Streitschrift gegen den Laubbläser – Ein Plädoyer gegen die Normativität des technisch Machbaren

Hedgehog in the autumn forest

Schon in Rilkes Gedicht Herbsttag wird der Spaziergänger unruhig, wenn in den herbstlichen Alleen „die Blätter treiben“. So ist es auch heute noch. Der Grund dafür ist allerdings nicht mehr, wie bei Rilke, das Gefühl der existenziellen Unbehaustheit, sondern schlicht das entsetzliche Geheule der Laubbläser, die die Laubblätter vor sich hertreiben.

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INHALT:

Herbstliche Unruhe in den Zeiten des Laubbläsers
Der Laubbläser und der Tod
Geisttötende Wirkung des Laubbläsers
Freie Natur als Ärgernis
Naturzerstörung als Selbstzerstörung

Herbstliche Unruhe in den Zeiten des Laubbläsers

Zu den bekanntesten, in kaum einer größeren Lyriksammlung fehlenden Herbstgedichten gehört Rainer Maria Rilkes Herbsttag (1906). Die Schluss-Strophe thematisiert die existenzielle Unbehaustheit, die dem Menschen im Herbst zum Bewusstsein kommt:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Auch aus der Sicht eines heutigen Stadtbewohners sprechen die Verse eine tiefe Wahrheit aus: Ja, denkt man sich, auch ich werde immer ganz unruhig, wenn ich in den Alleen durch die treibenden Blätter spaziere. Der Grund dafür ist allerdings nicht mehr, wie bei Rilke, das Gefühl der existenziellen Verlorenheit, sondern schlicht das Geheule der Laubbläser, die die Blätter vor sich hertreiben.
Manch einer mag darin sogar einen Vorteil erblicken: Wenn die Unruhe, die der Lärm erzeugt, die Einzelnen davon abhält, im herbstlichen Melancholietal zu versinken, entfaltet der Laubbläser ja geradezu eine therapeutische Wirkung! Dies fördert die wirtschaftliche Produktivität gleich doppelt, da so nicht nur die Arbeitskraft der Bevölkerung voll erhalten bleibt, sondern auch die Ausgaben für Anti-Depressiva gesenkt werden können.

Der Laubbläser und der Tod

Abgesehen davon, dass in dieser Rechnung die hohen Folgekosten durch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die Lärm nachweislich verursacht, unberücksichtigt bleiben, entspricht eine solche Argumentation allerdings einem Lobpreis des menschlichen Amöbentums. Dadurch, dass ich meine Vergänglichkeit verdränge, kann ich diese schließlich nicht außer Kraft setzen. Folglich war die Auseinandersetzung mit dem Tod zu allen Zeiten ein hohes geistiges Gut – und der Herbst die bevorzugte Zeit des Totengedenkens und der kontemplativen Annäherung an die Endlichkeit des eigenen Daseins.
Hinzu kommt aber noch ein anderer Punkt: Die Beschäftigung mit dem Tod ist ja keinesfalls gleichbedeutend mit der Trauer um einen nahen Angehörigen. Die Wirklichkeit des Todes erschöpft sich nicht in den Verlusterfahrungen, die mit ihm einhergehen. Besonders klar ausgedrückt hat das Hugo von Hofmannsthal – und zwar dadurch, dass er den Tod (in seinem Drama Der Tor und der Tod, 1893) das „schauerlich[e]“ Bild eines „Gerippe[s]“, als das er landläufig dargestellt wird, selbst verhöhnen lässt. In einer flammenden Rede fordert der Tod hier den Menschen auf, das „ererbte Graun“ vor ihm abzuschütteln und ihn als „große[n] Gott der Seele“ anzuerkennen:

Wenn in der lauen Sommerabendfeier
durch goldne Luft ein Blatt herabgeschwebt,
hat dich mein Wehen angeschauert,
das traumhaft um die reifen Dinge webt;
wenn Überschwellen der Gefühle
mit warmer Flut die Seele zitternd füllte,
wenn sich im plötzlichen Durchzucken
das Ungeheure als verwandt enthüllte,
und du, hingebend dich im großen Reigen,
die Welt empfingest als dein eigen:
in jeder wahrhaft großen Stunde,
die schauern deine Erdenform gemacht,
hab‘ ich dich angerührt im Seelengrunde
mit heiliger, geheimnisvoller Macht.

Die Verse machen deutlich, dass das konventionelle Bild des Sensenmanns, der dem Menschen unbemerkt auflauert und ihn wie einen Verbrecher abführt, auf einer Verdrängung der Wirklichkeit des Todes beruht. Wenn man sich dieser stellt und sie gedanklich durchdringt, enthüllt sich der Tod als notwendiger Teil des Seins. Das Erhabene und dessen janusköpfig mit ihm verbundene Kehrseite – das Entsetzliche – können ebenso wie der große „Reigen“ des ewigen Werdens und Vergehens nur unter Einbeziehung der Todeswirklichkeit ganz erfasst werden.

