Corona-Verschwörungstheorien

Jedem seine eigene Virus-Wirklichkeit

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Das Corona-Virus lässt täglich neue Verschwörungstheorien entstehen. Diese könnten die Eindämmung des Virus behindern und dadurch am Ende genau jene Horrorszenarien begünstigen, die sie heraufbeschwören.

Arten und Ursachen aktueller Verschwörungstheorien
Kampf gegen das Virus: Feldherrenattitüde und Aberglaube
Schutz von Risikogruppen
Gesundheitsschutz als Schutz der Demokratie
Nachweise

Arten und Ursachen aktueller Verschwörungstheorien

Apokalyptische Zeiten wie diese sind ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien. Besonders beliebt sind:

  • in chinesischen Kreisen: die These, dass die Amerikaner das Virus in China ausgesetzt haben, um den neuen Konkurrenten um die globale Vorherrschaft zu schwächen;
  • in europäisch-amerikanischen Kreisen: die These, dass das Virus einem chinesischen Biowaffenlabor entstammt. Dass durch seine Freisetzung zunächst Tausende Chinesen ums Leben gekommen sind, wird damit erklärt, dass dies die Glaubwürdigkeit der Lüge vom unerwartet aufgetretenen Virus erhöhe;
  • in rechtsextremen Kreisen: die These, dass das Virus in Wahrheit die Funktion erfüllt, die „Umvolkung“ Europas und den Zuzug von Moslems und Terroristen – was für Rechtsextreme bekanntlich ein und dasselbe ist – zu beschleunigen;
  • in linken Kreisen: die These, dass das Virus in Wirklichkeit ganz harmlos ist und nur als so gefährlich hingestellt wird, um einen Überwachungsstaat zu errichten.

Der Erfolg der Verschwörungstheorien erklärt sich auch damit, dass sie, unabhängig von ihrer Ausrichtung, alle ein psychisches Grundbedürfnis bedienen. Der menschliche Geist tut sich eben schwer damit, die Absurdität des Daseins zu akzeptieren. Diese offenbart sich aber sehr machtvoll in der Tatsache, dass Mikroben, die so klein sind, dass sie mit bloßem Auge noch nicht einmal wahrnehmbar sind, Tausende Menschen dahinraffen, das öffentliche Leben lahmlegen und ganze Volkswirtschaften ins Taumeln bringen können.
Besonders die linkslastige These erfreut sich in den letzten Tagen steigender Beliebtheit. Man sollte dabei allerdings stets genau hinschauen, wo und von wem die angeblich unumstößlichen Belege verbreitet werden. Sollten die Experten rein zufällig bei Russia Today auftreten, ist zu beachten, dass Putin und Co schon seit Jahren Desinformation und Halbwahrheiten ganz gezielt einsetzen, um westliche Staaten zu destabilisieren.
Die erwünschte Folge: Eine massive soziale Verunsicherung und eine daraus resultierende Hinwendung zu autoritären Führern, wie sie in Deutschland derzeit von der AfD gezüchtet werden – die übrigens über vielfältige Verbindungen zum Kreml verfügt (1). So könnte eine linke Verschwörungstheorie am Ende gerade in das münden, was durch ihre Verbreitung eigentlich verhindert werden soll: in einen totalitären Überwachungsstaat.

