Solidarität vs. Opferideologie

Corona-Utopien und -Dystopien

Neue Wert-Schätzung?

In der Corona-Krise ist die Forderung nach „Solidarität“ und „Opferbereitschaft“ in aller Munde. Beides ist jedoch nicht dasselbe. Mit der Opferideologie sind schon oft soziale Einschnitte und die Missachtung von Grundrechten legitimiert worden.

Der Jesus-Arzt und die Mutter-Teresa-Krankenschwester
Schule: Zwangsverpflichtung „fauler Säcke“?
Kita: Wer und was ist relevant?

Der Jesus-Arzt und die Mutter-Teresa-Krankenschwester

In der Krise, heißt es im Fernsehen, rücken wir alle enger zusammen. Egoismen treten zurück, und wir entdecken ein Wesen, das uns sonst eher lästig ist: den Mitmenschen.
Wenn ich mir die Klopapierkriege im Supermarkt anschaue, kommen bei mir zwar leise Zweifel auf, ob dieses Corona-Utopia tatsächlich existiert. Dennoch wärme auch ich mich gerne an dem Gedanken, dass die Krise uns sozusagen eine Art Solidaritätsimpfung beschert.
In der Tat gibt es hier und da auch ein paar ermutigende Beispiele. In einer Universitätsstadt ist etwa aus einer studentischen Initiative ein Fahrrad-Kurierdienst hervorgegangen, der für ältere Menschen einkauft und ihnen so den Gang in die infektionsträchtigen Supermärkte erspart. Und in einer österreichischen Kleinstadt hat die Gemeinde eine Hotline eingerichtet, unter der Privatpersonen ihre Telefonnummern registrieren lassen können. Auf diese Weise können Menschen, die in der Krise Hilfe oder einfach nur Trost benötigen, sich untereinander vernetzen.
Bei all den Lobgesängen auf die neue Solidarität darf aber eines nie vergessen werden: „Solidarität“ ist ihrem Wesen nach auf Freiwilligkeit gegründet. Wird sie eingefordert, so landen wir bei einer Opferideologie, die mit einem gelebten Miteinander recht wenig zu tun hat.
Zu beobachten ist dies zunächst bei den Medizin- und Pflegeberufen. Wenn überall in Europa die Regierungschefs dem Krankenhauspersonal mit tränenerstickter Stimme für ihren selbstlosen Einsatz danken, ändert das an der be- und überlastenden Situation in den Kliniken rein gar nichts.
Wichtig wäre es, sich jetzt offen dazu zu bekennen, dass es ein Fehler war, die Privatisierungsideologie auch auf den Medizin- und Pflegebereich auszudehnen. Denn auf diesen trifft nicht nur ein Wort zu, das jetzt wieder in aller Munde ist: Er ist nicht nur „systemrelevant“, sondern lebensrelevant. Und solche Bereiche gehören nicht in die Hände von Private-Equity-Fonds, denen der Shareholder Value wichtiger ist als die Gesundheit der Patienten.
Sich dies einzugestehen, müsste dann auch bedeuten, die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung des Medizin- und Pflegepersonals entsprechend zu ändern. Mitgefühl und Anerkennung allen helfen da nicht weiter. Vielmehr muss Schluss sein mit Doppel- und Dreifachschichten, mit Unterbezahlung und sinnlosen Dokumentationspflichten.
Auch diese inhumane Gestaltung von Arbeitsplätzen, die für die Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind, ging ja schon von der Opferideologie aus. Jeder Arzt soll ein Jesus sein, jede Krankenschwester eine Mutter Teresa. Mit diesem überfordernden Anforderungsprofil werden nun schon seit Jahren Menschen aus den Pflegeberufen weggetrieben bzw. ergreifen sie erst gar nicht.
Und darüber sollen wir uns jetzt, mitten in der Krise, Gedanken machen? Ist das nicht „unsolidarisch“? Ja, ich weiß, das ist das Argumentationsmuster, mit dem der Ruf nach einer Reform des Gesundheitswesens abgetan werden wird. Nach der Krise wird das aber auch nicht anders sein. Dann wird es heißen: Jetzt müssen wir erst mal wieder auf die Beine kommen. Nun müssen alle den Gürtel enger schnallen. Später vielleicht …
So wird alles wieder von vorn beginnen.

Schule: Zwangsverpflichtung „fauler Säcke“

Von der Opferideologie betroffen ist auch der Bildungs- und Erziehungsbereich. Bei Lehrkräften liegt das auch daran, dass ihre aktuelle Situation vor dem Hintergrund der gängigen Vorurteile über diese Berufsgruppe beurteilt wird. Solche Klischees besagen etwa:

  • Die Lehrkraft ist ein Neutrum. Sie fällt irgendwann aus dem großen Lehrkräftehimmel und geht dann eine symbiotische Beziehung mit der Schule ein. Sie hat weder Eltern noch Kinder, weshalb sie wie ein unbenutzter Gegenstand herumliegt, wenn die Schule geschlossen ist.

