Die Heilige und die Revolution

Fridays for Future: eine Bewegung mit vielen Gesichtern

Goran Horvat Kroatien school-strike-4-climate-4057854_1920

Das Welttreffen von Lausanne hat gezeigt: Die Bewegung der „Fridays for Future“ ist heterogener, als die mediale Darstellung vermuten lässt.

Wer ist Greta Thunberg?

Wer Greta Thunberg ist? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Wir wissen es nicht. Das, was wir als „Greta Thunberg“ wahrnehmen, ist das Bild, das medial von ihr erzeugt wird.

Die Frage nach der Identität von Greta Thunberg leitet so zu einer anderen Frage über: Wer erzeugt das Bild, das wir als „Greta Thunberg“ wahrnehmen?

Die Antwort auf diese Frage führt zunächst zu den Eltern des Teenagers, die gewissermaßen den Grundstein gelegt haben für die Legendenbildung, die heute das Bild der Klimaheiligen prägt. Dieses Bild ist von manchen aufgegriffen, von einigen kritisiert und von wieder anderen differenziert betrachtet worden. Klar ist aber, dass es noch immer unsere Sichtweise prägt.

Wie bei jedem anderen Kinderstar auch reicht die bloße Existenz eines solchen Images aber nicht aus, um eine Marke zu kreieren, mit der man dauerhaft eine Botschaft verbreiten kann. Gerade die Tatsache, dass Thunberg die Ikone einer global agierenden Bewegung ist, macht es unvermeidlich, die Aktivitäten durch einen Mitarbeiterstab koordinieren zu lassen.

So entsteht gleich die nächste Frage: Wer gehört zu diesem Mitarbeiterstab? Und: Welche Interessen verfolgt er, indem er die Marke „Greta Thunberg“ gestaltet und verbreitet?

Die Erschaffung von „Greta Thunberg“

Wenn ich hier von einer „Marke“ spreche, bediene ich mich ganz bewusst des Public-Relations-Jargons. Dabei muss klargestellt werden, dass die Arbeit von PR-Managern nicht per se so anrüchig sein muss, wie sie oft wahrgenommen wird. PR-Maßnahmen können – wie die Arbeit unzähliger Hilfsorganisationen zeigt – durchaus auch ehrenwerten Zwecken dienen.

PR-Aktivitäten haben allerdings stets mit zweierlei Problemen zu kämpfen. Zum einen ist das Methodenarsenal von PR-Kampagnen begrenzt. Dies birgt die Gefahr in sich, dass ein an sich gutes Ziel in Misskredit gerät, weil die Methoden, die für seine Erreichung eingesetzt werden, denen ähneln, die auch für andere, weniger ehrenwerte Ziele genutzt werden.

Zum anderen sind PR-Kampagnen in der Regel stark emotional ausgerichtet. Ihre erste Adresse ist nicht die Vernunft der Menschen. Das bevorzugte Einfallstor für ihre Botschaften sind vielmehr die Gefühle. Auf diese Weise lassen sich die Botschaften nicht nur direkter vermitteln – sie sind auch unstrittiger, als wenn man den Umweg über die Überzeugungskraft der Argumente wählen würde. So lassen sich mit dieser Herangehensweise viel mehr Menschen für die eigenen Ideen gewinnen. Der Nachteil dieser Strategie ist allerdings, dass die Botschaften auf einer unkonkreten, allgemeinverbindlichen Ebene verbleiben.

Protest und Mitgestaltung

Übertragen auf Greta Thunberg, bedeutet dies: Sie ist eine Projektionsfläche für alle, die einen effektiveren und nachhaltigeren Klimaschutz wollen. Wie dieser konkret aussehen soll, bleibt dabei aber unklar. Dies liegt zum einen in der Natur der Sache: Woher soll ein Teenager das Wissen über Auswege und Lösungsansätze nehmen, über die Fachleute sich auf unzähligen Konferenzen die Köpfe heißreden?

Zum anderen ist die Frage der konkreten Klimapolitik aber auch eine bewusste Leerstelle in der Kampagne. Denn nur, wenn möglichst viele Menschen sich mit dieser identifizieren, kann sie auch die erhoffte Wirkung einer Massenbewegung entfalten.