Kampf gegen das Virus: Feldherrenattitüde und Aberglaube

Wenn wir uns an die Fakten halten, müssen wir feststellen: Das Virus verbreitet sich in Europa weiter exponentiell. Der von ihm ausgelöste Krankheitsverlauf ist zwar nicht bei allen schwer und möglicherweise, bei Berücksichtigung auch der hohen Dunkelziffer unter den Infizierten, „nur“ bei 1,4 Prozent der Betroffenen (so die Auswertungen des epidemiologischen Verlaufs in Wuhan) tödlich (2). Bei denjenigen, die es härter trifft, führt das Virus jedoch zu schweren Komplikationen und im Extremfall zu einem qualvollen Tod. Die Zahl dieser Menschen ist zudem hoch genug, um die Krankenhäuser an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen oder sie gar – wie in der Lombardei oder der französischen Region Grand Est – zu überlasten.
Vor diesem Hintergrund erscheinen die nun in Deutschland ergriffenen Maßnahmen keinesfalls als zu drastisch. Es ist eher die Frage, ob sie ausreichen werden, um das Virus wirkungsvoll einzudämmen.
Nur zur Erinnerung: Es ist noch nicht allzu lange her, da staunten wir alle über die kühne Anordnung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Ansammlungen von Menschen über 5.000 Menschen zu verbieten. Derselbe Präsident ließ dann vor gerade einmal acht Tagen Kommunalwahlen abhalten, nur um anderntags eine Ausgangssperre zu erlassen, die wesentlich strenger ist als die jetzt in Deutschland beschlossene.
Auch hierzulande wurde Gesundheitsminister Jens Spahn noch vor zwei Wochen für seine entschlossene Empfehlung bewundert, Ansammlungen von über 1.000 Menschen zu unterbinden. Danach sind die Zahlen akzeptabler Menschenansammlungen wie bei einer umgekehrten Versteigerung rasant nach unten gegangen. Noch am Freitag hielt Berlin öffentliche Treffen von bis zu 50 Menschen für tolerabel. Seit gestern liegt die Grenze bei 2, mit Sonderregelungen für Familien und andere Lebensgemeinschaften
Das Problem bei all diesen Zahlen ist, dass sie völlig willkürlich festgelegt worden sind, anstatt der Logik des Virus zu folgen. Diese besagt: Eine Verbreitung kann auch dann erfolgen, wenn sich zwei Menschen aus unterschiedlichen Regionen treffen, von denen einer das Virus hinterher wieder in seine Heimatregion mitnimmt. Das war von Anfang an klar. Ebenso klar ist jetzt, dass sich das Virus weiterhin an den Arbeitsplätzen und natürlich ganz hervorragend in den überfüllten Supermärkten verbreiten kann.
Der Logik des Virus entspricht es auch nicht, wenn jetzt eine Ausnahme nach der anderen von der Kontakteinschränkung beschlossen wird. Besonders bedenklich ist das bei der Notbetreuung im Kita- und Schulbereich, wo auf einmal alle Eltern „systemrelevant“ sein wollen, um ihre Kinder weiter aus den Füßen zu haben. Sinnvoller wäre es, Kitas und Schulen komplett zu schließen und in Notfällen eher auf die gute, alte Nachbarschaftshilfe zu setzen. Das Ansteckungsrisiko ließe sich so weit eher minimieren.
Wenn schon eine Notfallbetreuung für Kinder aufrechterhalten wird, so muss dabei zumindest auf eine strikte Einhaltung von Hygienemaßnahmen geachtet werden. Dies ist gerade in den chronisch unterfinanzierten Bildungseinrichtungen, wo die hygienischen Anlagen teilweise schon seit Jahren marode sind, alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Und natürlich kann es nicht sein, dass beim Lehr- und Erziehungspersonal Risikogruppen, die ansonsten ausdrücklich geschützt werden sollen, eine Präsenzpflicht auferlegt wird.
Das Virus ist eben kein Krieger, der Notfalleinrichtungen verschont wie eine fremde Armee, die Rotkreuzfahrzeuge nicht unter Beschuss nimmt. Natürlich brauchen wir spezielle Angebote für sozial benachteiligte Familien, insbesondere für Mütter oder Kinder, die in der belastenden Situation womöglich Gewalterfahrungen ausgesetzt sind. Das reguläre Betreuungssystem wäre damit jedoch überfordert. Hier braucht es stattdessen vermehrte Polizeipräsenz, telefonische Beratung und notfalls auch Ausquartierungen in die Hotels, in denen die Einhaltung von Abstandsregelungen derzeit ja problemlos möglich ist.