  • Die Lehrkraft ist ihrem Wesen nach – um Altkanzler Schröder zu zitieren – ein „fauler Sack“. Sie lebt zwar für die Schule, doch ist das ein Leben auf Sparflamme, wie bei einem Faultier. Im Grunde ihres Herzens strebt die Lehrkraft danach, einfach nur gut versorgt zu sein und faul in der Ecke herumzuliegen.
  • Unterricht ist, wenn die Lehrkraft vor der Klasse steht und ihr Manna auf die Kinder herabregnen lässt. Lehrkraft und Schule sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn die Schule geschlossen ist, verlieren alle Elemente dieser symbiotischen Beziehung ihre Bedeutung: Lehrkräfte, Lernende und Schule.

Wie wir alle wissen, haben diese Klischees nichts mit der Realität zu tun. Lehrkräfte können – Wunder der Natur! – gleichzeitig Mutter und Tochter sein, sie leben in derselben Welt wie wir und leiden ebenso wie alle anderen unter der aktuellen Situation.
Unterricht wird auch vielerorts nicht mehr nach dem klassischen Frontalprinzip organisiert, bei dem vorne jemand doziert und alle anderen vor sich hinpennen. Moderner Unterricht ist vielmehr offen, differenzierend und individualisierend.
Ein solcher Unterricht verlangt den Lehrenden ein hohes Engagement ab. Wo er konsequent praktiziert wird, haben Lehrkräfte in der Krise sogar mehr zu tun als im coronalosen Schulalltag. Denn nun müssen sie mit den Lernenden per Skype oder mit Hilfe der überlasteten Telefonleitungen kommunizieren und Arbeitsanregungen oder Wochenpläne per E-Mail verschicken. Hinzu kommen Nachfragen besorgter Eltern und überforderter SchülerInnen, deren Probleme nun viel schlechter durch die Selbstregulierung der Lernenden in Gruppen oder das kurze erklärende Gespräch nebenbei gelöst werden können.
Obwohl dieser Wandel des LehrerInnenberufs allgemein bekannt sein sollte, folgt die öffentliche Meinung in der Krise reflexartig den alten Klischees. Die Schulen sind zu? Dann müssen die Lehrkräfte „zwangsverpflichtet“ werden! Sie sollen bloß nicht denken, dass sie jetzt ihrem Faulheits-Gen nachgeben können! Alle müssen Opfer bringen, also auch die Lehrer!
In manchen Fällen mögen bei solchen Forderungen auch schulische Traumata eine Rolle spielen: der Gedanke an die ewigen Fünfen in Mathematik, für die man nun endlich Rache nehmen kann.
So werden hier Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen, die für alle anderen Berufsgruppen gelten. Lehrkräfte sollen für Corona-Tests zwangsverpflichtet werden, für die Notbetreuung an Schulen, demnächst vielleicht auch noch für die Notproduktion von Klopapier. Ihre reguläre Unterrichtsverpflichtung sollen sie dabei natürlich trotzdem digital aufrechterhalten.
Mit Solidarität hat das alles nichts zu tun. Was hier aktiviert wird, ist die Ideologie der Volksgemeinschaft, bei der der Einzelne mit seinen Bedürfnissen hinter dem Wohl der Gruppe zurückzustehen hat. In der Konsequenz wird Einzelnen dann gerade die Solidarität der Gemeinschaft verweigert, indem ihnen eine besondere Opferbereitschaft abverlangt wird.
Je unreflektierter diesem irrationalen Gefühlskomplex gefolgt wird, desto größer sind die Gefahren, die von ihm ausgehen. Dabei ist zum einen ganz konkret an die Gesundheitsbedrohung zu denken, die für Lehrkräfte von Zwangsverpflichtungen ausgehen kann – vor allem, wenn dabei auch Risikogruppen nicht ausgespart werden. Zum anderen kann auf diese Weise das ohnehin schlechte Image des Lehrerberufs noch weiter in den Schmutz gezogen werden. Die Folge wäre, dass der ohnehin schon drastische Lehrkräftemangel sich noch weiter verstärken würde.

Kita: Wer und was ist relevant?