Diese Strategie hat so lange funktioniert, wie die Bewegung der „Fridays for Future“ in der Phase des Honeymoons war. Da war es wie bei frisch Verliebten: Greta Thunberg war die große Liebe aller Weltverbesserer, die sich von der inspirierenden Kraft dieser Jeanne d’Arc des Klimakampfes den entscheidenden Impuls für den dringend nötigen Befreiungsschlag in der Klimapolitik erhofften.

Nun aber, da die Frage nach konkreten Maßnahmen für einen effektiven Klimaschutz akut wird, wird das Klima in der Klimaschutzbewegung hitziger. Dies hat sich beim jüngsten Welttreffen in Lausanne gezeigt. Dort wurde erstmals sichtbar, dass es irreführend ist, von den „Fridays for Future“ wie von einer homogenen Bewegung zu sprechen. Unter dem Dach dieser Bewegung gibt es vielmehr eine Reihe unterschiedlicher Gruppierungen, die teilweise völlig konträre Ansätze in der Klimaschutzpolitik verfolgen.

Verschiedene Strömungen innerhalb der Bewegung

Im Sinne einer idealtypischen Übersicht lassen sich die einzelnen Gruppierungen in etwa wie folgt charakterisieren:

  1. die Erwecker. Hiermit sind all jene Jugendlichen gemeint, die ganz bewusst keine konkreten Klimaschutzziele benennen wollen, weil sie fürchten, sie würden die Bewegung dadurch spalten. Ihr Ziel ist es stattdessen, Druck auf die Politik auszuüben, damit diese das Wissen über den Klimawandel ernst nimmt, es in konkrete Beschlüsse einfließen lässt und diese dann auch konsequent umsetzt.
  2. die Mahner. Dieser Fraktion rechne ich all jene zu, die den Akzent auf die bedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels legen. Die Gruppe ähnelt der ersten, ist in ihrem Duktus jedoch stärker angstgetrieben. Im Vordergrund stehen weniger die globalen Auswirkungen des Klimawandels als die Einschränkungen und Belastungen, die er für den eigenen Alltag mit sich bringt: mehr Hitzewellen, Starkregen und Mückenstiche, schlechtere Luft und Engpässe bei der Lebensmittelversorgung.
  3. die Ökologen. Hierunter sind jene Jugendliche zu zählen, die den Klimawandel nicht als isoliertes Phänomen betrachten, sondern ihn auf den Gesamtzusammenhang eines nicht-nachhaltigen Umgangs mit der Natur beziehen. Daraus ergibt sich dann auch ein ganzheitlicher Ansatz zur Bekämpfung des Klimawandels, der neben Maßnahmen zur CO2-Reduzierung auch einen schonenderen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und einen darauf abgestellten Lebensstil umfasst.
  4. die Sozialbewegten. Hier denke ich an jene Jugendlichen, die die sozialen Aspekte der Klimaschutzdiskussion mitbedenken, also etwa die Auswirkungen höherer Preise für Heizung und Mobilität auf ärmere Bevölkerungsschichten. Affinitäten zu solchen Gedanken ergeben sich sowohl bei christlichen als auch bei linken Gruppierungen.
  5. die Antikapitalisten. Diese Fraktion umfasst Jugendliche, die der linksautonomen Szene oder der Occupy-Wallstreet-Bewegung nahe stehen. Sie sehen den Klimaschutz in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext. Effektive Maßnahmen zur Rettung des Klimas sind für sie nur im Rahmen der Überwindung eines Wirtschaftssystems möglich, das den ausbeuterischen Umgang mit Mensch und Natur begünstigt.

Zur Zukunft der Bewegung

Diese Unterscheidung – die bei einer genaueren Analyse sicher noch differenzierter ausfallen würde – ist zunächst wichtig für die Außenwahrnehmung der Bewegung. Wenn diese sich selbst nicht mehr damit zufrieden gibt, sich hinter einer Klima-Heiligen zu versammeln, die durch ihre bloße Erscheinung den CO2-Beelzebub aus der Welt schafft, müssen auch die Berichte über die Bewegung differenzierter ausfallen.

Vor allem aber müssen die „Fridays for Future“ selbst sich mit den verschiedenen Strömungen, die es unter ihrem Dach gibt, auseinandersetzen. Dafür wird es notwendig sein, ein Programm zu erarbeiten, mit dem sich alle Gruppen gleichermaßen identifizieren können. Für die konkrete Ausgestaltung des Programms dürfte es zudem hilfreich sein, verstärkt den Rat von ExpertInnen einzuholen. Auf diese Weise ließen sich die Irrwege und interessengeleiteten Vereinseitigungen vermeiden, unter denen die derzeitige Klimaschutzpolitik leidet.