Schutz von Risikogruppen

Nachdem man gesehen hat, dass die anfängliche Taktik, auf Vernunft und Rücksichtnahme zu setzen, nicht aufgegangen ist, sollte nun zumindest der Schutz der Risikogruppen konsequent umgesetzt werden. Dass der Wille hierzu vorhanden ist, ist grundsätzlich ein hoffnungsvolles Zeichen. Alten und kranken Menschen, die sich in unserer Ellbogen- und Leistungsgesellschaft bislang nicht unbedingt wertgeschätzt fühlen durften, wird nun wenigstens in der Krise besondere Aufmerksamkeit zuteil.
Dies muss dann allerdings auch mit einer entsprechenden Fürsorge für diejenigen einhergehen, die allen Schutzmaßnahmen zum Trotz an dem Virus erkranken. Zumindest nahen Angehörigen muss auf eigene Gefahr und unter Beachtung der nötigen Sicherheitsvorkehrungen der Kontakt zu den Erkrankten erlaubt werden, um deren Abwehrkraft und -willen zu stärken.
Außerdem darf man bei den besonderen Schutzmaßnahmen für die Risikogruppen auch nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Wenn man nicht so weit gehen möchte, die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern für die gesamte Bevölkerung zentral zu organisieren, muss dies bedeuten: vollständige Freistellung von der Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für ältere Menschen und für Personen mit relevanten Vorerkrankungen. Und: spezielle Öffnungszeiten der Supermärkte für diese Personengruppen.
Beide Maßnahmen werden mancherorts bereits umgesetzt. Für die Eindämmung des Virus und den gleichmäßigen Schutz aller gefährdeten Gruppen müssen die Maßnahmen jedoch flächendeckend ergriffen werden. Wenn dies nicht geschieht, sollte es zumindest eine bundesweite Empfehlung an die Kommunen geben, Freiwilligendienste einzurichten, die die fehlenden Maßnahmen durch entsprechendes Engagement kompensieren können.
Genügend Menschen zu finden, die dabei mitmachen möchten, dürfte – wie die bisherigen Erfahrungen mit entsprechenden Angeboten zeigen – nicht allzu schwer sein. Paradoxerweise bringt die Krise nämlich ebenso die egozentrische wie die hilfsbereite Seite der Menschen zum Vorschein. Das Klopapier, das man dem Konkurrenten um deutsche Reinlichkeit im Supermarkt-Nahkampf entreißt, spendet man ihm großzügig bei der nächsten Hilfsaktion.
Weniger sarkastisch ausgedrückt: Überall im Land bilden sich zur Zeit Hilfsgruppen, die für alte Menschen einkaufen gehen oder – wo es entsprechende Angebote gibt – ihre Telefonnummern für Anrufe einsamer oder trostbedürftiger Menschen registrieren lassen. Hieraus könnte sich am Ende sogar eine Chance für einen größeren sozialen Zusammenhalt ergeben. Denn niemand sagt, dass man diese neue Hilfsbereitschaft wieder abschaffen muss, wenn die Krise einmal vorbei ist. Alt und einsam zu sein und seinen Einkaufswagen mit krummem Rücken nach Hause zu zerren, ist auch ohne Virus nicht lustig.

Gesundheitsschutz als Schutz der Demokratie

Klar ist aber: Die bisherige Salami-Taktik im Umgang mit dem Virus muss ein Ende haben. Es wird der Bedrohung einfach nicht gerecht, wenn scheibchenweise immer neue Einschränkungen des öffentlichen Lebens eingeführt werden. Es ist wie beim Abziehen eines Pflasters: Entschlossenes Zupacken tut weniger weh als quälend langsames Herumzerren.
Hinzu kommt: Je länger die Krise andauert, desto größer ist die Gefahr, dass unsere freiheitliche Lebensweise und demokratische Grundordnung nicht nur von den politischen Entscheidungsträgern, sondern auch von der Bevölkerung als lebensbedrohlicher Leichtsinn angesehen wird. Sind die Grundrechte aber erst einmal eingeschränkt, wird es bei der gegenwärtigen weltweiten Zurückdrängung der Demokratie sehr schwer sein, sie wiederherzustellen. Das Virus rasch und konsequent zu bekämpfen, ist deshalb nicht nur für den Schutz der Gesundheit, sondern auch für den Schutz der Demokratie von essenzieller Bedeutung.

Nachweise

  1. Fiedler, Maria / von Salzen, Claudia: Einflussnahme auf die AfD: Russlands Spiel mit den Rechten. Der Tagesspiegel, 9. April 2019.
  2. Begley, Sharon: Lower death rate estimates for coronavirus, especially for non-elderly, provide glimmer of hope. Statnews, 16. März 2020.

 

Bild: Michaelangelo: Die Erschaffung Adams. Detail bearbeitet

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