Geisttötende Wirkung des Laubbläsers

Indem der Laubbläser den Menschen davon abhält, seine existenzielle Unruhe produktiv werden zu lassen und sie für eine Auseinandersetzung mit seinem Zum-Tode-Sein zu nutzen, entfaltet er demnach eine im Wortsinn „geisttötende“ Kraft. Der technische Fortschritt führt hier unmittelbar zu einem geistigen Rückschritt.
Als Klarstellung muss man allerdings hinzufügen: Diese Entwicklung ist natürlich nicht die Schuld des Laubbläsers. Der Laubbläser an sich ist nur ein Ding, das man so oder so verwenden kann. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es Anwendungsbereiche – wie etwa verstopfte Dachrinnen, die mit mechanischen Mitteln nur schwer zu säubern sind – gibt, in denen diese Erfindung tatsächlich einen Fortschritt darstellt. Würde man ihren Einsatz auf solche Bereiche beschränken, wäre dagegen auch gar nichts einzuwenden. Stattdessen wird jedoch so getan, als wäre durch die bloße Existenz des Laubbläsers die Benutzung von Besen und Rechen quasi verboten. So sieht man immer häufiger Menschen als hilflose Anhängsel der neuen Gerätschaft Blätter durch die Luft pusten, die auch ohne die Kraft des technischen Fortschritts durch die Luft wirbeln würden. Der Lärmterror etabliert sich als ganzjährige Beschäftigungstherapie.
Nun bezieht sich das Denkmuster, das jede Umstellung von manuellem auf maschinellen Betrieb grundsätzlich als Fortschritt betrachtet, natürlich keineswegs nur auf den Laubbläser. Vielmehr handelt es sich dabei um ein gedankliches Konstrukt, das für die Industrialisierung und die mit ihr einhergehenden technischen Optimierungsprozesse allgemein kennzeichnend ist. Im Bereich der Gartengeräte generiert dieses Denken das Vorurteil, dass ein Gerät umso wirkungsvoller ist, je mehr Lärm und Gestank es emittiert.

Freie Natur als Ärgernis

In den Städten wird dieser Irrglaube in seiner Wirkung noch durch eine andere Problematik verschärft: Erscheinungsformen der Natur werden hier grundsätzlich nicht in ihrer Individualität, sondern stets nur in einer spezifischen Funktionalität geduldet. Der Strauch hat mit anderen Sträuchern als Sichtschutz Spalier zu stehen, der Baum wird zu einer Wegmarkierung zurechtgestutzt, die Blumenweide zur Liegewiese degradiert, der Fluss in ein Abwasserkorsett gezwängt. Wesenhafte Natur wird allenfalls als Zitat geduldet, wie ein Blumenstrauß in einer engen Vase.
Konsequenterweise müsste man die Natur daher in den Städten durch Plastikimitate ersetzen. Solange man davor – vorwiegend wohl aus Kostengründen – zurückschreckt, bleibt die Natur ein potenzielles Ärgernis. Wann immer sie sich in ihrem Eigenleben bemerkbar macht – wenn also die Gräser sprießen, die Bäume ihr Laub abwerfen oder ein Fluss über die Ufer tritt –, versucht man sie mit der ganzen Macht der Technik einzudämmen. Im Kleinen wiederholt sich hier somit das, was für die Technik allgemein charakteristisch ist: der Versuch des Menschen, sich die Natur untertan zu machen.
Das zentrale Kennzeichen dieser Auseinandersetzung ist es, dass der Mensch der Natur dabei als etwas Fremdem, Antagonistischem gegenübertritt. Dem entspricht auch die buchstäblich „blindwütige“ Rücksichtslosigkeit, mit der Laubpuster und andere martialische Gartengeräte die Natur bekriegen. Wer dagegen das Laub mit dem Rechen zur Seite harkt, bemerkt weit eher die Eigendynamik des Natürlichen, wo der Laubhaufen als Schutzraum für Igel und Blindschleichen und als Brutstätte für Würmer, Käfer und Larven fungiert. Der Umgang mit der Natur ist dadurch dialogischer und verhilft weit eher zu der nötigen Sensibilität für die komplexe Vernetzung der diversen Ökosysteme. Auch die Wildkräuterweide erscheint dann als Nische für die Entwicklung von Schmetterlingen anstatt als Ausdruck von Chaos, das der Vorstadtbewohner neuerdings unter den Grablatten gigantischer Steingärten zu beerdigen versucht.

Naturzerstörung als Selbstzerstörung

Das Problem ist nun, dass es sich bei dem Kampf der Technik gegen die Natur um eine Auseinandersetzung handelt, die der Mensch unmöglich gewinnen kann. Da er selbst ein Teil der Natur ist, wäre die vollständige Unterwerfung der Natur für ihn gleichbedeutend mit dem Verlust seiner eigenen Lebensgrundlage. Eine Stadt ohne Bäume erschwert das Atmen, ein zu stark begradigter Fluss tritt erst recht über die Ufer. Und je blindwütiger die Technik dann die Übertretung der Grenzen, die sie der Natur gesetzt hat, ahndet, umso unerbittlicher schlägt die Natur zurück.
Eben dies macht die Schließung der letzten Lärmlücke, die das herbstliche Geheule der Laubbläser bedeutet, so schmerzlich. Denn hierdurch wird auch noch das letzte Refugium der Besinnung, die letzte Möglichkeit, den Eigenwert der Natur und den Platz des Menschen im Kreislauf des natürlichen Werdens und Vergehens zu erfassen, zerstört.
Meine Vision wäre daher die Schaffung laubbläserfreier Zonen. Diese sollten ausdrücklich auch für reuige Laubbläsersünder geöffnet werden – sofern sie bereit sind, in den laubbläserfreien Alleen über Friedrich Hebbels Appell (aus dem Gedicht Herbstbild, 1857) zu meditieren:

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

 

 

Bildquelle: Fotolia: Hedgehog in the autumn forest

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