Die Signale, die von dem Treffen in Lausanne ausgehen, stimmen in dieser Hinsicht allerdings nicht sehr hoffnungsvoll. Beim ersten Anschein eines Dissenses ist die Presse von den Diskussionen ausgeschlossen worden. Das Weltklima wird sich jedoch nicht dadurch retten lassen, dass eine Jugendbewegung den Anschein eines ungestörten Binnenklimas erweckt. Und das Problem des Klimaschutzes ist viel zu komplex, als dass es sich ohne offene und nötigenfalls auch kontroverse Diskussionen angehen ließe.

Und hier sind wir dann wieder bei den Fragen vom Anfang: Warum sollte man diese Diskussionen vermeiden? Warum sollte man verschweigen, dass es sie gibt? Möchte sich hier vielleicht jemand die Marke „Greta Thunberg“, die er geschaffen hat, nicht aus der Hand nehmen lassen?

 

Bild: Goran Horvat: Schulstreik für Klimaschutz in Kroatien (Pixabay)

  5 comments for “Die Heilige und die Revolution

  1. August 15, 2019 um 11:04 am

    Vgl. auch: Dr. Anton Schober: Die Thunbergs und die Grimaldis: gemeinsam emissionsfrei durch die Jahrhunderte (https://sternkekandidatkreistagvg.wordpress.com/2019/08/15/die-thunbergs-und-die-grimaldis-gemeinsam-emissionsfrei-durch-die-jahrhunderte/)
    „Die Heilige und die Revolution“ ist dort am Ende verlinkt.

    Liken

  2. August 15, 2019 um 11:38 am

    Divide et impera – auch hier wird der globale Kapitalismus seinen Jahrzehnte währenden Siegeslauf unbehelligt fortsetzen können…

    Gefällt 1 Person

  3. Schmitti
    August 15, 2019 um 11:43 am

    Vielen Dank für diese höchst interessanten Gedanken. Leider sind meine Erfahrungen mit der Bewegung wenig positiv. Die deutschen Aktivist*innen haben sich auf drei Kernforderungen geeinigt, die so wörtlich wie aus dem Parteiprogramm der Grünen oder einer Broschüre von ABO Wind abgeschrieben wirken. Angesprochen auf die Konflikte der Windkraft mit dem Artenschutz, bekommt man die Antwort: Der Weltuntergang durch Klimawandel ist so bedrohlich und steht unmittelbar bevor, da muss man halt einige Tiere ausrotten und Naturgebiete industrialisieren, damit WIR wenigstens überleben. Der Klimahype hat die Ökologie abgelöst und ist einen narzisstischen, naturverachtenden Weltbild gewichen. Viele dieser jungen urbanen Menschen hat zu Natur keinen Bezug. Sie leben zwischen sozialen Netzwerken, grüner Stimmungsmache und Klimapanik …Und das ist eine Bedrohung für Natur UND Klima. Aus meiner Sicht kann es keinen Klimaschutz ohne konsequenten Natur- und Artenschutz geben!- Der Weg führt in die gegenteilige Richtung 😦

    Gefällt 2 Personen

    • August 15, 2019 um 1:26 pm

      Diese Wortmeldung spricht mir aus dem Herzen. Die Ausrottung der geschützten Arten, die hier mit ihrem wahren Namen bezeichnet wird, führt zu unwiederbringlichen Verlusten. Dieser historische Vorgang stimmt mich sehr traurig. Ich möchte den Verfasser auf die Petition „Retten Sie den Rotmilan und andere von der Ausrottung bedrohte Arten!“ (http://chng.it/RpH6JFqh) aufmerksam machen und ihn bitten, mich bei der Verbreitung dieser Petition zu unterstützen.

      Gefällt 1 Person

  4. August 16, 2019 um 9:01 pm

    Ein phantastischer Text findet sich hier: https://michelonfray.com/interventions-hebdomadaires/greta-la-science
    Ich habe ihn übersetzt, weiß aber nicht, ob ich die Übersetzung veröffentlichen darf.

    Gefällt 1 Person

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