Interview mit Nadja Dietrich über ihren neuen Roman „Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau“

Bild: Reichstag von Andreas Mattern

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Rother Baron: Frau Dietrich, seit Ihrem letzten Roman, Das russische Labyrinth, ist schon einige Zeit vergangen. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt ein neues Projekt in Angriff zu nehmen?

Nadja Dietrich: Im Russischen Labyrinth wird das Geschehen aus der Sicht einer Person geschildert, die der russischen Welt als Fremde gegenübertritt und diese Welt damit auch von außen betrachtet. In meinem neuen Roman habe ich die Perspektive gewissermaßen umgedreht: Hier ist es eine von der russischen Kultur geprägte Person, die auf die Welt der Deutschen blickt. Dieser Perspektivenwechsel ist es, der mich gereizt hat.

Wie kommt es, dass Russland in beiden Romanen ein zentraler Bezugspunkt für Ihre Protagonistinnen ist?

Ich empfinde Russland als meine ideelle Heimat. In keinem anderen Land der Welt bin ich so schnell und so unkompliziert mit anderen ins Gespräch gekommen – und zwar nicht nur über Alltagsthemen, sondern auch über die großen Menschheitsfragen wie den Tod, den Glauben, Krieg und Frieden und den Sinn des Lebens. Alle  russischen Menschen, so scheint mir, noch die einfachsten Marktfrauen, sind im Grunde ihres Herzens Philosophen und Menschenfreunde, die bereit sind, das letzte Brot mit Fremden zu teilen. Eben deshalb schmerzt es mich auch so, dass das russische Volk immer wieder von diktatorischen Zaren, die gegenseitiges Misstrauen, Fremdenhass und geistige Unfreiheit schüren, von sich selbst entfremdet wird.

In beiden Romanen trägt eine der männlichen Hauptfiguren den Namen Aljoscha. Ist das Zufall, oder hat der Name eine bestimmte Bedeutung für Sie?

Ich denke dabei an den Aljoscha aus Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine konkrete Anspielung. Es ist eher so, dass „Aljoscha“ für mich seit der Lektüre des Romans eine Chiffre für ein ideales Gegenüber ist – für einen Menschen, der immer versucht, mit anderen mitzuschwingen, mit ihnen mitzufühlen, ihnen zuzuhören, so gut wie möglich auf sie einzugehen. Kurz gesagt: einen Menschen, der das eigene Dasein nicht in den Mittelpunkt stellt, sondern stets nach einer lebendigen Gemeinschaft sucht, in der einer am anderen wachsen kann.

Klingt fast ein bisschen religiös …

Ja, kann sein. Statt von „Religiosität“ würde ich allerdings eher von „Transzendenz“ sprechen. Und eine tief empfundene Transzendenz – im Sinne eines Gefühls für das, was den Einzelnen übersteigt und ihn mit anderen, mit der Natur, dem Universum verbindet – scheint mir in der Tat ein fester Bestandteil der russischen Kultur zu sein.

Kennzeichnend für Lidia Afanasjewna, die Hauptfigur Ihres neuen Romans, ist die Spannung zwischen ihrem profanen Alltag und ihren phantastischen Träumen. Gibt es ein reales Vorbild für diese Figur?

Nein, ich denke, dass wir bis zu einem gewissen Grad alle eine solche Spannung empfinden. Unser Alltag erscheint uns ja vor allem deshalb so profan, weil es eben unser Alltag ist, das, was wir jeden Tag aufs Neue durchleben. Der Alltag anderer Menschen erscheint uns dagegen oft abenteuerlich, obwohl er für sie selbst vielleicht ebenso banal ist, wie unser Alltag sich für uns anfühlt.

Deshalb träumt aber nicht jeder gleich, wie Ihre Protagonistin, vom Auswandern in ein anderes Universum.

Gut, meine Lidia ist da vielleicht etwas extrem veranlagt. Aber ein bisschen kennen wir doch alle diesen Traum vom Sternentor, durch das wir uns in ein anderes Leben beamen können. Deshalb sind solche Träume letztlich auch ein Teil unseres Alltags – und das sollte sich in der Literatur dann auch entsprechend widerspiegeln.

Warum haben Sie als Ort für das Verbrechen, um das Ihr Roman kreist, eigentlich ausgerechnet den Reichstag ausgewählt?

Warum nicht? Der Reichstag ist für uns zwar eine Art säkularer Tempel, die höchste Weihestätte unserer Republik. Das ändert aber nichts daran, dass dort ganz gewöhnliche Menschen ihrer Arbeit nachgehen, denen folglich all das zustoßen kann, was anderen Menschen in ihrem Alltag auch widerfahren kann.

Sie verbinden damit also keinerlei politische Bedeutung?

Na ja – ein Mord in einem Parlamentsgebäude ist natürlich immer irgendwie politisch. Mir geht es allerdings nicht um den Reichstag an sich oder um konkrete Aspekte der deutschen Politik. Politisch ist der Roman eher in dem Sinne, dass die Gefahren, die der Demokratie durch die immer stärkere Einschränkung der geistigen Freiheiten drohen, darin eine Rolle spielen. Das war ja auch im Russischen Labyrinth schon so.

Und wie verträgt es sich mit Ihrer Wertschätzung der geistigen Freiheit, dass in dem Roman ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-Offizier die Aufklärung des Verbrechens vorantreibt?

Zugegeben – das ist schon ein wenig provokant. Ich habe aber den Eindruck, dass man in Deutschland seit einiger Zeit auf alles, was mit der Stasi zusammenhängt, fast schon hysterisch reagiert. Ich will hier gewiss nichts verharmlosen – Mitarbeiter der Stasi haben schreckliche Verbrechen begangen, die ganze Existenz der Stasi war ein einziges Verbrechen. Wenn man jemandem jedoch – wie das zuletzt im Fall des zum Rücktritt gezwungenen Berliner Staatssekretärs Andrej Holm geschehen ist – quasi Berufsverbot erteilt, weil er als Jugendlicher einmal eine Ausbildung begonnen hat, die in eine Karriere bei der Stasi hätte münden können, hilft das den Opfern von damals doch auch nicht weiter. Damit erzeugt man nur neues Unrecht.

Andrej Holm war gewiss kein typischer Vertreter der Stasi. Er hat auch nicht, wie die Figur in Ihrem Roman, jahrelang in leitender Funktion für die Stasi gearbeitet.

Stimmt. Aber auch für solche Menschen sollte gelten, was der Idee nach sogar jedem Häftling zugestanden wird, der seine Strafe verbüßt hat: dass er ein Recht auf eine zweite Chance hat, auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Wenn ich jemanden immer nur danach beurteile, was er früher einmal getan und gedacht hat, nehme ich ihm doch jede Chance auf persönliche Weiterentwicklung und Veränderung.

Sowohl in Das russische Labyrinth als auch in Ihrem neuen Roman spielt der Aspekt der sexuellen Vielfalt eine wichtige Rolle. Gibt es dafür eine bestimmte Erklärung?

Ein Stück weit wäre mir das übliche Frau-liebt-Mann-liebt-Frau-Schema einfach zu langweilig gewesen. Daneben ist die sexuelle Andersartigkeit für mich aber auch allgemein ein Bild für das Andere, Nicht-Normierte, das, was der Tendenz zu immer stärkerer Normierung des Denkens und Handelns in unserer Gesellschaft entgegensteht.

Frau Dietrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Infos und Leseprobe zu Das russische Labyrinth

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