Eher um Opferbereitschaft als um Solidarität geht es auch im Kita-Bereich. Hier wird von den ErzieherInnen erwartet, dass sie eine Notbetreuung für die „systemrelevanten“ Berufe sicherstellen.
Dies ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Zunächst einmal ist im Kita-Bereich gerade das, was als Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung des Virus gebetsmühlenartig empfohlen wird, kaum zu leisten: Abstand zu halten. Kinder suchen immer auch den Körperkontakt zu ihren Bezugspersonen, Kleinkinder müssen womöglich sogar noch gewickelt werden.
In der Krise ist das Bedürfnis nach Nähe eher noch größer als sonst. Hinzu kommt das dynamische Spielgeschehen in den Kitas. Wie soll man da Abstandsregeln einhalten?
Hinzu kommt, dass bei privaten Trägern die Reinigungsmaßnahmen oft per Outsorcing erledigt werden. Wenn dann die Reinigungsfirmen ihren Betrieb aus Sicherheitsgründen einstellen, bleibt den Kita-Kräften nur die Möglichkeit, selbst zum Putzeimer zu greifen. Aber woher kommen dann die nötigen Desinfektionsmittel und die Schutzkleidung? Wer zahlt die Überstunden?
Und dann ist da noch die Frage: Wer ist „systemrelevant“? In der Krise möchte sich auf einmal jeder das schicke Adjektiv ans Revers heften. Wird dem nachgegeben, bräuchte man die Kitas aber erst gar nicht zu schließen. Dann werden sie auch so gut gefüllt sein.
Notbetreuung muss daher zumindest heißen: Nur wenn beide Elternteile „systemrelevanten“ Tätigkeiten außer Haus nachgehen, können die Kinder weiter in die Kita gebracht werden. Was „systemrelevant“ bedeutet, muss klar von den zuständigen Stellen definiert werden Und: Kita-Kräfte, die zu den Risikogruppen zählen, werden vom Dienst freigestellt.
Selbst wenn diese Empfehlungen befolgt werden, ergibt sich jedoch noch ein anderes Problem. Der Begriff „systemrelevant“ enthält auch eine soziale Distinktion. Er sagt aus, dass einige „relevanter“ sind als andere. Hartz-IV-Empfängern wird jedoch ohnehin schon seit Jahren eingetrichtert, dass sie nicht „relevant“ sind. So verstärken sich auf diese Weise auch Mechanismen der sozialen Marginalisierung und des sozialen Ausschlusses.
Dies ist gerade im Kita-Bereich äußerst bedenklich, da diesem für den sozialen Ausgleich eine zentrale Funktion zukommt. Wenn man nun Kitas für einen großzügig bemessenen Kreis „systemrelevanter“ Berufe weiter offen hält, Kinder sozial Benachteiligter aber von dem Besuch ausschließt, sagt man diesen damit de facto: Nicht nur ihr selbst seid irrelevant. Auch eure Kinder sind nicht relevant für uns.
Angesichts all dieser Probleme und ungeklärten Fragen wäre es wohl konsequenter, Kitas und Schulen komplett zu schließen. Eine Notbetreuung kann auch per Nachbarschaftshilfe oder über die Großeltern organisiert werden.
Über die Großeltern? Die gehören doch zur Risikogruppe, das geht gar nicht! Das mag in manchen Fällen stimmen. Gerade im Falle von Kleinkindern sind Opa und Oma aber keineswegs immer so alt und gebrechlich, wie die Begriffe noch immer suggerieren.
Opa und Oma können heute durchaus auch erst in der Mitte des Lebens stehen. Und wenn sie derzeit gerade im Home Office beschäftigt oder gar ganz von der Arbeit freigestellt sind, wäre die innerfamiliäre Solidarität sicher der mit so vielen Problemen verbundenen Notbetreuung in Kita oder Schule vorzuziehen.
Ansonsten gilt im Kita-Bereich dasselbe wie im Gesundheits- und Schulbereich: Wer die Beschäftigten dort jetzt stiefmütterlich behandelt, sie mit ungelösten sozialen Konflikten allein lässt und diese Überforderung öffentlich vorführt, macht eines sicher nicht: Werbung für Berufe, in denen schon vor der Krise händeringend Personal gesucht worden ist.

 

Bilder: Pixabay: Tolmacho: Kindergarten; Gerd Altmann: Krankenschwester; EmmaWs4s: Lehrerin

Ein Kommentar

  1. Du hast so Recht. Hier wird einem Teil der Menschen die Menschenwürde abgesprochen, indem sie gezwungen werden, ihr Leben für andere zu opfern. Ein Arzt oder eine Pflegefachfachkraft kann selbst kein Risikopatient sein, schließlich ist sie ja kein Mensch, sondern eine systemrelevante Ressource, die man wie ein Beatmungsgerät oder einen Mundschutz einziehen kann – meinen zumindest viele Politiker.

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