altbekannte mit den Augen eines Fremden zu sehen. Inhumane Verhältnisse, die uns in unserer gewohnheitsgesteuerten Alltagssicht nicht mehr als solche auffallen, können so noch einmal neu erkannt und bewertet werden;

c)     in ihrer Veränderbarkeit. Dadurch, dass die Literatur unserer Weltsicht ihren Absolutheitsanspruch nimmt, erleichtert sie es uns auch, uns die Veränderbarkeit der Welt vorzustellen;

d)    in ihrer Veränderungsbedürftigkeit. Literatur ist, da sie danach strebt, dem Ungeformten eine Gestalt zu geben, die missgestaltete Realität als solche zu zeigen und deren mögliche Überführung in eine andere, harmonischere Gestalt anzudeuten, immer eine Ermutigung zu gesellschaftlicher Veränderung. Dies gilt auch dort, wo sie sich nicht explizit auf gesellschaftliche Verhältnisse bezieht. Ein Naturgedicht, das in sich die Utopie eines Einklangs von Ich und Natur abbildet, kann eben hierdurch zum Stachel des Protests gegen eine vom Menschen geschundene Natur werden.

4.  Eine Literatur, die die Realität in ihrem So-Sein hinterfragt, bringt dies auch in ihrer Sprache zum Ausdruck. Sie vermeidet, wo immer es möglich ist, vorgestanzte Ausdrucksformen, abgenutzte, formelhaft gewordene Bilder und schablonenhafte Wendungen, die mit vorgefertigten Deutungsmustern einhergehen.

5.  Ein literarisches Werk entfaltet seine kreative Kraft im stillen Dialog mit der/dem einzelnen Lesenden. Wer Vorlesbarkeit und eine mitreißende Performance zu Qualitätsmaßstäben literarischer Arbeit macht, verwechselt Literatur mit Kabarett.

Wie man sieht, wünsche ich mir nicht nur eine andere Literatur, sondern auch einen anderen Literaturbetrieb. Oder genauer: Ich wünsche mir gar keinen Literaturbetrieb mehr, in dem es um Verkaufszahlen und die warenförmige Präsentation von Autor und Werk geht, sondern eine neue Literaturkultur – eine Literaturkultur, die nicht mehr um lauter kleine Autorengötter kreist, sondern die Texte selbst in den Vordergrund stellt; eine Literaturkultur, die nichts mehr mit der bürgerlichen Häppchenkultur zu tun hat, in welcher der präsentierte Literaturhappen nur das Horsd’œuvre für die anschließend gereichten Stehempfangshäppchen ist; eine Literaturkultur, in der Bücher nicht mehr wie in der Häschenschule vorgestellt, sondern an runden Tischen besprochen werden.

Aber vielleicht würde auch in einem solchen Setting die Konvention die Texte erdrücken. ‚Runder Tisch‘ – klingt das nicht auch schon wieder nach vorgetäuschter, erzwungener Harmonie? Am besten wäre es wohl, wir würden Matratzenlager einrichten, auf denen wir zwanglos über die uns bewegenden Texte quatschen könnten. Wer weiß – vielleicht wäre das ja die Keimzelle einer neuen, gänzlich unbürgerlichen Gesellschaft.

Bild: Franz Eybl: Lesendes Mädchen, 1850

  3 comments for “Literatur und Schreiben – Gedanken über die Literatur in unliterarischen Zeiten

  1. Mai 20, 2015 um 6:38 pm

    Werter Rotherbaron,
    darf ich bei dieser Gelegenheit mit nachfolgendem Link auf mein unkonventionelles Buchbesprechungs-Blog und zu einer kleinen buchhändlerischen Zeitreise einladen?
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/bemerkungen-zum-buchhandel/

    Bibbliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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