Der Gipfel

trumpkim
Donald liebt Kim liebt Donald …

Der Massenmörder und der Mafioso hatten beschlossen, aufeinander zuzugehen. Beide waren in letzter Zeit lästigen Mäkeleien ausgesetzt gewesen. Diesen wollten sie nun einen Riegel vorschieben. Einen Riegel in Form eines großen, unwiderstehlichen Wortes: Frieden!

Alle Welt war gekommen, um die Neuaufführung des alten Saulus-Paulus-Dramas zu bestaunen. Es war ganz still im Saal, als die früheren Fürsten der Finsternis sich dem Publikum präsentierten. Ob man denn nun mit einem endgültigen Friedensschluss rechnen dürfe, wagte einer der Zuhörer ehrerbietig zu fragen.

„Ja, der Frieden …“, verkündete da der Massenmörder. „Der Frieden! Und andererseits: der Krieg …“

Ein Raunen ging durch die Menge: Der Massenmörder hatte das Wort an sie gerichtet! Dabei hatte man bis dahin noch gar nicht gewusst, dass er sprechen konnte. Und nun stand er da und goss das hoffnungsvolle Manna seines Lächelns über die Trostbedürftigen aus.

Als Nächstes richteten sich die Blicke auf den Mafioso. Ob denn auch er mit einem endgültigen Frieden rechne?

Der Mafioso plusterte sich zunächst, wie es seine Art war, in der Art eines Truthahns auf und warf seinen Kopf mit dem federartigen Toupetschmuck zurück. „Ich!“ dekretierte er dann. „Ich habe!“ Und: „Ich werde!“

Abermals erfüllte aufgeregtes Gemurmel den Raum. Ja, auch der Mafioso war bereit zu handeln! Auch er, so deutete man seine Worte, würde alles tun, um das Kriegsbeil ein für allemal zu begraben.

Applaus brandete auf. Später, als schmackhafte Friedenshäppchen gereicht wurden, delektierte man sich noch an Gerüchten über Details der Gespräche, die peu à peu nach außen drangen. Der Mafioso habe, so munkelte man, den Massenmörder als „netten Kerl“ bezeichnet, der einer glanzvollen Zukunft entgegensehe. Und auch der Massenmörder habe sich geradezu in den Mafioso verliebt. Schon jetzt zähle er die Tage bis zum Wiedersehen.

Noch lange standen die Zuhörer beieinander und wärmten ihre Herzen an den ikonenhaften Bildern, die das säkulare Ereignis produziert hatte. Aus allen Augen leuchtete eine innige Friedenshoffnung, sogar das Wort vom „Friedensnobelpreis“ machte die Runde.

Der Massenmörder und der Mafioso hatten sich da schon längst feixend zurückgezogen. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

5 Kommentare

  1. Auch diese politische Miniatur ist sehr gelungen. Die Textsorte ist ungewöhnlich. Ich hatte zunächst etwas Probleme, mich darauf einzulassen („Brexit“), aber die Verfremdung und der lakonische Stil machen das Wesentliche klar. Bin gespannt auf weitere solche Texte.

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